Blind durch die Krise, weil Daten fehlen

Studien Die Maßnahmen gegen Corona basieren auf kaum aussagekräftigen Zahlen. Dabei könnten wir so viel mehr wissen
Blind durch die Krise, weil Daten fehlen
Sind die seit Wochen steigenden Infektionszahlen bei Kindern ein Beleg dafür, dass die Virusmutation viel stärker an den Kitas und Schulen grassiert? Oder beruht der überdurchschnittliche Anstieg darauf, dass die Schnelltest-Pflicht zweimal pro Woche nur für Kitakinder und Schulkinder besteht?

Foto: Carsten Koall/Getty Images

Bundesweit sollten wir Ende April die Sieben-Tage-Inzidenz von 350 überschritten haben – wir könnten aber auch schon bei über 500 liegen. So lautete eine Prognose des Robert Koch-Instituts von Mitte März. Tatsächlich aber meldete das RKI für die letzte Aprilwoche eine Inzidenz von 169. Wie haben sich die Modellierer bloß derart verrechnen können?

Nun ja: Sie haben sich nicht verrechnet. Jede Aussage über die Zukunft ist nur so gut wie das ihr zugrunde liegende Wissen über die Gegenwart. Die Prognostiker vom RKI und anderswo füttern ihre Modelle mit aktuellen Daten über den Verlauf der Pandemie. Und die sind in Deutschland einfach mies. Auch ein gutes Jahr nach Beginn der Pandemie hat die Bundesrepublik kein Corona-Panel organisiert bekommen – also keine regelmäßig wiederholten Massentests derselben repräsentativ ausgewählten Bevölkerungsstichprobe.

Wenn sich aber bundesweite Maßnahmen wie eine Ausgangssperre auf Inzidenzdaten berufen, sollten diese Daten dann nicht genauer sein? Etwa die seit Wochen steigenden Infektionszahlen bei Kindern: Sind sie ein Beleg dafür, dass die Virusmutation B.1.1.7 viel stärker an den Kitas und Schulen grassiert? Oder beruht der überdurchschnittliche Anstieg darauf, dass die Schnelltest-Pflicht zweimal pro Woche nur für Kitakinder und Schulkinder besteht? Wie wirken sich prekäre Arbeitsbedingungen, enge Wohnverhältnisse oder Vorerkrankungen auf die Virusanfälligkeit aus? Wie viele Infektionen bleiben unerkannt, wie groß ist die Dunkelziffer?

Diese Fragen könnten längst durch ein repräsentatives Panel geklärt sein. Auch die Folgen jeder Öffnungs- und Schließungsmaßnahme könnten rasch überprüft werden. Großbritannien kann das. Das Panel „COVID-19 Infection Survey“ der britischen Statistikbehörde ONS und der Universität Oxford ist so gut, dass Wissenschaftler dessen Ergebnisse in die deutsche Corona-Debatte einspeisen. Was auch immer britische Daten hier helfen sollen.

Dass wir eigene Daten brauchen werden, wusste man natürlich schon zu Anfang der Pandemie. Im März 2020 forderte Gabriel Felbermayr, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), breite Corona-Tests „zur Eindämmung der Unsicherheit“. Alle fünf Tage müsse eine für die Gesamtbevölkerung repräsentative Stichprobe auf eine Corona-Infektion getestet werden. Denn: „Je weniger sicher man den Anteil der infizierten Menschen in der Bevölkerung kennt, desto umfangreicher müssen vorbeugende Maßnahmen ausfallen, um das Risiko eines überlasteten Gesundheitswesens einzudämmen.“ Ein gutes Jahr später heißt es aus dem IfW, warum die Gelegenheiten zum Aufbau eines Datenpanels ausgelassen worden seien, sei „auch für uns nur schwer nachvollziehbar“.

Dabei wurde es versucht. In Bremen etwa gab es eine Initiative des Leibniz-Instituts für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS). Die Forscher wollten das bereits bestehende Riesen-Panel der NAKO-Gesundheitskohorte nutzen. Dieses umfasst 200.000 Menschen zwischen 20 und 69 Jahren, die sich bereit erklärt haben, sich über viele Jahre hinweg medizinisch untersuchen zu lassen und zu ihren Lebensumständen und ihrer Krankheitsgeschichte Auskunft zu geben. „Unser Konzept fand sogar die Zustimmung des RKI“, sagt die BIPS-Direktorin Iris Pigeot.

Warum daraus nichts wurde, darüber gehen die Darstellungen auseinander. Egoismen auf Seiten einiger NAKO-Forscher seien verantwortlich gewesen, sagen die einen, „die saßen auf ihrer Studie und wollten nicht teilen“. Und das Bundesforschungsministerium habe die Wichtigkeit eines solchen Vorhabens nicht erkannt – und es nicht finanzieren wollen.

Kein Geld, kein Interesse

Auf Anfrage teilt ebenjenes Ministerium mit, als Panel zum allgemeinen Monitoring des Infektionsgeschehens sei die NAKO „wenig geeignet“, und zwar „aufgrund ihrer Komplexität und ihres Stichproben- und Studiendesigns, die spezifisch auf das zugrunde gelegte wissenschaftliche Konzept zugeschnitten sind“. Außerdem seien im Rahmen des Förderaufrufs zur Erforschung von Covid-19 vom Forschungsministerium im März 2020 auch gar keine Anträge aus Bremen eingereicht worden.

Aus einem einfachen Grund, sagt BIPS-Forscherin Pigeot: „Die Ausschreibung hätte gar kein regelmäßiges Monitoring erlaubt.“ Dafür habe die pro Einzelprojekt vorgesehene Finanzierung nicht gereicht. Insgesamt stellte das Forschungsministerium in der Ausschreibung zehn Millionen Euro zur Verfügung – für alle Forschungsprojekte. Maximum pro Projekt: 500.000 Euro über anderthalb Jahre. Zu wenig.

Nun ist es nicht so, dass gar keine repräsentativen Daten produziert werden. Die Bundesministerien verweisen etwa auf die Studie „Leben in Deutschland – Corona-Monitoring“ des RKI und des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zur Bestimmung von Antikörpern gegen das Coronavirus. Sie umfasst 34.000 Probanden und differenziert diese immerhin nach Altersgruppen, Geschlecht und sozialen Unterschieden. Nur werden die Daten nicht in Form eines fortlaufenden zweiwöchentlichen Infektionsmonitorings erhoben – und die Studie hat viel zu spät losgelegt: erst im September, also ein halbes Jahr nachdem die Pandemie in Deutschland zu grassieren begann. Wenn die Ergebnisse vorliegen, werden sie leider nur noch historischen Wert haben. Denn die erste Erhebungswelle sollte ursprünglich bis Dezember 2020 laufen – also zu einer Zeit, als die britische Mutation noch keinerlei Rolle spielte. Dann wurde der Untersuchungszeitraum bis Ende Februar verlängert – um den Preis allerdings, dass die ursprünglich für April vorgesehene Veröffentlichung auf unbestimmte Zeit verschoben wurde. „Noch im zweiten Quartal“ sei diese geplant, heißt es jetzt am RKI. Bis dahin veralten die für aktuelle politische Entscheidungen schon jetzt kaum noch nutzbaren Daten weiter.

Als „Datenerhebungskatastrophe“ fasst Datenexperte Rainer Schnell die Situation in Deutschland zusammen: „Wir bräuchten in der Pandemie eigentlich gleich mehrere Monitoring-Systeme, und wir haben nichts davon.“ Schnell war Professor in London, jetzt lehrt er an der Universität-Duisburg-Essen. Seit Jahren beschäftigt er sich mit den Problemen statistischer Datenanalyse.

„Deutschland läuft der Datenerhebungsqualität der englischsprachigen Länder meilenweit hinterher“, sagt auch der Medizinstatistiker Gerd Antes, Mitbegründer des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin. Das Schlimme aber sei, dass es weder in der Politik noch in der Wissenschaft vielversprechende Anstrengungen dafür gebe, das Empirie-Defizit zu beheben. Wenn es so weitergehe, werde das RKI die Monitoring-Studie wohl an die Wand fahren, warnt Antes – und was die NAKO angehe, „so hätte die Politik deren Studienleiter zu einem solchen Corona-Panel verpflichten müssen, so einfach ist das“.

Unterdessen teilt das RKI mit, es arbeite an einer „Machbarkeitsstudie“ zum Aufbau eines eigenen Gesundheitspanels. Doch sei für ein repräsentatives Infektionsmonitoring nach Altersgruppen, Geschlecht, Region und soziodemografischen Merkmalen eine sehr große Stichprobe erforderlich. „Für die aktuelle Corona-Pandemie steht ein solches Panel leider noch nicht zur Verfügung“, sagt seine Sprecherin.

Jan-Martin Wiarda ist Journalist und bloggt unter jmwiarda.de, wo dieser Text Ende April in einer Langfassung erschienen ist

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06:00 10.05.2021

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