Bürger durch und durch

Wahrheitsliebe In seinen Briefen aus Berlin hat der jüdische Kosmopolit Georg Brandes das deutsche Bürgertum aufs Korn genommen

Aller Wahrscheinlichkeit werden die meisten Georg Brandes nicht kennen - den dänischen Schriftsteller und Denker, der 1842 geboren wurde und 1927 starb, den jüdischen Kosmopoliten, der in Frankreich, Deutschland, England, Italien gelebt hat und der über den Völkermord an den Armeniern mit ebenso viel Engagement schreiben konnte, wie er das Werk des unbekannten Friedrich Nietzsches zu propagieren verstand.

Zu seiner Zeit galt Brandes als einer der führenden Köpfe Europas, und er firmierte lange auf der Kandidatenliste für den Literaturnobelpreis. Voilà, un homme des lettres, wie es in Deutschland kaum je einen gab. Sie werden ihn nicht kennen. Das kann passieren. Doch wenn Sie jetzt fragen, warum man denn heute diesen Schriftsteller wieder lesen soll, dann kann ich gelassen antworten: Schlagen Sie einfach eine beliebige Seite in Der Wahrheitshass auf, und sie werden auf Anhieb verstehen, warum.

"Ohne Servilität und Pianospiel gedeiht in Deutschland zur Zeit nichts. Ersteres ist kein vergängliches, letzteres ein bleibendes Übel. ... Servilität und Pianoforte, sagte ich. Das ist identisch. Unter beider Blüte bilden die Betreffenden sich ein, Gefühle zu haben, die sie nicht haben. Die allermeisten Menschen leben leider in einem gewohnheitsmäßigen Gespinst erlogener Empfindungen. So spielen sie sechs Stunden am Tag Klavier und glauben, sie fänden darin Unterhaltung und verkehrten derweil mit einer Muse, und so verehren andere mit hysterischer Leidenschaftlichkeit den Kaiser, Bismarck, die kleinen und großen Prinzen und glauben, sie fühlten gewaltige Begeisterung. Es ist Klimperei, mechanische Nachahmung, falscher Anschlag, schlechte Musik im einen wie im anderen Fall."

Darauf muss man kommen: die deutsche Bürgerseele jener so genannten Gründerzeit als Mischung aus Servilität und gefälschter Hingabe ans Klavierspiel zu beschreiben. 1880 lebte Brandes in Berlin, der Hauptstadt des jungen deutschen Kaiserreichs, und er litt gleichermaßen am pausenlosen Traktieren des Pianoforte auf allen Stockwerken wie am grenzenlosen Obrigkeitswahn der Deutschen. Brandes war dem Ruf des deutschen Geisteslebens gefolgt, und er stieß auf nichts als Bismarckverehrung, Hofsänger des Kaisers, Ästhetik der Marschmusik und öden Professorengeist. Kurz, das Gegenteil seiner eigenen vitalen Intelligenz und Bildung, die ihm erlaubten, im Anekdotischen die Strukturen seiner Zeit zu entdecken und plastisch zu schildern. Ein Mann des Geistes, der sich nicht scheute, am Schlesischen Bahnhof arme und gehetzte jüdische Flüchtlinge zu begrüßen, die mit Müh und Not den antisemitischen Pogromen in Russland entkommen waren, um mit Hilfe eines Komitees, dem Brandes angehörte, nach Amerika weiterzureisen.

Der säkularisierte Jude Brandes entdeckte auch im verdeckten Antisemitismus des neuen Deutschen Reiches die Zeichen eines militanten Freiheitshasses: "Freiheitsliebe im englische Sinne existiert im gegenwärtigen Deutschland nur bei der Generation, die in zehn Jahren ausgestorben ist. Dann wird Deutschland einsam isoliert und bei seinen Nachbarn verhasst in der Mitte Europas ein Bollwerk des Konservatismus sein. ... Deutschland wird alt und verblüht daliegen, bis zu den Zähnen bewaffnet, gepanzert und gerüstet mit allen Mord- und Verteidigungswaffen der Wissenschaft. Große Auseinandersetzungen und Kriege werden folgen."

Jahrzehnte bevor der Erste Weltkrieg ausbrach, zeichnete Brandes den Weg Deutschlands dahin vor. Doch Brandes schreibt als Zeitgenosse und nicht als Historiker. Niemals gelingen den Rekonstruktionen der Historiker jene furchterregenden Einsichten in den Lauf der Dinge, wie sie dem gleichermaßen klug distanzierten wie leidenschaftlich empörten Brandes gelingen. Während heute allerorten ein dünner, dümmlicher Wirhabendeutschlandsolieb-Gesang anhebt, erinnert uns Brandes an ein unheimliches Land, das auf absurde Art durch die Moderne stolperte und dabei aus jeder Pore den Schweiß der Gewalt absonderte. Man möchte diese Aufsätze über Deutschland all denen dringend anempfehlen, die so tun, als habe es gerade mal zwölf Jahre sonderbarer Verirrung gegeben, doch eigentlich sei Voltaire ein Deutscher gewesen und geistreiche Lebensart von Preußen erfunden worden.

Durch Brandes spürt man ganz deutlich, wie dünn die Firniss der Moderne in Deutschland ist. Wenn Brandes die berüchtigte Hunnenrede von Kaiser Wilhelm II. analysiert, in der er seinen fundamentalistischen Kreuzrittern auf dem Weg nach China den christlichen Segen erteilt, empfiehlt, keine Gefangenen zu machen, und die Erbarmungslosigkeit einer höheren Kultur anruft, dann begreift man, dass Hitler vor allem ein gelehriger Schüler war - und man spürt auch noch die Gefahr, die von den mühsam moderierten Kreuzrittern unserer Tage ausgeht.

Hanns Grössel hat eine großartige Auswahl von Texten von Georg Brandes zusammengetragen, die ein ganzes Panorama seines Denkens und Wirkens eröffnet. Und man könnte dabei fast ins Träumen geraten: was wäre, wenn die Kultur des Bürgertums - denn Brandes war Bürger durch und durch - von solchen Geistern wie ihm getragen worden wäre? Das hieße wahrscheinlich nichts anderes, als dass es ein echtes bürgerliches Geistesleben gegeben hätte und nicht bloß einen trägen Kunst- und Kulturbetrieb. Das hieße, dass es eine bürgerliche Weltanschauung gegeben hätte, die auf einem Kanon höchst achtbarer Werte beruht hätte, während heute das Verständnis solcher Werte wie liberté, egalité, fraternité weitgehend durch George Bush oder Guido Westerwelle geprägt werden - und die Intelligenz sich einem erstickenden intellektuellen Klima anpasst. Insofern führt uns die Lektüre von Georg Brandes heute nicht nur an die eigenen historischen Abgründe zurück, sondern sie gemahnt an ein kühnes, wahrscheinlich erst noch zu gründendes Projekt: die Wahrheitsliebe.

Georg Brandes: Der Wahrheitshass. Über Deutschland und Europa. 1880-1920. Berenberg, Berlin 2007, 176 S., 21,50 EUR


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