Delikanlı über alles

Rollen Als türkischstämmiger Mann soll ich immer stark und aufrecht sein. Ein Wort erinnert mich täglich daran
Delikanlı über alles
Männer, die ins Leere starren: so viel sein müssen, so wenig sein dürfen

Foto: Jordis Antonia Schlösser/Ostkreuz

Seit meiner frühen Jugend bin ich großer Fan von Deutschrap. Von Kool Savas, Alpa Gun, Bushido über Haftbefehl und besonders seit Celo & Abdis Mietwagentape 2010 habe ich eine innige Beziehung zu einem Genre entwickelt, dessen Inhalten ich mittlerweile zu einem großen Teil wenig abgewinnen kann. An neuen Alben komme ich dennoch nicht vorbei. Eines dieser neueren Alben, das am 24. Oktober 2018 erschienen ist, heißt Delikanlı. Es stammt vom Rapper Mert, einem unterdurchschnittlicher Youtuber-jetzt-Rapper. Das Album ist erwartungsgemäß schlecht, aber das Wort ließ mich nicht los – es erinnert mich an meine Jugend, an Vorstellungen von Männlichkeit und die Enge, die ich bis heute verspüre.

Delikanlı, gesprochen „Delikanle“, ist kein gewöhnlicher Begriff im Türkischen. Seine deutsche Übersetzung, „wildblütig“, wird ihm nicht gerecht. So klingt er wie ein Honig, süß, simpel und harmlos. Aber er kann sauer, komplex und giftig für Männer sein. Das türkische Äquivalent zum Duden, die Türk Dil Kurumu, ist sich nicht einig. Entweder bezeichne der Begriff einen jungen Mann, der seine Pubertät hinter sich gelassen hat, oder jemanden, der bei seinem Wort bleibt, aufrichtig ist und Ehre besitzt („Sözünün eri, dürüst, namuslu kimse.“). Bei Mert heißt es: „Damals Fachabi geschmissen, war kein Delikanlı. Heute schmeiße ich mit Geld, bin ein Delikanlı.“

Man spricht ungern konkret

Ich bin in einer als türkisch gelesenen* Familie in Deutschland groß geworden. Seit einigen Jahren – und besonders seit der Silvesternacht in Köln 2015 – wird heftig und häufig über Männlichkeit von als muslimisch markierten Männern und Jungen öffentlich diskutiert. Das geschieht in der Regel, ohne die Personen aus der Gruppe selber zu befragen. Stattdessen wird oft in rassistischer Weise über uns geredet. Ich habe als türkisch gelesene Männer zu ihrem Verhältnis zu dem Wort Delikanlı befragt. Beginnen werde ich aber bei mir.

Meine Familie und ich in Deutschland haben viel Kontakt zu unserer Familie in der Türkei. Wenn ich als 13-Jähriger dort im Urlaub – wie jedes Jahr – sechs Wochen verbrachte, flogen oft Begriffe durch den Raum, die ich nicht verstand. Das Wort Delikanlı fing ich öfters auf. Es erfüllte mich mit besonderem Stolz, wenn meine Tanten und Onkel feststellten, wie sehr ich ein Delikanlı geworden sei. Was genau mich dazu qualifizierte, wusste ich nicht. Aber ich sah in den Augen meiner Familie, wie egal das ist. Sie waren glücklich, deshalb war ich es auch. Ab diesem Zeitpunkt wurde dieser Begriff mein ständiger Begleiter. In vielen türkischen Soaps und alten Fernsehserien aus den 70er und 80er Jahren, die bei uns zu Hause andauernd zu sehen waren, lief der Begriff rauf und runter. Er definierte ein Männlichkeitsbild, über das ungern konkret gesprochen wurde. Cüneyt Arkın, Fernsehstar in der Türkei der 70er Jahre, galt als personifizierte Standfestigkeit und Hüter der Aufrichtigkeit. Er war ein Delikanlı.

2003 erschien in der taz ein Interview mit dem Sozialarbeiter und Erziehungswissenschaftler Hakan Aslan. Es trug den Titel „Ehre und hohle Männlichkeit“. Dort heißt es: „Die jungen Männer werden als Delikanlı, als ‚Wildblütige‘ bezeichnet, und in dieser Altersphase wird geradezu von ihnen erwartet, Grenzen auszutesten, um so ihren Mut und ihre Tapferkeit zu trainieren.“ Männlichkeit als Mutprobe? Hakan Aslan spricht weiter: „Der Begriff der Ehre ist eine der wichtigsten Triebfedern in der Sozialisation türkischer Jungen. Denn für die Verteidigung der Ehre der gesamten Familie ist der Mann zuständig, und das heißt auch der Sohn.“

War ich das? Davon war mir bis heute nicht so viel bewusst. In meinem Umfeld der als türkisch gelesenen Männer in Deutschland fragte ich, was der Begriff für sie bedeutet. Erstaunlich viele wollten teilen, was sie mit dem Wort verbinden. Einige, die ich fragte, wiesen auf den harmlosen Charakter hin. Ein Delikanlı sein hieße, man sei kein Kind mehr. So benannt zu werden, kann als Kompliment für das eigene jugendliche Aussehen verstanden werden. Grundsätzlich bezeichne das Wort jemanden, der sein Wort hält und Aufrichtigkeit als Grundlage seines Charakters definiert. Tugay, Ende 40, erklärte mir: „Es bedeutet, dass du nun ein neues Level erreicht hast, du bist kein Kind mehr. Erst viel später erkannte ich, dass du im Grunde genommen nur ein nicht logisch denkender, mit Testosteron angehäufter Möchtegernheld bist, welcher versucht, seinen Platz auf dieser Welt zu finden.“ Einige andere Äußerungen gingen in die gleiche Richtung. Der 29-jährige Erzieher Ümit meinte zu mir: „Delikanlı war für mich immer eine Bezeichnung für unkontrollierte Draufgänger. Einer, der unbedacht, aber entschlossen Sachen angeht oder redet.“

Schütze die Ehre

Mit jeder dieser Geschichten begreife ich mehr, was meine Tanten und Onkel in der Türkei mit dem Begriff meinten. Die erfolgreiche Qualifikation zum Delikanlı ist vielschichtig, aber immer durch Erwartungen gefüllt, die abweichenden Vorstellungen keinen Platz einräumen. „Delikanlı ol“ – sei ein Delikanlı – bedeutet: Bleib bei dir und deinem Wort, schütze dich und deine Familie, habe keine Angst, sei stark und sei dir deiner Rolle als Mann bewusst – wachse mit der Aufgabe, deine Ehre zu schützen. Das sind implizite, unausgesprochene Erwartungen, die mich ständig begleiten und meine Sicht auf mich selber vernebeln.

Diese Vernebelung ist auch nicht nur eine vorübergehende Phase, wie die Jugend eben oft voller Verwirrung und Suche nach Orientierung ist. So sagte mir mein Vater im Anschluss an unser Gespräch: „Delikanlı sein ist nichts, was nach der Pubertät aufhört. Es beginnt vielmehr erst dann und wird nicht nur ein loser Begriff, sondern ein Lebensstil.“ Er erzählte mir auch, wie er heute noch – teilweise im Spaß – ältere Männer als Delikanlı bezeichnet. Ernsthaft erklärte er mir wiederum, dass jemand sein Leben als Delikanlı gelebt habe, wenn er immer aufrichtig und sich selbst treu war und keine Angst vor nichts hatte.

Mannsein als Lebensaufgabe – sei einer, aber sprich nicht über Männlichkeit? Nachdem ich nun so viele verschiedene Meinungen zu dem Begriff gehört habe, wünsche ich mir, dass er auch anders verstanden werden könnte. Nicht als ein Ausdruck von Ehrfurcht, der das Reden über Erwartungen und Vorstellungen in Bezug auf die eigene Person unmöglich macht. Im Gegenteil, er müsste für eine ganz andere Form von Mut stehen, den Mut, sich mit Erwartungen auseinanderzusetzen, Rollenklischees zu verstehen und zu reflektieren – und auch mit der eigenen Familie darüber sprechen zu können. Denn der Austausch mit anderen ist immer die beste Möglichkeit, sich besser zu verstehen. Gerade dann, wenn das Selbst von anderen definiert wird.

Info

*Mit dem Ausdruck „als türkisch markiert“ bzw. „als türkisch gelesen“ bezeichnet man Menschen, die nicht notwendigerweise in der Türkei geboren wurden, denen diese Herkunft aber zugeschrieben wird

Fikri Anıl Altıntaş ist freier Autor in Berlin und schreibt unter anderem für das Missy Magazine und bento

06:00 13.12.2019
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