Brachland

Kabul Die einzige Chance auf gesellschaftliche Emanzipation in Afghanistan besteht in der Entwicklung städtischen Lebens

Im Januar hielt die Architektin Zahra Breshna auf einem Diskussionsabend des Feministischen Instituts der Heinrich-Böll-Stiftung Zur Lage von Frauen und Mädchen in Afghanistan einen Vortrag, in dem sie auf die Bedeutung der Stadt für die gesellschaftliche Entwicklung ihres Landes hinwies und dringend für einen "Wiederaufbau und die Unterstützung der Stadt Kabul" plädierte. Der Text ist noch vor der Zerstörung der Buddha-Statuen durch die Taleban entstanden und gewinnt nun, angesichts der fortgesetzten Luftangriffe der USA, eine fatale Aktualität. Wir dokumentieren den Vortrag in leicht gekürzter Fassung.

Aus der dialektischen Gegenüberstellung von Stadt und Land heraus versuche ich die jetzige, die verheerende Situation der afghanischen Frauen zu beschreiben, um dabei die gesellschaftliche Bedeutung der Großstadt, speziell für ein agrarisch-traditionelles Land wie Afghanistan, hervorzuheben.

Die Stadt ist ein dynamischer Ort des Wandels und der Veränderung; hier findet die Auseinandersetzung mit dem Fremden statt, die zur Entstehung von neuen Ideen führt. Der Drang nach Freiheit und Emanzipation formulierte sich in der offenen Atmosphäre der Stadt.

Die Städte bildeten in vor- und frühindustriellen Phasen räumlich und gesellschaftlich einen antithetischen Gegensatz zum Land. In postindustriellen Gesellschaften dagegen findet eine dialektische Auflösung von gegensätzlichen Begriffen wie Natur und Kultur, Stadt und Land, Tradition und Moderne statt.

Afghanistan ist dagegen ein agrarisch traditionelles Land, in dem sich die Gegensätze noch erhalten haben. Auf dem Land mit seiner rauen, unwirtlichen Natur und der schwachen Infrastruktur ist der Einfluss der regionalen Stammesgesetze und Regeln dominierend. Die Zugehörigkeit zum Stamm ist dort stärker als die Zugehörigkeit zum Staat.

Die Taleban stammen aus der sehr einfachen Landbevölkerung und sind politisch gestärkt durch die radikal islamistische Bewegung der pakistanischen Madrassas, in denen sie ausgebildet wurden. Ihr Denken ist antimodern, antiurban und gegen die Frau als aktiver Teil des öffentlichen Lebens gerichtet.

Das Phänomen der Taleban kann zwar allgemein als Konflikt zwischen Stadt und Land betrachtet werden, drückt sich aber tatsächlich als Konflikt zwischen Kabul und dem Land aus. Aus Sicht des Landes war Kabul eine "sündige" Stadt. Als Feindbild verkörperte sie aufgeklärte, säkulare, pluralistische und liberale Weltanschauungen.

Kabul war noch bis zu unserer Flucht im Jahr 1980 eine verhältnismäßig moderne Stadt. Das offene gesellschaftliche Klima ermöglichte ein Zusammenleben von verschiedenen Ethnien und Religionen. Es gab einen regen Austausch mit dem Ausland und zeitgemäße Möglichkeiten der Bildung und Ausbildung für Frauen und Männer.

Durch die Trennung von Staat und Religion konnten sich Gesetze und Regeln entwickeln, auf deren Basis eine rechtliche Gleichberechtigung der Frauen erreicht wurde. Unter anderem gab es keinen Schleierzwang und keine Kleiderordnung. Frauen waren ein wichtiger Teil des öffentlichen Lebens. Es gab Ministerinnen, Wissenschaftlerinnen, Universitätsprofessorinnen, Künstlerinnen. Frauen gehörten zur kulturellen Elite des Landes.

Die Emanzipation der Frau erfolgte nicht in dem hier bekannten Geschlechterkampf, da Frauen und Männer gemeinsam gegen überkommene Traditionen, für eine modernere Gesellschaft kämpften. In ihrem Kampf für die Gleichberechtigung wurden Frauen von den Männern unterstützt. Leider konnten Frauen ihre Rechte hauptsächlich in Kabul und in anderen Städten umsetzen. Auf dem Land wurden die autonomen Einzugsgebiete der Stämme, je größer die Entfernung von den Großstädten war, immer stärker und wichtiger. Dem Zentralstaat stand die dezentrale und egalitäre Organisationsform der einzelnen Volksgruppen gegenüber. Offizielle Rechtsprechung, wie zum Beispiel die Gleichberechtigung der Geschlechter, wurde nicht angewandt und nicht respektiert.

Frühere Regierungen in Kabul versuchten daher immer, eine vorsichtige Balance zwischen staatlicher Einflussnahme und der Autonomie der Stämme zu finden. Das ist vielleicht ein Grund dafür, dass sich Frauenrechte und Modernisierungsmaßnahmen nicht oder nur sehr langsam auf dem Land durchsetzten.

Die diktatorisch durchgeführten Maßnahmen der kommunistischen Regierung für radikale gesellschaftliche Veränderungen des ganzen Landes haben die religiösen Gefühle des Volkes verletzt. Die traditionellen gesellschaftlichen Prinzipien der Landbevölkerung und ihrer Autonomie wurden total negiert. Vereinigt und mobilisiert durch den Islam, führten alle Volksgruppen - ausgehend vom Land - den Jihad gegen die Kabuler Regierung. Nach dem Einmarsch der Roten Armee - zur Unterstützung der Regierung gegen das gesamte Volk - wurde dieser Kampf zu einem Stellvertreterkrieg des Westens gegen den Osten.

Für die Taleban bedeutete die Eroberung von Kabul auch, ein Feindbild besiegt zu haben. Es galt nun die strenge Auslegung der Sharia, die besonders in Bezug auf Frauenrechte eine willkürliche Islamdeutung ist. Frauen wurden aus dem öffentlichen Stadtleben vertrieben. Ebenso wurden Teile der modernen technologischen, wissenschaftlichen und materiellen Errungenschaften als Verkörperung westlicher Einflüsse aus dem öffentlichen Raum verbannt.

Die Eroberer der Stadt hatten ein leichtes Spiel; Kabul war durch die unerbittlichen Machtkämpfe einzelner Modjahedin-Führer in einem Bürgerkrieg ausgeblutet und total zerstört. Die Stadt hatte ihre kulturellen Köpfe und Fachkräfte seit 1980 durch Flucht schubweise an das ausländische Exil verloren. Sie glich nun einer Brache.

Der Begriff "Brache" bezeichnet einen Raum zwischen Kultur und Natur; einen von Kultur verlassenen und gleichzeitig den Naturgewalten überlassenen Raum. Brache ist ein gesetzloser, anarchischer, ein chaotischer Raum. Brache hat das negative Potential um sich greifender Brachwerdungen, wenn nicht rechtzeitig geeignete Gegenmaßnahmen getroffen werden. Wüstungsprinzipien oder Desertifikationen führen zur Verwilderung und Verwüstung ganzer Regionen. In der Konsequenz können brachgewordene Städte zum Untergang von Kulturen und Staaten führen. Brachen stellen nichts dar und haben keinen Identifikationswert mehr, bis sie irgendwann archäologisch und museal überhöht als Ruinen funktionieren.

Der Wiederaufbau und die Unterstützung der Stadt Kabul sollten als wichtige Maßnahmen erkannt werden, weil die Stadt die kulturelle Identität aller in Afghanistan lebender Ethnien darstellt und damit ein Sinnbild für Afghanistan ist.

Die politische Unterschätzung der Bedeutung von Stadt als Motor für gesellschaftlichen Wandel hängt einerseits damit zusammen, dass sich die Gegensätze zwischen Stadt und Land in den postindustriellen Nationen, aufgelöst haben, andererseits Strategien und Maßnahmen für den Wiederaufbau nur in langen Phasen erfolgversprechend sind. Kurzfristige Ergebnisse - politisch immer gewünscht - kann es nicht geben.

Die Wiederbelebung von städtischem Leben kann mehrere Dinge bewirken. Es werden sich intellektuelle Kräfte gegen repressive, rückschrittliche Einflüsse bilden. Über die "Stadt als Tor zur Welt" gibt es Möglichkeiten, die im Exil lebenden afghanischen Intellektuellen, Künstler und Fachkräfte - insbesondere das Potential der Frauen - gegen eine weitere Verwilderung und Verrohung zu mobilisieren. Ausgehend von den Städten kann die Entwicklung allgemeiner Menschenrechte und der Gleichberechtigung der Frauen in Afghanistan jedoch nur in der Synthese von Tradition, Islam und Moderne, als spezieller afghanischer Weg zur Demokratie aus sich heraus geschaffen werden. Dabei können Weiterentwicklungen von früher vorhandenen Strukturen und traditionelle Instrumente wie Stammes- und Ratsversammlungen konstruktiv sein.

Afghanistan wäre langfristig in der Lage durch Kabul und andere Großstädte - die Einbindung des enormen Potentials der Intellektuellen und Fachkräfte im Exil nutzend - den Schritt von einer prä-industriellen zu einer post-industriellen Gesellschaft zu wagen und dabei die Industrialisierungphase zu überspringen. Dieser Schritt ist im virtuellen, digitalen Zeitalter nicht mehr an den industriellen Raum gebunden. Die postindustrielle Zeit und die digitale, virtuelle Welt, sowie den damit veränderten Arbeitsbedingungen, ermöglichen den Frauen ihre Rolle aktiv zu definieren und Veränderungen in der Gesellschaft tiefgreifender mitzubestimmen.

Auch wenn derzeit im Exil die Stimme der afghanischen Frau in der Öffentlichkeit wenig präsent ist, so ist sie noch lange nicht untätig. Durch Flucht und Zerstreuung in die ganze Welt haben sich aus den anfänglichen Einzelinitiativen mittlerweile größere Gruppen organisiert. Dadurch können Projekte und Programme effektiver durchgesetzt und realisiert werden. Diese auf einzelne Länder und Regionen bezogenen Organisationen sind dabei, sich immer stärker zu vernetzen und sich damit zu unüberseh- und unüberhörbaren Bewegungen zu vereinen, die gesellschaftlich nicht wirkungslos sein werden.

Es wäre falsch zu glauben, durch konkrete Hilfsmaßnahmen und Projekte für den Wiederaufbau der Stadt Kabul, die Regierung der Taleban zu unterstützen. Diese radikalen Fundamentalisten haben kein gesellschaftliches Konzept, welches die Komplexität und Widersprüchlichkeit einer Gesellschaft berücksichtigt. Sie sind daher mit der jetzigen Aufgabe weit überfordert. Eine unblutige "Enttalebanisierung" und damit ein wirksamer Schutz vor Radikalislamisten kann nur mit Unterstützung einer wiederbelebten städtischen Gesellschaft erfolgen.

Wie oben beschrieben, kann die Brachwerdung einer Stadt zum Untergang ganzer Regionen und eines Landes führen. Hier liegt für mich die eigentliche Gefahr. Im Gegensatz zu den westlichen, post-industriellen Nationen, in denen sich die starken Gegensätze von Stadt und Land immer weiter auflösen und das Verschwinden einzelner Städte nicht mehr eine existenzielle gesamt-gesellschaftliche Wirkung hätten, würde die Brachwerdung von Kabul und anderen wichtigen Städten in Afghanistan weitreichende Konsequenzen für das Nationalgefüge und sogar für seinen Weiterbestand generell haben. Die Folgen wären nicht absehbar.

Zahra Breshna, geboren 1964 in Kabul, ist Architektin. 1980 kam sie nach Deutschland, seit sechs Jahren lebt sie in Berlin.

Weitere Informationen unter: www.boell-glow.de und www.rawa.org

00:00 19.10.2001
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