Das ist Populismus

Debatte Ein Pamphlet sieht die Kunst im Würgegriff einer „Geldelite“ und fordert ihre „Demokratisierung“. Klingt toll, ist aber leider gefährlicher Unsinn
Holger Liebs | Ausgabe 49/2019 4
Das ist Populismus
Gigantoman, aufgeblasen, tendenziell tot: Ist das die Kunst von heute? KAWS-Werk im Hafen von Hongkong

Foto: Isaac Lawrence/AFP/Getty Images

Populistische Erregungswellen schwappen dieser Tage durch die Kunstwelt. Die Leute sind alarmiert von den jüngsten Auktionsrekorden des US-amerikanischen Künstlers und Designers KAWS oder von Banksy, die ihnen als museal nicht nobilitiert, also als vulgär und minderwertig gelten. Als „Nichts, das alles bedroht“ beschimpfte Kurator Francesco Bonami KAWS’ aufblasbare Mickey-Mouse-Puppen. Bonami sieht die Zeit der „Instagram-Sammler“ gekommen, die nur noch den Mainstream aus ihrer Filterbubble kennen und kaufen. Selbst die ehrwürdige Art Newspaper warnt vor einer „wachsenden Spannung zwischen populistischer und elitärer Rhetorik“ im Kunstmarkt.

Andere Diskutanten allerdings feiern das Ende eines Systems, in dem immer noch Kunsthistoriker, Kuratoren und Galeristen bestimmen, was Kunst ist und ausgestellt gehört. Der Medientheoretiker Stefan Heidenreich, der auch Autor dieser Zeitung ist, und der Startupper Magnus Resch verdammen in einem in der Zeit und in Englisch auf Artsy veröffentlichten Pamphlet den „Kult leerer Exklusivität“ in der Kunst und fordern deren radikale Demokratisierung.

Schließt die Galerien

Stehen wir also vor einem Umbruch im Kunstbetrieb? Die Autoren glauben, Museen und Biennalen seien zu einer „Dauerwerbesendung für den Kult der großen Preise“ einer sogenannten „Geldelite“ geworden, daher haben sie einen Schlachtplan entworfen, in dem im Grunde die Anarchie es richten soll: Räumt die Musentempel leer, denn ab sofort entscheiden alle, was Kunst ist und was nicht! Kopiert Meisterwerke, bis es keine mehr gibt! Schließt die Galerien und Börsen, Kunst darf nichts mehr kosten! Gefordert wird also eine Art Ikonoklasmus, ein Bildersturm, der die Gatekeeper hinwegfegt und nach dem eine erratische Einheit das Sagen hat, die einmal „die Betrachter“, dann wieder „die vielen“ genannt wird. Man könnte auch sagen: Hier behauptet – mal wieder – jemand, im Namen des Volkes gegen eine angebliche Elite zu sprechen. Was aber würde passieren, wenn die wenigen nicht mehr da sind, die entscheiden, was ins Museum reinkommt und was nicht? Mit Blick auf den Raub im Dresdner Grünen Gewölbe lässt sich ahnen, was das Fehlen von Experten bedeuten würde: Wir wüssten nicht mal, was uns abhandengekommen ist.

Das wahre Problem dieser Mobilisierung der vox populi ist jedoch noch ein anderes. Was die Mehrheit will, ist nun mal Änderungen unterworfen – Museen können aber per definitionem nicht Tageslaunen folgen. Sie horten das, was bleibt. Und: Ich gehe doch in Ausstellungen, um Neues zu entdecken. Wer will schon ständig sehen, was man sowieso kennt und liebt – sei es Picasso oder Gerhard Richter? Hinzu kommt: Kuratoren sind keine Agenten des Marktes, wie Heidenreich und Resch behaupten, sondern meistens staatliche bezahlte Spürhunde, die das Neue aus den Ateliers in die Öffentlichkeit tragen. Sie sind die, denen Sammler, Leihgeber, Stiftungen und Nachlässe vertrauen. Heidenreich und Resch rennen künstlich gegen Chimären an. Die angeblich so aristokratischen Museen waren ihrem Ursprung und Wesen nach immer antielitär. Als sie gegründet wurden, wurden Kunstwerke aus Kirchen und Fürstenhöfen gekarrt, um sie der staunenden Öffentlichkeit darzubieten. Im Grunde sind sie bürgerliche Unterhaltungsmaschinen, Themenparks avant la lettre – mehr Volkes Wille geht kaum. Übrigens: „Die vielen“ stimmen ohnehin mit den Füßen ab – über 100 Millionen Mal im Jahr gehen sie in die Museen.

Doch den Autoren reicht das nicht. Sie zweifeln gar die Originalität der Kunstwerke an sich an: „Vergesst die Aura, diese jämmerliche Marketing-Lüge des Exklusiven. Macht Kopien, ahmt nach, mischt neu, sampelt.“ Würden die beiden gegen ihren Impuls Experten vertrauen, zum Beispiel mal wieder ein kunsthistorisches Buch lesen, wüssten sie, dass seit circa 150 Jahren regelmäßig die Aura und Einmaligkeit des Meisterwerks in Frage gestellt wird, durch die Nobilitierung von Trivial- und Popkultur, durch Fotografie und Readymades, durch Fluxus und Mitmachkunst.

Sicher, im hysterischen Kunstmarkt wird aktuell so manches One-Hit-Wonder nach oben gespült, und die Marktkonzentration in den Händen einiger weniger Player ist besorgniserregend. Zu Recht regt sich Widerstand dagegen. Aber der Betrieb hat auch Selbstreinigungskräfte: Betrüger wandern in den Knast, und Kitschiers landen über kurz oder lang in den Depots. Bei Sammlern gilt ohnehin die Selbstjustiz durch Fehleinkäufe. Wenn KAWS mal als kunstgewordene Spekulationsblase unserer Tage enttarnt ist, verschwindet er auch von Jachten, aus Palästen und Museen.

Die Idee einer Demokratisierung der Kunst klingt natürlich erst einmal verführerisch. So grundfalsch, wie sie hier vorgetragen wird, erinnert sie aber an die Sprachspiele von politischen Populisten. Diejenigen, die behaupten, Volkes Stimme zu sein, sind genau das gerade nicht. Sie verklären nur ein Ressentiment ins Allgemeine. Museale Expertengremien und Kunst als Ausdruck individueller Schöpfung im Namen aller abschaffen zu wollen, ist naiv und gefährlich.

Holger Liebs ist Autor und Publizist. Er leitete bis 2016 das Kunstmagazin Monopol und bis 2018 den Kunstbuchverlag Hatje Cantz

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