Blick zurück

Mensch von Beruf Roberto Rossellini zum 100. Geburtstag

Am 8. Mai vor 100 Jahren wurde Roberto Rossellini geboren. Ein Regisseur, der sagte, sein Beruf wäre etwas, "was tagtäglich neu erlernt werden muss und mit dessen Beschreibung man nie fertig wird: Es ist der Beruf, Mensch zu sein." Berühmt wurde Rossellini mit Rom, offene Stadt, gedreht im Januar 1945, ein halbes Jahr nach der Befreiung Italiens von der deutschen Besatzung. Anna Magnanis Darstellung der rebellierenden Pina bezeugte die Kraft des Widerstandes, mit der Italien nach dem Krieg neu beginnen konnte. 1946 folgte Paisà. Rossellini zeigte in sechs Episoden den Vormarsch der amerikanischen Armee von Sizilien bis zur Po-Ebene. Um beide Filme zu einer Trilogie zusammenzuführen, drehte er noch einen Film über Berlin. Deutschland im Jahre Null spielt im Sommer 1945. Protagonist ist der zwölfjährige Edmund, Prototyp des deutschen Jungen, der die Katastrophe überlebt hat. "Ich weiß nicht, ob er Mitleid hervorruft oder Schrecken, ich will es nicht wissen. Auch wenn die Geschichte von Edmund und seiner Familie von mir erfunden ist, so ähnelt sie doch jener von vielen deutschen Familien."

Rossellinis Vermögen bestand darin, allein aus Haltungen und Gesten zu erkennen, was einem Menschen widerfahren war. Er baute seinen Stoff aus Beobachtungen. "Während der Dreharbeiten auf den Straßen von Berlin war ich betroffen von der Indifferenz der Leute. Sie schienen nur an einer Sache interessiert zu sein: zu essen und zu überleben. Dies war, glaube ich, das Resultat einer in der Geschichte beispiellosen Niederlage, die das Bewusstsein eines ganzes Volkes zerstört hat." Deutschland im Jahre Null, ein Film wie ein Röntgenbild. Kritik und Kontrollinstanzen sorgten dafür, dass das deutsche Publikum für längere Zeit von Rossellinis Blick verschont blieb.

Einen Monat bevor Rossellini seinen Film zum erstenmal vorführte, erhielt er einen Brief von Ingrid Bergmann, die Rom, offene Stadt und Paisà gesehen hatte: "Wenn Sie eine schwedische Schauspielerin gebrauchen können, die sehr gut Englisch spricht, die ihr Deutsch nicht vergessen hat, aber im Französischen nicht besonders gut zu verstehen ist und die auf italienisch nur ›Ti amo‹ sagen kann, dann bin ich bereit, einen Film mit Ihnen zu drehen." Rossellini erzählte ihr vom Schicksal einer Frau aus Lettland, die, aus ihrer Heimat vertrieben, während des Krieges nach Italien gekommen war, und in einem Lager auf ihren Rücktransport wartete. Mit einem Soldaten floh sie in dessen Dorf unter dem Stromboli. "Die Frau versucht, gegen ihr Schicksal anzukämpfen, sie hat nicht überlebt, um auf dieser Insel dahinzuvegetieren. Und plötzlich versteht sie den Wert der ewigen Wahrheit, die das menschliche Leben bestimmt; sie versteht, wie stark derjenige ist, der nichts besitzt, und dass in ihm die Kraft ruht, die uneingeschränkte Freiheit schenkt. Eine ungeheure Freude am Leben ergreift ihr Herz." Ingrid Bergmann ermöglichte Rossellini den Blick von außen auf Italien. Stromboli, 1949, wurde der erste Film einer Trilogie der Einsamkeit, es folgten Europa ´51 und Viaggio in Italia. Ingrid Bergmann spielte jeweils die Hauptrolle: die fremde Frau, die in die italienische Gesellschaft eindringt, und an der sich die Gesellschaft erweisen muss.

Die Trilogie erfuhr eine Fortsetzung mit dem Film Angst nach einer Erzählung von Stefan Zweig, 1954 in München gedreht, versetzt in die Gegenwart des deutschen Wirtschaftswunders. Ingrid Bergmann in der Rolle der Chefin einer pharmazeutischen Firma, die für ihren Mann den Betrieb über die Nazizeit gerettet hat. Ihr Mann leitet das Labor, macht Experimente an Tieren. Als er herausfindet, dass sie ein Verhältnis hat, verfährt er mit ihr wie mit seinen Labortieren. Nach Angst trat eine Pause ein. Niemand wollte diesen Film, wollte Ingrid Bergmann in solchen Rollen sehen.

Rossellini ging nach Indien. Aus dem Kältepol in den Wärmepol. Er kehrte zurück mit India 58, einem Film, so Godard, "schön wie die Erschaffung der Welt." "Wenn man einen Baum zeigt, dann muss er zu Ihnen über die Schönheit des Baumes, ein Haus über die Schönheit des Hauses, ein Fluss über die Schönheit des Flusses sprechen. Man muss die Dinge in ihrer Realität zeigen, die Dinge haben Sinn, weil jemand sie anblickt." Rossellini verstand es, Schauspieler und Laien so zu führen, dass ein Umschlag stattfindet: die Menschen, die der Zuschauer durch Rossellinis Blick sieht, blicken auf ihn selbst zurück.


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00:00 03.05.2006

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