Das Schweigen der Nazi-Enkel

NS-Erbe Zwei Menschen mit Migrationshintergrund haben die Debatte um die deutsche Schuld neu lanciert. Einigen passt das nicht

Um der Transparenz willen vorweg: Ich bin eine Deutsche mit Nazihintergrund. Mein Coming-out als Enkelin eines als Naziverbrecher hingerichteten Großvaters hatte ich 2007 mit meinem Buch Schweigen tut weh. Eine deutsche Familiengeschichte. Ich habe mich freiwillig zur Aufklärung entschieden, weil ich es für richtig hielt; niemand hat mich von außen dazu gedrängt, ganz im Gegenteil. In meinem Buch schildere ich die transgenerationellen, emotionalen Folgen von NS-Täterschaft, beschreibe aber auch die Seilschaften, die nach dem Zweiten Weltkrieg nahtlos weiter funktionierten.

Die Karrieren der einstigen Täter, vor allem aus großbürgerlichen Kreisen, waren durch den Nazihintergrund selten behindert, oft war dieser geradezu förderlich. Ich nenne in meinem Buch einige namhafte Familien im unmittelbaren Umfeld meiner Verwandten, deren Beteiligung am NS-System ihnen nicht zum materiellen oder beruflichen Schaden gedieh. Deren Nachkommen standen oder stehen einflussreich in der Öffentlichkeit, ohne jemals die Schuld ihrer Angehörigen erkennbar thematisiert zu haben, darunter die ehemalige Justizministerin Herta Däubler-Gmelin oder der Publizist und Politiker Jürgen Todenhöfer (der sehr kurz Mitherausgeber dieser Zeitung war). Dessen Onkel Kreuzwendedich Todenhöfer war stellvertretender Leiter der Abteilung DIII für „Judenangelegenheiten“ im Auswärtigen Amt. 1950 fuhr er meine jugendliche Mutter in seinem Mercedes zu einem ehemaligen „Kameraden“ ihres Vaters zur Ausbildung.

Die bildende Künstlerin Moshtari Hilal und der Schriftsteller Sinthujan Varatharajah liegen also durchaus richtig, wenn sie neulich in einem zweistündigen, viel diskutierten Instagram-Talk über „Nazi-Erbe – Kapital und Rassismus bei Menschen mit Nazihintergrund“ auf NS-Kontinuitäten in der BRD aufmerksam machen. Diese Kontinuitäten bestehen allerdings nicht nur in den materiellen Nachlässen der NS-Generation und der damit einhergehenden gesellschaftlichen Macht, auf die die beiden sich in ihrem Gespräch konzentrieren, sondern auch in der Weitergabe von Denk-, Gefühls- und Handlungsmustern über die Generationen hinweg.

Jahrzehnte hat es gedauert, bis die Rolle von Unternehmen, Institutionen oder Behörden, von Justiz, Publizistik, Medizin oder Lehre, um nur einige Bereiche zu nennen, im NS-System beleuchtet wurde. Erst 2010 kam die volle Beteiligung des Auswärtigen Amts im „Dritten Reich“ ans Licht und zerstörte den Widerstandsmythos von Staatssekretär Ernst von Weizsäcker, an den sich dessen Sohn Richard von Weizsäcker zeit seines Lebens klammerte.

Vertuschen und Lügen waren in der Nachkriegszeit allgegenwärtig, schweigend glitt Nazideutschland in Wirtschaftswunder und Wohlstand der BRD. Das löst bei vielen Verfolgten und deren Nachfahren Bitterkeit aus, allzumal – darauf weisen die Künstler hin – die gezahlten Entschädigungen in keinem Verhältnis zum Profit stehen, der durch die Verbrechen erwirtschaftet wurde. Der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer scheiterte 1963–65, als er mit dem Auschwitzprozess erreichen wollte, dass jeder, der am Gesamtablauf des NS-Verbrechens auch nur indirekt mitgewirkt hatte, der Beihilfe zum Mord angeklagt werde. Erst seit dem Prozess gegen den KZ-Aufseher John Demjanjuk 2011 ist es so weit, dass die noch lebenden Mittäter nach und nach für ihre Beihilfe juristisch zur Verantwortung gezogen werden.

Zu viel Kontinuität

Mitten in der fortlaufenden, historischen Aufklärung der Geflechte im Nationalsozialismus betreiben Rechtsextremisten im Gutsherrenlook im Bundestag schamlos Geschichtsrevision. AfDler bezeichnen die NS-Ära als „Vogelschiss“ und Erinnerungsorte als „Mahnmal der Schande“, wofür sie gar noch Zulauf erfahren. Die Kontinuitäten der NS-Zeit offenbaren sich nicht zuletzt in den Morden des NSU, in Terroranschlägen wie von Halle oder Hanau und in virulenten Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Opfer dieser Kontinuitäten sind vorrangig Juden und Menschen mit Migrationshintergrund, also Menschen wie Hilal und Varatharajah, die Urheber des umstrittenen Videos. Im Rahmen der Debatten über Rechtsextremismus, Antisemitismus, Islamismus und Muslimfeindlichkeit, über Identität und #MeToo ist es kein Zufall, dass die Künstler ausgerechnet jetzt an die Öffentlichkeit getreten sind. Man sollte in dem teils aggressiv geführten Diskurs, den sie durch falsch platzierte Vorwürfe ausgelöst haben, nicht übersehen, dass gerade sie potenzielle Opfer rechtsradikalen Gedankenguts und Terrors sind.

Die beiden haben unterschätzt, welches Maß an emotionaler Abwehr das Thema noch heute aktiviert, verschärft natürlich durch ihren provozierenden, meiner Meinung nach aber zutreffenden Begriff „Menschen mit Nazihintergrund“. Zur konkreten Unterlegung ihrer Kritik haben sie sich aber leider auf NS-Nachfahren fixiert, die sich als Beispiel wenig eignen, und somit ihren eigenen Ansatz torpediert. Es geht hier insbesondere um Emilia von Senger, die jüngst in Neukölln einen queerfeministischen Buchladen eröffnete. Ihre Vorväter waren als Generäle in der Wehrmacht und später auch in der BRD erfolgreich, was die Kulturschaffenden zum Anlass nehmen, ihr zu unterstellen, sie habe ihr Geschäft mit dem Nazi-Erbe finanziert. Auch wenn es schwer vorstellbar ist, dass Wehrmachtsangehörige unschuldig geblieben sein könnten, so ist es doch ungerecht, die Buchhändlerin öffentlich anzuprangern.

Es ist falsch, weil von Senger anders als einst von Weizsäcker oder Däubler-Gmelin nicht besonders einflussreich ist und nicht im selben Maße gesellschaftspolitische Verantwortung trägt; auch ist das angebliche Blutgeld unbewiesen und bestritten.

Politische und kulturell herausragende Persönlichkeiten haben die Pflicht zur Vorbildfunktion. Günter Grass verspielte viel Respekt, weil er zu lange verschwiegen hatte, dass er als Jugendlicher bei der Waffen-SS dienen musste. Wenn Personen des öffentlichen Lebens nicht mit gutem Beispiel vorangehen und Schuld benennen, ist das auch von normalen Bürgern nicht zu erwarten. Hilal und Varatharajah betonen, dass es ihnen um Transparenz und politische Integrität gehe. Transparenz war auch im Fall von Senger wünschenswert, allzumal der Zusammenhang zwischen ihrer Familiengeschichte und heutigen Tätigkeit naheliegt: Die Autorinnen, die sie vertreibt, hätten unter den Nazis schwerlich überlebt. So könnte man ihre Buchhandlung auch als Antwort auf die Destruktivität ihrer Vorfahren begreifen. Jedenfalls reagierte sie souverän, als sie sagte, „einen queerfeministischen Buchladen zu eröffnen und gleichzeitig nicht über seine Nazi-Familiengeschichte zu sprechen, geht nicht.“

Es ist es ein schmaler Grat, der zwischen politischer, juristischer und moralischer Verantwortung unterscheidet. Sich für oder gegen Aufklärung in der eigenen Familie zu entscheiden, muss jedem selbst überlassen bleiben. Die unbequeme Wahrheit ist, dass die Mehrheit der Deutschen diesen Nazihintergrund hat, aus dem simplen Grund, dass mit Ausnahme einer kleinen Minderheit fast alle Deutschen begeisterte Anhänger des Nationalsozialismus waren. Nur wenige sind frei von biografischen Spuren der NS-Zeit. Allerdings gibt es sehr verschiedene Schweregrade von Täterschaft und Schuld – ein einfacher Wehrmachtssoldat ist normalerweise weniger schuldig als sein Vorgesetzter, und ein Zugführer, der die Deportierten in die KZs transportierte, in der Regel weniger belastet als der SS-Scherge, die KZ-Aufseherin oder der Euthanasie-Arzt.

Die Nachkommen der Nazis tragen keinerlei Schuld für die Mittäterschaft und Verbrechen ihrer Vorfahren. Sie sind auch nicht zur Rechenschaft zu ziehen, weil ihre Vorfahren weggeschaut haben und opportunistisch handelten. Es bleibt allerdings die Frage, ob und inwiefern wir Nachkommen uns angesichts der familiären NS-Tradition, in der wir stehen, auf der kollektiven oder individuellen Ebene moralisch und politisch für verantwortlich halten. Viele NS-Beteiligte hatten niemals Schuld- oder Schamgefühle und gaben ihre ideologische Prägung verbal und nonverbal an ihre Kinder und Enkel weiter. Es gibt aber auch viele NS-Nachkommen, die unter Schuldgefühlen leiden und mit der emotionalen Last der Vergangenheit schlecht fertigwerden. Sie schämen sich für ihre Vorfahren und haben Angst, von ihrer Umwelt beschämt zu werden – folglich schweigen sie. Andere öffnen sich und beginnen zu recherchieren, zu sprechen, die Unterstützung von Gleichgesinnten zu suchen.

Emotional weiter verstrickt

In der Psychologie gibt es wie in der Gerichtsbarkeit den Terminus der Komplizenschaft – zum Beispiel, wenn man seine Verwandten schützt, obwohl man weiß, dass diese an Unrecht beteiligt waren. Komplizenschaft bedeutet, emotional verstrickt zu bleiben. Schweigen kann zur zweiten Schuld werden, vor allem, wenn die Überlebenden und ihre Nachkommen mit ihrem Schicksal nicht wahrgenommen werden. Es ist zugleich eine Pflicht, sich mit dem materiellen Erbe – Möbel, Häuser, Silber, Aktien, Immobilien etc. – auseinanderzusetzen, so wie die Künstler es fordern. Die Wahrheit tut oft weh, doch sie ist individuell und kollektiv sehr viel besser als falsche Familienloyalitäten, die auf Lügen fußen.

Wären es nicht zwei Migranten, die sich jetzt aufs Neue des Themas angenommen haben, hätte das vermutlich weniger Aufmerksamkeit erregt. Wegen der Angriffe und falschen Anschuldigungen durch Ultrarechte und Feuilletonisten, die das Video offenbar nicht gesehen hatten, entfernten die Künstler ihr Video zeitweilig aus dem Netz. Der Blick von außen, von Menschen ohne Nazihintergrund, wie Hilal und Varatharajah, ist naturgemäß weniger emotional, er kommt leichtfüßiger und pointierter daher, als wenn die Täter-Nachfahren sich mit der Schuld eigener Angehöriger auseinandersetzen. Das irritiert und reizt die Abwehr. Die Künstler konfrontieren uns an manchen Stellen mit der Perspektive der Überlebenden, und das ist besonders für jene mit unbewussten Schuldgefühlen schwer erträglich. Auf ihre sensiblen und klugen Töne gingen die meisten Kommentatoren gar nicht erst ein. Doch es gab auch viel Zuspruch: Rasch bildete sich auf Twitter die Gruppe #meinNazihintergrund, denn viele Urenkel entwickeln derzeit das Bedürfnis, sich mit den Hinterlassenschaften der NS-Zeit zu befassen.

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06:00 24.03.2021

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