Das Genie nimmt sich, was es braucht

Genussverstärker Der apokalyptische Enthusiast Bob Dylan schreibt (k)eine Chronik seines Lebens

Erst auf Seite 299 erwähnt Bob Dylan den französischen Symbolisten Rimbaud, dessen "Je est un autre" ihm immer schon eingeleuchtet hatte, spätestens seit dem Zeitpunkt, als aus dem aus Hibbing im amerikanischen Minnesota stammenden Robert Allen Zimmerman Bob Dylan wurde.

Dylans Entschluss, seine Autobiografie im Stile einer Chronik zu verfassen, überrascht. Der große Anonymus und Meister der Maskeraden schlüpft in die Rolle dessen, der nur die Wahrheit sagen und schreiben will, nur sie und nichts als sie, obwohl er doch darum weiß, dass es "die" Wahrheit gar nicht gibt. Beim ersten Lesen entsteht also die Impression der schnörkellosen Direktheit, der metaphernfreien Unmittelbarkeit, ja manchmal (sozusagen dylanttantischen) Simplizität, die jeglichem Perfektionismus die kalte Schulter zeigt. Dylan liebt das Spiel mit Klischees, ob sie nun der Charakterisierung von Alltagsmenschen (sagen wir einmal dem Koch eines Folkclubs der Sechziger), von Managern oder Kollegen (Albert Grossman oder Joan Baez) oder von berühmten Größen der Literatur (einem Balzac oder Faulkner) gelten. Doch man lasse sich nicht täuschen. Das Werk, der erste Band des Projekts, ist nicht ohne Raffinesse konzipiert.

In fünf Akten entfaltet Dylan das Szenario der Anfänge, den (selten faulen) Zauber der Folkszene, in harten Schnitten kontrastiert mit dem physischen Desaster und artistischen Tiefpunkt der achtziger Jahre. Die Zahl der Auslassungen ist beachtlich: Der Leser erfährt (noch) nichts über die Geniezeit des Autors: die Jahre zwischen The Freewheelin` Bob Dylan - Gisbert Haefs übersetzt das in seiner neuen Übertragung mit Im Freilauf - und Blonde On Blonde, dem Album, den der deutsche Rolling Stone eben erst zum besten Album aller Zeiten gekürt hat. Nichts also über das temporäre Paradies der jungen Jahre, in dem - ganz kulturrevolutionär - davon geträumt wurde, die Popkultur könne avantgardistisch werden und die Avantgarde populär. Natürlich erfahren wir auch nichts über die Verwerfungen in Dylans Privatleben (zumal seiner schmerzhaften Scheidung), von seinem Umgang mit bewusstseinserweiternden Substanzen, vom Erotiker Dylan. Immerhin verweist der Chronist auf seine frühe und intensive Vorliebe für die Figur des Don Juan, jenes Säulenheiligen des Es, den Lord Byron imaginierte und Peter Handke eben erst selbst von sich hat erzählen lassen.

Dass Dylan, der Anti-Entertainer par exellence, in Konzerten kaum eine Miene verzieht und überaus selten lächelt, ist bekannt. Umso überraschender ist die Begegnung mit dem Enthusiasten Dylan in seinen Erinnerungen. Ein Großteil des Buchs sind enthusiastische Panegyriken. Dylan erinnert die Faszinationen, die Musiker des Delta Blues bis zu zeitgenössischen Folkies der New Yorker Szene auf ihn ausübten, wie er den (großgeschrieben) Traditionen der unsichtbaren amerikanischen Republik, von der Jahrzehnte später Marcus Greil schrieb, nachforschte, ihnen nacheiferte, sie sich anverwandelte. Woody Guthrie, Robert Johnson, Dave Van Ronk, Peggy Seeger, Josh White, Reverend Gary Davis ... - der Autor ist manchmal verliebt in die Vergegenwärtigung bekannter und weniger bekannter Repräsentanten jener musikalischen Gegenwelt zur verachteten Tin Pan Alley der Musikindustrie. Neben den Größen des Hardcore-Folk zollt Dylan dem großen Jazz und Bebop seiner Zeit seinen Respekt. Er hört viel Johnny Cole, Red Garland, Don Byas, Roland Kirik, Gil Evan, Dizzy Gillespie, Charlie Parker, zieht Parallelen zu Miles Davis, der wie er den Puristen zum Ärgernis wurde.

Ausgesprochen mirakulös bleibt dem Leser, wie der Provinzler aus Minnesota im Moloch New York binnen kürzester Zeit zum Intellektuellen wie Show-Star avancieren konnte. Dylan erlebt in seinen ersten Monaten und Jahren in der Weltstadt einen Bildungsroman sui generis. Neben der Musik (und Mode) der Folkszene erschließt er sich die Welt der Kultur. Freunde und Freundinnen, die ihn mit einer fast antiken Gastfreundschaft aufnehmen, bei sich wohnen und sich bilden lassen, machen ihn, der Onkel Toms Hütte als Jugendlicher mochte, bekannt mit der ganz anderen Welt, der großen Kunst und Literatur. Dylan, verspäteter Nachfahre des Sartre von Les Mots, verschlingt eine umfängliche Privatbibliothek, in der er für sich die Welt des Geistes von Thukydides bis Nietzsche und darüber hinaus im Schnelldurchgang entdeckt; der allem scholastischen Rezipieren abgeneigte Autodidakt will so revolutionär sein wie Woody Guthrie und Pablo Picasso. Wir verstehen: Das Genie schert sich nicht um kulturelle Objektivität, es nimmt, was es braucht, es wirft weg, was unnötig geworden ist. Braucht - wofür?

Dylans Obsession ist der (Folk-)Song. Durch ihn erforscht er das Universum. Er ist sein Reiseführer auf dem Weg zu einer anderen Wahrnehmung der Wirklichkeit, in ein anderes Land, ein befreites Land. Er glaubt, Folksinger könnten den Gehalt der Großen (auch der philosophischen und religiösen) Erzählungen in wenige Strophen bannen. Durch dieses Credo wird Dylan zum "Songwriter-Planeten", zum "großen Lehrer, einer unerschöpflichen Quelle" (Tom Waits). Die Begegnung mit Bertolt Brecht verwies Dylan darauf, dass er sein Ziel nur erreichen konnte, wenn er, dem die Attitüde des Tabubrechers wenig interessant war, die Grenzen des Gewohnten überschritt. So brach er mit der großen Songwriter-Tradition eines Hank Williams, er studierte die Technik etwa des Autors der Dreigroschenoper in der Absicht, den Song zum Medium der verdichteten Aneignung von unverkürzter Wirklichkeitserfahrung zu machen. Sehr genau weiß Dylan, dass er mit Song-Poemen wie It´s Alright, Ma diesem Telos am nächsten gekommen ist.

Dylans Buch ist aber nicht nur eine Art Bildungsroman, sondern auch ein Werk der Brüche und der Ironie. Die Skizze der Verleihung eines ersten Ehrendoktortitels in Princeton ist ebenso ein kleines Meisterstück des Sarkasmus wie die antiintellektuellen Etüden über Beethoven und andere Kulturheroen. Es macht einfach Spaß zu rezipieren, wie pietätvoll Dylan nach seinen beinahe rüpelhaften Desavouierungen seine Lektüre von Thukydides skizziert. Der Mann, der in seinen besten Lyrics gezeigt hat, dass unsere Welt ein Chaos ist und ein gigantisches Bordell, hat Geschmack und kann es sich erlauben, einen Clausewitz zu goutieren und einen Machiavelli zu korrigieren. Und er kann es sich leisten, sich selbst am Rande des artistischen Abgrunds zu zeigen.

En passant entmythologisiert er Woodstock, indem er die selbsternannte Politik- und Hippie-Avantgarde hassvoll-realistisch beschreibt. Eine Gnadenlosigkeit, die sich aus zwei Quellen speist: Aus der Erfahrung dessen, der gegen seinen erbitterten Widerstand zum Sprachrohr und Messias gemacht wurde, vor dessen Haus Demonstrationen stattfinden, die ihn in diese Rolle zurückzwingen sollen; und aus dem frühen Wissen darum, dass die "Political World" eine Welt "roher Barbaren" ist, die den Globus überrennen und ihm ihre Vorstellungen von Geografie aufzwingen.

Wie der Chronist von der Hölle der achtziger Jahre berichtet, ist mehr als bemerkenswert. Er erzählt, dass er damals eine Handverletzung davontrug, die dem Musiker das Musizieren unmöglich machte, dass er in der Krisenzeit kurzfristig den Plan verfolgte, sich ganz aus der Kunst zurückzuziehen. Er wollte Geschäftsmann werden, mit Hilfe seines Gewährsmanns, eines Mechanikers. Doch er erkannte: Hier handelte es sich um eine seiner "Ideenkakophonien". So schrieb der "Seiltänzer" (Schmitt-Joos) die Songs seines Albums Oh Mercy und zog gen New Orleans, einer der schönsten Städte des Globus, um eines seiner schönsten späten Alben aufzunehmen. Jetzt nicht mehr in dem atemberaubenden Tempo seiner Frühzeit, sondern unter Qualen, Selbstzweifeln und mit der nicht immer geliebten Hilfe von Daniel Lanois.

Gleichzeitig mit den Chronicles ist Gisbert Haefs Neuübersetzung der Lyrics 1962 - 2001 erschienen. Endlich werden Perlen wie Angelina (1981) oder das lyrisch noch unentdeckte Spätalbum Love and Theft ins verdiente Rampenlicht gerückt. Haefs legt ein gutes Stück professioneller Arbeit vor. Das war von dem Borges- und Kipling-Übersetzer, der auch Autor von Science-Fiction- und Kriminalromanen ist, selbst musiziert und Features über französische Chansonniers wie Brassens oder Brel gemacht hat, auch nicht anders zu erwarten. Anders als der grandios scheiternde Wolf Biermann präsentiert Haefs keine Nachdichtung, er will nur - so gibt er im Vorwort Rechenschaft - "möglichst genau Inhalt und Tonfall des Textes wiedergeben". Auf von seinen Vorgängern gemachte (wenn auch nicht immer zu verantwortende) Fehler will er verzichten: auf verdrehte Syntax mit metrischen Willkürakten ebenso wie auf Zwangsreime oder Missgriffe hinsichtlich der Sprachebenen. Haefs legt uns also eigentlich keine (singbaren) Lyrics vor, sondern ein Arbeitsbuch, das die Sehnsucht zur Rückkehr nach dem Original beflügelt und durchaus zum intellektuellen Genussverstärker wird. Der Übersetzer musste auch dieses Mal mit Vorgaben von Dylans Management zurechtkommen. Nicht möglich war - leider! - ein ausführlicher Kommentarteil, der doch erst des Autors Spiel mit Volks- und Kinderliedern, Zeilen von William Blake und Robert Browning, einer englischen Baudelaire-Übersetzung oder dem Blues-Universum gerade dem deutschen Publikum ganz verständlich machen könnte. Und was ergäbe eine Erschließung der intertextuellen Aspekte etwa bei den schier unübersetzbaren "Basement Tapes"! So bleibt uns nur der Griff zu Micael Grays 3. Version von Song and Dance Man, (2003), dem wohl bislang profundesten Resultat weltweiter Dylanologie. Die Debatte über die Vorzüge und Nachteile der neuen Übersetzung und der alten Weissner-Hartmann-Übersetzung (Lyrics 1962-1985) hat erst begonnen, wird aber Haefs Version wohl nicht als die schlechteste aller möglichen Welten erweisen. Wer eine Pause von solchen anglistischen Debatten braucht, möge zum Sean Penn präsentierenden Hörbuch der Chronicles greifen oder besser noch zu einer der klassischen Platen des "Dada-Königs" (Baez über Dylan).

Natürlich wird er, der meist rezipierte Lyriker unserer Tage, trotz zweitem großen Prosawerk und trotz Vorlage einer gesicherten und autorisierten Textfassung seiner Songs (und trotz des wohlbegründeten Plädoyers Biermanns) nicht den Nobelpreis für Literatur erhalten. Aber dieses Schicksal teilt er mit Woody Guthrie und mit Bert Brecht.

Bob Dylan, Chronicles, Volume One. Hoffmann und Campe, Hamburg 2004, 304 S.,
22 EUR

Bob Dylan, Lyrics 1962-2001. Sämtliche Texte. Deutsch von Gisbert Haefs. Hoffmann und Campe, Hamburg 2004, 1152 S., 39,95 EUR


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00:00 19.11.2004

Ausgabe 39/2020

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