Bruderzwist

Jan Rosenkranz

Das rechte hintere Rad klemmt! Die anderen drei sind schon ausgetauscht, der Tank gefüllt. Nur hinten rechts geht das verdammte Rad nicht drauf. Runde 24, er liegt vorne und die Mechaniker vertändeln endlos Zeit. Im Cockpit des BMW-Williams sitzt Formel-1-Pilot Ralf Schuhmacher, dreht Däumchen oder haut wütend auf die Armaturen, sieht seinen großen Bruder Michael vorbeirasen, den tollsten Rennfahrer aller Zeiten, den er heute eigentlich schlagen will, wo er es dank Trainingsbestzeit schon mal geschafft hat von ganz vorne, von der Pole Position starten zu dürfen, hier in Magny-Cours in Zentral-Frankreich. Was macht ein siegeshungriger Formel-1-Pilot in solchen Augenblicken? Grübelt er? Zeit hätte er ja. Denkt er an Kain, der einst den Bruder Abel erschlug? Fragt er sich, warum man die Gegend Zentral-Frankreich nennt, obwohl Paris weit weg und noch nicht einmal ein Flughafen in der Nähe ist? Egal, er konzentriert sich auf die "Pizzabäckerofenschaufel", die ihm ein Mechaniker die ganze Zeit vors Gesicht hält. Darauf steht der Hinweis "Break". Heißt das Bremsen oder Pause? Egal, er denkt an Zen oder die Kunst einen Reifen zu wechseln oder einfach nur brrrrumm. Der Mann mit der Pizzabäckerofenschaufel dreht die Schippe um. Ralle liest kurz: First Gear, erster Gang, und Wut steigt auf. Er ist zwar der ewige kleine Schumi-Bruder, aber wer hätte gedacht, dass er selbst vom eigenen Team wie ein Fahrschüler bevormundet wird. Kommt per Sprechfunk etwa sogar der Hinweis: Schulterblick nicht vergessen? Auf dem Nürburgring, vor einer Woche, fuhr er beim Verlassen der Box verbotenerweise über eine Markierung. Laut Katalog der StVO 60 Mark Bußgeld, laut Formel-1-Reglement 10 Sekunden Zeitstrafe. Auf jeden Fall Schikane. Jetzt, nach endlosen 10,3 Sekunden, reißt hinten rechts der Mechaniker den Arm hoch: Fertig! Brumm und weg. 10, 3 Sekunden für einen Boxenstopp. Äonen in der schnellen Welt der Formel 1. Der durchschnittliche Familie-1-Pilot würde in dieser Zeit nicht mal den Wagenheber finden.

Ralle verfolgt jetzt Schumi, das Orignial, der muss noch raus zum Reifenwechsel. Er stoppt in Runde 25, wird in nur 7,7 Sekunden verarztet und rast noch vor Ralle zurück auf die Piste. Einige Kommentatoren hatten es wohl schon auf der Zunge: Wie so oft wird auch dieses Rennen in der Box gewonnen. Oder eben in den Materialforschungsabteilungen. In diesem Falle von Bridgestone, dem Gummilieferanten für den großen Schumi. Mit seinen neuen Reifen knöpft er dem Bruder pro Runde anderthalb Sekunden ab. Ralles Schlappen schlagen Blasen schon nach wenigen Kilometern, er schlittert auf der Piste und wird fast vom Teamkollegen Montoya abgefangen, wenn der nicht bald mit Motorschaden liegen bleibt ...

Klingt spannend? Ist langweilig. Eine Woche hat die Boulevard-Presse Alarm geschlagen: Das große Bruder-Duell. Die große Rache - für die Drängelei am Nürburgring. Dort hatte der große Schumi den kleinen Schumi gleich beim Start arg geschnitten, ihn fast von der Strecke geschubst, weil der ihn zu überholen drohte. Im Ziel hat klein Ralf dann den großen Bruder geschnitten und den versöhnenden Handschlag verweigert. Ein schlimmer "Bruder-Krieg" stand zu befürchten - das Ende der Familienparty Formel 1. Selbst die Frauen der Brüder, Ralle will seine Cora in Bälde ehelichen, wurden via Bild als Friedensstifterinnen bestellt. Es sah schlimm aus. Hatte sich nicht gerade der Focus in einer faktenreichen Titelgeschichte des Phänomens Geschwister angenommen? Hatte es da nicht geheißen, ältere Geschwister (Michi) sind disziplinierter, sie sind durchsetzungsfähiger und verantwortungsbewußter, wogegen jüngere Geschwister (Ralle) mit ihrem rebellischen Gemüt aufbegehren? Es hatte.

Nur konsequent also, wenn der Youngster droht: "Ich lasse mich nicht mehr einschüchtern - auch wenn das bedeutet, dass es beim nächsten mal zum Unfall kommt." Ralf wäre lieber Uwe Seeler, dessen älteren Bruder Dieter spätestens heute niemand mehr kennt. Und nie, nie, niemals soll es ihm ergehen wie Ottmar Walter, Michael Rummenigge oder Evi Mittermaier, denen die älteren Geschwister Fritz, Karl-Heinz und Rosi auf ewig die Show gestohlen haben. Das Duell wird kommen. Ein Duell bei Tempo 300? Wie unverantwortlich, wir sind doch nicht beim Tischtennis! Wenn Jörg Roßkopf sauer auf seinen älteren Bruder Thomas war, weil der mal wieder so gemein geschnitten spielte, schmetterte er ihm vielleicht einen Ball an den Kopf. Aber bestimmt nicht mit 300 Sachen. Zum Glück haben sich die russischen Faustkämpfer Wladimir und Vitali Klitschko so unendlich lieb und auch schon verkündet, dass sie nie, nie, niemals gegeneinander boxen würden.

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00:00 06.07.2001

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