Bin nicht

Gastschülerin Sie sollte in einer Familie leben, um die Kultur in Deutschland besser kennen zu lernen. Aber Chang aus Seoul versteckt sich in ihrem Zimmer und kocht nur nachts

Seit zwei Jahren haben wir unser gelbes Zimmer nicht mehr betreten. Chang war damals hineingehuscht, wie eine Katze unters Sofa. Diese kleine hübsche Südkoreanerin in ihren schwarzen Klamotten. Sie würde sich schon eingewöhnen. Jetzt stehen wir wie Detektive in diesem Zimmer und versuchen, Chang zu verstehen.

„Kim Chang“ (Name geändert) hatten wir zur Begrüßung mit bunten Buchstaben an unsere Wohnungstür geklebt. Wir würden gemeinsam essen, vielleicht würde sie meiner Tochter die Nägel schwarz lackieren, so wie es die spanische Gastschülerin gemacht hatte, die vor Chang im gelben Zimmer gewohnt hatte. Kim Chang war 16 und ging auf das Gymnasium, auf das auch unser Sohn gegangen war, als das gelbe Zimmer noch seins gewesen ist. Wir würden gemeinsam südkoreanisches Essen kochen, morgens würde ich eine Portion Porridge mehr zubereiten und ein paar mehr Schulbrote schmieren. Damals hatten wir noch keine Ahnung von Chang.

Sie benutzte die Wohnung nur dann wie eine Wohnung, wenn wir sie nicht benutzten. Sobald einer der Bewohner seinen Schlüssel in der Tür drehte, schlich sie flink in ihr Zimmer und versteckte sich. Sie konnte sich unheimlich lautlos bewegen, schien über die sonst knarrenden Dielen zu schweben, wenn sie durch den Flur glitt. Wenn sich eine Begegnung im Flur nicht vermeiden ließ, zuckten ihre Schultern, sie drückte sich an die Wand, umkurvte uns wie Radfahrer die Glasscherbe und sagte Schüligung.

Bevor sie ihr Zimmer verlies, öffnete sie die Tür einen Spalt, um sicherzustellen, dass sie im Flur niemandem begegnen würde. Dann ging sie auf Zehenspitzen ins Bad, schob schnell den Riegel zu und fühlte sich offenbar sicher. Sie lies alles fallen. Beim Duschen ließ sie den Duschkopf fallen und beim Fönen den Fön und irgendetwas anderes. Der Duschkopf bekam Risse und sprühte in alle Richtungen, wenn wir mit ihm duschten, der Fön funktionierte bald nicht mehr. In der Küche war es dasselbe. Chang aß und kochte nachts. Fallengelassenes fegte sie achtlos zusammen und warf es weg. Nachts tat sie, was wir am Tag taten. Sie lud Freunde ein und dann geisterten sie in der Wohnung herum. Es kam mir vor wie ein Traum, wenn ich mir nachts in der Küche ein Wasserglas holte. Wenn ich Chang am nächsten Tag danach fragte, lächelte sie und sagte Schüligung. Chang, wurde bald klar, ließ sich von uns nicht erziehen, aber wir uns von ihr.

Verschlossene Tür

Wir hatten schon viele Gastschülerinnen im gelben Zimmer, und oft gingen die jungen Mädchen davon aus, dass ihre kulturelle Prägung das Normale war. Sie benahmen sich in unserer Wohnung so wie zu Hause, ohne zu registrieren, wie wir uns in unserer Wohnung benahmen. Eine Amerikanerin ließ ihre Zimmertür, auch wenn sie schlief, weit offen, zum Essen ging sie grundsätzlich ins Wohnzimmer, obwohl wir nie im Wohnzimmer aßen. Die sechzehnjährige Spanierin Marinkia küsste uns morgens auf die Wangen, weckte unsere Kinder, küsste sie in ihren Betten, sang laut in der Dusche, lachte ständig, kochte ihre Nudeln immer für alle und nahm den Müllbeutel mit runter. Chang hielt es für höflich, dass sie so tat, als sei sie nicht da. Als sei es gute Schule, nicht von selbst zu sprechen, niemals ein eigenes Bedürfnis zu haben und nirgends Spuren zu hinterlassen.

Stiegen wir versehentlich zusammen in den Fahrstuhl, dann stand sie mit dem Gesicht zur Wand und sah nach unten, wie ein ungehorsames Kind, das man in die Ecke gestellt hatte. Chang schien sich in unserer Gegenwart in Luft auflösen zu wollen, also ignorierten wir Chang und dachten sehnsüchtig an Marinkia, deren Foto noch am Flurspiegel hängt. Ich wollte ein überflüssiges Zimmer nicht leer stehen lassen, sondern möglichst viel Leben in der Wohnung. Die Türen sollen offen sein. Aber Changs Tür war immer verschlossen und Chang war es auch. Kultureller Austausch? Keine Chance.

Ab und zu passten wir Chang ab, wenn wir ihren Schatten vorbeigleiten sahen und luden sie zum Essen ein. Chang lächelte, nein, vielen Dank, und eilte peinlich berührt weg. Unsere Einladung auszuschlagen schien ein Fehler zu sein, für den sie sich schämen musste. So schien es uns bald ein Fehler, sie einzuladen, und wir ließen es. Chang hatte uns erzogen. Mit welchem Recht erwarten wir eigentlich von einer 16-Jährigen Interesse an einer fremden Familie? War sie einfach integrationsunfähig? Oder wir? Ging es uns etwas an, wo sie am Wochenende die Nächte verbrachte? „Ist euer Berghain-Pinguin zu Hause?“ fragte unser Sohn, wenn er zu Besuch kam. Im Winter war es bei unserer Tochter, die neben dem gelben Zimmer wohnt, immer warm, obwohl ihre Heizung auf null stand.

Changs Heizung stand auch im Mai auf 5, wie sich herausstellte, als der Heizungsableser aus ihrem Zimmer kam. An der Endabrechnung, vor der wir erschraken, war es auch abzulesen. Die Nachzahlung überstieg die Summe, die wir von Changs Gastschülerprogramm für einen Monat bekamen. Aufwandsentschädigung hieß die Summe, von der wir Chang einen Teil gaben, da sie unsere Lebensmittel kaum anrührte. Unser Wäschekorb bestand zum größten Teil aus ihren schwarzen Sachen. Wir legten die saubere Wäsche als Stapel auf den Klavierhocker im Flur, wie im Hotel. Ob der Stapel noch dalag oder nicht, war das einzige Zeichen für Changs An- oder Abwesenheit. Das hatten wir schon nach den ersten Wochen herausgefunden. Man musste so tun, als würde die Wohnung brennen, die Fäuste gegen die Tür donnern und laut rufen: „Kiiiim! Kiiiim! Mach mal auf!“ Dann hörten wir es lange rumpeln und nach einer Weile öffnete sie lächelnd: „Schüligung?“ Sie sah uns an, als hätte sie uns noch nie gesehen. Wir klopften nicht mehr an ihre Tür. Sie hatte uns erzogen.

Immer so bekifft

Manchmal war Chang ganz normal. Sie kam in die Küche, während wir aßen, sah uns an und fragte: Gibt’s noch was? Dann ahnten wir, wie schön es sein könnte. Aber wir konnten uns unmöglich wünschen, dass Chang immer so bekifft sein sollte, nur um besser mit ihr auszukommen. Sie sollte schließlich ihr Abitur schaffen.

Als ich ihr einmal ein Gespräch aus der Nase zog, sagte sie, in Südkorea müsste sie täglich von acht bis 22 Uhr in der Schule sein. Danach hätte sie Nachhilfe bis Mitternacht, würde sechs Stunden schlafen und wieder zur Schule gehen, um wahnsinnig schnell auswendig zu lernen und schnell wieder zu vergessen. Am Wochenende müsste sie auch lernen, der Abistress sei entsetzlich hart, Eltern und Schule machen Druck und die Selbstmordrate unter Jugendlichen sei die höchste weltweit. Chang fing an uns leid zu tun. Als ich die Bezugsperson des Gastschülerprogramms anrief, weil regelmäßig kiffende Jugendliche grundsätzlich Ärger bekommen sollten, sagte diese: Chang tut Ihnen leid? SIE tun mir leid! Wir waren Changs dritte Gastfamilie. Bei allen anderen hatte sie nach wenigen Wochen um eine neue Unterkunft gebeten. Sie wollte sich nicht reglementieren lassen. Dagegen sei bei Jugendlichen nichts einzuwenden, fanden wir und bestanden nicht darauf, dass sie um 22 Uhr zu Hause sein sollte. Nur ohne Reglementierung schien Chang die Welt nicht zu verstehen.

Chang hatte sich in Südkorea nach der deutschen Freiheit gesehnt, die sie als Kind, mit ihren Eltern, für ein paar Monate in Stuttgart kennenlernen konnte. Seitdem wollte sie dem Drill entkommen. Freiheit hatte sie aber nicht gelernt. Stattdessen wurde ihr beigebracht, wie ein Roboter zu funktionieren. Als ich im Supermarkt an der Kasse hinter ihr in der Schlange stand, sah sie weder mich, noch die Verkäuferin. Sie verhielt sich, als hätte sie es mit einem Kassenautomaten zu tun. Eine andere asiatische Frau wirkte auch so, als würde sie sich unsichtbar fühlen, und ich überlegte, ob dieses unpersönliche Verhalten in der Öffentlichkeit aus einer Kultur entsteht, die auf reibungsloses Funktionieren ausgerichtet ist, oder es am Aufwachsen in der Enge extrem großer Menschenmengen liegt, dass man sich ein Schutzschild schafft? Ich hatte eine südkoreanische Kollegin, die ständig gesucht werden musste. Nie wusste jemand, ob sie sich gerade im Haus befand oder nicht, oder ob sie überhaupt dagewesen war. Nachdem wir Chang das Kiffen im Zimmer verboten hatten, verrauchte sie eine Menge Gras auf dem Balkon. An Geld mangelte es ihr weniger als uns, wie ihre Kleidermarken mich beim Aufhängen ihrer Wäsche stumm wissen ließen.

Chang kochte jedes Essen mit Eiern und immer in Puppenstubenmengen. Wenn keine Eier mehr da waren, ließ sie sich Essen liefern. Manchmal stand sie am Herd, wenn ich nach Hause kam. Ich stellte meine Einkaufstaschen in die Küche und sagte im mütterlichem Tonfall: ‚Komm, wir können hier zusammen kochen, die Küche ist groß genug!‘ Sie lächelte, sagte ja, alles gut, und verschwand. Ihr scharfes Kimchi ließ sie im kleinsten Kochtöpfchen, das wir hatten, stehen und holte es sich erst, wenn wir schliefen. Chang kiffte weiter in ihrem Zimmer. Nach der letzten Abiturprüfung wurde sie vom Gastprogramm ausgeschlossen.

So wie Chang alles fallen ließ, was sie gerade nicht brauchte, so ließ sie nach zwei Jahren im gelben Zimmer alles liegen. Koffer, Bücher, Jacken, Schuhe, Kosmetik, einen Reiskocher, einen großen Spiegel, eine Großküchenpackung Chillipulver, ein Smartphone mit Sprung und eine Menge Dreck. Eines Tages lag der Schlüssel auf dem Tisch. Chang war verschwunden, ohne sich zu verabschieden – sie ging so lautlos wie sie gekommen war. „Hat die Schülerin sich in den Familienalltag integriert? Haben sie viel gemeinsam unternommen? Hat sie sich an die Regeln gehalten? Haben sich Freundschaften entwickelt? Würden sie eine weitere Gastschülerin aufnehmen?“ Wir beantworteten im Abschlussfragebogen alle Fragen mit Nein.

06:00 20.08.2018

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