C’est la mort

Krimi Toxische Männlichkeit wirkt, weiß unsere Kolumnistin Ute Cohen. Aber gibt es ein Gegengift? Drei Kommissarinnen, drei Abwehrstrategien
C’est la mort
Grimmer, glattgeschor’ner Rabe, der Du kamst vom Schattenheer – Sprich, welch’ stolzen Namen führst Du in der Nacht pluton’schem Heer?

Foto: Fox Photos/Getty Images

Mit Diterpenalkaloiden und Aconitin verhält es sich wie mit allen Giften. Die Dosis entscheidet. Eisenhut, Fliegenpilz und Tollkirsche können berauschen, heilen, aber auch töten. Gleiches gilt für alte weiße Männer und den Feminismus. Im Unterschied zum Blauen Eisenhut, der bereits bei Hautkontakt zu Vergiftungen führt, können Berührungen mit Feminismus und alten weißen Männern durchaus heilsam wirken. Befreit von Angstzuständen und Weltschmerz blinzelt man in neue Welten, erstaunt darüber, dass Weiß für eine Nichtfarbe erstaunlich viele Schattierungen hat und deshalb kein Blatt, kein Mensch Deutungshoheit für den Feminismus beanspruchen kann. In der Hexenküche der weiblichen Kriminalliteratur findet sich einiges, was diese These untermauert. Christine Lehmann, Katja Bohnet und Camilla Läckberg sind zweifelsohne ein Trio Infernal des Suspense, in ihren Erzählweisen jedoch grundverschieden. Gemein ist ihnen eine gehörige Portion verbalen Digitalis, das so manch Leserherz gehörig zum Flattern bringen kann.

Christine Lehmann, kampferfahrene, bleistiftspitzenbewehrte Amazone des feministischen Krimis, zieht in ihrem neuen Band zusammen mit Ermittlerin Lisa Nerz den Feminismus am Schopfe aus der Subkultur rein in Die Zweite Welt: „Wir sind der Kulturkampf, in dem sich Wohl und Wehe der Welt entscheidet.“ Das ist ein hehrer Anspruch, den Lisa Nerz mit radikalem Esprit und schwesterlicher Gesinnung einlöst. Flankiert von Tuana, einer hochbegabten muslimischen Schülerin, heftet sich Nerz an die Fersen eines Frauenfeindes, der am Frauentag den verhassten Schlampen ein Blutbad androht. Das Schlüsselwort in diesem Krimi ist „Unglücksopportunismus“. Es benennt alle, die in einer dynamischen Gesellschaft, in der Identitäten oszillieren, überfordert sind: von Rechtspopulisten über gewaltbereite Unfren (unfreiwillig Enthaltsame) bis hin zu Eisenhut-Schrebergärtnern.

Die Stimme der Vernunft ist hier Tuana, die der schäumenden Nerz-Welt die nötige Portion Ratio injiziert. Das ist auch verdammt nötig, zumal Lisa Nerz nicht selten der von ihr verpönten „narrativen Verzerrung“ anheimzufallen droht. Der „Nerz-Wahn“ zeigt sich im „Femisprech“ der „Deppa“ und dem manchmal doch verkrampften Bestreben, superkorrekt zu sein. Lehmann lässt dann aber doch wieder den Kobold in Lisa Nerz hervorscheinen, sodass die Grenze zur Borniertheit nur selten überschritten wird. Das „Nerz-Universum“ mit „eigenen Institutionen von Recht und Moral“ muss man freilich zu betreten wagen. Da kann es schon mal passieren, dass einem Pussy-Riot-bemützte Frauen die Bratpfanne auf den Kopf hauen. Nix für Feiglinge also!

Mit derlei Utensilien gibt sich Katja Bohnet erst gar nicht ab. In der Altbauwohnung ihrer Kommissarin Rosa Lopez herrscht Kinder- und Küchenchaos. Gewütet und gemordet wird mittels einer sogenannten Saatkrähe, die einem mitnichten die Augen auspickt, sondern vielmehr die Birne wegschießt. Bei dieser Art Krähe handelt es sich nämlich um eine Jargyn PJa, die Dienstwaffe von Polizei und Militär in Russland. Viktor Saizew, LKA-Kommissar in Berlin, fliegt nach Moskau, um sich von einer Gehirnoperation zu erholen. „Business never stops“, gilt jedoch auch für diesen Ort. Kaum am Flughafen angelangt, wird Saizew zusammen mit der Influencerin Zoya Zeuge der Exekution eines regimekritischen Schriftstellers. Bei der Vernehmung droht Saizew ein alter Haftbefehl zum Verhängnis zu werden. Zoya, die mit dem Sohn des russischen Präsidenten verbandelt ist, befreit ihn für eine Gegenleistung aus der misslichen Lage.

Die wiedergewonnene Freiheit währt jedoch nicht lange: Saizew erwacht ohne jegliche Erinnerung in einer Blutlache und landet erneut im Knast. Mental unterstützen soll ihn nun seine sich im Mutterschaftsurlaub befindliche Kollegin Rosa Lopez, die es kaum erwarten kann, der Mama-Baby-Hölle zu entfliehen.

Katja Bohnet legt in ihrem dritten Roman nach Messertanz (2015) und Kerkerkind (2018) wieder gnadenlos den Finger in die Wunde weiblicher Existenz: Es gibt Momente, in denen der Keksgeruch eines Babyköpfchens einfach nicht über die „Diktatur des Mutterdaseins“ hinwegtrösten kann. In solchen Fällen muss man einfach die Muttermilch ins Waschbecken fließen lassen und dem Impuls folgen, hinaus in die Welt zu ziehen und Gerechtigkeit obsiegen zu lassen. Dass Moskau ein heikles Parkett für Verbrechensaufklärung ist, daran lässt Bohnet keinen Zweifel. Fake-News-Agenturen und Knastbrüder stehen einander in nichts nach.

Dass Krähentod dabei auch mit ein paar Zitaten gespickt ist, schadet nicht, denn Cronenbergs Eastern Promises zum Beispiel ist nicht die schlechteste Referenz. Dass Tattoos die Lingua franca der Gefängnisse sind, hat uns Viggo Mortensen im Film Prison – Rückkehr aus der Hölle bereits 1988 erklärt, und auch Saizew ist nicht ganz unbeleckt in dieser Sprache. Das ist von Vorteil in einer Welt, in der man nur überleben kann, wenn man „das wildeste Tier von allen“ ist. Diese klassisch männliche Symbolik durchbricht Bohnet jedoch immer wieder, indem sie Geschlechteridentität ganz selbstverständlich auflöst. Herrlich, wie Bohnet den alten Blondinenwitz auffrischt: Auf die Frage, ob Sie Antigone gelesen habe, antwortet die Oligarchengattin: „Sorry, aber die Zeitschrift kenne ich nicht.“ Sex und Geschlecht sind bei Bohnet Mittel zum Zweck, der Einsatz im großen Spiel der Rache.

R wie Revenge heißt es auch in Camilla Läckbergs Golden Cage. Die Waffen der Frau sind hier weder halb automatisch noch politisch. Faye, die Heldin der schwedischen Autorin, setzt auf knallhartes ökonomisches Kalkül und Geschäftssinn. Nichts verspricht einen größeren Return on Investment als die zielgerichtete finanzielle Zerstörung des Gegners. Der Feind ist in diesem Falle der eigene Ehemann. Nicht nur betrügt Jack Faye, er setzt sie auch noch ohne jegliche Entschädigung mit der Tochter auf die Straße, obwohl sie ihr Scherflein zum Aufbau seines Millionenimperiums beigetragen hatte. Während sich manch Betrogene nun verzweifelt in die Fluten stürzen oder dem Psychiater mit Dauersitzungen das Penthouse finanzieren würde, übt Faye Rache, indem sie dem Ex-Gatten den wirtschaftlichen Boden entzieht. Dass Rache ein Gericht ist, das man am besten kalt serviert, weiß man auch in Stockholm; ebenfalls, dass mehrere Köchinnen oft den besseren Brei zaubern. Bei Kochkünsten lässt es Faye jedoch nicht bewenden. Sie setzt, wenn es sein muss, auch den eigens für Rachezwecke optimierten Körper ein, um den verhassten Ex um den Verstand zu bringen. Das gemahnt manchmal an den Club der Teufelinnen und andere Female-Revenge-Storys. Die Power jedoch, die sich in Fayes Schachzügen entfaltet, ist so ansteckend, dass man lieber Eisenhut und Seidelbast verdorrenlässt und stattdessen einen Crashkurs in Mergers & Acquisitions belegt.

Ohne ökonomischen Zwang, und das ist gewiss eine feministische Einsicht, wirkt der alte weiße Mann weit weniger toxisch.

Info

Die zweite Welt Christine Lehmann Ariadne 2019, 256 S., 13 €

Krähentod Katja Bohnet Knaur 2019, 400 S., 14,99 €

Golden Cage. Trau ihm nicht. Trau niemandem Camilla Läckberg Katrin Frey (Übers.), Ullstein 2019, 384 S., 14,99 €

Dr. Ute Cohen wuchs in der fränkischen Provinz auf, lebte lange in Paris, heute in Berlin. Den Macarons hat sie abgeschworen, für ihre Liberté aber riskiert sie Kopf und Kragen. Ihr Debüt Satans Spielfeld (Septime Verlag 2017) erscheint bald als Hörbuch (Hörkultur Verlag)

06:00 15.04.2019
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