Bis in die Gegenwart

Südafrika „Die Geschichte einer afrikanischen Farm“ stellte Geschlechterbilder infrage. Bemerkenswert: Der Roman erschien 1883
Bis in die Gegenwart
Das Buch ist auch Zeitdokument der Zusammenhänge von Frauenrecht, Literatur und Kolonialismus

Foto: Obie Oberholzer/laif

In Greta Gerwigs 2019 erschienener Verfilmung von Louisa May Alcotts Roman Little Women gibt es eine bezeichnende Szene, die im Büro eines New Yorker Zeitungsverlegers spielt. Dorthin ist die junge Jo (Saoirse Ronan) gekommen, um ihren Roman zu verkaufen. Der Herausgeber will ihre Geschichte drucken, aber nur unter der Bedingung, dass Jo das Ende umschreibt. Die Protagonistin, so meint er, müsse am Schluss entweder heiraten oder sterben. Etwas anderes interessiere die Leute nicht.

Die Geschichten vieler berühmter Frauenfiguren in der Literatur des 19. Jahrhunderts – etwa in Anna Karenina oder Jane Eyre – sind eingezwängt in diesen patriarchalen Erwartungshorizont. Das trifft auch auf Olive Schreiners 1883 erschienenen Roman Die Geschichte einer afrikanischen Farm zu. Und doch täuscht dieser erste Eindruck über die damals radikalen Implikationen des Romans hinweg, in dem eine der Hauptfiguren klarstellt, sie „habe es nicht eben eilig“ damit, sich „von einem Mann unterjochen zu lassen“. Sprich: zu heiraten. Hier artikuliert sich das Selbstverständnis der „Neuen Frau“, jenes emanzipatorischen Ideals des späten 19. Jahrhunderts.

Die Geschichte einer afrikanischen Farm war bei der Veröffentlichung ein großer Erfolg und wurde später oft als erster feministischer Roman der englischsprachigen Literatur bezeichnet. Lange eher vergessen, kam ihm seit den 1970ern durch die feministische und die postkoloniale Literaturwissenschaft neue Aufmerksamkeit zu.

Nun ist dieser in Deutschland bisher kaum beachtete Roman in einer Neuübersetzung von Viola Siegemund erschienen, inklusive einer editorischen Notiz zur Übersetzung kolonialer und rassistischer Begriffe. Dazu gibt es ein 40-seitiges, sehr persönliches Nachwort von Doris Lessing, die beschreibt, wie der Roman ihr eigenes Schaffen geprägt hat. Der Text stammt aus dem Jahr 1968. Man hätte sich dazu ein aktuelles, einordnendes Nachwort gewünscht.

Olive Schreiner wurde 1855 als Tochter eines deutschen Vaters und einer englischen Mutter in der britischen Kapkolonie – heute Südafrika – geboren. 1881 reist sie nach England, verwirft aber den ursprünglichen Plan, dort Medizin zu studieren. Stattdessen knüpft Schreiner in London Kontakte zu Intellektuellen und engagiert sich in sozialistischen und feministischen Organisationen. Insbesondere mit dem Sexualforscher Havelock Ellis, einem Mitbegründer der Fabian Society, unterhält sie eine enge Beziehung. Bis zu ihrem Tod 1920 schrieb Schreiner zahlreiche politische Bücher, darunter das einflussreiche Women and Labour von 1911.

In lose verbundenen Episoden folgt Die Geschichte einer afrikanischen Farm drei Hauptfiguren: Em ist die Stieftochter einer verwitweten niederländischen Farmbesitzerin; der sensible Waldo ist der Sohn des ehemaligen Farmaufsehers und hadert mit seinem Glauben; Lyndall, Ems Cousine, verlässt die Farm, um auf ein Internat zu gehen, kehrt aber später wieder zurück. Obwohl es unter anderem um Heirat, Schwangerschaft und Erbe geht, hat der Roman nichts von dem sensationalistischen und sentimentalen Ton, der viele viktorianische Romane kennzeichnet. Stattdessen schafft Schreiner eine introspektive Erzählweise, die Leser:innen an der Gedanken- und Gefühlswelt der Figuren, an ihren Bedürfnissen und Ambitionen teilhaben lässt.

Er ist hysterisch, sie wägt ab

Am klarsten zeigt sich der modernisierende Anspruch des Romans im Aufbrechen starrer Geschlechterrollen. Etwa in der Mitte macht der aus England angereiste Gregory Rose Em einen Heiratsantrag. Schreiner beschreibt in der Passage einen nervös-bedürftigen Mann, der glaubt, ohne ein Ja-Wort „den Verstand“ zu verlieren, während Em das Ganze in aller Ruhe abwägt. Ebenso pointiert wie humorvoll werden hier die Rollenbilder infrage gestellt, die in den wirkmächtigen Hysteriediskursen jener Zeit von männlichen Ärzten propagiert wurden.

An einer anderen Stelle führt Lyndall mit Waldo ein Gespräch über Frauenrechte, das sich zu einem wortreichen Monolog entwickelt. „Die Welt bestimmt, was wir zu sein haben, und prägt durch die Aufgaben, die sie uns zuweist, unseren Weg“, sagt Lyndall und nimmt den berühmten Satz Simone de Beauvoirs vorweg, nachdem man nicht als Frau zur Welt komme, sondern zur Frau gemacht werde. Spöttisch fragt sie noch, wie viele Männer es wohl gebe, die „alles, was ein glückliches Leben ausmacht, freiwillig einem höheren Ideal der Reinheit opfern würden“.

Das progressive Potenzial des Romans stößt jedoch an Grenzen, wenn man sein Verhältnis zum europäischen Kolonialismus in den Blick nimmt. Zwar lässt sich die Figur des Bonaparte Blenkins – ein neu angekommener Siedler, der die Kontrolle über die Farm an sich reißen will – als kolonialismuskritische Allegorie auf die gewaltsame Ausbeutung Afrikas lesen. Mit der weitgehenden Unsichtbarmachung der schwarzen Bevölkerung ist der Roman aber selbst ein Produkt jener rassistischen Ideologie. Die afrikanischen Arbeiter auf der Farm sind hier weniger eigenständige Akteure als Statisten in einer auf weiße Europäer fokussierten Handlung.

Eine kritische Reflexion der Kolonialideologie bekam erst in den Jahren danach einen größeren Stellenwert in Schreiners Denken, die sich verstärkt dem politischen Aktivismus zuwenden sollte. Dabei verstand sich Schreiner mehr und mehr als Kämpferin für die Rechte aller Unterdrückten. An dem Imperialisten Cecil Rhodes etwa übte sie in den 1890er Jahren vehemente Kritik. Später hatten auch die Werke des afroamerikanischen Soziologen W. E. B. Du Bois großen Einfluss auf sie.

Einerseits ist Die Geschichte einer afrikanischen Farm ein klassischer Bildungsroman. Und andererseits ein Zeitdokument für die komplexen Zusammenhänge von Literatur, Frauenrechtsbewegung und Kolonialismus im späten 19. Jahrhundert.

Heute noch lesenswert ist der Roman auch deshalb, weil man dabei ein Gefühl für die oft widersprüchliche Überlagerung der Ideologien und Ideen jener Zeit bekommt, die vielfach bis in die Gegenwart hinein wirken.

Info

Die Geschichte einer afrikanischen Farm Olive Schreiner Viola Siegemund (Übers.), Manesse Bibliothek (21), 608 S., 28 €

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

06:00 03.02.2021

Ausgabe 03/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare