Bilder für das Nichts

Berlinale Was soll ein Film zeigen, der unsichtbare Opfer, tabuisierte Orte, Selbstzensur und Sprachlosigkeit sichtbar machen will? Gleich drei Filme auf der Berlinale wagen es

Drei Dokumentarfilme im Berlinale-Programm handeln von den Langzeitfolgen politischer Gewalt. In Barzakh gibt Mantas Kvedaravicius Einblick in das Leben einer tschetschenischen Familie, deren Sohn, Vater, Bruder von der Polizei verschleppt wurde. El Mocito von Marcela Said und Jean de Certeau handelt von einem Mann, der als Jugendlicher in einem chilenischen Foltergefängnis Handlangerdienste leisten musste und der sich 30 Jahre später den Behörden als Informant zur Verfügung stellt. In Territoire perdu beschäftigt sich Pierre-Yves Vandeweerd mit den Sahrauis, Nomaden der Sahelzone, die nach dem Rückzug der spanischen Besatzungsmacht ins Kreuzfeuer zwischen Mauretanien, Marokko und Sahrauischen Separatisten gerieten. Tausende wurden seitdem massakriert, die Überlebenden in algerische Flüchtlingslager vertrieben, wo sie noch heute leben – seit 1989 durch eine 2.400 Kilometer lange Mauer im Exil gefangen.

Man sollte jeden dieser Filme als eine historisch und geografisch spezifische Arbeit sehen, die sich gegen ein jeweils spezifisches Vergessen stemmt. Was sie verbindet, ist die Auseinandersetzung mit dem Verschwindenlassen von Menschen, und gerade hierin liegt ihre filmische Herausforderung. Unsichtbare Opfer, tabuisierte Orte, Selbstzensur und Sprachlosigkeit sind charakteristische Merkmale totalitärer Gewalt. Was bleibt einem Film da? Was soll er zeigen, wen zu Wort kommen lassen?

Drei Versuche, die Leere auszuhalten

Es gibt typische Requisiten und Drehorte für Filme, die von Verschwundenen handeln. Fotos vor allem, auf denen diese zu sehen sind, wie sie erinnert werden. Dann leere Blicke, leere Räume, Briefe und Amtsschreiben, die immer wieder neu interpretiert werden. Listen mit Namen, Daten und Uhrzeiten. Leere Listen. Wir begegnen diesen Dingen in den hier besprochenen Filmen. Wir erleben aber auch drei sehr unterschiedliche Versuche, sich dem Nicht-Darstellbaren zu nähern, das Schweigen, die Leere auszuhalten, anstatt sie zu füllen.

Neben denen, die vor die Kamera treten, stehen die Verschwundenen, die man nicht sieht und die dennoch anwesend bleiben. Von den desaparecidos des Pinochet-Regimes erzählen die Gesten der Nachfahren mehr als die Fotos einer glücklicheren Zeit. Ihre gespenstische Anwesenheit zeigt sich, als dem Zeugen die Worte versagen in dem Raum, in dem sie gefoltert wurden. Die Phantome, von denen sich die Sahraui umgeben wissen, bestehen aus „Wind, Hitze, Durst und Zeit“. Aus den Elementen, aus denen ihr Schmerz gemacht ist, und in dem Land, nach dem sie sich zurücksehnen. Vandeweerd übersetzt diese widersprüchliche Analogie in ein körniges Schwarzweiß mit schmerzenden Kontrasten und eine aus verfremdeten Originaltönen und erzählten Erinnerungen gemischte Tonspur. Sein Film ist eine Anverwandlung an die Elemente der Sehnsucht, kein Zeigen und kein Ersatz für das verschwundene Leben.

Während sich die Angehörigen in Barzakh an die Hoffnung klammern, der Verschwundene werde eines Tages zurückkehren, bleibt der Zuschauer mit der Vermutung alleine, dass dieser bereits tot ist. Auch die Einsamkeit ist eine Folge der Gewalt, und sie verbindet Täter, Opfer und Mitwisser gerade dann, wenn keiner darüber spricht. Mit entdramatisierten Bildern, opaken Oberflächen, Unterwasseraufnahmen und Respekt vor der Religiosität der Protagonisten schafft Barzakh einen allegorischen Raum, in dem das Ungesagte präsent bleibt, bis es eines Tages womöglich ausgesprochen werden kann.

Tobias Hering ist freier Filmkurator und Journalist

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13:30 17.02.2011

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