Blätter, Blätter …

Pflanzen Jetzt wird es praktisch: Professor Schütz hat eine Menge nützlicher Gartenbücher gelesen

Vorab meine gärtnerische Kurzbiografie: in Kindheit und Jugend zwangsverpflichteter Hilfsarbeiter im ausgedehnten mütterlichen Garten. Aber, ach, wie tat ich Abbitte für all meinen damals knurrenden Unwillen, als ich die Mutter kurz nach jenem 26. April 1986 in ihrem so wunderbar geordneten und gepflegten Garten besuchte – und sie mit hängenden Schultern sagte: „Das war gestern noch ein Garten …“ (Bei Helmut Salzinger fand ich aus nämlichem Anlass: „Die Schweine haben meinen Platz verstrahlt!“)

Die 70er hindurch war ich temporärer Besitzer eines großen Gartens am Haus gewesen, wo Spargel, Tomaten, Paprika und 1975 sogar zwei Cannabis-Pflanzen gediehen (Letztere hektisch vor der Reife entsorgt, weil die ahnungslose Nachbarin unbedingt Ableger haben wollte). Dann nichts mehr, bis 1996. Seither einen Garten im Norden, Datsche im Mecklenburgischen, als Antidot zum Beruf.

Damals leider viel zu wenig Zeit gehabt. Darum fühlten wir uns eher als von den Viechern und vom Unkraut geduldete Gäste, denen man allenfalls die plebejische Trinität von Kartoffeln, Bohnen und Zwiebeln, Letztere allerdings oft mit kleinbürgerlichen Mucken, zugestand. Ansonsten ein aussichtsloser Kampf mit Moos, Giersch und Eichenlaub. Bis ich – abgesehen vom Laub – beschloss, sie als monokulturalistische Diversitätsbereicherungen willkommen zu heißen. Seit der Pensionierung nun häufiger dort, uns mühend, der alteingesessenen Flora und Fauna einen halbwegs fairen Anteil für unsere Eigeninteressen abzuringen.

Der Weg dahin war mit Gartenbüchern gepflastert, vor allem geschenkten: verlockend beim einmaligen Durchblättern, jenen Kochbüchern ähnlich, deren Reiz sich in den kühnen fotografischen Arrangements erschöpft, in der Praxis indes völlig unnütz. Ansonsten führten sie nur zum Hader mit der eigenen Unfähigkeit und Ressourcenferne. Erst jetzt habe ich die Absolution dazu gefunden. In einem Buch, das ich damals hätte lesen können, als es 1992 erschien. Erst der Jüngstgärtner Michael Angele hat mich auf die Neuausgabe aufmerksam gemacht, Helmut Salzingers Der Gärtner im Dschungel (Westend 2019), worin gleich eingangs steht, „dass das Lesen von einschlägigen Büchern ein recht fragwürdiger Weg zum Erlernen der Praxis ist“ – „im Garten gilt es besonders“.

Neugrün und Altbraun

Nicht unpikant dabei, dass bei ihm, der im Garten die Wildnis vor der Zivilisation schützen wollte, ausgerechnet die gartenideologischen Handreichungen der Nazis Hans Sedlmayr und Alwin Seifert Zustimmung finden. (Aber bei der Ökolypse changierten ohnehin Neugrün und Altbraun.) Was für Salzinger dann immerhin die ehrwürdigen Fuldaer Nonnen an Praktikablem lieferten, das war für mich Johannes Böttners uraltes Gartenbuch für Anfänger.

Mein Exemplar stammt von meiner Mutter – die 25. Auflage, 1944. Zwanzig Jahre nach dem Tod des Autors moderat für die Zwecke der Kriegsökonomie bearbeitet. Dort gelangt man nach Bodenkunde, Erstanschaffungen, Nährstoffen und Verbesserungsmöglichkeiten fix zu jenem Sisyphos-Kapitel: „Gartenarbeiten, die immer wiederkehren“. Ach, ich schlage wiederkehrend drin nach, auch wenn ich’s dann doch nur halb beherzige.

Ein Pendant dazu fand ich bei der Übernahme des Gartens vor, Unser Garten von Vanicek, Etzold und Eue, die 4. Auflage von 1964 im VEB Deutscher Landwirtschaftsverlag. Es beginnt mit einer streng sozialistischen Mahnung, den Garten zur Freude der Mitmenschen zu nutzen und zu pflegen, und dekliniert ihn sodann als Stätte der Erholung, des Lernens und der Produktion. Sodann folgen Regelung der Besitzverhältnisse und Verpflichtung zur verbandlichen Gemeinsamkeit.

Danach wird es ähnlich bodenständig wie bei Böttner. Das kriegswirtschaftlich Angereicherte wie das sozialistisch Hortative stellen einem vor Augen, was auch Salzinger bemerkte: dass im Garten „jeder Handgriff nicht nur Eingriff, sondern zugleich auch Übergriff“ bedeutet. „Jede Pflegemaßnahme bewirkt Störung und Zerstörung – neben aller Pflege.“ Punkt. Ob man nun Bohnen in exakter Reihe oder in aleatorischem Wurfe zieht. Da ist naturgemäß das sogenannte Unkraut eine Probe darauf.

Um die gnadenlose Ausrottung sentimental abzufedern, gibt es die ökoliberale Halbherzigkeitsauskunft, das Zeug auf seinen Nutzen hin zu prüfen. Hilfreich für die Seelenschonung ist mir dabei Bärbel Oftrings Buch unter der forschen Frage: Wird das was – oder kann das weg? Erwünschte & unerwünschte Gartenpflanzen erkennen (Kosmos 2017). Ob Mohn oder Ringelblume, Franzosenkraut oder Giersch, Kamille oder Klee – Fotos der verschiedenen Entwicklungsstadien helfen beim frühzeitigen Identifizieren, eventuellen Kultivieren oder (gelegentlichen, doch meist vergeblichen) Exterminieren. Als Pendant dazu, freilich mehr Augen- als reale Bienenweide, blättere ich öfters in Rosemarie Gebauers Jungfer im Grünen und Tausendgüldenkraut. Vom Zauber alter Pflanzennamen (Transit 2015), schon der altmeisterlichen Illustrationen und der bunten Vielfalt wegen. Hinzugekommen ist justament Mein Kräuterbuch für das ganze Jahr der „Seminarbäuerin“ Elisabeth Lust-Sauberer (Ueberreuter 2019), das vom Löwenzahn unten bis zur Vogelbeere oben Tipps gibt.

Da ich schon aus Gründen der Anwanzungsverdachtsvermeidung Jakob Augsteins Bestseller – so der dtv-Aufkleber – Die Tage des Gärtners nicht weiter hervorheben will, erwähne ich noch die einzige Anthologie zur weltanschaulichen Gartenbildung, die sich bei mir erhalten hat: Gartenlob. Ein kulturgeschichtliches Lesebuch (C. H. Beck 1997). Ein in reichhaltigster Kulturdiversität daherkommendes Sammelsurium von Prosastücklein und Gedichten edelster bis verblüffender Provenienz, aus dem – des Jubeljahres wegen – Fontane zitiert sei: „Ach, schrittest du durch den Garten / noch einmal im raschen Gang / wie gerne wollt’ ich warten / warten stundenlang.“

06:00 27.07.2019
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