Bitte nicht schon wieder

Weltwirtschaft Es droht das dritte globale Finanzbeben in einem Jahrzehnt
Michael Krätke | Ausgabe 40/2015 14
Bitte nicht schon wieder
Viel Platz nach oben: Fed-Präsidentin Yellen

Foto: Brendan Smialowski/AFP/Getty Images

Vor kurzem hat Janet Yellen den Entschluss der US-Notenbank (Fed) verkündet: Die kurzfristigen Zinsen bleiben vorerst auf ihrem historischen Tief nahe null. Dies geschehe aus Sorge um eine angegriffene Weltwirtschaft und um die Stabilität der Weltfinanzen. Traditionell kümmert sich die Fed um die US-Binnenkonjunktur, doch hat seit dem Kollaps der Investmentbank Lehman Brothers 2008 die Globalökonomie einen starken Einfluss auf die Geldpolitik der US-Zentralbank.

Und das aus gutem Grund. Vor der Finanzkrise lag das Exportvolumen der Vereinigten Staaten zuverlässig unter zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). US-Unternehmen konnten sich des größten Binnenmarkts der Welt erfreuen mit einer – dank unaufhaltsamer Privatverschuldung – so kaufkräftigen wie konsumfreudigen Kundschaft. Für die Weltwirtschaft spielten die USA de facto die Rolle des Konsumenten der letzten Instanz. Mit dem Lehman-Crash und seinen Folgen brach dieses Konsummodell zusammen, sodass sich die US-Anbieter ernsthaft um Exportmärkte bemühen mussten. Was sie erfolgreich taten, immerhin stiegen die Ausfuhren bis Ende 2014 auf 14 Prozent des BIPs – auch weil der schwache Dollar half.

Was die Banker umtreibt

Als dann aber der Außenhandel im ersten und zweiten Quartal 2015 auf 12,8 bzw. 12,7 Prozent des BIPs abrutschte, musste sich die Fed ernsthaft Sorgen machen. Die USA verbuchten zwar im August mit einer saisonbereinigten Erwerbslosenquote von 5,1 Prozent den niedrigsten Wert seit 2008, doch ist die Binnenkonjunktur alles andere als stabil. Allein die Zahl der Armen wie der prekär Beschäftigten und Niedriglöhner wächst. Wie vor dem Einbruch 2008/09 wird erneut mit allen Tricks versucht, Unterbeschäftigten und Unterbezahlten überteuerte Kredite anzudrehen, auf dass auch ihnen der amerikanische Traum vom Konsum ohne Ende zuteilwerde. Freilich kümmert das die Fed weniger. Was Janet Yellen als deren Vorstand umtreibt, das sind Turbulenzen in China und den Schwellenländern insgesamt. Folglich hält sie es für angebracht, die lockere Geldpolitik fortzusetzen, der Binnenkonjunktur aufzuhelfen und das Pulver trocken zu halten für eine Finanzkrise, die bald wieder Feuer fangen könnte.

Auf dem Gipfel der G20-Finanzminister Anfang September hatten sich der chinesische Finanzminister Lou Jiwei und sein Zentralbankgouverneur Zhou Xiaochuan besorgt über die eigene Volkswirtschaft gezeigt. Entgegen ihrer Gewohnheit, auf internationalem Parkett die Perspektiven Chinas mit einem leuchtenden Farbton zu versehen, redeten sie diesmal Tacheles. Zwar werde es aller Voraussicht nach 2015 ein Wachstum von sieben Prozent geben, aber das ändere nichts am Imperativ eines Kurswechsels, der bisher schiefgegangen sei. So habe eine Kreditexpansion wenig mehr gebracht als eine rapide abschwellende Privatverschuldung, die zu kompensieren schwerfalle. Der Plan, hochverschuldeten Staats- und Privatunternehmen dank einer künstlichen Aktien-Rallye hinreichend frisches Kapital zu verschaffen, um deren Umstrukturierung zu fördern, sei nicht aufgegangen. Das Wachstum der Realökonomie wird heftiger gebremst, als die chinesischen Planer das beabsichtigt hatten. Allein im Juli fielen die Ausfuhren und der Ausstoß des verarbeitenden Gewerbes um neun Prozent unter das Vorjahresniveau. Dienstleistungen und Immobilienverkauf, traditioneller Antrieb der Binnenwirtschaft, wuchsen nicht rasch genug, um die Einbußen zu kompensieren.

Deshalb hat die Zentralbank in Peking durch gleich zwei Abwertungen des Yuan versucht, energisch gegenzusteuern – mit geringem Erfolg. Die Exporte sind im August weiter geschrumpft, die Bauindustrie gab ebenfalls nach, desgleichen der Fahrzeugbau und die IT-Branche. Ein bisschen Yuan-Abwertung, um dem Export zu helfen, mag angehen, aber zu viel kann eine massive Kapitalflucht auslösen. Um sie in den Schwellenländern Südostasiens aufzuhalten, mussten Chinas Zentralbanker ihre eindrucksvollen Devisenreserven angreifen und innerhalb eines Monats 110 Milliarden Dollar verbrennen, um den Yuan-Kurs zu stützen. Im Inland hilft das wenig, denn da muss man erneut die Zinsen senken und billige Kredite befördern, um den Immobilien- und Aktienmarkt wieder flottzubekommen. Deren Flaute bleibt nicht ohne Einfluss auf die Weltkonjunktur. was in Deutschland gern verdrängt oder ignoriert wird, wo man mit Vorliebe auf die kurze Regeneration von 2010 starrt, die dem Einbruch von 2008/2009 folgte. Schon 2011 verlangsamte sich das Wachstum des Welthandels wieder, ein sich danach verstetigender Trend. Für die zweite Jahreshälfte 2015 rechnet die Welthandelsorganisation (WTO) nur noch mit einem Plus des globalen Warenverkehrs von einem Prozent. Um zu ermessen, was das heißt, empfiehlt sich zum Vergleich die Zahl von 2006, als das Welthandelsvolumen um 8,5 Prozent zunahm.

Immerhin eine Billion

Auch andere Daten verdeutlichen die Trendwende. Chinas Handelsvolumen wuchs von 2013 zu 2014 nur noch um fünf Prozent. Im Juli 2015 gingen die Einfuhren in die Volksrepublik um 8,1 Prozent, im August sogar um 13,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurück. Was sofort die Außenhandelsbilanz wichtiger Zulieferer tangiert hat: Südkoreas Exporte etwa schrumpften im August um 14,9 Prozent verglichen mit August 2014. Derartige Einbußen wirken sich auf die weltweite Investitionsneigung aus. Wer will sich schon exponieren, wenn Absatzmärkte als labil und unsicher gelten? Das Modell der vom Welthandel getriebenen, von der Weltfinanz gesicherten Globalisierung ist erschöpft, wenn bewährte Konjunkturlokomotiven abhandenkommen und sich vorläufig kein Ersatz findet. Der jüngste Börsenkrach in China wirkt wie ein Aufgalopp zur dritten akuten Störung des Weltfinanzsystems innerhalb eines Jahrzehnts. Erst gab es die Immobilien- und Kreditkrise in den Vereinigten Staaten, dann die Eurokrise als Dauerphänomen in Europa, und jetzt folgt ein Nachschlag, der wie eine Neuauflage der Asienkrise von 1998 anmutet.

Bisher haben die Regierungen der kapitalistischen Hauptländer die Finanzkrisen mit gigantischen Liquiditätsspritzen bekämpft und damit neue Spekulationsblasen zu verantworten. Dank der Nullzinspolitik floss anlagesuchendes Kapital in die Schwellenländer. Nun kommt es zurück: Mehr als eine Billion Dollar wollen seit einem Jahr am europäischen und US-Kapitalmarkt unterkommen. Das dicke Ende kommt noch, das sieht Fed-Präsidentin Janet Yellen ganz richtig.

06:00 05.10.2015
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