Das sind die Bomben von Tony Blair

Epizentrum des Bebens Der Irak-Krieg erschüttert Großbritannien

Genau 14 Tage nach den Anschlägen auf das Londoner Nahverkehrssystem am 7. Juli sind vor Wochenfrist erneut vier Sprengsätze gelegt worden. Die Stadt ist alarmiert und in einem Zustand der Verunsicherung wie selten zuvor, seit auch Stimmen - bis hin zu Oberbürgermeister Ken Livingstone - lauter werden, die den Zusammenhang mit der britischen Truppenpräsenz im Irak nicht länger ignorieren wollen.

In den Berichten über die wiederholten Anschläge in London geht eine grundlegende Wahrheit beinahe unter: Solche Attentate zeichnen sich ab, seit der britische Premierminister an der Seite von George Bush die Invasion des Irak begonnen hat. Die einzig wirklich zuverlässige Warnung der britischen Geheimdienste vor diesem Krieg betraf die starke Zunahme von terroristischen Angriffen gegen Britannien und die Briten. Hätte Blair diese Warnung ernst genommen, statt uns weiszumachen, dass der Irak eine Bedrohung sei, wären die Londoner, die am 7. Juli und danach an den Folgen der Anschläge gestorben sind, womöglich noch am Leben - genauso wie Zehntausende Iraker.

Vor wenigen Wochen gab ein CIA-Bericht zu verstehen, dass die anglo-amerikanische Invasion den Irak in einen Brennpunkt des Terrorismus verwandelt hat - in das Epizentrum eines Bebens, sollte man präzisieren, dessen Horror längst auch Britannien erreicht. Seit mehr als einem Jahr drängt Blair die Briten nun schon, den Irak "hinter sich zu lassen." Die Vergabe der Olympischen Spiele 2012 an London schien für die flüchtige Illusion zu sorgen, alles sei in Ordnung, ungeachtet der chaotischen Ereignisse in einem fernen Land. Hinzu kam das G 8-Treffen in Schottland mitsamt der "Macht Armut zur Geschichte"-Kampagne und dem Zirkus der Prominenten.

Dabei war der Kontrast in der Berichterstattung über diesen Gipfel, die Demonstrationen und Popkonzerte im Londoner Hyde-Park ("Live 8") zu einem anderen "globalen" Ereignis frappierend. Etwa zur gleichen Zeit untersuchte ein international besetztes Tribunal in Istanbul öffentlich die Invasion von 2003 und die seither andauernde Besetzung des Irak. Die Berichte von Augenzeugen, meinte die indische Schriftstellerin Arundhati Roy, die dem Tribunal angehört, "zeigen, dass sogar jene unter uns, die den Krieg genau verfolgten, sich nicht aller im Irak entfesselten Schrecken bewusst waren". Dahr Jamail - einer der besten nicht-"eingebetteten" Journalisten in Bagdad - beschrieb, wie im November 2004 die Spitäler im belagerten Falludscha zum Objekt der kollektiven Bestrafung wurden. US-Marines griffen das Personal an und hinderten Verletzte daran, in dieses Hospital zu gelangen. Scharfschützen schossen auf Türen und Fenster. Medikamente, vor allem Blutkonserven, konnten nicht mehr hineingebracht werden.

Man stelle sich vor, die gleichen Zustände hätten in London geherrscht, als die Opfer der Anschläge vom 7. Juli in die Krankenhäuser eingeliefert wurden. Unvorstellbar? Doch im Irak geschieht genau das - und zwar in unserem Namen. Wann endlich hakt jemand bei den inszenierten "Pressekonferenzen" nach, wenn Blair in die Kameras sagen darf: "Unsere Werte werden die ihren überdauern"? In Falludscha kennen sie "unsere Werte" nur zu genau.

Die beiden für das Gemetzel im Irak verantwortlichen Männer, Bush und Blair, saßen im schottischen Gleneagles Seite an Seite. Warum stellte niemand dort den Zusammenhang zwischen ihrem "Krieg gegen den Terrorismus" und den Bomben in London her? Und wann wird jemand aus der politischen Elite Großbritanniens sagen, dass Blairs Schall-und-Rauch-"Schuldenerlass" im besten Fall nicht einmal so viel kostet, wie die britische Regierung für eine Woche Krieg im Irak ausgibt, wo - laut dem UN-Kinderhilfswerk UNICEF britische und amerikanische Gewalt schuld an der Verdoppelung von Kinderarmut und Mangelernährung seit dem Sturz von Saddam Hussein ist?

In Wahrheit ist der von den G 8 angebotene Schuldenerlass für Afrika tödlich. Denn er sanktioniert unerbittliche Bedingungen, die jeden möglichen Nutzen in den Schatten stellen. Bestimmend ist nicht das Motiv, die Armut zur Geschichte zu machen, sondern Dissens zum Schweigen zu bringen, zu befrieden und zu kanalisieren. Die rührseligen Bilder auf den Großleinwänden hinter den Popstars im Hyde-Park vor dem G 8-Treffen zeigten nicht die irakischen Ärzte, die von Bushs Scharfschützen ermordet wurden.

Das wirkliche Leben wurde satirischer, als Satire je sein kann. Da war ein Bob Geldof, der seinen Kopf lächelnd auf Blairs Schulter legte. Da war ein Bono in heroischer Pose, der Männer wie den Ökonomen Jeffrey Sachs als Retter der Ärmsten der Welt feierte und Bushs "Krieg gegen den Terrorismus" als eine der größten Errungenschaften seiner Generation zu preisen wusste. Und da war Paul Wolfowitz, der strahlend versprach, Armut zur Geschichte zu machen - jener Mann, der, bevor er die Kontrolle über die Weltbank übernommen hat, einer der Architekten von Bushs neokonservativem Putsch und einer der Verantwortlichen für das Blutbad im Irak war. Von Wolfowitz stammt die Bemerkung vom "endlosen Krieg". Für die Politiker, die Popstars, die Kirchenführer und die höflichen Menschen, die Tony Blair und seinem Finanzminister Gordon Brown glaubten, als sie ihren "großen moralischen Kreuzzug" verkündeten, war der Irak peinlich. Der Tod von mehr als 50.000 Irakern wurde aus der Mainstream-Debatte weg retuschiert.

Das "Live 8" von Geldof, Bono, Madonna, Sting, McCartney et alteri war die eigentliche Antithese zum 15. Februar 2003, als zwei Millionen Menschen ihr Herz, ihr Hirn und ihre Wut durch die Straßen von London trugen und gegen den drohenden Irakkrieg protestierten.

John Pilger ist Journalist und Dokumentarfilmer. Er lebt in London.


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00:00 29.07.2005

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