Christian Ulmen: "Blau und weiß sind unsere Farben"

Interview Zum Bundesliga-Start spricht der langjährige Hertha-Fan und Filmschauspieler über schreckliche Hymnen, große Talente und schöne Schals

Freitag.de: Sind Sie am Samstag zum Spiel gegen Hannover im Stadion?

Christian Ulmen: Leider nicht, ich muss arbeiten. Aber ich habe mir diesen Service für fünf Euro im Monat abonniert, mit dem man auf dem I-Phone die Konferenz verfolgen kann. Das werde ich tun.

Den Besuch im Stadion kann so etwas aber nicht ersetzen.
Das weiß ich, und es ist schmerzlich. Aber ich muss leider arbeiten. Noch bin ich nicht auf dem Niveau eines Jack Nicholson, der sich vertraglich zusichern lässt, dass bei Spielen seines Lieblingsvereins, den New York Yankees, nicht gedreht wird.

Darf ich fragen, wo Sie sitzen? Die Platznummer müssen Sie ja nicht verraten, nur die Gegend.
Ich bin gerade in München.

Ich meine im Olympiastadion.
Ich habe das große Glück, dass Hertha mich immer einlädt. Ich sitze dann oben in einer Loge. Das ist meistens direkt auf der Spielfeldmitte. Vorher saß ich immer im Oberring, Spielmitte. Sehr gute Plätze.

Nun aber können Sie die Bank und den Trainer viel besser beobachten. Was halten Sie von Favre?
Natürlich war man verärgert, dass er beim letzten Spiel Woronin und Friedrich nicht spielen ließ, dachte, wie kann der nur. Andererseits fand ich das – mir fällt kein schöneres Wort ein – eine coole Geste. Diese Standhaftigkeit von Favre hat uns ja ganz oft auch Punkte beschert. Das hätte ja auch gelingen können, ganz oft hat er ja mit Erfolg solche unpopulären Entscheidungen getroffen.

Sie als Experte gefragt: Hat Lucien Favre nicht eine etwas schwierige Medienpräsenz?
Finde ich ja gar nicht. Ich habe immer das Gefühl, dass er wahnsinnig freundliche Interviews gibt. Hinter den Kulissen mag er schwierig sein, aber was ich sehe und höre, finde ich angenehm. Sehr sympathisch, auf den Punkt gebracht, natürlich sagt er auch, wenn er über etwas nicht reden will, er ist nicht so redselig wie der Uli Hoeneß, aber er macht das ganz charmant. Ich habe wirklich großen Respekt vor ihm.

Wenn Sie das so sehen... Aber er gibt einem doch zu verstehen, dass er gar nicht sprechen will. Lieber will er arbeiten.
Er lässt zwar durchschimmern, dass er wenig Lust hat, Interviews zu geben, aber ich finde, dass er sich doch auf die Fragen einlässt, immer eine Antwort gibt, und sei sie nur ein Satz lang.

Sind Sie eigentlich Alleinseher?
Wie bitte?

Sitzen Sie auch so, dass Sie sich voll auf das Spiel konzentrieren können? Dass links und rechts keiner von Ihnen sitzt?
Ich bin meistens mit meiner Familie da, mit meiner Frau und meinem Sohn. Sie meinen aber wohl: nicht umgeben zu sein von Hertha-Fans, die einen umarmen, wenn das Tor gefallen ist? Aber das ist doch bei Hertha gar nicht nötig! Das Publikum ist eh sehr reserviert und kommt nicht aus sich heraus.

Das hat sich allerdings in der letzten Saison ein wenig geändert.
Ich habe ein Spiel erlebt, wo einer aufsprang und alle um ihn herum Sitzenden umarmte inklusive meiner Person. Ich fand das aber nicht schlecht, weil ich bei Hertha das Kollektiv immer vermisst habe, dieses gemeinsam laut werden. Es war ja nur der Fan-Block, der laut wurde. Und ich mag es eigentlich ganz gern in anderen Stadien, wenn alle die Mannschaft anfeuern.

Sind Sie denn als Fan erkennbar? Schal, Mütze?
Ich habe einen Schal.

Welchen?
Einen Schwarzen, bei dem an den Enden jeweils das Logo eingestickt ist.

Den VIP-Schal also.
Ja, ein schönes Kleidungsstück. Die Fan-Mode bei Hertha ist wirklich schwierig. Es dominieren die achtziger Jahre, die ärmellose Jeansjacke mit Stickern übersät.

Haben Sie ein Sitzkissen?
Nein, da wo ich sitze, ist bereits alles ausgepolstert.

Mit Heizung?
Nicht mit Heizung. Ich hatte allerdings, bevor Hertha mich einlud, ein Sitzkissen dabei, in so einer kleinen Eastpak-Tasche.

Es zieht ja manchmal schon sehr.
Es kann wirklich kalt werden im Olympiastadion. Es ist schlicht und ergreifend auch zu groß.

Können Sie das neue Hertha-Lied mitsingen?
(singt) „Blau und Weiß sind unsere Farben.“

Da folgt noch Text.
Nein. Es geht doch: „Blau und Weiß sind unsere Farben.“ Fertig.

Wie weiter?
Immer weiter: „Blau und Weiß sind unsere Farben.“

Sind Sie sicher?
Zu achtzig Prozent. Es ist eine grässliche Hymne. Eine solche Null-Leistung macht mich ganz traurig. (Anmerkung der Red.: Der vollständige Text lautet: „Blau-weiß sind unsere Farben/Hertha ist unser Verein/Wir werden dich im Herzen tragen und lassen dich niemals allein.“)

Sind es nicht die Fan-Beauftragten, die solche Hymnen fordern?
Nein, so etwas denkt sich die Marketing-Abteilung aus. Andere Clubs machen doch vor, wie man stilvolle Arbeit leistet. St. Pauli, auch Köln, von Barcelona ganz zu schweigen. Und in England ist der Fußball längst Teil der Popkultur geworden.

Kann hier noch eine Weile dauern. Aber Hertha hat ja angeblich die jüngsten Fans der Liga.
Ich glaube, das liegt daran, dass die Kinder von den ganzen Zugereisten, die selbst nie Hertha-Fans geworden sind, mit hoher Wahrscheinlichkeit Hertha-Fans werden. Das merke ich an meinem Sohn, der in Berlin geboren ist.

Ein Wort zu Patrick Ebert.
Ich mag ihn, man hört, dass er wohl so ein wenig schwierig sein soll. Schade, er ist ein wirklich guter Spieler, ausserdem kommt er aus dem eigenen Anbau.Es gab doch noch dieses andere Talent aus dem eigenen Stall. Ich erinnere mich aber nicht mehr an den Namen. Müller. Christian Müller. Er hatte große Schwierigkeiten, weil er immer wiederkehrende Verletzungen hatte, Entzündungen, die nicht abklangen. Infolge dieser Verletzungen hat er einen erheblichen Trainingsrückstand erlitten. Und damit ist das leider ausgegangen, ich weiß gar nicht, wo der jetzt ist.

Wem wir gerade dabei sind, gibt es Neues von Fredi Bobic zu berichten?
Er spielt immer noch bei den Hertha-Senioren, glaube ich. Hat er nicht ein Trainingszentrum in Kroatien aufgemacht?

Er ist doch Slowene.
Na, und, da kann man doch trotzdem ein Trainingszentrum in Kroatien aufmachen.

Bekannt wurde Christian Ulmen als Moderator des Senders MTV, 2003 spielte er die Hauptrolle in der Verfilmung des Romans Herr Lehmann, derzeit sorgt er mit seiner Kunstfigur Uwe Wöllner für Aufsehen

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16:30 04.08.2009

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