Das neue Haus der Nofretete

Wiedereröffnung Am Donnerstag wird in Berlin nach 70 Jahren das Neue Museum wieder eröffnet. Ingo Arend bewundert die Kombination von Alt und Neu des Architekten David Chipperfield

Vom Turmbau zu Babel über die Hunnenschlacht bis zur Reformation. Die Besucher, die 1855 das Neue Museum zu Berlin betraten, konnten sich noch im Einklang mit der Geschichte wähnen. Auf einer 38 Meter langen Treppe durchmaßen sie das Gebäude von oben nach unten, die Augen stets auf die sechs Wandgemälde gerichtet. Analog zu den sechs Tagen, an denen Gott die Welt erschuf, hatte der Münchener Hofmaler Wilhelm von Kaulbach sechs zentrale Wendepunkte der Weltgeschichte verewigt.

Das geschichtsphilosophische Programm des von dem Schinkel-Schüler Friedrich August Stüler auf Geheiß von Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. errichteten Baus war unübersehbar: Geschichte entwickelt sich als ewiger Fortschritt. Friedrich Wilhelm Hegel ließ grüßen.

Wer das Haus an diesem Donnerstag, 70 Jahre nach seiner Schließung zu Beginn des Zweiten Weltkrieges, betritt, wird sich eines Fröstelns nicht erwehren können. Stülers Treppenhalle ist immer noch der zentrale Raum des Gebäudes. Doch von dem spätklassizistischen Prunk des 19. Jahrhunderts ist nichts mehr übrig: Keine Wandgemälde, keine Goldfresken, keine Rossebändiger.

Die schmucklose Treppe, ein Spezialbeton aus Marmorsplittern und weißem Zement, auf der man zu den Sammlungen aufsteigt, die nackten braunen Ziegelwände, die sie säumen, atmen etwas von dem Geist minimalistischen Luxus' cooler Restaurants oder Lofts für Kreative. Doch wer genau hinschaut, kann sehen: Überall da, wo sie noch existieren, hat man die Reste von Wandgemälden erhalten, schwer beschädigte Dekorreste in die Wände eingelassen oder in Vitrinen ausgestellt, Harrisse in Holz und Mauern sichtbar gemacht. Selbst an den Stellen scheinbar kompromisslosester Moderne offenbart sich das Gebäude immer als das, was es jetzt eben auch ist: ein Dokument von Zerstörung, Rückschritt und Verlust.

David Chipperfields, des Architekten umstrittene Kombination von alt und neu ist aufgegangen. Das Prinzip der „ergänzenden Wiederherstellung“, zu dem sich die Staatlichen Museen nach heftigen ideologischen Schlachten durchrangen, ist – obwohl bewahrend – das genaue Gegenteil des Geschichtsrevisionismus mit dem die Politik den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses forciert. Zeige deine Wunde hatte Joseph Beuys eine Installation in München 1975 genannt. Das Neue Museum ist der kongenialste Wiedergänger dieses memento-mori-Mottos geworden: Die Wunde, die hier gezeigt wird, heißt Deutsche Geschichte.

Die historische Ernüchterung, die einem in diesem Gebäude also schon baulich eingeimpft wird, hat auch ihr Gutes. Denn die Idee von der Weltgeschichte als Kulturgeschichte steckt nicht mehr in irgendeiner ideologischen Zwangsjacke. Aufgeladene Sammlungen wie die im „Vaterländischen Saal“ kann man aus der Distanz betrachten, die ihnen heute zukommt. Aus diesem, trotz Kriegsverlusten immer noch reich bestückten Universalmuseum kann man sich sein Geschichtsbild selbst zusammenstellen. Hier läuft die Geschichte in alle möglichen Richtungen.

Ob dieses neue Neue Museum aber nun zu dem „Mittelpunkt für die höchsten geistigen Interessen des Volkes“ avaciert – wie es Friedrich August Stüler vor 160 Jahren formulierte – bleibt abzuwarten. Die Inkarnation des historischen Fortschritts – Preußen – liegt auf dem Müllhaufen der Geschichte.

In der grundlegend gewandelten und explosionsartig expandierten Museumslandschaft von heute ist das Haus nur eines unter vielen. Und muss mit den spektakulären Exemplare des modernen Kunsttourismus wie Frank Gehrys Bau in Bilbao konkurrieren.

Wenn es jemandem gelingen könnte, diese besondere Anziehungskraft zu entwickeln, dann vielleicht einer 3.400 Jahre alten Frau. Nofretete, die die Besucher in hoheitsvoller Abgeschiedenheit im Nordkuppelsaal erwartet, dürfte die anchor-woman des Hauses werden. Die geheimnisvolle Frau des Echnaton kann es immer noch mit jeder magersüchtigen Schönheit von heute aufnehmen.

Wie schwer man es aber mit einer Schatzkammer der Hochkultur gegen die populären Kunstgenüsse seiner Zeit hat, wusste schon der geistige Ahnherr des Gebäudes: König Friedrich Wilhelm, der „Romantiker“ auf Preußens Thron. Nicht umsonst ließ er an der Westseite des Hauses, mit Blickrichtung zur alten Berliner Bürgerstadt, die seltsam defensive Aufschrift anbringen: Artem non odit nisi ignarus - Nur der Unwissende verachtet die Kunst.

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18:00 12.10.2009

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