Das Opfer, das zum Täter wird

Bohrende Selbstbefragung In seinem neuen Roman "Landnahme" kehrt Christoph Hein nach Guldenberg zurück und erzählt vom Aufstieg eines Umsiedlers

In Christoph Heins autobiografisch geprägten Kindheitsszenen Von allem Anfang an (1997) erlebt der Pfarrerssohn und Ich-Erzähler Daniel seinen Vater als Patriarchen und moralische Autorität von lähmendem Ernst. Schon 1985 aber hatte Hein sich in Horns Ende mit dem Apothekersohn Thomas Nicolas ein Alter Ego geschaffen, dessen dominanter Vater keine spirituellen, sondern pharmazeutische Heilmittel verwaltet. Dieser Thomas macht in Heins neuem Buch Landnahme, das in vieler Hinsicht ein Gegenstück zu Horns Ende ist, einen Kurzbesuch am Ort seiner Kindheit.

Beide Romane sind in der sächsischen Kleinstadt Guldenberg angesiedelt und haben ihren Schwerpunkt in den fünfziger Jahren. Und in beiden berichten fünf Menschen aus dem Rückblick von sich und ihrer Stadt, vor allem aber von einer sechsten Person, einem Fremden, der nur umrisshaft kenntlich wird. Die erinnernd vergegenwärtigte Stadt- und Zeitgeschichte ist in Horns Ende stark von Politik überschattet, denn der Roman umkreist den Verzweiflungstod des Historikers Horn, der aus Leipzig in die Provinz strafversetzt worden ist, sich der ideologischen Geschichtsdeutung der SED aber weiterhin mit selbstzerstörerischer Hartnäckigkeit entgegenstellt. Wie in Der Tangospieler (1989) erzählt Hein von der Deformation des Einzelnen durch den realsozialistischen Staatsapparat. Demgegenüber ist der Staat in Landnahme fast demonstrativ abwesend: Der Juni 1953 und der August 1961 hinterlassen in Guldenberg kaum Spuren; nur die Kollektivierung der Landwirtschaft verändert die kleinstädtische Kontinuität, während der soziale Friede vor allem durch Umsiedler (in Westdeutschland: Vertriebene) gefährdet scheint, die jene Fremdkörperrolle übernehmen, die in Horns Ende noch den Zigeunern zufiel.

Damit ist der wohl wichtigste Unterschied zwischen Horns Ende und Landnahme markiert: Heins neuer Roman handelt von dem, was Menschen einander antun, ohne dass es einer Ideologie, eines Unterdrückungssystems oder Propagandaapparats bedürfte; er handelt von der Verachtung, die die Einheimischen den bettelarm bei ihnen Zuflucht Suchenden wie selbstverständlich entgegenbringen. Und er erzählt gegenläufig die Erfolgsgeschichte des starrköpfigen Umsiedlerkindes Bernhard Haber, dessen Überkompensation erlittener Demütigungen keinem politischen oder ethischen Ideal verpflichtet ist, sondern als so rachsüchtiger wie pragmatischer Kampf um Wohlstand und Anerkennung erscheint und als bitterböser Beitrag zur Pathologie nicht nur der ost-, sondern der gesamtdeutschen Nachkriegsgeschichte gelesen werden kann.

Als Erster erinnert sich Thomas Nicolas, schon in Horns Ende einer der Berichterstatter. Er erzählt von seinem Klassenkameraden Bernhard, der 1950 mit zehn Jahren als Vertriebener aus Schlesien gekommen ist. Der Vater hatte in Breslau eine Tischlerei und wurde in Guldenberg einquartiert, wo die Familie unter den Vorurteilen der Eingesessenen über die faulen Habenichtse aus dem Osten sehr zu leiden hat. Thomas erlebt Bernhard als verschlossen und einzelgängerisch. Der schlechte Schüler flieht in Teilnahmslosigkeit, aus der er nur erwacht, um sich gegen Übergriffe zu wehren und durch Aggressionsbereitschaft den Hass seiner Umgebung in Schach zu halten. Als die Werkstatt des alten Haber abbrennt und Bernhards Hund umgebracht wird, erklärt Vater Haber, der Brandstifter heiße Guldenberg, und der Sohn stößt in der Schule Morddrohungen gegen den Unbekannten aus, der seinen Hund getötet hat, und weigert sich, sie zurückzunehmen.

Aus Bernhards Leben von Mitte der fünfziger bis Mitte der sechziger Jahre berichten seine erste Freundin, ein früherer Schulkamerad und die Schwester seiner späteren Frau. Demnach hat der schüchterne und ungesellige Dickschädel während der Tischlerlehre mit einem Agitationstrupp Bauern dazu genötigt, in die LPG einzutreten, obwohl doch ein Bauer seine Familie zunächst aufgenommen hatte. Von Ende der fünfziger Jahre bis 1962 hat Bernhard vorgeblich als Karussellbesitzer, tatsächlich aber als Fluchthelfer viel Geld verdient und damit die modernste Tischlerei der Stadt eingerichtet, mit der er die Konkurrenten seines Vaters bald überflügelt. Dann hat er eine graumäusige Eheglucke geheiratet, eine Villa gekauft und renoviert und sich als Vater zweier maulfauler, bösartiger Kinder ein Spießbürgerglück geschaffen.

Zum Schluss erzählt der Sägewerksbesitzer Sigurd. Er respektiert Bernhard als knallharten Geschäftsmann und hat ihn als ersten Umsiedler für den Kegelklub vorgeschlagen, den heimlichen Unternehmerverband der Stadt. Und von Sigurd erfährt Bernhard Mitte der Siebziger, sein Vater, der 15 Jahre zuvor in der Tischlerwerkstatt einen ungeklärten Unfall hatte und bald darauf erhängt aufgefunden wurde, sei tatsächlich ermordet worden, wie sein Sohn immer vermutet hatte. Das habe der Täter, der sich von Mitgliedern des Kegelklubs anstiften ließ, auf dem Sterbebett gebeichtet. Bernhard will nicht mehr wissen, wer damals beteiligt war. Sein Rachedurst ist nach der gesellschaftlichen Integration einem taktisch motivierten Stillschweigen gewichen - auch, um seinen Kindern das zu ersparen, was er durchmachen musste. Er arrangiert sich mit Staat und Partei und mehrt sein Vermögen als Geschäftsführer seines Betriebs. Nach der Wende wird er einer der reichsten Männer Guldenbergs. Damit ist die alte Frontlinie zwischen Eingesessenen und Umsiedlern obsolet und Bernhard endgültig ein gemachter Mann.

Auch wo Christoph Heins Romanfiguren nicht aus der Ich-Perspektive sprechen, werden sie von Schuldgefühlen geplagt, die zwar nicht zur Beichte, aber doch zu grübelnden Versuchen der Rechtfertigung und Wahrheitsfindung drängen. Das ist gewiss nicht zuletzt Heins Herkunft aus einem Pfarrhaus zu danken und verleiht seinen Romanen Aufrichtigkeit. Im Schreiben - so scheint es - nähert sich der Autor den Vätern seiner Erzählfiguren Daniel und Thomas und wird so selbst zur moralischen Autorität, die allerdings nicht lähmt, sondern die Leser zu Zeugen von Gewissensprüfungen macht. Der Hang zu bohrender Selbstbefragung lässt Heins Gestalten in einen leeren Raum hinein Rechenschaft ablegen - einen Raum, in dem sich die literarische Öffentlichkeit lesend versammeln und wo sie wertend Position beziehen soll. Diese Schreibstrategie wirkt persönlich und subjektiv, erlaubt es dem Autor, der sich als Chronist versteht, aber zugleich, unterschiedlichste Themen und Probleme in den Mittelpunkt zu rücken, auch solche, die der Gesellschaft - wie in seinem letzten Roman Willenbrock (2000) - auf den Nägeln brennen (Freitag 26/2000).

Die komplexe Figur des pazifistisch eingestellten Autohändlers Willenbrock, der seine Sicherheit nach Überfällen auf seine Firma, sein Wochenendhaus und sein Berliner Haus so beeinträchtigt sieht und dessen Vertrauen in Polizei und Justiz so zerrüttet ist, dass er sich von einem russischen Geschäftspartner mit mafiotischen Zügen einen Revolver aufdrängen lässt und auch einsetzt, ist eines der gelungensten Beispiele für Heins fingierte Selbstbefragung oder scheinbare Introspektion, ein Verfahren, das ihm unter den Publikationsbedingungen der DDR in den achtziger Jahren einen aufrechten Gang erlaubte und sich auch nach fast 15 Jahren im kapitalistischen Gesamtdeutschland als tauglich und integritätssichernd erweist - heute vor allem, weil der pathosfreie Ernst seiner Reflexion inmitten popkultureller Beliebigkeit und saisonalen Selbstentblößungen eine Wohltat ist.

Flucht, Vertreibung, Um- und Übersiedlung stehen gegenwärtig im Blickpunkt des Interesses, wie die Diskussionen um ein Zentrum für Vertreibungen oder um das Zuwanderungsgesetz zeigen. Auch Schriftsteller haben sich dieser Themen angenommen. So hat Günter Grass in der Novelle Im Krebsgang (Freitag 7/2002) den Schwerpunkt auf das deutsche Flüchtlingsdrama 1945 gelegt und im kollektiven Beschweigen dieses Traumas einen Grund für das Erstarken des Rechtsradikalismus ausgemacht.

Julia Franck hat jüngst ihr autobiografisch inspiriertes Lagerfeuer (2003) im Westberliner Notaufnahmelager Marienfelde der späten siebziger Jahre angesiedelt. In starken Bildern beschreibt sie die Widrigkeiten des Alltags dort und die Macht, die die Erinnerung über ihre erwachsenen Protagonisten hat, die merkwürdig zukunftsblind auf den Unort Lager fixiert sind, während die Kinder in der Schule Ausgrenzung und Spott erleiden. Die späteren Integrationsprobleme der Flüchtlinge kommen allerdings bei beiden Autoren kaum in den Blick.

Die Unvollendeten (2003) von Reinhard Jirgl (Freitag 13/2003) erzählt demgegenüber die autobiografisch grundierte Geschichte einer aus dem Sudetenland vertriebenen Familie, deren ältere Mitglieder die Ankunft in der Altmark innerlich verweigern und in der Erwartung leben, es gehe demnächst zurück in die Heimat, während die Tochter sich erst in Salzwedel, dann in Ostberlin treiben lässt und der 1953 geborene Enkel das Maß der Zukunftsverweigerung durch seinen Krebstod voll macht.

Den passiven, durch Traumata zeitweilig verschatteten oder dauerhaft gebrochenen Gestalten dieser Romane stellt Christoph Hein mit Bernhard Haber einen Sturkopf mit Nehmerqualitäten gegenüber, der alle Erniedrigungen in sich hineinfrisst, seinen Peinigern die Schmach aber bei sorgfältig vorbereiteter Gelegenheit heimzahlt, und das nach Möglichkeit mindestens Auge um Auge. Bernhard Haber ist ein Opfer, das zum Täter wird und die politisch-gesellschaftlichen Möglichkeiten skrupellos für seinen Aufstieg nutzt. Mit der Fokussierung auf die Landnahme einer unsympathischen Umsiedlergestalt tritt Christoph Hein der zur Zeit so verbreiteten Tendenz entgegen, große Teile der deutschen Bevölkerung summarisch zu Hitlers Opfern zu erklären und ihr Leid unter Verweis auf Bombenkrieg, Flucht und Vertreibung dem Leid der Bewohner der von Nazideutschland angegriffenen, ausgeplünderten und verheerten Länder gleichzustellen.

Christoph Hein: Landnahme. Roman. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2004, 357 S.,
19,90 EUR


00:00 30.01.2004

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