Das Verschleppte

Restitution Die Kunstraubzüge der Kolonialzeit rücken endlich auf die Agenda deutscher Museen
Das Verschleppte
Endstation Frankfurt? Perlenbesatz aus Namibia, Ahnenschmuck aus Indonesien, Kopfputz aus Kamerun

Sammlung Weltkulturen Museum, Fotos: Wolfgang Günzel; Focus Features

Der Maji-Maji-Krieg war außergewöhnlich. Im Sommer 1905 hatten sich Kämpfer ganz unterschiedlicher Stämme verbündet, um gegen die Kolonialmacht anzukämpfen. Überall in der Region, in Nandete, Samanga und Mohoro, in Uzaramo und Liwale, kam es zu Aufständen. Die Reaktion der Kolonialmacht erfolgte rasch und war von besonderer Härte. Mit gezielten Plünderungen sollten die Aufständischen ausgehungert werden. Ihre Vorräte in den Erntespeichern wurden vernichtet, Dörfer, Felder und Büsche niedergebrannt. Krieg durch Hunger.

Die Niederschlagung der Maji-Maji-Aufstände ist so gut wie vergessen, gerade im Land der damaligen Täter. Eine Auseinandersetzung über die Massaker der Schutztruppe für Deutsch-Ostafrika auf dem heute zu Tansania gehören Gebiet findet nicht statt. Der deutsche Kolonialismus, das ist noch immer ein blinder Fleck.

Ein wenig anders ist es, auch dank der unermüdlichen Forschungsarbeit des Historikers Jürgen Zimmerer, mit dem Krieg gegen die Herero und die Nama in Deutsch-Südwestafrika. Auch auf dem Gebiet des heutigen Staates Namibia hatte es Widerstand gegen die brutale Ausbeutung gegeben, auch dort wurde er mit enormer Härte unterdrückt. „Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen“, hatte General Lothar von Trotta seine Truppen instruiert. Doch es dauerte bis 2015, dass der Krieg, den die deutschen Soldaten damals führten, vom Auswärtigen Amt zum ersten Mal als das bezeichnet wurde, was er war: ein Völkermord, der erste im 20. Jahrhundert.

Herrn Stuhlmanns Perlen

In einer Glasvitrine im Frankfurter Weltkulturen Museum liegt ein Perlenbesatz, der zu einem Mantel getragen wurde. Die Steine schimmern silbern und türkis, sie sind in einem Oval angeordnet. Eugen Stuhlmann hieß der Mann, der das Schmuckstück dem Museum vermachte. 1872 wurde er geboren, wann er verstarb, ist nicht bekannt. Als Oberleutnant der deutschen Schutztruppe kommandierte er im Krieg gegen die Herero und Nama eine eigene Kompanie. In seinen Tagebuchaufzeichnungen beschrieb er unverblümt, wie er in den verlassenen Herero-Dörfern Waffen, Felle und Schmuck einsammelte. Dass deutsche Soldaten sich während der Kriegszüge in den Kolonien auch privat bereicherten, war für ihn nichts, das es zu verheimlichen galt.

Zehn Gegenstände übergab Stuhlmann dem, wie es damals hieß, Völkermuseum in Frankfurt, neun davon sind bis heute in dessen Besitz. Nur eine Decke aus Ziegenfellstreifen, die laut Stuhlmann dem bekannten Nama-Anführer Hendrik Witbooi gehörte und in einem Gefecht erbeutet wurde, ging bei einem Bombenangriff im Zweiten Weltkrieg verloren. Dass die Objekte Raubgut sind, steht außer Frage. Trotzdem ist es etwas Besonderes, dass das nun in einer Ausstellung thematisiert wird.

Gesammelt. Gekauft. Geraubt? heißt die Schau, sie ist das Ergebnis eines umfangreichen Provenienzforschungsprojekts. Gut ein Jahr lang haben sich die Kuratorinnen Julia Friedel, Kustodin der Afrika-Sammlung des Weltkulturen Museums, und Vanessa von Gliszczynski, zuständig für die Südostasien-Sammlung, Zeit genommen, um die Herkunftsgeschichten von rund 30 Objekten aus dem Bestand zu erforschen. Ganz sachlich werden sie in den Räumen einer alten Stadtvilla mit Begleittexten ausgestellt: ein Jagdhorn aus Elefantenzahn, ein leuchtend roter Federkopfschmuck, eine balinesische Malerei, Waffen, Schmuck, Alltagsgegenstände.

Noch hat es Seltenheitswert, dass deutsche Ausstellungshäuser sich kritisch mit den Stücken, die zur Zeit des Kolonialismus angeschafft wurden, befassen, doch ein Anfang immerhin ist gemacht. Das Museum für Kunstgewerbe in Hamburg etwa zeigt seit Mitte Februar eine kleine Schau, die sich mit drei Bronzen aus Benin beschäftigt. Solche Bronzen waren Beute in einem Raubzug der Briten. Nach einem Angriff auf eine Abordnung unter dem Generalkonsul James Phillips im damals noch unabhängigen Königreich Benin im Januar 1897 überzogen britische Truppen das Land mit einer mörderischen „Strafexpedition“. Tausende Kämpfer töteten sie beim Einmarsch in Benin City. Und es wurde Kunst in großem Ausmaß gestohlen: gut 4.000 Bronzen, aber auch Objekte aus Elfenbein, Holz oder Korallen. Der Königspalast in Benin wurde zerstört.

Vorfahren in Gefangenschaft

Justus Brinckmann, der Gründungsdirektor des Hamburger Kunstgewerbemuseums, spielte eine wichtige Rolle, als es darum ging, das Geraubte zu verkaufen, es an Museen und Sammler in Europa zu veräußern. Das legt die Ausstellung nun offen. Anderswo werden Benin-Bronzen dagegen meist ohne den Hinweis auf ihre räuberische Erbeutung ausgestellt. In Deutschland gibt es eine ganze Handvoll an Museen, die solche Werke in Besitz haben. Etwa 550 Stück sind es in der Sammlung des Berliner Ethnologischen Museums. Die soll bald im wieder aufgebauten Berliner Stadtschloss, im Humboldt-Forum, präsentiert werden. Dagegen regt sich seit einiger Zeit schon Protest: Die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy hat lautstark die Expertenkommission des Humboldt-Forums verlassen. Den Beirat bezeichnete sie als „bloße Pro-forma-Veranstaltung“, den Ausstellungsmachern warf sie Intransparenz vor. Das Bündnis No Humboldt 21! legt mit Demonstrationen und Podiumsdiskussionen immer wieder Salz in die Wunde.

Man darf das als gutes Zeichen deuten: Die Zeiten, in denen der koloniale Kontext der ethnologischen Sammlungen einfach totgeschwiegen werden konnte, sind definitiv vorbei. Und der Druck aus den Ländern, aus denen die Alltagsgegenstände, Ritualobjekte und Kunstwerke stammen, steigt. In Benin City, das heute zu Nigeria gehört, wird schon länger eine Rückgabe der geraubten Bronzen gefordert. Theophilus Umogbai, Kurator des Nationalmuseums in Benin City, nannte sie kürzlich „Vorfahren in Gefangenschaft“ – was auch verdeutlicht, welch positive Rolle Restitutionen bei der Verarbeitung des kolonialen Traumas spielen könnten. Auch in anderen Ländern, nicht nur auf dem afrikanischen Kontinent, wird der Ruf nach Restitutionen lauter. Nach dem Unrecht der NS-Raubkunst rückt nun auch das Unrecht der kolonialen Kunstraubzüge auf die Agenda.

Bei ihren Recherchen für die Frankfurter Ausstellung seien sie auf sehr viele „Nuancen des Unrechts“ gestoßen, sagen Vanessa von Gliszczynski und Julia Friedel vom Weltkulturen Museum. Bei einigen Stücken war der Erwerb formal zwar ein ordnungsgemäßer Kauf, doch sehr wahrscheinlich spielte auch dabei, bewusst oder unbewusst, der Charakter des kolonialen Unterdrückungsregimes seine Rolle. In der Schau gibt es einige dieser Zwischenfälle. Häufig sind Fragen offen geblieben: Wurden Objekte verschenkt, um die fremden Herrscher gnädiger zu stimmen? Wurden Händler überrumpelt oder unter Druck gesetzt? Wurden sakrale Figuren freiwillig oder unter Zwang an Missionare abgegeben? Die Aufzeichnungen und Quellen, um diese Fragen zu klären, fehlen.

Viele fragen deshalb, ob Objekte, von denen gar nicht zweifelsfrei feststeht, dass sie geraubt wurden, überhaupt restituiert werden dürfen. Der französische Präsident Emmanuel Macron hat sich erstaunlich offenherzig auf ein Ja festgelegt. Im überfüllten Auditorium der Universität von Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso, kündigte er im vergangenen November an, dass sein Land innerhalb der kommenden fünf Jahre die Voraussetzungen für die Rückgabe von afrikanischen Objekten schaffen werde. „Das afrikanische Erbe darf kein Gefangener europäischer Museen sein“, legte er wenig später auf Twitter nach. Bedenkt man, wie die Ausstellungshäuser die erbeuteten Schätze bislang horteten, käme solch ein Schritt tatsächlich einer Revolution nahe. Andere Länder, auch Deutschland, gerieten unter Zugzwang, sich ihrer kolonialen Vergangenheit ebenfalls endlich offensiver zu stellen.

Ein „wichtiger, guter Schritt“ sei Macrons Coup, findet die Frankfurter Afrika-Kustodin Julia Friedel. Angst, dass die Debatte Löcher in ihre Sammlungen fressen könnte, hat sie nicht. Sie sieht in der Diskussion vielmehr eine echte Chance, um den Dialog zwischen Museumsmachern in Afrika und Europa zu intensivieren. „Es ist gut, wenn jetzt offen miteinander gesprochen wird“, sagt sie.

Gesammelt. Gekauft. Geraubt? Weltkulturen Museum Frankfurt am Main, bis 21. Januar 2019

06:00 25.08.2018

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