Das Grauen zeigen

Holocaust Seweryna Szmaglewska schildert den Alltag im KZ Auschwitz-Birkenau
Das Grauen zeigen
Schuhwerk der Häftlinge vom Konzentrationslager Auschwitz, ausgestellt in einer Gedenkstätte im polnischen Oświęcim

Foto: Scott Barbour/Getty Images

Seweryna Szmaglewska überlebte Auschwitz. 1942, da war sie 26 Jahre alt, wird sie ins Lager Auschwitz-Birkenau gebracht. Im Februar 1945 schon – ihr war im Januar 1945 die Flucht von einem Todesmarsch geglückt – begann sie, ihre Erinnerungen aufzuschreiben. Da wurden viele der Geschundenen noch durch das verschneite Land getrieben. Sie kam sich vor wie eine Kriegsreporterin, heißt es im Nachwort.

In Freiheit stellt sie fest, dass die Menschen nur wenig über Auschwitz wissen. Schon im Lager hat sie heimlich aus dem Lageralltag notiert und gezeichnet. Ihr Buch sieht sie als „politische Arbeit in Sachen Frieden“. Geradezu atemlos schreibt sie, für die Toten und die Lebenden, für die, die im Lager blieben, und die, die sich auf Todesmärschen dahinschleppen. Sie zwingt sich „ein Arbeitspensum auf, das in etwa ihrem Marschtag entsprechen musste“. „Ich stellte mir den Wecker auf fünf Uhr früh und schrieb bis zur Dämmerung.“

Die Diskrepanz zwischen der kühlen Distanz der Beobachterin und der fast zärtlichen Beschreibung der Frauen in Birkenau macht das Buch so besonders. Die Diskrepanz auch zwischen ihrer reichen, bildhaften, ja schönen Sprache und dem beschriebenen Grauen. Schonungslos nimmt sie uns mit in den Lageralltag. Das Lesen schmerzt, sie erspart uns nichts. Nichts umschreibt sie. Darin liegt der Schrecken des Buches. „Auf einem Platz zwischen den Blocks, vor dem Hintergrund des blühenden Rasens, spielt ein gut eingeübtes Gefangenenorchester. Es spielt die Melodien, die jedem von den Tageszeiten bekannt sind, zu denen man zur Arbeit geht und von ihr zurückkommt. Die Melodien, bei deren Klang wir, die Gefangenen, bis ans Ende unseres Lebens die wie Gespenster dahingleitenden Todgeweihten sehen werden, in deren Rhythmus wir gewohnt sind, die ins Lager getragenen Leichen der bei der Arbeit getöteten Kameraden zu zählen, aus denen wir immer, noch nach Jahren, die schweren Schritte der Märtyrer von Auschwitz heraushören werden.“

Auschwitz war den Gefangenen ja Alltag. Ein Alltag aus Mord, Dreck, Blut, Schreien, Schlamm, Kälte, Hitze, Hunger, Durst, wenig Schlaf, ständigem Verlieren von Freundinnen, unablässiger Erniedrigung und immer, jede Stunde jeden Tages, jeden Tag in jedem Jahr, Angst, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung.

Das Vergessen zu hemmen, nun, 76 Jahre nach der Befreiung der letzten Überlebenden durch die Rote Armee, das ist das große Verdienst dieses Buches. Die Szenen, die sich der Leserin und dem Leser in die Gedanken brennen, die sich albtraumartig einnisten durch ihre sprachliche Dichte und die Großartigkeit des schriftstellerischen Talents von Seweryna Szmaglewska, hemmen vielleicht auch die heute wieder auftreibende Unmenschlichkeit. Je weiter entfernt die deutschen Verbrechen in der Geschichte liegen, umso intensiver muss ihre Erzählung werden. Es braucht Bilder des Grauens in Büchern, wie dieses eines ist.

Es ist ein Trend geworden, die Fotografien der Leichenberge, die Super-8-Filme von den Folterungen, die Ansichten von getöteten Kindern und Säuglingen vor den Augen der Öffentlichkeit zu verbergen. Begründet wird diese neue, sanfte Lauheit des Gedenkens mit dem Schutz von Persönlichkeitsrechten der Opfer und dem Schutz der Besucher der Konzentrations- und Vernichtungslager, Gedenkstätten und Museen vor zu großem Erschrecken. Was immer diesem Trend entgegenwirkt, der nicht die Opfer schützt, sondern die Täter, ob er es will oder nicht, ist gut.

Dieses Buch ist eine Empfehlung für den Unterricht an deutschen Schulen. Damit das Grauen und mit ihm die Angst und die Furcht vor dem millionenfachen Morden auch die erfassen, die morgen dafür sorgen müssen, dass es sich nicht wiederholt.

Info

Die Frauen von Birkenau Seweryna Szmaglewska Schöffling & Co. 2020, 456 S., 28 €

Simone Barrientos ist kulturpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag. Jedes Jahr am 2. August fährt sie nach Auschwitz, um am Gedenken für die Opfer der Sinti und Roma teilzunehmen

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06:00 14.02.2021

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