Influencer-Kids: Glaubt an euch!

Delphine de Vigan In ihrem neuen Roman „Die Kinder sind Könige“ nimmt uns die französische Bestellerautorin Delphine de Vigan mit in die heile, kaputte Welt von Influencer-Kids

Wenn zwischen den Flügeln eines Schmetterlings eine winzige Kamera installiert und auf uns gerichtet ist, deren Bilder weltweit live für jeden Menschen abrufbar sind, dann sind wir am Höhepunkt von Delphine de Vigans neuem Roman Die Kinder sind Könige. Im Jahr 2031 liegen die Digital Natives nämlich auf den Couchs der Psychoanalytiker und verarbeiten die Folgen der Dauerzurschaustellung in den sozialen Netzwerken unserer Tage. De Vigan erzählt die Geschichte der Influencer-Familie Claux, entlang derer wir in die Welt von Klicks und Likes hineingezogen werden.

Auf den ersten Blick bleibt Bestsellerautorin de Vigan mit dem Thema Familie also ihrem Hauptsujet treu. Die Trägerin des bedeutenden Prix Renaudot ist mit ihren Romanen, die häufig von der inneren Verfasstheit von Familien erzählen, eine der meistbeachteten literarischen Stimmen Frankreichs. In beeindruckender Frequenz hat sie in den vergangenen zehn Jahren fünf Romane vorgelegt, von denen besonders Das Lächeln meiner Mutter (2021) und Loyalitäten (der Freitag 40/2018) auch von der deutschen Kritik gefeiert wurden.

Intensiv, radikal, virtuos, so umschrieb man de Vigans Stil. Die Kinder sind Könige ist wieder ein Versuch der 55-jährigen Autorin, das Funktionieren einer Familie aufzudecken. Einer Familie, die in der schönen, heilen und gewissenhaft gefilterten Welt der Netzwerke unterwegs ist.

Die Claux verdienen ihren offensichtlich üppigen Lebensunterhalt mit ihren Youtube- und Instagram-Kanälen, wo die Kinder Kimmy und Sam von ihrer Mutter Mélanie mit größter Sorgfalt inszeniert werden. Mélanie, die Anfang der 2000er selbst vergeblich von einer Karriere in Reality-Shows und dem damit verbundenen sozialen Aufstieg träumte, gelingt dank der Kids 20 Jahre später der virtuelle Durchbruch. Zwischen Autogrammstunden in Freizeitparks, den täglichen Videoposts und dem Arrangieren der zugesandten Markenartikel sind alle vier Familienmitglieder Vollzeit eingespannt. Da bleiben naturgemäß Neider aus der Nachbarschaft oder seitens der digitalen Konkurrenten nicht aus, und so überrascht es wenig, dass sich das Buch schnell als Kriminalgeschichte entpuppt, bei der Ermittlerin Clara Roussel auf die Suche nach der entführten Kimmy geht und dabei stellvertretend für die Leser:innen in den Alltag der Influencer eintaucht.

Mit Protokollen werden die Claux-Videos beschrieben, in denen Geschenke ausgepackt, Zuckerzeugs gefuttert und in Disney-Kostümen posiert wird. Schnell ahnt man, dass der kindlichen Seele die Dauerzurschaustellung nicht wirklich guttun kann. Da braucht es eigentlich Sätze nicht wie: „Doch Kimmy Diore war in einer Parallelwelt aufgewachsen, einer ganz und gar künstlichen Welt, einer virtuellen Welt, die sie, Clara, nicht kannte. Diese Welt gehorchte Regeln, über die sie nicht das Geringste wusste.“

Kommissarin Clara ist trotz antiautoritärer 68er-Eltern irgendwie bei der Polizei gelandet, sie hat eine gescheiterte Beziehung hinter sich, die nachwirkt, doch inwieweit dies entscheidend für den Fall Kimmy Diore ist, bleibt vage.

Nun besteht die Gefahr bei Romanen über soziale Netzwerke darin, dass sie schnell überholt wirken. So als wolle jemand nach einem Zeitgeist greifen, der schon längst wieder verflogen ist. Tatsächlich erschien das Buch in Frankreich bereits vor ziemlich genau einem Jahr. Erstaunlich ist, wie vorhersehbar und platt die Geschichte an vielen Stellen daherkommt und wie unzweideutig das Urteil über das Leben der Claux’ ausfällt. Natürlich will Kimmy ihrer Mutter entgegenschreien: „Verschwinde aus meinem Schlafzimmer, du mit deinem Scheiß-Handy und deinen Scheiß-Lieben, von denen sich einige einen runterholen vor diesen schönen Bildern, die du mit der ganzen Welt teilst!“ Natürlich verteidigt der kleine Sammy sich in einem Video gegen Kritiker, die Youtubern vorwerfen, ihre Kinder zu missbrauchen: „Wir müssen den anderen Kindern, die Träume haben, ein Beispiel geben und ihnen zeigen, dass man immer an sich glauben soll.“ Hier liegt die Schwäche, die sich durch das ganze Buch zieht: Die Authentizität der Dialoge, das Literarische überhaupt, leidet an dem moralischen Urteil, mit dem de Vigan sich dem Thema widmet. Alles ist anschaulich, aber wenig subtil.

Dabei ist die Autorin in anderen Büchern keineswegs so durchschaubar in der Konstruktion ihrer Geschichten. Gerade in dem Roman Nach einer wahren Geschichte (2017) spielt sie geschickt mit dem Schreiben übers Schreiben, sie täuscht gekonnt Realitäten vor und lässt uns am Ende mit staunendem Unglauben und verwirrt nach diesem intensiven Lektüremoment zurück. Nicht von der Hand zu weisen ist zwar die Faszination, die das Universum, in das uns das neue Buch entführt, auslöst. Sofort verspürt man den Reflex, auf Youtube und Co selbst danach zu suchen, ob es diese Art Familien und Videos tatsächlich gibt (Antwort: Ja, es gibt sie. Ryns World zum Beispiel: 32 Millionen Abonnenten, die einem kleinen Jungen bei wissenschaftlichen Experimenten, aber vor allem beim Auspacken und Testen von Spielzeug zuschauen). So ist es ganz sicher eine gute Sache, dass mit de Vigans Buch das Phänomen stärker ins Blickfeld der Öffentlichkeit rückt, denn es verdient, kritisch hinterfragt zu werden. Schön wäre es für Vigans „happy fans“ – um im Sprech von Kimmy und Sammy zu bleiben – wenn es ihr gelänge, im nächsten Roman ihre Gesellschaftskritik wieder mit dem großen literarischen Talent vorzutragen, über das sie verfügt. Dann gibt’s auch wieder dicke Sternenküsschen.

Info

Die Kinder sind Könige Delphine de Vigan Doris Heinemann (Übers.), Dumont Verlag 2022, 320 S., 23 €

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