Das Ich. Wer? Ich?

Identität Die Nominierten für den Preis der Leipziger Buchmesse erzählen von der ewigen Selbstsuche
Das Ich. Wer? Ich?

Foto: Nora Hollstein/Connected Archives

Dass die Gegenwartsliteratur in den vergangenen Jahren streitbarer und politischer wurde, lässt sich kaum bestreiten. Im Schatten des Klimawandels sowie der Polarisierung der Gesellschaft etablierte sich eine neue Ernsthaftigkeit. Literatur, von Michael Kleeberg über Monika Maron bis hin zu Juli Zeh, wurde zum Medium der Kritik, der Dystopie, manchmal gar zur versuchten Weltrettung. Indessen scheint sich bei einigen AutorInnen jedoch auch eine Tendenzwende abzuzeichnen. Sie bildet sich allen voran in der Liste der Nominierten für den Preis der Leipziger Buchmesse ab: Statt des öffentlichen gerät nun verstärkt das private Leben in den Blick. Die SchriftstellerInnen fragen nach der Identität, nach dem, was den Vereinzelten ausmacht in einer sich permanent verändernden Welt.

Am deutlichsten fällt dies etwa in Judith Hermanns Roman Daheim ins Auge. Nachdem ihre Protagonistin ihr Stadtleben hinter sich gelassen hat, zieht sie in ein verlassenes Haus an der Küste, arbeitet in einer Hafenkneipe und baut sich langsam ein neues soziales Umfeld auf. Währenddessen schreibt sie Briefe an ihren Ex-Mann. Wie viel Vergangenheit kann man zulassen, ohne den Blick für das Hier und Heute zu verlieren? Und ist das Zuhause ein Ort oder doch eher eine Vorstellung von einem Damals?

Alle von der Jury benannten Werke veranschaulichen: Identität gibt es nicht ohne Erinnerung, nicht ohne die Aufarbeitung zurückliegender Zeiten. Verdichtet wird diese Erkenntnis gleich zweifach in Elternfiguren. Konflikte und späte Versöhnung zeichnen die komplizierten Beziehungen sowohl in Helga Schuberts Vom Aufstehen. Ein Leben in Geschichten als auch Christian Krachts Eurotrash aus. Während Erstere ihren Frieden mit ihrer Mutter nach deren Tod findet, gelingt dem Pop-Literaten in seiner fiktionalisierten Biografie der Brückenbau hingegen noch in deren späten Jahren. Genauer gesagt: auf einer Reise durch die Schweiz. Langsam findet ein Sohn wieder seinen Umgang zu seiner Mutter, obgleich im Hintergrund noch immer die nie aufgearbeitete Nazi-Vergangenheit seines Großvaters schwelt.

Wie die Werke demonstrieren, versteht sich Identität als fluides Konstrukt. Sie erweist sich als dynamisch, und zwar heute mehr denn je. Nicht zuletzt deshalb wurde wohl just in einem offenen Brief beklagt, die Auswahl der Nominierten repräsentiere nicht die Diversität der Gesellschaft. Kritisch zu fragen wäre hier aber, ob nicht ästhetische Qualität der alleinige Anspruch für einen Buch- und nicht vornehmlich Personenpreis sein sollte. Wie dem auch sei: Die Vorstellung der Beweglichkeit und Vielfalt der Identitätsvorstellungen ist nicht alt. Bestimmten in der Vormoderne primär die Bedingungen des Standes, wer man zu sein hatte, so ist das Subjekt des 21. Jahrhunderts emanzipiert. Ist dieses Geworfensein in die Existenz Fluch oder Segen? Schwer zu sagen. Trotz aller Freiheiten mögen die Gefahren für Entfremdung gegenüber sich selbst und der Gesellschaft in unseren Tagen weitaus größer sein. Unzählige Rollenbilder und -anforderungen wirken auf uns ein. Performance wird in der Leistungsgesellschaft im Beruf, in der Funktion als Mutter oder Vater und im Freizeitstress gefordert. Kurzum, immer wieder steht das Ich vor Zerreißproben.

Die Literatur kann auf dieses Ineinander und Gegeneinander von Ansprüchen mit zwei Strategien reagieren. Zum einen mit Ironie. So zu beobachten in Iris Hanikas fulminantem Großstadtroman Echos Kammern, der zwischen einer Amour fou und New Yorker Partyexzessen spielerisch Ovids Sage von Narziss verarbeitet. Indem dieser sich im Wasser in sein eigenes Spiegelbild verliebt, wird er in dem Text über eine Schriftstellerin zum Vorbild für das Instagram-Ich unserer Epoche.

Einen anderen Weg verspricht das zärtliche Diarium da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete Friederike Mayröckers, der Grande Dame und noch immer geheimen Nobelpreiskandidatin der österreichischen Literatur. Sie greift in ihrem gesamten Spätwerk das Altern als Teil der Identität auf. All die Gebrechen, all die verstorbenen Freunde, die Einsamkeit und zugleich jeden erfüllenden Blick in den Garten mit Vögeln und bunten Blütenfarben. Sprunghaft, ohne richtige Satzanfänge oder -enden, mit fragmentarischen Alltagsbeobachtungen dokumentiert die 1924 geborene Autorin ihre Realität im Zeichen des körperlichen Verfalls und schreibt sich sogleich von ihm fort, hinein in surreale Bildwelten, etwa von René Magritte oder Max Ernst. „In meinen Träumen bin ich jung in meinen Träumen bin ich high“, bekennt sie, die in der Transformation ihres physischen in ein poetisches Leben den Ausweg aus dem allmählichen physischen Abbau gefunden zu haben scheint.

Identität bedeutet gewiss die Anerkennung der Wirklichkeit. Aber sie besteht, wie Mayröcker beweist, auch in deren Überwindung. Der zu sich kommende Mensch will den Mangel im Jetzt beheben. Wer nicht wagt, das Schönere und Erfüllende zu denken, der verharrt im Stillstand. Sicherlich äußert sich daher gerade in der Literatur das Potenzial, sich eine Vorstellung vom anderen Leben zu machen. Ob Hermann, Kracht, Hanika, Schubert oder Mayröcker – sie alle dokumentieren auf ästhetisch unterschiedliche Weisen die Existenz im Wandel, sie schreiben über Momente der Einsicht und der Akzeptanz genauso wie jene des Übergangs und Neubeginns. Wir erkennen dabei: Das Ich gibt es nur in Tausenden Seelen mit ebenso vielen Geheimnissen.

Info

Dieser Beitrag ist Teil einer Verlagsbeilage in Zusammenarbeit mit der Leipziger Buchmesse

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06:00 07.05.2021

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