Da wird der Mittelmeerer zum Alpenfreund!

Literatur Professor Schütz liest über Land und See, ganz ohne Insekten geht es aber einmal mehr auch nicht
Da wird der Mittelmeerer zum Alpenfreund!
Margarete „Meta“ Breevort mit Hund Tschingel, hier die Zweite von rechts

Foto: Wikimedia Commons

Andreas Lesti ist prädestiniert für die Region oberhalb der Baumgrenze. Wo andere von Erschöpfung und Schwindel gepeinigt sind, geht es bei ihm erst los. Er, der ausweislich der biografischen Notiz selbst Alpinist ist, ist jedenfalls ein glänzender Autor, der keine Atemmaske braucht, um oben anzukommen. Hier führt er auf allerlei Gipfel der Welt, naturgemäß anhand allerlei Figuren und Zeiten – und selbst mich, einen eingefleischten Mittelmeerer (was wahrscheinlich für Alpinisten das Pendant eines Warmduschers ist), in Versuchung, die Welt lieber von oben anzuschauen. Wäre nur nicht das Hinaufkommen. Dazu braucht es unter anderem gute Bergführer, denen Belsazar Hacquet 1785 abverlangte, möglichst „ohne Leibesgebrechen“ zu sein. Lesti ist ein sehr guter Bergführer, der seine Begleiter, „schneidige Teufelskerle und furchtlose Frauenzimmer“, locker lehrreich Revue passieren lässt. Von Goethe, den es am Furka-Paß beinahe erwischt hätte und der später etwas „Barbarisches, Gottloses in dieser Leidenschaft“ des Kraxelns erblickte, über Alexander von Humboldt, der auf dem canarischen Teide für den Chimborazo übte, die Brüder Schlagintweit, die seinen Rekord einstellten und das Maul ziemlich voll nahmen, zu bemerkenswerten Frauen wie Jemima Morell, die Thomas Cooks Exploration der Schweiz begleitete und fein zwischen realen und eingebildeten Gefahren schied, über Meta Brevoort, die im Gegensatz zu ihrer Mischlingshündin Tschingel nie in den Alpine Club aufgenommen wurde, bis zu Wanda Rutkiewicz, die 1986 als erste Frau den besonders schwierigen K2 bezwang. Ein feines Alpin-Brevier!

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Werner Bätzing hat vor Jahren einen Klassiker über die Alpen geschrieben, freilich weniger aus sportiver denn kulturgeschichtlicher Perspektive. Nun begibt er sich auf ein weites Feld. Das Land, auf das man sich im Decamerone noch vor der Pest zurückziehen konnte, gibt es ja allenfalls noch in jenen Zeitschriften, deren Titel mit „Land-“ anfängt. Die Mast- und Schlachtplantagen, die Rapsteppiche bis zum Horizont sind eher nicht die Gegenden für die begehrte Bukolik à la campagne. Aber ein Teil jener Realität, der sich der Kulturgeograf Bätzing äußerst kundig in klar strukturierter Darstellung stellt. Da geht es weit zurück, in unser aller Herkunft aus der Landwirtschaft, um gegen Mitte des Buchs mählich in deren Modernisierung in den 1980ern anzulangen. Dann geht es stracks auf uns zu, auf unsere Scheidewege. Damit es nicht bei Agrarwüsten einerseits und Wildnisrelikten andererseits bleibe, damit dazwischen denn doch jene urbanisierte Ländlichkeit eine Chance habe, die der Idiotie des Landlebens Paroli bietet, setzt er auf regionalplanerische Raumordnung – und auch ein wenig auf die Vorstellungen jener, die am Wochenende der Landlust frönen.

Bleibt das Meer. Eins, von dem manche sagen, es sei das ureuropäische, andere, es sei eigentlich gar keins – das Schwarze Meer. Jens Mühling hat es umrundet. Was dabei herausgekommen ist, ist nicht ein Umrundungsbuch mehr, sondern ein Stück hoher Wahrnehmungs-, Wissens- und Darstellungskunst. Seit die Römer die Küsten vor allem der beweglichen Sardinenschwärme wegen kolonisierten, ist die Gegend in Unruhe und Veränderung. Sechs Anrainerländer, das scheint festzustehen: Russland, Georgien, Türkei, Bulgarien, Rumänien, Ukraine. Unversehens kommen andere, abtrünnige oder abgetrennte hinzu. Beginnend in der Krim, den einen urrussisch, den anderen ukrainisch, aber tatsächlich zuvor tatarisch. Menschen, Städte und Landschaft in Beharrung und Bewegung zugleich. Ein Oligarch, der in Georgien uralte Bäume auf sein Grundstück verfrachtet, wie seinerzeit in Sotschi die Palmen herangekarrt wurden, um es zu einer mediterranen Stadt zu machen. Nachbarn, „die sich jahrzehntelang Restauranttische teilen“, aber sich „plötzlich sehr fremd werden“, der vermeintlich urverwurzelte Türkenpatriarch, der mit Almanya skypt. Wiederum eine national gemischte Fischertruppe im Donaudelta, das sich selbst unentwegt verändert. Und, und – und dagegen wiederum die vermeintlichen Kräfte der Beharrung und realen der Bornierung. Eine Welt in der Welt – wunderbar geschildert.

Und nach der Durchmusterung der besteig-, bewohn-, wandel- und umrundbaren Welt noch ein verstohlener Blick auf die Ureigner dieser und überhaupt der Welt. „Die wahren Herren“ nennt der wenig zögerliche Untertitel diejenigen, die uns zumindest vier Füße voraus haben. Insekten also mal wieder. Doch statt herrschaftlich geht es hier eher nutzensorientiert zu. Maden, wie die einschlägig Krimifrequentierende weiß, als Indikatoren in Mordfällen. Insekten als Nahrung zum Beispiel oder Heilmittel. Bemerkenswert: In Indien wurden vor 3.000 Jahren die Mandibeln von Holzameisen zum Verklammern von Wunden benutzt. Und derlei mehr. Ameisen also, Wanzen, Maden, Grillen und Co. Bienlein naturgemäß nicht zu vergessen! Das ist amerikanisch versiert erzählt. Vielleicht mehr unterhalt- als belehrsam, aber allemal nett und auch nützlich.

Info

Das ist doch der Gipfel. Geschichten von den Bergen der Welt Andreas Lesti Bergwelten 2020, 143 S., 18 €

Das Landleben. Geschichte und Zukunft einer Lebensform Werner Bätzing C. H. Beck 2020, 302 S., 26 €

Schwere See. Eine Reise um das Schwarze Meer Jens Mühling Rowohlt 2020, 314 S., 22 €

Planet der Insekten. Zu Besuch bei den wahren Herrschern der Erde David MacNeal Aufbau 2020, 363 S., 24 €

06:00 24.05.2020

Ausgabe 22/2020

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