C’est la mort

Krimi Geht gut rein, die „Schwarze Fee“ aus dem Berlin der zwanziger Jahre, findet unsere Kolumnistin. Pathos und Kitsch verträgt sie weniger gut
C’est la mort
1925: Deutsche Soldaten bei einer Übung

Foto: Hulton Archive/Getty Images

Mit historischen Krimis verhält es sich wie mit einem Toast Hawaii: Der Blick zurück ist vergnüglich, die farbstoffgepimpte Cocktailkirsche kann die Magensäure aber gewaltig zum Brodeln bringen. Die Fiktionalisierung historischer Ereignisse geht vor allem dann in die Hose, wenn zugunsten der Spannung und des Bling-Blings die historische Wahrheit auf der Strecke bleibt. Faktenfälschung und Anachronismen stoßen einem doch sauer auf. Die Filmgeschichte ist das beste Beispiel dafür: Gladiatoren, die Flugblätter verteilen, stinken genauso zum Himmel wie Ozeandampfer im Roten Korsar. Für alle Historiker also eine Triggerwarnung: Zu Risiken und Nebenwirkungen befragen Sie bitte Ihren Geschichtsprofessor oder Wikipedia!

Wir indessen flacken uns auf die Couch und beamen uns mit ’ner „Grünen Fee“, pardon, Schwarzen Fee, in Kerstin Ehmers Berlin der zwanziger Jahre. Ehmers neuer Roman ist die Fortsetzung ihres Debüts Der Weiße Affe, der die historische Krimiszene ordentlich aus ihrer piefigen Verschlafenheit rüttelte. Während der erste Band um Kommissar Ariel Spiro den Plot mit üppigem Lokalkolorit und typischen Berliner Knallchargen staffierte, ist Ehmers Schwarze Fee ein hochpolitisches Buch, das dionysische Gefilde weit hinter sich lässt. Ehmer lässt ihren Kommissar vom Liebesleid geplagt durch eine von Syphilis zerfressene, von der Tscheka heimgesuchte Weimarer Republik irren, wo Zehen wie „ein Stück Dauerwurst“ abgeschnitten werden.

Giftmördern im russischen Emigrantenmilieu ist Spiro auf der Spur. Wären da nicht Adlige und Anarchisten, glaubte man sich fast mit Skripal auf einer Londoner Parkbank. So aber funkelt doch das Goldlamé und krepiert es sich spartanisch, ein Schicksal, das den wahren Kommunisten keineswegs schreckt: „Brüder, in eins nun die Hände. Brüder, das Sterben verlacht. Ewig, der Sklav’rei ein Ende, heilig die letzte Schlacht!“ Nastrovje!

Ehmers Schwarze Fee ist ein einziger Rausch. Trunken von Eros und Thanatos, im Banne eines von Bilsenkraut und Tollkirsche befeuerten Irrsinns, blicken wir in einen Abgrund, in dem sich Nazis und Kommunisten keilen. Kein schöner Anblick, wenn da nicht die strahlende Nemesis Nike wäre, eine brillante Rachegöttin, die bessere Zeiten wähnen lässt. Gegen den Niedergang der SPD ist offenbar aber auch sie machtlos, immer-hin paktierte die schon damals mit den Falschen.

Andere Zeiten, bessere Zeiten! 1919 – Es ist doch eine neue Zeit jetzt, heißt es bei Michael Heger. Kaum vorstellbar, aber wahr: 1919 floh die bayerische Regierung vor der Revolution in München ins fränkische Bamberg, flankiert von rechten Verschwörern. Am 7. April 1919 wurde die Bayerische Räterepublik ausgerufen, später von Freikorpsverbänden und Armeeeinheiten der Reichsregierung vernichtet. Das nur einen Monat währende sozialistische Experimentallabor Bayern verwandelte sich in eine Keimzelle des Nationalsozialismus. Heger lässt in dieser historischen Ausnahmesituation vier Kriegskameraden um Rache, Vergebung und Zukunft ringen.

Es ist das alte Lied: Gebe ich archaischen Rachegefühlen nach oder verhelfe ich im Glauben an eine irdische Gerechtigkeit der Vernunft zum Erfolg? Der Bamberger Brauer Gustav Grüner entdeckt im Gefolge der geflüchteten Ministerien seinen einstigen Peiniger, den Hauptmann Kirchner, einen Sadisten ersten Ranges. Kirchner schickte erbarmungslos Menschen in den Tod, ergötzte sich an deren Verstümmelung. Wie reagiert man, wenn man tatsächlich einen Täter in seine Gewalt bekommt? Heger zeichnet ein sensibles, glaubwürdiges Bild von zerrütteten Männern, die ihren inneren Kern, ihre moralische Ortung trotz aller Widrigkeit wiederfinden müssen. Das mutet manchmal freilich wie ein Fünf-Freunde- Buch an, dessen Setting irrtümlicherweise in Kriegszeiten verlagert wurde. Auch an Gefühligem spart Heger nicht: Da wird dem Heros klar, dass „Krieg und Liebe nicht einhergehen“ und „Blut vermischte sich mit Tränen“. Den Gipfel des Pathos erklimmt Heger, wenn er seinen Protagonisten eine flammende Rede im Namen der „Verstümmelten und Zermalmten“, der „verlorenen Seelen aus der Knochenmühle“ halten lässt. Ob man diese Sprache samt fränkischen „Fingerdratzern“ und verdrehten Ohren goutiert, ist Geschmackssache. Heger immerhin hat eine Message, die da lautet: Gewalt kann niemals mit Gewalt beendet werden! Das ist groß, das ist erhaben, Pathos hin oder her. Dass Heger aber auch Koks-Konrad, queere Brauer und liebende Wonder Women in seine „neue Zeit“ schmuggelt, zeigt, dass dieses Buch eben doch mehr ist als eine Apotheose der Männerfreundschaft.

Mit Schützengräben und Latrinen, einhändigen Pianisten und schmerbäuchigen Fieslingen in bayerischen „Ordnungszellen“ hat Eve Lamberts Die Tote mit dem Diamantcollier nicht das Geringste zu tun. Schreckt man nicht vor dem geschmacklosen Cover zurück, kann man durchaus Spaß haben mit diesem Fall für Jackie Dupont, auch wenn sich Rimbaud und Verlaine im Absinth-Rausch vermutlich auf trunkenen Schiffen davongemacht hätten bei der Lektüre dieses Reißbrettkrimis.

Lamberts Story liest sich wie eine Netflix-Episode von Riviera, aufgetunt mit einer Protagonistin, welche die Mädels aus Kill Bill im Bugatti aus der Kurve schleudert und mit Kampfsportkünsten stante pede außer Gefecht setzt.

Die Story spielt in Monaco, und wie nicht anders zu erwarten von dieser fabulösen Steueroase geht es um Kunst und Diamanten. Christopher St. Yves, ein englischer Adliger, befindet sich zusammen mit einer illustren Gesellschaft auf der Jacht eines Filmmoguls. Während sich die Gesellschaft bei Schampus und Häppchen amüsiert, wird plötzlich eine Leiche entdeckt. Zudem verschwindet das berühmte Bernadotte-Collier, mit dem Désirée Bernadotte zur Königin von Schweden gekrönt wurde. Nun kommt Jackie Dupont, eine mit schier übermenschlichen Fähigkeiten ausgestattete, von Natur und Gesellschaft privilegierte amerikanische Privatdetektivin ins Spiel. Eine herrliche Farce entwickelt sich nun mit einer urkomischen Besetzung: Polizisten, die wie Louis-de-Funès-Karikaturen durch die Szenerie hoppeln, ein schwindsüchtiger Adliger, gegen den sämtliche Riechsalz schnüffelnden ätherischen Damen der Literaturgeschichte wie taffe Amazonen wirken, und einer Jackie Dupont, die allen Rauchern und Lanvin-Fans höchsten Genuss bescheren wird. Das kann nur komisch gemeint, das mag nicht anders zu verstehen sein. Wie sonst ertrüge man Lächerlichkeiten wie diese: „Dabei kreisten seine Gedanken um die immer gleiche Frage: Wurde er wahnsinnig?“ Immerhin erträgt Jackie Dupont den Jammerlappen Kit selbst nicht mehr und macht sich vom südfranzösischen Acker.

Historische Wahrheit? Historische Freiheit? Wie sagt unser Lieblingsanarchist in Ehmers Schwarzer Fee so schön? „Die Freiheit seines Nächsten achten ist die Pflicht, sagt Bakunin. Was ist mit meiner Freiheit, ihr Arschkrampen?“

Info

Die schwarze Fee Kerstin Ehmer Pendragon 2019, 400 S., 18 €

1919 – Es ist doch eine neue Zeit jetzt Michael Heger Gmeiner Verlag 2019, 476 S., 16 €

Die Tote mit dem Diamantcollier Eve Lambert Penguin 2019, 368 S., 10 €

Dr. Ute Cohen wuchs in der fränkischen Provinz auf, lebte lange in Paris, heute in Berlin. Den Macarons hat sie abgeschworen, für ihre Liberté aber riskiert sie Kopf und Kragen. Satans Spielfeld (Septime Verlag 2017) hieß ihr Debüt. Im Frühjahr erscheint der neue Roman: Poor Dogs

06:00 17.11.2019
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