Bushs Turnschuhe

Georgien Aufruhr in Tiflis: Ein Land steht zwischen West und Ost, vor allem aber sich selbst im Weg
Bushs Turnschuhe
Irgendwann überkommt mich ein deprimierendes Gefühl. Wohl als ich die Schilder sehe, wonach auch Abchasien georgisch sei

Foto: Vano Shlamov/AFP/Getty Images

Es ist ein urmenschlicher Instinkt, mit den Kleinen zu sympathisieren. Und Georgien ist ein solcher Underdog. Jahrhundertelang von verschiedenen Großmächten beherrscht, zuletzt von der Sowjetunion, emanzipiert sich das Land Anfang der 1990er Jahre und geht einen eigenen Weg. Dieser Weg ist nicht frei von Irrungen, aber das macht ihn ja nur interessanter.

Vor einer Woche wurde wieder einmal eine Weggabelung erreicht: Ein russischer Abgeordneter sprach während einer Versammlung christlich-orthodoxer Staaten im georgischen Parlament, und weil er das vom Sitz des Parlamentspräsidenten und auf Russisch tat, protestieren seither vor allem junge Georgier gegen ihre Regierung und gegen Russland. Ihr größtes Transparent zeigt ein überdimensionales Glied mit Wladimir Putins Kopf als Eichel. Dieser Protest ist voller schöner und schauerlicher Geschichten. Zwei Medizinstudenten, beide Anfang 20, beide mit ehrlicher Wut in ihren dunklen Augen, laufen in ihren weißen Kitteln als freiwillige Helfer durch die Reihen der Demonstranten. Sie lassen ihre Vorlesungen sausen, helfen den Verletzten und politisieren. „Die Polizei hat gezeigt, dass diesem Staat nicht zu trauen ist“, rufen sie erbost. „Deren Gummigeschosse durchschlagen die Haut!“

Besonders in der ersten Nacht der Proteste geht die Polizei ziemlich rabiat vor: Tränengas, Wasserwerfer und eben jene Gummigeschosse werden eingesetzt, es gibt mehr als 200 Verletzte, zwei Menschen verlieren ein Auge. „Occupeyed. Du kannst dein Augenlicht verlieren, aber wir sehen trotzdem die Wahrheit!“, wird fortan zum Leitspruch des Aufruhrs. Diese neuerliche Welle des Widerstandes in Tiflis, sie ist eine leidvolle, starke Geschichte. Trotzdem befällt mich irgendwann in diesen Tagen ein deprimierendes Gefühl. Ich kann nicht sagen, wann genau es über mich kommt, aber vielleicht setzt es ein, als einige Demonstranten Schilder hochhalten, auf denen „Abchasien ist Georgien!“ steht. Über den Köpfen wehen viele georgische Flaggen, einige von der EU, auch eine US-Flagge. Die Transparente aber erinnern mich an eine andere Weltgegend. „Kosovo ist Serbien!“, plakatieren, sprayen und rufen sie in Serbien. Ein Schelm, wer da an Nationalismus denkt.

Der Konflikt um die abtrünnige Region Abchasien schwelt, der um Südossetien hat 2008 zu einem kurzen Krieg zwischen Russland und Georgien geführt. Seither erkennt Moskau die abtrünnigen Regionen an, die auch wirtschaftlich und militärisch vom Kreml abhängen. Deshalb skandieren die Demonstranten, Russland halte 20 Prozent ihres Territoriums besetzt und „Russia go away!“.

Gasmaske und Helm

Ich habe Abchasien bereist, ein unwirtlich schöner Küstenstreifen voller Betongerippe, ein von fast niemandem anerkannter Staat, ein einziger Lost Place. Die Leute dort sagen auf Nachfrage alle das Gleiche: Sie können nicht verstehen, warum ihr großer, aggressiver Nachbar nicht endlich von ihnen ablässt, wo sie doch seit Generationen um ihren eigenen Staat kämpfen. Sie meinen Georgien, wie die Georgier mit den gleichen Worten Russland meinen. Ich glaube, das deprimiert mich, diese kaum überraschende, aber ernüchternde Erkenntnis: Die Kleinen sind nicht besser und nicht schlechter als die Großen. Sie sind nur kleiner.

Wegen der Proteste in Tiflis tritt der georgische Parlamentspräsident Irakli Kobachidse zurück. Und Russland kündigt an, die Flugverbindungen von und nach Georgien einzustellen, was das Land wirtschaftlich hart treffen wird. Weitere Forderungen der Demonstranten, wie der Rücktritt des Innenministers, ein neues Wahlrecht und zügige Neuwahlen, sind mit dem starken Mann des Landes, dem Oligarchen Bidsina Iwanischwili, so leicht nicht zu verhandeln. Seine Partei Georgischer Traum ist prowestlich, aber Moskau gegenüber konziliant eingestellt. Der georgische Weg führt dieser Tage in eine Sackgasse.

Die Präsidentin von des Oligarchen Gnaden heißt Salome Surabischwili. Ob Demonstranten oder Anhänger der Regierung – es ist faszinierend, dass niemand in Georgien klar sagen kann, wofür sie eigentlich steht. „Sie ist egal. Sie macht nichts“, fasst es ein Mann zusammen, bevor er mit Gasmaske und Helm zurück in die Menschenmenge rennt, um sich in die nächste Sturmwelle auf das Parlament zu werfen. Es riecht nach Revolution. Am kommenden Tag aber macht Surabischwili doch etwas. Sie spricht. Sie bezeichnet Russland als „Feind“ und Gegner ihrer Regierung als Moskaus „fünfte Kolonne“. Diese Wortwahl lässt mich aufhorchen. Nicht nur, weil sie aus dem spanischen Bürgerkrieg stammt und Francos geheime Kräfte im seinerzeit umkämpften Madrid bezeichnet, sondern vor allem deshalb, weil mit „fünfte Kolonne“ gewohnheitsmäßig russische Liberale von russischen Nationalisten verunglimpft werden. Wo Russland ausgerechnet beim Umgang mit der Opposition als Blaupause dient, ist Holland in Not.

Georgische Liberale versammeln sich derweil beim Tbilisi Storytelling Festival, das zufällig genau in den Tagen des Protests stattfindet. Es ist eine Sause für internationale Medienschaffende, die kleine Geschichten suchen. Auch eine große Geschichte, eine Erzählung, die Georgien nach Westen trägt. Beim Eröffnungsmeeting werden drei Filme gezeigt. Im ersten vergewissert sich ein georgischer Rugby-Spieler seiner Wurzeln und lehnt es ab, wie vorgeschlagen für Russland zu spielen. Stürmischer Applaus. Im zweiten wird Russland wegen des Fluges MH17 (Abschuss über der Ukraine) angeklagt, im dritten wegen einer Youtube-Affäre um tanzende Rekruten vor ein paar Jahren.

„Das sollte jetzt keine Anti-Russland-Veranstaltung werden oder so“, erklärt Natalie Antelava später. Die Journalistin und Mitorganisatorin des Festivals sieht für ihr Land aber schon zwei Narrative gegeneinanderstehen: „das nach vorn gewandte westliche und das rückwärtsgewandte russische.“ Von den Protesten ist Antelava nicht überrascht: „Ich bin damit aufgewachsen. Manchmal frage ich mich: Wie oft müssen wir das noch machen?“ Für Antelava steht aber fest, dass ihr Land ziemlich geeint auf den Westen zuläuft, „so etwas wie Anti-Lesben- und Anti-Schwulen-Stimmung bei uns, das wird aus Russland erfunden und gesteuert“.

Gin Tonic und Union Jack

Diese Tage sind in Georgien auch noch aus einem anderen Grund bemerkenswert, denn eigentlich hätte eben dann die erste Tiflis Pride steigen sollen. Wegen der Proteste sagen die Aktivisten die Parade aber ab oder verschieben sie, je nachdem, wen ich frage. Von kämpferisch zu traurig wechselt ihr Ton, wenn sie über ihre Situation als queere Community in diesem Land reden. „Ich habe keinen Kontakt mehr zu meiner Mutter. Sie sagt, ich sei schuld, dass ihre Ehe gescheitert ist“, erzählt etwa Nina, eine Aktivistin. Wie die meisten anderen ist ihre Meinung über die georgische Gesellschaft: „Sie wollen uns nicht.“

Ihr Büro müssen die Organisatoren der Pride räumen, wegen Morddrohungen. Die Polizei erklärt, den Marsch nicht schützen zu können. „Sie haben doch gerade auf sehr miese Weise gezeigt, dass sie handeln können“, sagt Nina über die Staatsautorität. Die von liberalen Eliten vorgetragene Erzählung von Georgien als einem Land, das geeint von liberalen Werten träumt und nur von Russland aufgehalten wird, verflüchtigt sich in der georgischen Realität wie Sand, der im Wind nicht auf der Handoberfläche liegen bleiben will. Vielleicht nehme ich dies auch nur so extrem sensibilisiert wahr, weil ich aus einem Land stamme, in dem sich alle daran gewöhnt haben, die Schuld beim großen Dämon aus Übersee zu suchen. Diese beinahe pantheistische Fixierung auf einen Feind, der in allem, um alles herum und an allem dran ist, ist Russland nicht gut bekommen, so viel kann ich sagen.

Das Storytelling Festival endet mit einem Empfang in der britischen Botschaft. Der Gastgeber spricht in den wärmsten Worten von Georgien, während hinter ihm schon die Tänzerinnen und Tänzer in traditionellen Gewändern und mit belustigenden schwarzen Zottelmützen auflaufen. Selten fühlte ich mich so kolonial wie in einer britischen Auslandsvertretung, allein der riesige Union Jack auf einem fein geschnittenen Grashügel ist etwas wert. Dazu gibt es Oliven, geschmorte Schweinehäppchen und Gin Tonic. Man kann westlicher Softpower viel vorwerfen, aber immerhin kommt sie mit feinen Drinks daher.

Ich rede auf diesem Empfang mit einem russisch-britischen Intellektuellen, teile ihm meine Sorgen mit, dass Georgien in den gleichen Sumpf aus Nationalismus, Feind-Fixierung, Selbstgerechtigkeit und ungebrochener Begeisterung für gestrigen Kapitalismus versinkt, in dem auch der frühere Dominator aus Moskau schon festhängt. Und dann versinken sie zusammen und würgen sich gegenseitig. „Ach“, sagt der Intellektuelle, „es ist kein Problem, wenn kleine Länder nationalistisch werden. Es ist ja nicht so, dass sie bald losziehen, um jemanden zu erobern.“ Ansonsten sei es doch normal, dass Kolonien sich an ihren früheren Herren die Zähne abstießen. „Alles halb so wild“, sagt er und stürzt seinen Gin Tonic herunter. „Relax!“

Es ist ein Reportage-Klischee, Taxifahrer zu Wort kommen zu lassen. Taxifahrer sind allesamt Kulturpessimisten, das ist wahrscheinlich weltweit die Voraussetzung, um eingestellt zu werden. Aber ich spreche in Georgien mit mindestens zehn von ihnen, und jeder Einzelne ist gegen die Demonstrationen und für einen Ausgleich zwischen West und Ost. „Die jungen Leute wissen einfach nichts“, sagt einer. „Das Einzige, was in diesem Land funktioniert, sind Weinanbau und Tourismus. Amerikaner werden nie hierher zum Urlaub kommen, sie kaufen auch nicht unseren Wein.“ Ohne den ungeliebten großen Bruder gehe hier alles den Bach runter. „Auch wenn sich die Russen verhalten wie kleine Kinder. Wie können die nur alle Flüge streichen?!“

Georgien anno 2019 ist ein Land, in dem in der Hauptstadt eine Saakaschwili-Bibliothek existiert, in der Freiwillige arbeiten, weil sie immer noch an den geschassten Präsidenten glauben. Dort sind Turnschuhe ausgestellt, die Saakaschwili von Präsident George W. Bush bekommen haben soll. Sie stehen in einem Glaskasten wie Reliquien. Es ist ein Land, in dem in Stalins Heimatstadt Gori kaum ein kritisches Wort über den großen Anführer verloren wird und allenthalben Tassen, T-Shirts und Sammelkarten mit seinem Antlitz offeriert werden, während ein paar Schritte weiter ein Laden für Hipsterbedarf mit demonstrativ lässigen Verkäufern Armbändchen mit der Aufschrift anbietet: „I am Georgian and my country is occupied by Russia“.

06:00 05.07.2019
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