Crime Watch No. 121

Krimi-Kolumne Lawrence ist Streifenpolizist in einer heruntergekommenen Kleinstadt in Indiana. Wir schreiben die mittleren 1980er Jahre, die Reaganomics ruinieren ...

Lawrence ist Streifenpolizist in einer heruntergekommenen Kleinstadt in Indiana. Wir schreiben die mittleren 1980er Jahre, die Reaganomics ruinieren gerade das industrielle Herz der USA. Alles geht den Bach runter. Lawrences Ehe ist kaputt, seinen Sohn darf er nicht sehen, mit den Unterhaltszahlungen ist er im Rückstand, er hängt an der Flasche und sein treuer Hund Max muss sich, während Lawrence auf Schicht ist, im Keller die Seele aus dem Leib kläffen.

An Halloween wird alles noch schlimmer. Lawrence findet die Leiche eines kleinen Mädchens, das augenscheinlich überfahren worden ist. Offensichtlich vom einzigen Hoffnungsträger der Gemeinde, dem Jung-Football-Star des örtlichen Colleges. Der Bürgermeister und der Polizeichef der Stadt versuchen, die Angelegenheit zu vertuschen. Lawrence muss diese Vertuschung betreiben, denn die beiden Herren hatten ihm ehemals noch eine Chance gegeben, als er mit der Waffe auf seine Ex-Frau losgegangen war. Natürlich kommt alles noch viel, viel, viel schlimmer, denn dem Bürgermeister geht es um wesentlich mehr als um die Reinwaschung eines local hero.

Je mehr Wahrheitssplitter an den Tag kommen, desto tiefer sinkt Cop Lawrence, bis nur noch die selbst vom Leben arg gebeutelte und frustrierte Lois mit dem goldenen Herzen und deren hassspuckender Papagei zu ihm halten. Kein Frage, Schlafende Engel, der Roman des in den USA lebenden Iren Michael Collins, ist ein extrem deprimierendes Buch. Die schlechte Kleidung der Leute, die schrecklichen Toupets, das grausame Essen, die grusligen TV-Spots, die ekelhafte Gesinnung der schweigenden Mehrheit, das miese Wetter, die öde Landschaft, die Kretins und Brutalinskis, Krebs, Tod, Gier und Wahnsinn allenthalben und eine ganze Siedlung von Holocaust-Opfern als Spekulationsobjekt von Immobiliengeiern - o jemine!

Mit anderen Worten: Schlafende Engel ist ein unfreiwillig komisches Buch. Bemerkenswert ist es, weil es paradigmatisch für einen Trend ist: Collins ist ein feinsinniger Literat mit Booker Prize Nominierung, der "Genre" nur contre cœur benutzt, weil die Rubrizierung angeblich hilft, Bücher zu verkaufen, bzw. überhaupt verlegt zu bekommen, wie er in einem Interview mit dem Internet-Magazin Three Monkeys andeutet. In den 1980er spielt das Buch also nur deshalb, weil, laut Collins, damals die Kriminaltechnologie noch nicht so weit war, den erzählten Fall innerhalb von Minuten zu lösen. Außerdem, so plaudert der Autor weiter, interessiere ihn der ganze Detektiv-Kram sowie nicht. Da genüge es Fernsehen zu schauen, da brauche man nicht zu recherchieren. Wie also jetzt?

Ein Roman über den Niedergang einer Figur, deren Beruf, durch den die Handlung nur möglich wird, den Autor überhaupt nicht interessiert? Was dann? Noch eine schonungslose Parabel über die Verlogenheit des American Dream? Aber warum? Im Jahr 2004, in einem Genre und in einem Setting, in dem Autoren wie Ray Bradbury, Ross Thomas, William Faulkner oder Jim Thompson seit einem halben Jahrhundert Meisterwerke der Weltliteratur abgeliefert haben - indem sie das kleinstädtische USA in aller Dialektik seziert, analysiert und durchleuchtet haben, als Schauplatz des großen Welttheaters?

Gutwillig könnte man vermuten, dass sich Collins um ein Gegenstück zu Jim Thompsons Romane The Killer inside me beziehungsweise Pop 1280 bemüht hat und verheerend gescheitert ist. Aber auch das scheint mir zu bemüht, wenn man etwa Thompsons Brillanz, Witz, Sprachgewalt und polemischen Aplomp mit Collins´ amateurhaftem Versuch mittels Anhäufung von Genre-Standards irgendetwas Erkenntnisförderndes, irgendetwas ästhetisch Erhellendes zu schaffen, vergleicht. Keine Komik, keine Brechung, keine Reflexion, keine Wucht, nur das eindimensionale Bedienen einer Stimmungserwartung - black as black can.

Schlafende Engel ist ein unbehagliches Exempel dafür, was mit der vieldiskutierten "Literarisierung der Kriminalliteratur" gemeint sein könnte: Die Etikettierung irgendwelcher Texte zwecks besserer Verkäuflichkeit; die Entsemantisierung von Merkmalen des Genres für uneinsichtige Zwecke, und das gottergebene Vertrauen in einen Markt, der ästhetisches Gedächtnis und ästhetisches Vergleichen irrelevant zu machen sucht. So kommt ein Genre in den Ruch, das zu sein, was der Literaturbetrieb gerade aus ihm macht: Trivialliteratur.

Michael Collins: Schlafende Engel (Lost Souls, 2004). Roman. Deutsch von Eva Bonné. Btb, München 2007, 349 S., 9 EUR


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00:00 25.05.2007

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