Das Vergessen wegfegen

Spanien In Madrid erforschen Straßenreiniger das Schicksal von Kollegen, die zu Opfern Francos wurden
Das Vergessen wegfegen
Die ermordeten Straßenfeger hatten öffentlich die Werte der Republik und die ihrer Klasse verteidigt

Foto: Lindenthaler/Imago

Rafael Sánchez Toribio schließt seine Tasche und die hellblaue Schirmmütze in den Spind. Im Iron-Maiden-Shirt und mit Dreitagebart durchläuft er die Zulassungsformalitäten. Das Personal des Militärarchivs kennt ihn, und auch er kennt das Prozedere in- und auswendig. Seit Monaten ist er Stammgast und will an diesem Herbsttag mehr über das Schicksal zweier Männer erfahren, die in den 1930er Jahren bei der Stadtreinigung von Madrid beschäftigt und Mitglieder der Gewerkschaft UGT waren. Mit großer Wahrscheinlichkeit wurden sie Opfer von Repressionen der Franco-Diktatur, möglicherweise sogar ermordet.

General Franco hatte im Sommer 1936 gegen die Zweite Spanische Republik (1931 – 1936) geputscht und den so ausgelösten Bürgerkrieg Anfang 1939 gewonnen. Er herrschte bis zu seinem Tod am 20. November 1975, besonders die Anfangsjahre waren von brutaler und systematischer politischer Verfolgung geprägt.

Rafael Sánchez ist jahrzehntelang mit einem kleinen Lastwagen durch die engen Straßen Madrids gefahren, um Sperrmüll einzusammeln. Als Gewerkschafter handelt er bis heute Tarifverträge aus und widmet sich seit Ende 2016 für die UGT einem Rechercheprojekt, das innerhalb der gemeinsamen WhatsApp-Gruppe den Namen „Memoria Limpia“ (Saubere Erinnerung) trägt. Das Hintergrundbild seines Handys zeigt drei Rosen in den Farben der Republik. Die Aktenbündel des Militärarchivs werden ihm vorgelegt und nach einer guten halben Stunde ist klar: In diesen beiden Fällen sind die Betroffenen davongekommen. Sie haben überlebt, in Konzentrationslagern, trotz einer Strafe von zwölf Jahren und einem Tag, trotz der Zerstörung ihrer Lebensgrundlage.

Warum das alles? Weshalb über Monate hinweg in der Freizeit Akten wälzen? Bonifacio Sánchez Cepa, Sekretär der UGT und im Management eines multinationalen Reinigungs- und Entsorgungsunternehmens, redet über Menschenrechte und das große Thema Verfolgung während der Franco-Zeit, die unzulänglich aufgearbeitet werde. Stadtreiniger seien überall präsent und doch unsichtbar, zumindest solange sie nicht streiken würden. „Auch innerhalb der Klassenhierarchie werden sie kaum als Arbeiter im klassischen Sinne wahrgenommen, sondern mehr als absolute Unterschicht – im toten Winkel der Gesellschaft.“ Diese Klientel solle durch die historische Forschung sichtbarer werden. Das Projekt wolle die Arbeiter von einst dem Vergessen entreißen und ihre Geschichte buchstäblich hervorkehren.

Rafael Sánchez hat neben einem ausgeprägten sozialen Bewusstsein und einem Faible für Familienforschung auch ein persönliches Motiv, das sich aus einer offenen Rechnung mit dem Franco-Regime ergibt. Der Großvater seiner Frau wurde zu 30 Jahren „freiwilliger Zwangsarbeit“ verurteilt und baute mit am Tunnel zwischen Madrid und Burgos. Er starb einen Tag vor seiner Freilassung – durch Steinschlag, was man glauben kann oder auch nicht.

Oscar Alonso Rodríguez ist als pensionierter Soziologe der ehrenamtliche Mentor des Rechercheprojekts, in dem neben Rafael Sánchez noch ein gutes Dutzend Straßenkehrer als Freiwillige mitarbeiten. Oscar erzählt, dass man in der einstigen Arbeiterzeitung El Obrero Municipal einige hundert Namen gefunden habe, die in Beitragslisten auftauchten oder unter gezeichneten Artikeln standen. „Wer sich dort exponiert hatte, musste in den Fokus der Franquisten geraten. Und weil Madrid im Bürgerkrieg solch ein Widerstandsnest war, musste die Revanche nach Francos Sieg hier besonders brutal ausfallen.“

Die Regierung strich das Geld

Die Straßenkehrer-Historiker, die über keinerlei akademische Ausbildung verfügen, gleichen ihre Funde mit Erkenntnissen der renommierten Historikerin Mirta Núñez über die Opfer des Franquismus in Madrid ab. Sie konsultieren das Hauptstadt- und das kommunale Zeitschriftenarchiv, dazu Prozessakten der Militärgerichte. Sie reisen bis nach Salamanca zum Archiv des Bürgerkrieges, forschen bei linken Parteien und Stiftungen. Schließlich haben sie sich auf Fälle konzentriert, in denen die Verfolgung bis zur Hinrichtung ging.

Elf Todesopfer haben die Forscher ausfindig gemacht. Die Betroffenen wurden zwischen Juni 1939 und März 1943 exekutiert, allein fünf davon am 7. Juni 1940. Sind die Biografien gerettet, werden zugleich die Namen der Opfer bewahrt: Francisco Arellano, Pablo Mira, Joaquin Féniz, Gregorio Panadero, Antonio Álvarez, Seguno Vilariño, José Bouzas, Victorino Cabrerizo, Lorenzo Cristóbal, Victoriano Sánchez und Lino Delgado. Was hatten sie in den Augen ihrer Henker verbrochen? Sie waren freiwillig in republikanische Milizen eingetreten, Mitglieder einer Gewerkschaft oder einer linken Partei. Sie verteidigten – und das öffentlich – die Werte der Republik und ihrer Klasse. Wer dies heute erforscht, erfährt einiges über die franquistische Justiz. Entlastende Aussagen, zu denen sich beispielsweise die Nachbarn von Victoriano Sánchez im Mai 1940 aller Gefahr zum Trotz aufrafften, wurden ignoriert. Die Angeklagten hatten in den Prozessen oft kein Rederecht, die Beweisführung war schlampig und von politischen Absichten durchdrungen oder unterblieb gänzlich.

Die Idee zu diesem Projekt entstand aus dem jahrelangen Engagement von UGT-Mitgliedern für die Asociación para la Recuperación de la Memoria Histórica (ARMH, Vereinigung zur Wiedererlangung der Historischen Erinnerung). Eine NGO, die anonym in Massengräbern verscharrte Opfer der Franco-Diktatur exhumieren ließ. Seit die Regierung ab 2012 keine Fördergelder mehr bewilligt und so geltendes Recht missachtet hat, finanziert sich die ARMH aus Spenden, nicht zuletzt dank einer norwegischen Gewerkschaft. Auch die dem DGB nahestehende Hans-Böckler-Stiftung hat sich durch Gesprächsrunden mit dem Bundesarbeitskreis Arbeit und Leben, einer Weiterbildungseinrichtung des DGB, engagiert. Die ARMH betont stets, die Hinterbliebenen hätten ein Anrecht auf die wahre Geschichte ihrer Vorfahren, die das Regime verleumdete oder totschwieg. So suchen die Forscher auch die Nachfahren der Franco-Opfer, doch von den elf Hingerichteten ließen sich bisher nur in zwei Fällen die Familien ermitteln.

Am 19. November gab es in Madrid zum vorläufigen Abschluss des Projekts eine Gedenkfeier für die ermordeten Straßenfeger, veranstaltet am Jahrestag der ersten universellen Wahlen Spaniens im Jahr 1933. Ein Jubiläum in direkter Nachbarschaft zum 20. November, dem Todestag Francos wie von José Antonio Primo de Rivera, dem Gründer der faschistischen Falange-Partei, den die republikanische Regierung 1936 –er war wegen Verschwörung zum Tode verurteilt – hinrichten ließ. Aus diesem Anlass machen die Ultrarechten Jahr für Jahr gern mobil.

In einem Kulturzentrum nahe dem Cibeles-Brunnen, wo die Fans von Real Madrid ihre Siege feiern, war die erste Reihe nicht für Honoratioren, sondern für die Familien der 1940 hingerichteten Joaquin Féniz und Gregorio Panadero reserviert. Die Bedeutung, die das Projekt für die Gewerkschaft UGT erlangt hat, machte ihr Generalsekretär Pepe Álvarez allein durch seine Teilnahme deutlich. Ein Signal gegen die historische Amnesie, das regierungsoffiziell auf keinen Beifall rechnen darf. Umso mehr fiel auf, dass die linksregierte Verwaltung von Madrid gleich zwei Stadträte schickte. Mauricio Valiente, zuständig für das Ressort Menschenrechte, meinte, die Recherchen der Straßenreiniger seien ein Anstoß, um die Geschichte aller städtischen Angestellten, die zu Märtyrern des Widerstandes wurden, ans Licht zu holen: „Dem Getrampel der Rechten zum Trotz – wir werden zur historischen Erinnerung zurückkehren, auch durch die Aufarbeitung der öffentlichen Politik dieser Stadt.“ Zum Abschluss wurden – als Zeichen der Hoffnung – zwei Bäumchen mit den Namen von Joaquin Féniz und Gregorio Panadero an deren Nachfahren verschenkt.

Rafael Sánchez ist erschöpft und plant doch schon die nächste Arbeitssitzung seines Kreises. „Wir sind nicht fertig. Neun Familien meiner Kollegen von damals haben wir nicht gefunden. Wir haben in ihren Heimatdörfern geforscht, manche sollen emigriert sein – ich mache weiter, bis wir wissen, was aus ihnen geworden ist.“

Verena Boos ist Schriftstellerin. 2015 erschien ihr Debütroman Blutorangen im Aufbau-Verlag Berlin

06:00 20.12.2017

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