Brennende Fincas

Kolumbien Der Farmer Eliceo Enciso Quevedo will sich mit Drogenhändlern und Waffengewalt nicht arrangieren. Es hat ihn schnell altern lassen

Er kommt im weißen Toyota zum düsteren Busbahnhof in Villavicencio, der Hauptstadt des ostkolumbianischen Departments Meta: kariertes Hemd, stattlicher Bauch, breitkrempiger Hut. Das Fahrzeug stammt aus dem staatlichen Personenschutzprogramm, dem auch die beiden wortkargen, untersetzten Männer dienen, die den Farmer Eliceo Enciso Quevedo begleiten. Stets mit einer Pistole im Hosenbund, sind sie seit vier Jahren seine Leibwächter. Die Region gilt als „caliente“, als gefährliche Gegend, seit den 1980er Jahren ist sie abwechselnd von der FARC-Guerilla, rechten Paramilitärs, zuweilen der Armee kontrolliert worden.

Nach acht Stunden Autofahrt, teilweise auf einer roten Sandpiste, erreicht der Pick-up eine Finca in der Gemeinde Los Kioscos, mitten in den Llanos Orientales. Eine Gegend der weiten Ebenen, die aus Feuchtsavannen und flachem Weideland bestehen. Es ist schwülwarm, die Trockenzeit geht gerade zu Ende. Hühner und Ziegen laufen herum. Die Finca haben Paramilitärs vor Jahren zerstört, inzwischen ersetzt sie ein schlichter Pavillon. In der Umgebung gibt es kaum Bäume, weder Dörfer noch Strommasten, nur eine unglaubliche Weite bis zum Horizont und darüber hinaus.

Granatenbeschuss

„Don Eliceo“, wie er auch respektvoll genannt wird, ist 49 und sieht älter aus. Nicht nur das harte Landleben hat Spuren hinterlassen; was ihm nicht minder zugesetzt hat, ist die ständige Flucht vor bewaffneten Gruppen, dem Staat und der kolumbianischen Justiz, über Jahrzehnte hinweg. Er musste erleben, wie sein Haus mit Granaten beschossen wurde und niederbrannte – trotzdem ist er wieder hier.

Sein Vater kommt 1965 in die Gemeinde Los Kioscos und kauft die Finca Veladero, auf der Eliceo 1971 geboren wird. Damals ist sie nur mit dem Pferd erreichbar, erst 1977 entsteht die erste befestigte Piste. Heute leben in der Gemeinde ein paar hundert Menschen, die gut 200.000 Hektar bewirtschaften, wovon Eliceo Enciso, seinen Schwestern und Cousins 18.000 Hektar gehören. Der Vater hat Rinder gezüchtet auf den schier endlosen Flächen und einen Laden mit Restaurant betrieben.

1980 dann taucht die 39. Front der FARC-Guerilla in Eliceos Gegend auf. „Die Guerilleros waren anfangs hilfsbereit und respektvoll“, erinnert er sich. Sie hätten für Recht und Ordnung in einem Revier gesorgt, um das sich der Staat nicht weiter kümmern wollte. Mitte der 1980er Jahre dann habe der Drogenhandel begonnen und die Guerilla habe sich nicht gescheut, daraus Kapital zu schlagen. Seinerzeit wird im Department Meta und im südlich gelegenen Guaviare erst Marihuana, später auch Koka angebaut. Drogenkartelle beginnen damit, Ländereien zu kaufen. Um die zu schützen, werden Paramilitärs angeworben. So verläuft von Los Kioscos aus ein Teil des strategischen Korridors vom Amazonas-Tiefland bis nach Venezuela, um Koka-Paste zu den Drogenkartellen im Norden zu bringen. Eliceo hat einige der Produzenten – Guerilleros und Paramilitärs gleichermaßen – gekannt, manche waren Nachbarn oder arbeiteten zuvor auf der Farm seines Vaters.

1993 marschiert die kolumbianische Armee auf und benutzt Restaurant und Laden der Familie Enciso als ihre Basis. Als das Militär vier Jahre später wieder abzieht, kehrt die Guerilla zurück, zündet die Gebäude an, konfisziert das Vieh der Gemeinde und verlangt von Encisos Familie ein Schutzgeld von fünf Millionen Pesos (damals etwa 1.500 Euro). Da sie nicht zahlen kann, muss sie gehen.

Eliceo erwirbt eine andere Finca, von der er aber 2002 ebenfalls vertrieben wird. Als sein Nachbar unter Verdacht gerät, der Guerilla geholfen zu haben, wollen ihn die Paramilitärs umbringen, halten sich dann aber an Eliceo und brennen sein Haus ab. Eliceo fährt in die nächstgelegene Stadt, wo die Paramilitärs ein Büro haben, und verlangt eine Entschädigung, wird verprügelt und bedroht – man werde ihn und seine Familie umbringen. Er verkauft die Reste seiner Finca und flieht an die Küste.

Als Eliceo Ende 2006 in seine alte Finca in Los Kioscos zurückkehrt, wird er von der Guerilla in Ruhe gelassen, kennt er doch den Anführer. Bald darauf kontrolliert der ERPAC die Llanos, ein Zusammenschluss von gut 1.000 Kämpfern, die sich bei der offiziellen Auflösung der Paramilitärs 2006 nicht demobilisieren lassen. Die Truppe hat einen guten Draht zur Armee und kämpft offiziell gegen die Guerilla, arbeitet aber im Drogenhandel zugleich mit den FARC zusammen. Geführt wird der ERPAC von dem Drogenhändler „Loco“ Barrera und einem Ex-Militär namens „Cuchillo“, der für Eliceo kein Unbekannter ist. „Sein Vater verdingte sich als Viehzüchter, die Söhne waren beim Militär und haben danach die Paramilitärs organisiert. Cuchillo war gewalttätig und impulsiv.“ Dieser Mann will durchsetzen, dass alle Landwirte aus der Gegend die Koka-Pflanze anbauen. „Einigen Bauern gefiel die Idee“, erzählt Eliceo. Er aber habe vor allen Leuten erklärt: „Ich mache nicht mit, da kann man nur verlieren.“ Das kam beim ERPAC nicht gut an.

Kurz darauf wird Eliceo zu einem Treffen von angeblichen lokalen Farmern zitiert. Die Männer, die sich als neue Besitzer der Nachbar-Fincas vorstellen, kommen aus dem Norden Kolumbiens und sind Strohmänner eines Drogenkartells. Juan Fernando Ochoa, ein kleiner, kahlköpfiger Mann mit einer Pistole am Gürtel, fordert Eliceo auf, seine Grundstückspapiere zu zeigen. Als der sich weigert, drohen ihm die Männer, sie könnten „das Problem“ auch anders regeln. Erschrocken fährt Eliceo zurück auf seine Farm, um dort zu erfahren, Cuchillo habe den Auftrag erteilt, ihn zu töten. Der Anrufer, selbst ein Paramilitär, ist damit nicht einverstanden und wird daraufhin erschossen. Eliceo muss wieder fliehen, wieder Hals über Kopf, das Ziel ist zunächst Villavicencio. Er zeigt die paramilitärischen Militärcamps und Drogenlabore bei der Staatsanwaltschaft an. „Die Paramilitärs hatten es deshalb auf mich abgesehen“, erinnert er sich, „weil ich derjenige war, der den Widerstand führte. Sobald die Anführer dann tatsächlich aus der Gegend vertrieben waren, tauchte prompt ein multinationaler Konzern auf.“ Inzwischen hatte man die Ebenen als potenzielles Ölfördergebiet entdeckt, sodass Anfang 2009 die Firma Pacific Rubiales mit Probebohrungen begann.

Um das Terrain zu säubern, starten Armee, Antidrogenpolizei und Inlandsgeheimdienst DAS zwei Razzien gegen die Paramilitärs, an denen Eliceo wegen seiner Ortskenntnisse teilnimmt. Noch während die Aktion läuft, warnt ihn der Geheimdienst: „Hören Sie, Enciso, man hat sieben Milliarden Pesos geboten, damit die Operation abgebrochen wird und wir Sie als Kanonenfutter dortlassen. Es gibt da einen Bus, steigen Sie ein und hauen Sie ab!“ Das Geld, etwa 1,6 Millionen Euro, soll an einen damals hohen Befehlshaber gegangen sein, dessen Namen Eliceo nicht preisgeben will. Wieder entkommt Eliceo nur knapp einem Mordkomplott und taucht diesmal in Bogotá unter: „Das war der Moment, in dem ich am meisten Angst hatte, dass mir etwas passiert.“

2011 verabschiedet die Regierung das „Gesetz 1448“, mit dem die Millionen Opfer einer steten Vertreibung ihr Land zurückfordern können. Eliceo macht 2012 als einer der Ersten davon Gebrauch und muss in einen harten Kampf ziehen. Ausgerechnet Juan Fernando Ochoa Restrepo, Strohmann der Drogenmafia, tritt mit gefälschten Papieren als Eigentümer seiner Finca auf. Der daraufhin geführte Prozess bleibt davon nicht unbeeinflusst, die Ländereien werden als „unrechtmäßig besetztes Brachland“ eingestuft. Eliceos Vater erleidet einen Herzinfarkt und stirbt. Plötzlich wird gegen Eliceo selbst wegen „Verabredung zu einer schweren Straftat“ ermittelt. Es wird fünf Jahre dauern, bis er nach einem zermürbenden, teuren Rechtsstreit endlich zugesprochen bekommt, was ihm gehört. Nur, wozu dieses Urteil? Eliceo: „Als ich zurückkam, war die Finca völlig zerstört.“

Der Paramilitär „Cuchillo“ soll mittlerweile nicht mehr am Leben sein, angeblich ist er auf der Flucht vor der Polizei ertrunken. Doch leben die Strohmänner der Kartelle weiter auf mehreren Nachbar-Fincas, sind bewaffnet und sichern den Drogenkorridor. Die 39. Front der FARC will sich trotz des Friedensvertrags mit der Regierung nicht entwaffnen lassen. Das bedeutet für Eliceo und seine Familie erneut Lebensgefahr, was sich bestätigt, als zwei Granaten auf seinem Gelände einschlagen. Heute ist er nicht mehr der „campesinito“, das Bäuerlein, von einst, sondern ein landesweit vernetzter Menschenrechtsaktivist mit guten Kontakten nach Bogotá. „Auch darum“, glaubt er, „bin ich noch am Leben.“

Eliceo lebt wieder auf seiner Farm, aus Sicherheitsgründen ohne seine Frau und die Kinder. „Zumindest diese Gegend ist jetzt einigermaßen sauber. Unser Ziel muss sein, nicht zu verlieren, was wir erreicht haben.“ Doch hinterließen aufreibende Jahrzehnte auch bei einem kämpferischen Menschen wie Eliceo ihre Spuren. Müde sagt er: „Wenn ich ginge, würden meine Schwestern und die anderen Landwirte nicht mehr kämpfen und sich ihrer Angst ergeben. Auch deshalb habe ich diesen Typen niemals unser Land überlassen.“ Nach wie vor würden im Department Meta Staatsanwaltschaft, Armee und Polizei sowie örtliche Paramilitärs zusammenarbeiten, klagt er. „Banditen“ säßen mittlerweile in der Regierung und kontrollierten die Justiz. „Die Politiker sind unter anderem deshalb verstrickt, weil unsere Ländereien so lukrativ sind.“

Bohrtürme am Horizont

Augenblicklich widersetzt sich Eliceo einer rechten Regierung, die hohe Steuern verlangt, aber keine Kredite gewährt – und einer Ölfirma, die jetzt Frontera Energy heißt. Das 2009 vom damaligen Präsidenten Uribe verabschiedete Dekret 1274 erklärt Öl- und Bergbau-Unternehmen zu „Betrieben des öffentlichen Interesses“ und verpflichtet Landbesitzer, Rohstoffabbau und Infrastrukturmaßnahmen auf ihrem Boden zuzulassen – gegen Entschädigung. Zum Schutz der Anlagen wird nicht selten Militär auf Firmengelände stationiert. Was auch deswegen geschieht, weil die Ölförderung in einem ökologisch sensiblen Gebiet viel Wasser verbraucht, Zeiten der Dürre auslösen kann und – überhaupt – die Umwelt bedroht. Etliche Farmer klagen dagegen, dass sie bis zu 80 Prozent ihrer Latifundien an das Unternehmen Frontera Energy abtreten sollen, das nicht mit ihnen verhandeln will und dem Slogan „Fortschritt ist der Weg“ folgt. Es klingt wie eine Drohung. Erst recht, wenn am Horizont schon die ersten Bohrtürme zu sehen sind.

Anfang 2020 hat Eliceo den Fund eines paramilitärischen Depots angezeigt. Einen Monat später brannte es wieder einmal auf dem Gelände seiner Finca. Aber er will nicht aufgeben, sich mit juristischen Mitteln, mit seinem Netzwerk und einem Dokumentarfilmprojekt wie gewohnt behaupten. „Wir haben den Kampf aufgenommen, um ihn fortzusetzen“, sagt er zum Abschied. „Das ist schwierig, aber nicht unmöglich.“

Darius Ossami ist freier Autor und zur Zeit auf Reportagereise in Südamerika

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06:00 06.07.2020

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