Broiler bis Chicken Wings

A-Z Hühner Zahlen gefällig? 83 Prozent der Masthühner sind mit Antibiotikum vollgepumpt. Der Brathähnchenverzehr ist um 97 Prozent gestiegen. Noch Fragen? Unser Lexikon der Woche

Adoption

Waisenkinder in Tansania, Sessel im Theater – die Palette möglicher Patenschaften ist groß. Auch für Hühner kann man aus der Ferne Verantwortung übernehmen und adoptieren. Ein Bauernhof in der Schweiz etwa bietet eine Patenschaftsurkunde, gelegentlich zugesendete Bilder des Huhns und Mitteilungen darüber, welchen Aktivitäten es zuletzt nachgegangen ist. Die Preise dafür liegen zwischen 30 Euro (pro halbem Jahr) und 160 Euro (auf Lebenszeit, des Huhns).

Außerdem erwirbt jeder Pate ein Vorgriffsrecht auf die Eier seines Huhns. Er muss diese aber selbst abholen, bei einem Urlaub auf dem Bauernhof etwa. Die Bauern wollen also nicht nur neue Einnahmequellen erschließen, sondern ebenso den seiner Nahrungsproduktion entfremdeten Städter (➝ Brust) zurück zu deren Quellen führen. Sebastian Puschner

Broiler

Der Begriff Broiler stammt aus dem Englischen („braten“) und hat sich in der DDR seit den Sechzigern als Name für das Brathähnchen in der Alltagssprache durchgesetzt. Unter dem werbewirksamen Namen Goldbroiler eröffnete in der Erfurter Innenstadt 1970 ein erstes HO-Restaurant. Bald machte die staatliche Handelsorganisation eine die Republik überspannende Kette daraus. Die Goldbroiler-Lokale sollten laut Plan zum Pendant der westdeutschen ➝ Wienerwald-Restaurants werden, die Produkte sich aber in Optik und Geschmack vom Klassenfeind abheben. Das verwendete Geflügel war fleischig und saftig, innen und außen nach spezieller Rezeptur gewürzt und mit Paprika bestäubt – und durfte, knusprig gebraten, mit den Händen gegessen werden. Weil es auch mal kalt an den Tisch kam, bürgerte sich der Name Silberbroiler ein. Tobias Prüwer

Brust

Der weltweite Verzehr von Hühnerfleisch steigt. So wird mehr Huhn für noch weniger Geld, werden dickere Tiere in noch kürzerer Zeit benötigt. Gut, dass Hühner effizient herzustellen sind, von allen Masttieren brauchen sie am wenigsten Futter je Kilogramm Fleisch.
Die von den Konsumenten geliebte Brust ist bei den überzüchteten Hühnern besonders ausgeprägt, was zu einer Verlagerung ihres Körperschwerpunktes geführt hat, sowie eine anstrengende Belastung der Beine und oft deren schmerzhafte Verformung nach sich zieht – aber bewegen können sie sich in den überfüllten Hallen ja ohnehin nicht. Nach dem Schlüpfen wiegen sie circa 40 Gramm und erreichen bereits nach fünf Wochen das Schlachtgewicht von etwa eineinhalb Kilogramm. Ernährten Eltern ihre Kinder auch so intensiv, würden diese bei der Einschulung bereits bis zu zweihundert Kilogramm wiegen. Vielleicht hätten sie dann neben all den Süßigkeiten Chicken Wings in der Tüte. Maike Hank

Chicks

Wenn man spät im eigenen Jahrgang geboren ist, dann ist man immer die Jüngste – in der Klasse, in der Mannschaft, im Ferienlager. Und weil ich mit dem Abitur schon nach zwölf Jahren fertig war, begann ich mein Studium ohne Unterbrechung wieder als ‚Jüngste‘ – ‚unser Küken‘. Flaum hinter den Ohren, viel zu leise Piepsstimme und jede Menge Verunsicherung. Das ärgerte mich und ich dachte oft: Wenn ich einmal groß bin ...! Zu meinem Dreißigsten wurde mir der Kükenstatus offiziell aberkannt und mir dämmerte, dass ich den Moment verpasst hatte, aber erwachsen war ich längst. Seitdem versuche ich mich in Reife. Aber es ist alles gut, solange ich verabschiedet werde mit: „Bis morgen, Chica“. Das ist Spanisch und heißt Mädchen. Ulrike Bewer

Gehühner

Das Huhn ist der Inbegriff von Unruhe und scheinbar ungerichteter Betriebsamkeit. Liegt es nicht gerade tot auf dem Teller oder sitzt in einem Schuhkarton großen Käfig fest, bewegt es sich mit ruckartigen Bewegungen mal hierhin, mal dorthin – Körner suchend, pickend, hühnernd. Beim Menschen bezeichnet „Hühnern“ einen aktiven, zeitlich ausgedehnten Vorgang, der zu vielen unmerklichen, aber keinem eindeutigen Ergebnis führt: Ich habe den ganzen Tag nur herumgehühnert. Ob Kinder die wahren Meister darin sind, weil sie ihre Aufmerksamkeit im Sekundentakt auf immer neue Dinge richten und dabei voll in der je neuen Gegenwart aufgehen, oder ob man bei ihnen gar nicht von genuinem Gehühner sprechen kann, weil sie ja ein Ergebnis herbeiführen wollen und ihnen nur Ausdauer oder Begleitung fehlt, ist unter Experten umstritten. Holger Hutt

Goldene Henne

Henry Maske und Carmen Nebel, Wolfgang Stumph und Heinz Quermann haben mindestens zwei Dinge gemeinsam: Sie sind Ossis und haben die Goldene Henne zu Hause stehen. Mit diesem nach der verstorbenen Moderatorin Helga Hahnemann (Ein Kessel Buntes) benannten Publikums- und Medienpreis feiert sich der TV-Osten selbst. Produziert wird die Show von Superillu, MDR und RBB, gesponsert etwa von Wernesgrüner, Škoda und dem Ostdeutschen Sparkassenverband.

Die Auszeichnung wurde 1995 zum ersten Mal vergeben, damals noch in drei Kategorien. Nach und nach kamen neue Sparten und Ehrenpreise hinzu: Im September 2011 wurden ganze zehn Goldene Hennen vergeben. Mitunter bekommen mit Preisträgern wie Helmut Kohl, Semino Rossi oder Václav Havel auch Menschen aus anderen Landschaften das massive Bronze-Huhn überreicht. Die vergoldete, 22 Zentimeter hohe Figur wiegt rund 3,5 Kilogramm und zeigt eine Glucke in der Schönheit der Bewegung. TP

Image

„Mädchen, die pfeifen, und Hühner, die krähn, sollt’ man beizeiten den Hals umdrehen“, so wurden wir Mädels einst in die geschlechtsspezifischen Schranken auf den Hühnerhof verwiesen (➝ Chicks). Ganz klar, wer auf der Hühnerleiter versuchte, den Kamm aufzustellen, bekam von den Hähnchen eins übergebraten. Da lachten nicht mal mehr die Hühner.

Keine Ahnung, weshalb diese armen Viecher ein so schlechtes Image haben: Dumm wie die Nacht, aufgereiht auf der Stange, blind durch die Gegend torkelnd, finden sie angeblich nur zufällig mal ein Korn. Wie das so ist mit unterdrücktem Getier, machen auch sie aus der Not eine Tugend und drehen den Spieß um. Dann schließen sich die „wilden“ und „verrückten Hühner“ plötzlich zu einer richtigen Gang zusammen und machen Schluss mit dem so genannten „Hühner-KZ“! Dabei sollte man die Hühner als Entdecker des dialektischen Paradoxon eigentlich zu den Philosophen unter den Tieren zählen: Wie war das noch mit dem Huhn und dem Ei? Ulrike Baureithel

Legehennenbatterie

550 Quadratzentimeter mit uneingeschränkt nutzbarem Futtertrog von mindestens zehn Zentimetern Länge nebst geeigneter Trinkvorrichtung: Ein Ende hat’s damit. Ab 1. Januar 2012 sind in der EU herkömmliche Hühnerfabriken nicht mehr zugelassen. Die Käfige müssen dann immerhin 750 Quadratzentimeter Platz pro Huhn bieten sowie eine „Picken und Scharren ermöglichende Einstreu“. Deutschland hat das Batterieverbot bereits umgesetzt. Länder wie Frankreich, Polen oder Italien hinken jedoch hinterher. Von Agrarministerin Ilse Aigner kam deshalb zuletzt Protest. Billigeier aus rechtsbrechenden Ländern dürften nicht weiter vermarktet werden, mahnte sie. Verena Schmitt-Roschmann

Moorhuhn

Als eine schottische Whisky-Marke 1999 die virtuelle Moorhuhn-Jagd als kostenloses Werbespiel anbot, entwickelte es sich per viralem Marketing zum Renner. Kritiker beschworen horrende betriebswirtschaftliche Ausfälle, weil die Popularität vor den Büros nicht halt machte. Den Deutschen Tierschutzbund ärgerte das gegenüber dem Artenschutz respektlose Spielprinzip des ‚Shoot em up‘. Denn das besteht darin, in 90 Sekunden möglichst viele Mohrschneehühner mit der Flinte zu erledigen. Unzählige Spiel-Nachfolger eroberten den Markt, das Huhn gibt’s als Flipper und Fußball-Simulation sowie seit Kurzem als Action-Rollen-Spiel. Und nun soll das Mohrhuhn auch als Zeichentrickfilm in die Kinos kommen. TP

Schlachten

„Wer Fleisch essen will, soll es selbst schlachten“, pflegte eine vegane Freundin mir zu sagen. Während meiner Arbeit an einer südafrikanischen Schule bot sich die Gelegenheit: auf einem Bauernhof, der diese mit Nahrung versorgte. 150 tote Hühner standen am Ende des Tages. Und der Unmut der anderen über mich. „Du redest zu viel und brauchst zu lange“, nörgelten sie. Meine Aufgabe bestand darin, die Hühner an einen Elektroschocker zu halten. Ich glaubte, das Martyrium zu erleichtern, indem ich dem Huhn dabei gut zuredete. Denn was folgte, war: Das Huhn kopfüber in einen Blechkegel legen, Kehle durchschneiden, es ausbluten lassen, dann in heißes Wasser tauchen, um seine Federn von einer Maschine entfernen zu lassen. Aber größeres Unbehagen hat mich bei der ARDWiesenhof-Doku (➝ Brust) befallen. sepu

Wienerwald

„Heute bleibt die Küche kalt, wir gehen in den Wienerwald“: Mit diesem berühmten Werbeslogan begann der Siegeszug der 1955 in München gegründeten ersten deutschen Fastfood-Kette (➝ Broiler). Das Erfolgsrezept hieß Hühnchengerichte bis zum Abwinken, allen voran das klassische Grillhendl.

In den Wirtschaftswunderjahren expandierte das Unternehmen bis nach Amerika, wuchs bis Beginn der 1980er Jahre, doch die schnelle Expansion führte zu Verschuldung, man musste schließlich Insolvenz anmelden. Die darauffolgenden Jahre wurde Wienerwald von Polit-Skandalen, Finanz-Affären und Konjunkturkrisen (Hühnerpest) erschüttert. Bis 2007 die Erben des Gründers die Namensrechte zurückerwarben und momentan versuchen, das verstaubte Image der Lokale aufzupolieren.

Ich kenne jemanden, der einmal aushilfsweise bei Wienerwald in der Küche arbeitete und er gab mir den Rat: „Geh lieber zu McDonald’s!“ Und das will was heißen. Sophia Hoffmann

Zerstörer

Wer den Seuchenfilm Conta­gion geguckt hat, ängstigt sich jetzt vor Fledermaus und Ferkel, aber der beste Weltseucheninkubator bleibt das gemeine Haushuhn. Eine unrühmliche Rolle, die es dem üppigen Eier- und ➝ Brust­-Filetappetit des Menschen verdankt: Weil pro Jahr weltweit 50 Milliarden Speisehühnchen herbeigeschafft werden müssen, fristen die meisten ihr kurzes Leben (➝ Broiler: sechs Wochen) in größter Enge, und das finden vor allem Grippeviren richtig geil (➝ Legehennenbatterie). Denn im Huhn fühlen sie sich heimisch, und je mehr Huhn als Vermehrungsgrundlage, desto schneller der genetische Wandel.

Das Risiko, dass aus einem Tier-Virus ein Menschenvirus wird, ist in der Geflügelfabrik erschreckend hoch. Auch die Vogelgrippe H5N1 ist noch im Spiel: Zwar hält die Weltgesundheitsorganisation die Lage für stabil, behält aber Pandemiewarnstufe drei bei. Von bislang 556 Infizierten überlebte nur jeder dritte. In Indonesien zirkuliert H5N1 weiter in den Hühnerfarmen. Anfang Oktober starben wieder zwei Kinder. Kathrin Zinkant

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

16:00 05.11.2011

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 7