Dekadenz und Hoffnung

Spanien Der krasse Anstieg der Corona-Zahlen im Land hat seine Gründe. Inmitten der Pandemie kündigt sich aber auch eine gute Nachricht an – sie hat mit Katalonien zu tun
Dekadenz und Hoffnung
Santiago de Compostela im Januar

Foto: Miguel Riopa/AFP/Getty Images

Der Knüppel der Pandemie schlägt auf Spanien ein wie noch nie. Die 7-Tage Inzidenz hat gerade 450 auf 100.000 Einwohner überschritten, in der autonomen Region Comunidad Valenciana ist sie auf 750 gestiegen. Und das, obwohl seit Anfang November scharfe Maßnahmen verhängt worden sind, darunter eine nächtliche Ausgangssperre, die in den vergangenen Tagen immer mehr ausgeweitet wurde. Verschiedene Regionen fordern erneut eine totale häusliche Ausgangssperre wie es sie zu Beginn der Pandemie gegeben hatte. Die Wohnung durfte damals nur zum Einkauf von Lebensmitteln im engen Umkreis, zum Gassigehen mit dem Hund und für den Weg zur Arbeit verlassen werden. Wieso schaffen selbst die geltenden extremen Verbote nicht, die exponentielle Verbreitung des Virus zu bremsen?

Wie auch in Deutschland fehlen hier schlüssige und wissenschaftlich fundierte Erklärungen für den geringen Erfolg der Maßnahmen. Trotzdem lohnt es, nach spezifischen Faktoren zu suchen, die die so viel brutalere Dynamik erklären könnten. Die Nachrichten in den Medien liefern hier einige Hinweise. Bei den damals nur sporadischen Polizeikontrollen (erstaunlich in einem Land mit zwei großen militärisch aufgebauten Polizeiapparaten – der Guardia Civil mit 77.000 und der Nationalpolizei mit 66.000 Einsatzzlräften) wurden immer wieder Motorrad- und Autofahrer aufgegriffen, die sich mit dem Kauf einer Stange Brot in einer 100 Kilometer entfernten Bäckerei rechtfertigten. Der Kauf eines Hundes zum immer wieder Gassigehen nahm sprunghaft zu. Das hat mit der spanischen Tradition der „pícaros“ (Gauner, Schelm, Schlaumeier) zu tun. Statt sich mit den Staatsorganen anzulegen wie in anderen Ländern werden Tricks und Schlupflöcher gesucht und gefunden. Selbst mitten in Madrid stößt die Polizei immer wieder auf gut verriegelte Diskotheken, wo eine dicht gedrängte Menschenmasse tanzt und trinkt.

Ein anderer Faktor sind die Familientreffen, die Cousinen/Cousins und Nichten/Neffen zweiten bis dritten Grades umfassen. Da kommen leicht 30 Personen zusammen. Spanien hat gerade drei Feste hinter sich: Weihnachten, Silvester/Neujahr und – das wichtigste – die Heiligen drei Könige. Aufwendige Kampagnen, die Treffen dieses Mal zu unterlassen, blieben ohne Wirkung. Der Preis: sprunghaft angestiegene Infektionen und Sterbezahlen seit Jahresbeginn. Ein krasses Beispiel ist Valencia, bekannt für seine spektakulären Umzüge am Vorabend der Heiligen drei Könige. Die Stadtverwaltung, verantwortungsbewusst wie Gott es befiehlt, hatte den traditionellen Straßenumzug abgesagt und durch einen Umzug ohne Publikum im Fernsehen ersetzt. Blitzschnell erschien der Ort dieses Fernsehumzugs in den sozialen Medien und Tausende von Eltern und Kindern jubelten dichtgedrängt den Königen zu.

In der beschriebenen Situation bleibt als einzige Hoffnung die Impfung. Hier tritt allerdings ein weiteres Phänomen der spanischen Kultur in Aktion: In der von den Historikern als „spanische Dekadenz“ bezeichneten Epoche, die im 17. Jahrhundert begann, fand der Niedergang des mächtigen spanischen Imperiums samt seinen Kolonien statt und die Verarmung des Landes und seine geopolitische Marginalisierung begann. Damals standen den „pícaros“ die „hidalgos“ gegenüber. Es war eine bis zu fünf Prozent der Bevölkerung ausmachende Schicht, die sich irgendeinen Adelstitel gekauft, erschlichen, ererbt oder durch kirchliche Gönner erworben hatte. Sie reichte von heruntergekommenen Möchtegern-Feudalherren bis in die höheren Etagen der Aristokratie. Sie waren sozusagen eine karikaturhafte „Nachbildung“ des klassischen Rittertums, auf den Punkt gebracht im Don Quijote von Cervantes. Was die Hidalgos verband, war die Verachtung produktiver Arbeit und das Sich-Einrichten in irgendeiner Form von Parasiten-/Ausbeuterdasein.

Womit wir beim Problem der Impfkampagne sind. Jeden Tag kommen neue Beispiele ans Licht, wo jenseits der geltenden Prioritäten Bürgermeister samt Familien, im Ruhestand befindliche hochrangige Militärs, Behördenchefs usw. sich impfen lassen, natürlich immer mit einer Ausrede. Immerhin – und das ist anders als während der „spanischen Dekadenz“ – kommt das ab und zu an die Öffentlichkeit und dem „Hidalgo“ bleibt bisweilen nur noch der Rücktritt.

Die Pandemie hat weitere und womöglich positive Folgen, nämlich politische: Es könnte sein, dass der Katalonienkonflikt von der Konfrontation in eine konstruktive Phase übergeht. Am 14. Februar finden Wahlen in Katalonien statt (wenn sie nicht doch noch wegen der Pandemie verschoben werden). Salvador Illa, Katalane und während der Pandemie Gesundheitsminister unter Pedro Sánchez, tritt als Kandidat für die Sozialistische Partei Kataloniens PSC an. Trotz einiger (zugegebener) Fehler in der Pandemiebekämpfung hat er durch seine in der spanischen Politik völlig ungewöhnliche ruhige und besonnene Amtsführung so viele Sympathisanten in Katalonien gewonnen, dass laut Umfragen von einem imposanten Stimmenzuwachs der Sozialisten ausgegangen wird. Im günstigsten Fall könnte der PSC die Unanhängigkeitsparteien überflügeln und Illa neuer katalanischer Präsident werden, gestützt auf eine Regierungskoalition aus Sozialisten, Republikanischer Linken (ERC) und der katalanischen Variante von Podemos. Das wäre am Ende mal wieder eine gute Nachricht.

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10:18 03.02.2021

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