Das Leben ist eine Raststätte

Trucker Die Bezugspunkte eines Fernfahrers heißen Straße, Zuhause und Tanke. Und die Route 66? Eine romantische Idee. Begegnungen auf dem Lkw-Parkplatz

Der japanische Kleinwagen bleibt auf einem der PKW-Halteplätze stehen. Ein kleiner Junge springt heraus, schreit und läuft zur Raststätte. Fünf Minuten später hält er eine Cola in der einen, einen Miniatur-LKW in der anderen Hand. Sein Vater deutet auf den Wagen: „Einsteigen!“ Die Reise geht weiter.

Ein paar Meter weiter habe ich mich an einen Tisch aus Naturstein gesetzt. Drei Tage lang wollen wir in den Alltag der LKW-Fahrer hier an der Raststätte Hildesheimer Börde eintauchen. Einer vergleichsweise kleinen Raststätte. Das Self-Service-Angebot des „Gusticus Snack“ bietet Würstchen für drei und belegte Brötchen für fünf Euro. Ich nehme einen Pott Kaffee.

Andreas kommt aus Tuttlingen im Süden Baden-Württembergs. Er setzt sich an den Tisch, fingert eine Zigarette aus der Schachtel und schenkt sich Kaffee aus einer Thermoskanne ein. Er zeigt auf meinen Becher. „Das kannst du dir als Fernfahrer heute nicht mehr leisten. Früher war das alles viel billiger.“ Er haut mit der Hand auf die Tischplatte, lacht und zeigt auf den LKW-Parkplatz, wo sich allmählich die Trucks sammeln: „Man merkt, es ist jetzt kurz nach zwölf. Jetzt, wo Feiertag ist, sind nach Süden die Plätze zu.“

Fronleichnam ist ein Relikt des katholischen Kirchenjahres. In süddeutschen Bundesländern, unter anderem Hessen, Baden-Württemberg und Bayern, ruht die Arbeit, auch für Fernfahrer, festgeschrieben im „Sonn- und Feiertagsfahrverbot“. Weiter darf nur, wer eine Sondergenehmigung hat, und das sind nur wenige. Andreas hat eine und deutet an, dass er bald losfahren muss. Ich frage ihn, ob er mir seine Fahrerkabine zeigt. Seinem Nicken folgend überquere ich den Parkplatz und bemerke erstmals die unsichtbare Trennung zwischen LKW- und PKW-Parkplätzen.

Vor Andreas’ LKW sitzen drei Osteuropäer vor einem Gaskocher und warten darauf, dass ihre Suppe fertig wird. „So ein Ding habe ich auch, gestern gab es Gyros“, sagt Andreas, während er die Beifahrertür öffnet. „Vier Quadratmeter ohne Dusche und WC - Hotel zum grünen Stern“, sagt er und führt einen Kühlschrank, eine Schlafnische und ein LED-Kreuz – er sei „freidenkender Heide“ – vor.

Ein Stapel Fotos liegt auf der Ablage. Mit seiner Freundin telefoniert Andreas häufig: „Gott sei Dank gibt es Telefon-Flatrates und Headsets.“ Ich frage ihn, ob er überlegt, das unstete Fernfahrerleben gegen die Sesshaftigkeit zu tauschen. Natürlich habe er das überlegt, Nahverkehr sei schon okay, aber seine Freundin habe lieber einen Tag die Woche einen glücklichen Mann daheim, als „jeden Tag einen mit so ’ner Fresse“. Er verzieht das Gesicht. Dann zeigt er auf die drei Osteuropäer, die vor ihrem LKW sitzen: „Das sind die Preisschinder. Wenn wir die Tonne für zehn Euro fahren, nehmen die sechs. Unser Geschäft ist ein tägliches Ringen mit Polizei, PKW-Fahrern und Spediteuren geworden.“

Und dann war der Tank leer

Das Bild des entspannten LKW-Fahrers, den Gunter Gabriel und Tom Astor besungen haben, hat ausgedient. „Trucker kann sich einer nennen, der Route 66 fährt, aber hier in Deutschland gibt es keine Trucker mehr“, sagt Andreas. Dann muss er weiter. Seine Ware bringt er an die französische Grenze, bevor er für einen Tag nach Hause fährt.

Es ist Nachmittag, alle Stellplätze sind jetzt belegt und die Kabinenfenster mit Laken verhangen. Im leeren Laderaum eines Anhängers sitzen zwei Männer. Die beiden, die Vater und Sohn sein könnten, steigen aus dem Anhänger. Cristian, der jüngere der beiden, zieht weiter, der ältere, Dorin, geht mit mir zu seiner Fahrerkabine. An der Frontscheibe hängt ein Kreuz: „Das ist mit Wasser geweiht, aus einer sehr alten Kirche in Maramureș.“ Er sei orthodox, was nicht heiße, dass er jeden Tag beten müsse, sagt er. Auf der Konsole liegen zwei Vuvuzelas, die er seiner Tochter mitbringen will, sie waren die Beigabe zu einer Kiste Bier.

Jeden zweiten Monat sieht Dorin seine Tochter. Sie wird am Montag im rumänischen Sibiu eingeschult. Seine Familie sei sauer, sagt Dorin, dass er dann LKW fährt und nicht zu Hause ist. Er bricht im Satz ab, klettert über den Fahrersitz nach hinten und zieht einen Laptop hervor. Es dauert einen Augenblick, dann hat er gefunden, was er sucht. Bilder aus dem letzten Sommer. Zwei Wochen war er mit seiner Familie an der Adria-Küste. Ein normaler rumänischer Arbeiter kann sich das nicht leisten: „In Rumänien machst du maximal 150 Euro im Monat. Hier verdiene ich mit dem LKW-Fahren 1500 Euro.“

Dorin lehnt sich in seinen Sitz zurück. Ein Jahr will er noch fahren. Sein Onkel besitze einen großen Baumarkt in Sibiu. Dort werde er dann als Spediteur arbeiten, auch seinen Kindern zuliebe. Dann zeigt er mir ein anderes Kreuz: „Das habe ich im Urlaub 2008 gekauft. Das ist nicht zum Beten, only für remember.“

Am nächsten Tag, auf dem östlichen Teil der Raststätte, treffe ich Ivan. Während sein Kollege Wäsche auf der Beifahrertür trocknet, stopft Ivan, in blauem Muskel-Shirt, schwarzer Sporthose und Badelatschen, Zigaretten. Pro Packung, erzählt er, sparen sie drei Euro. Ich frage, was sie geladen haben. Ivan zuckt mit den Schultern, lacht und führt mich hinter den Wagen. Er öffnet die Plane und scheint erstaunt über die Kisten Wein, die sich stapeln. Er lacht erneut: „Ich trinke keinen Wein, nur Bier, deutsches und spanisches.“

Ivan fährt für eine dänische Spedition. Nach Hause, nach Rumänien, kommt er über Monate nicht. Jeden Sommer lädt er mit seinem ersparten Verdienst Freunde ans Schwarze Meer ein. Auf die bulgarische Seite, betont er, dort seien die Strände weißer und die Clubs schöner. Seinen Freunden, die meisten sind arbeitslos, bezahlt er Urlaub und Partys. Er lehnt am Wagen, zündet sich eine Zigarette an und erklärt mir seine Route für die nächsten Tage: Die Ware in Dänemark abliefern, neue Waren laden und dann nach Turin fahren. Italienische Raststätten, sagt er, sind im Gegensatz zu deutschen ein unsicheres Pflaster. Vor ein paar Wochen wurde ihm, während er schlief, der komplette Tank leergepumpt.

Ich will wissen, woran er sich erinnert, wenn er an sein Leben auf der Straße denkt. Er zuckt kurz zusammen. In den Staub auf der Plane seines LKWs malt er die Skizze einer Autobahn. Er saß auf dem Beifahrersitz, erzählt er, als der Fahrer versuchte, auf der Autobahn zu wenden. Sie erwischten mit dem LKW einen Kleinwagen. „Ich steige aus, gehe runter, ich zünde mir eine Zigarette an, gehe zu dem Wagen und sehe, wie der Mann zwischen der Decke des Autos und dem Lenkrad eingeklemmt ist.“ Seither, sagt er, habe er Albträume.

Am frühen Abend staut sich der Verkehr auf der A7. Einige LKWs fahren auf die Raststätte. Der Parkplatz füllt sich. Holger wischt sich den Schweiß von der Stirn, er steht vor seinem LKW und guckt ungeduldig auf die Fahrbahn: „Morgen früh muss ich in Frankreich sein, Saint-Quentin-Fallavier. Könnte ein Problem werden.“ Er zeigt auf den LKW nebenan: „Den habe ich schon mal gesehen, der fährt auch dorthin.“ Das Kennzeichen zeigt, das Fahrzeug ist in Tschechien zugelassen. „Die siehst du alle erst seit der EU-Erweiterung hier“, sagt Holger. „Früher bin ich in Schweden Tanker gefahren, dann kamen die ersten Tschechen, und vor drei Jahren wurde ich entlassen. Heute musst du auch am Wochenende fahren und mit allen Mitteln tricksen.“

Folklore aus dem Laufwerk

Holger deutet mit einer Handbewegung an, dass er in den Wagen steigen will. Er wischt sich erst den Schweiß von der Stirn, schaltet dann die Klimaanlage an. Anders als die anderen Fahrerkabinen ist diese beinahe leer: „Von meiner Frau wird mir immer die Futterluke und der Kühlschrank gepackt. Ich hatte hier früher auch ein bisschen Krimskrams von den Kindern liegen.“

Seit seiner Entlassung versucht Holger seinen Wagen so unpersönlich wie möglich zu halten. Er hasse sein Fahrzeug und hoffe, wieder in Skandinavien fahren zu können, das sei entspannter. Er könne dann häufiger nach Hause fahren. Wie wäre es für ihn, mehr Zeit mit seinen Kindern und seiner Frau zu verbringen? Er runzelt die Stirn: „Ich habe acht Kinder. Eine Zeitlang, zwei Jahre, habe ich auf dem Bau gearbeitet. So konnte ich bei meiner Familie sein. Das hat aber nicht geklappt. Die haben ihren eigenen Ablauf. Da störst du nur. Meine Kinder haben mich immer mit dem Vornamen angesprochen, sie kannten es nicht anders. Irgendwann kam dann meine Frau und sagte mir, es wäre besser, wenn ich wieder LKW fahren würde.“ Holger blickt auf die Straße, wo der Verkehr wieder rollt. Wir verabschieden uns.

Am Samstag abend treffen wir Dorin und Cristian wieder. Sie sitzen mit zwei Freunden an einem Schultisch, den sie keine fünf Meter von der Autobahn entfernt aufgestellt haben. „Heute keine Fotos. Heute essen.“ Dorin stellt mir seine Kollegen vor. Sie fahren für die gleiche rumänische Spedition. Auf dem Tisch stehen Salat, rohes Fleisch und Bier. Das haben sie heute in der Stadt gekauft, erzählt einer der Männer. Dann nimmt er eine Plastikflasche und führt vor, wie man eine Knoblauch-Marinade herstellt. Dafür steckt er den Knoblauch in die Flasche und schlägt sie gegen einen der LKW-Reifen.

Man findet hier eigentlich keine Ruhe, es ist laut und riecht nach Abgasen. Die Männer beirrt das nicht. Als die Dämmerung einsetzt, legt einer eine CD mit rumänischer Folklore in das Laufwerk des LKWs. Sie singen mit, die Stimmung scheint ungetrübt. Ich frage, wann sie weiterfahren. Die Gesichter verziehen sich für einen Augenblick. Zwei der Männer werden nach Karlovy Vary fahren. Dorin und Cristian müssen hier warten, bis sie einen neuen Auftrag bekommen. Das kann eine Woche dauern.

Als ich zwischen den LKWs hindurchgehe, stehe ich plötzlich in einer anderen Welt. Da steht ein Polizeichor, es wird Schnaps aus kleinen Flaschen getrunken. Die rumänische Folklore hört man nicht mehr.

Nico Schmidt ist freier Journalist. Der Text basiert auf Beiträgen, die er und Johanna Gesa Hennies für das von Annett Gröschner und Stephanie Drees herausgegebene Buch Hildesheimer Herrgottswinkel geschrieben haben (Hildesheim: Edition Paechterhaus, 2011)

10:00 18.06.2011

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