Blut, Sex und Autos

Palmengewinner:in Julia Ducournaus „Titane“ ist großartiges, alle Grenzen überschreitendes Kino
Blut, Sex und Autos
Alexia praktiziert Bondage mit einem Auto, wird zur Serienmörderin und trifft einen Feuerwehrmann, der in ihr seinen Sohn erkennt

Foto: Carole Bethuel

Der Film ist ein audiovisueller Anschlag, und das im besten aller Sinne: nach diesen langen Monaten entkörperlichter Existenz katapultiert Titane den Körper mit brachial-poetischer Gewalt auf die Leinwand und torpediert dabei alle Gewissheiten. Allein der Versuch einer inhaltlichen Zusammenfassung zeigt auf, wie schwer diesem radikalen Kunstwerk schon sprachlich beizukommen ist: Eine Serienmörderin, die als Erotiktänzerin bei Autoshows auftritt, wird nach Bondage-Sex mit einem Cadillac schwanger, verkleidet sich auf der Flucht vor der Polizei als Mann und kommt bei einem Feuerwehrmann unter, der in ihr seinen lang vermissten Sohn erkennt. Äh?!

Es ist schier unglaublich, wie es Regisseurin Julia Ducournau gelingt, aus diesem obskur klingenden Stoff einen der eindrücklichsten Kinofilme der vergangenen Jahre zu machen. In Cannes hat die französische Regisseurin – als erst zweite Frau überhaupt – verdientermaßen die Goldene Palme gewonnen. Schon ihr Debüt Raw hatte bei der Premiere an der Croisette 2016 für Furore gesorgt. Auch hier filmische Subversion: Eine junge Studentin startet ihr Studium an einer Universität für Veterinärmedizin, wo die große Schwester studiert. In den ersten Wochen werden die „Babys“, wie die Neuankömmlinge genannt werden, von den Älteren malträtiert. Einmal werden sie mit einer Ladung Tierblut geduscht, als Aufnahmeritual müssen alle eine rohe Hasenniere essen, was der eigentlich vegetarisch lebenden Justine doppelt schwer fällt. Damit nimmt seinen Lauf, was sich grob als kannibalisches Coming-of-Age zusammenfassen lässt. Auf die Lust auf Tiere folgt ein Heißhunger auf Menschenfleisch. Initialmoment ist der abgeschnittene Finger der großen Schwester, den Justine genüsslich abnagt.

Auch Raw ist teils schwer zu ertragen, doch es ist erstaunlich, wie Ducournau kannibalischen Bodyhorror mit dem feinfühligen Porträt einer jungen Frau auf Selbstsuche zusammenbringt. „Ich fürchte, sie hat sich daran gewöhnt, sie selbst zu sein“, sagt der Vater, nachdem herausgekommen ist, dass Justine nicht das einzige Familienmitglied mit Fleischeslust ist. Was heißt das: Man selbst sein? Ducournaus Filme reflektieren Identität aufs Radikalste.

Geschwängert vom Cadillac

In Titane, ihrem zweiten Film, dreht die 1983 in Paris geborene Regisseurin das Subversionsbarometer noch eine ganz Spur weiter. Wie auch in Raw steht am Anfang ein Autounfall, verschuldet durch die etwa 7-jährige Alexia, die mit jener titelgebenden Titanplatte im Kopf davonkommt. Jahre später dann sieht man sie als Frau mit einer mächtigen Narbe über dem rechten Ohr, eingefangen in einer atemlosen, ungeschnittenen Einstellung: Die Kamera gleitet durch eine Halle, in der eine Autoshow läuft, klebt an Alexia, lässt sie los, kriecht auf Bodenhöhe zwischen den Beinen der Besucher:innen hindurch, um schließlich wieder die Frau mit der Titanplatte bei einem erotischen Showtanz auf einem Auto einzufangen, bis sie erschöpft auf der Motorhaube liegen bleibt. Es folgt jene aberwitzige Szene für die Ewigkeit, in der es Alexia mit besagtem Cadillac treibt, bevor sie einem aufdringlichen Fan, wie später noch einigen weiteren Menschen, mit ihrer Haarnadel den Garaus macht.

Was als Fetischfilm beginnt – Lack, Leder, nackte Haut –, gibt sich kurz darauf als brutaler Genrefilm über eine Serienkillerin. Und dann? Schwer zu sagen. Titane ist mehr Assoziation als stringente Narration, erwartbar oder eindeutig ist hier nichts. Alexia ist eine Projektionsfläche oder, um bei den Autos zu bleiben: ein Vehikel in diesem Film, der feministischen Bodyhorror mit der Geschichte einer Mutterwerdung und einer Vater-Sohn-Geschichte zusammenbringt. Sie ist dabei alles andere als ein Objekt, der voyeuristische männliche Blick, der „male gaze“, den der Film in der Autoshow bewusst einnimmt, wird komplett zerlegt.

Ducournau wirft uns hinein in einen einzigartigen filmischen Diskursraum, in dem wir zurückgeworfen werden auf Körper, genauer: auf körperliche Deformationen. Alexia, mit unnachahmlicher physischer Präsenz von Newcomerin Agathe Rousselle gespielt, verwandelt sich im Laufe des Films unentwegt. Aus der Frau wird nach und nach ein kahlgeschorener Bub mit abgeklebtem Bauch und Brüsten, aus denen Motoröl fließt. Die Regisseurin spricht von „Mutationen“ und inszeniert einzelne Transformationsstadien als heftige Schockmomente. Es drückt einen buchstäblich in den Kinosessel, wenn Alexia vor dem Spiegel versucht, sich die Nase zu brechen, zunächst mit der Faust, dann mit einer Waschbeckenkante. Furchtbar auch das Zerkratzen ihres wachsenden Bauchs, durch dessen zerfetzte Haut Titan schimmert. Ducournaus Kino ist ein haptisches Erlebnis, auch für die Zuschauer:innen.

Doch hinter dieser monströsen Fassade lauern Zärtlichkeit und Verletzlichkeit. Rührend, wie sich Feuerwehrhauptmann Vincent (ebenfalls fantastisch: Vincent Lindon) und Alexia näher kommen: wie Vincent seinen „Sohn“ vor den Kollegen aus dem Löschzug verteidigt, ihm bei Einsätzen als Mentor zur Seite steht und ihn mit uneingeschränkter Überzeugung annimmt, allen Widrigkeiten und Offensichtlichkeiten zum Trotz. Ähnlich kompromisslos waren auch die Schwestern in Raw verbunden. Dabei erzählt auch Vincents Körper eine Geschichte: Er ist ein Berg von einem Mann, der mit Hormonspritzen, die er sich in den Allerwertesten jagt, gegen den eigenen Zerfall ankämpft. Auf Alexias Frage, ob er krank sei, antwortet er: „Nein, ich bin alt.“

Ducournau erzählt nach eigenem Drehbuch mit stilsicherer Brillanz. Zwischen fluffigen Popnummern (herrlich: She’s not there von den Zombies) und dem teils ins sakrale kippenden Soundtrack von Jim Williams oszilliert Titane zwischen Verstörung und bittersüßer Schönheit. Was ist das für ein unfassbar losgelöster Moment, dieser Tanz zwischen den Feuerwehrfahrzeugen!

Wirklich fassen lässt sich dieser alle Kategorien sprengende Film nicht. Er ist ein Erlebnis, ein radikales Kino der Vieldeutigkeiten in einer Zeit, in der Diskurse gerne auf vermeintliche Eindeutigkeiten heruntergebrochen werden. Julia Ducournau führt derlei Vereinfachungen ad absurdum, indem sie Trash und Kunst zusammenbringt, trauernde Väter mit falschen Söhnen, Zerstörung mit Liebe, Genrefilmelemente mit aktuellen Diskursen. Alles ist fluide und fragil in Titane, die Körper, die Geschlechter, Mensch oder Maschine. Titane ist der Neustart für ein grenzenloses Kino.

Info

Titane Julia Ducournau Frankreich, Belgien 2021; 108 Minuten.

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06:00 09.10.2021

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