Dem Affen Zucker geben

Im Gespräch Der Medienwissenschaftler Michael Haller über Schlampigkeit im Journalismus, Reifen-Manager in Verlagshäusern und Platzhirsche auf dem Anzeigenmarkt

Nach dem G 8-Gipfel in Heiligendamm wurde in den Medien Kritik an der eigenen Zunft laut. Ein Redner der Protestkundgebung war fälschlich mit einem Aufruf zur Gewalt zitiert worden. Angaben der Polizei wurden zuweilen ungeprüft übernommen, so die Behauptung, die Clown Army plane Säureattacken auf Beamte. Auf Einladung der Journalistengewerkschaft dju analysierte der Medienwissenschaftler Michael Haller jüngst die Arbeit der Medien in Heiligendamm.

FREITAG: Wie beurteilen Sie die Berichterstattung der deutschen Medien zu den Protesten während des G 8-Gipfels in Heiligendamm?
MICHAEL HALLER: In Gänze betrachtet, war sie nicht schlecht. Sie war sicher besser als die der amerikanischen Kollegen während des Irak-Krieges. Von "embedded journalism" kann keine Rede sein. Aber wenn man in die Details geht, sieht man einige Schwächen und Probleme.

Nach der Auftaktkundgebung in Rostock hat dpa aus dem Plädoyer Walden Bellos für den Frieden einen Aufruf zur Gewalt gemacht und diesen Fehler erst nach drei Tagen korrigiert ...
... das würde ich so nicht stehen lassen. Der dpa-Korrespondent hat eine Äußerung falsch verstanden. Das kann jedem mal passieren.

Dennoch: Diese Meldung ist spät berichtigt worden, und sie hat weite Kreise in der Medienlandschaft gezogen. Sind die Agentur-Mitarbeiter dem - medial produzierten - Bild des gewalttätigen Demonstranten aufgesessen?
Ich würde die Falschmeldung von dpa nicht damit erklären, man täte den Kollegen Unrecht, wenn man ihnen ideologische Absichten unterstellt.

Dennoch sind die Medien in gewisser Weise manipuliert worden, indem man ihnen die Themen gesetzt hat. Im Vorfeld des G 8-Gipfels ist es dem Innenministerium gelungen, durch eine Reihe von Hausdurchsuchungen das Thema "Terror und Gewalt" zu platzieren. Obschon der Terrorverdacht schnell dementiert wurde, hat man damit die Protestgruppen in eine militante Ecke gestellt. Gute, erfolgreiche PR weiß, wie man dem Affen Zucker geben muss. Und man weiß, wenn man der Journaille bildstarken Konfliktstoff gibt - Krawall, Krach, Gewalt - dann liefert man ihnen etwas Interessantes: eine große Normabweichung. Eine friedliche Demonstration markiert in einem demokratischen Kontext praktisch keine Normabweichung. Aber Gewalt, das ist vor dem Hintergrund der hysterisierten Gesellschaft seit den Anschlägen vom 11. September 2001 etwas, mit dem man die Leute abholen kann. Da denken alle gleich an die Attentate von London oder Madrid.

So ist es gelungen, dieses Thema zu setzen. Und von da an lief das wie von alleine. Die Journaille - vor allem das Fernsehen, weil es starke Bilder braucht - hat nicht mehr auf die Inhalte geschaut, sondern nur noch auf die verschiedenen Gefahren. Damit hat sie die gesetzte Stimmung weiter verstärkt, indem sie vor allem auf das Gewalt-Thema geachtet und alles hochgeschrieben hat, was das bedient.

Sie meinen, ohne die Razzien im Vorfeld wäre die Berichterstattung anders ausgefallen?
Davon bin ich überzeugt.

Der erwähnte vergleichsweise prominente Redner Walden Bello - ein Soziologe von den Philippinen - wurde nicht nur falsch zitiert, er wurde in einigen Printmedien auch fälschlich als Engländer oder als Autonomer bezeichnet ...
... ein Hinweis, wie schlampig manche Journalisten arbeiten.

Wird derart mangelhaft recherchiert, weil die Redaktionen personell ausgedünnt sind?
Wichtiger ist ein anderer Umstand: Journalisten neigen stark zur Vorurteilsbestätigung. Man sucht nach Belegen, um seine Thesen zu bestätigen und wird allen anderen Dingen gegenüber nachlässig. So sind sehr viele solcher Fakten- oder Zuordnungsfehler passiert. Das kommt im deutschen Journalismus häufiger vor, hierzulande neigt man zu schlechter Recherche.

Hat der Umstand, dass im Vorfeld einigen Kollegen die Akkreditierung verweigert wurde die Berichterstattung beeinflusst?
Die Verweigerungen sind ja weitgehend zurückgenommen worden. Solche Maßnahmen gehören zu den kleinen Folterinstrumenten, die der Staat einsetzt, um vor solchen Großereignissen ein wenig einzuschüchtern.

Sehen Sie keine Auswirkungen in der alltäglichen Berichterstattung?
Nein, denn dabei dominieren die großen Medien, der Mainstream, der prägend ist und den Sound gibt. Deren Mitarbeiter mussten nicht um ihre Akkreditierungen bangen.

Leidet die journalistische Sorgfalt bei solchen Ereignissen unter dem Wunsch, möglichst schnell berichten zu wollen?
Das wäre eine Entschuldigung, über die man reden könnte. Die Sorgfalt leidet eher unter dem Lemming-Effekt, dieses "Ich schreibe auch so wie die anderen". Das ist gerade in Deutschland sehr ausgeprägt. Irgendjemand wirft eine These auf, die dann als Tatsache behandelt, über die schnell im Indikativ geschrieben wird. Ohne, dass irgendjemand genauer prüft. So eine Meldung kann sich über Wochen halten, bis entweder jemand mit korrekten Daten aufwartet oder eines der Leitmedien richtig recherchiert. Früher wäre das die Aufgabe des Spiegel gewesen, heute fällt das eher der Süddeutschen zu.

Wäre es im Interesse der Glaubwürdigkeit der Medien, wenn solche Fehler schneller und an prominenten Stellen im Blatt eingeräumt würden?
Zweifellos. Und noch wichtiger wäre, dass man sich der journalistischen Sorgfaltspflicht vergewisserte und einige Fehler eben nicht machte.

Können Blogs als Korrektiv dienen?
Das hängt davon ab, wie professionell die Blogs sind. Alle reden zu Recht lobend über bildblog.de, wo eine gute Medienbeobachtung geleistet wird - allerdings von Profis, von Journalisten. Viele Blogger sind Amateure, die ihre Meinung kundtun, etwa auf dem Niveau von Leserbriefen. Dass man Dampf ablassen kann gegenüber den großen, mächtigen Medien hat eine sozialhygienische Funktion, aber von einer wirklichen Kontrolle sind wir weit entfernt.

Im Herbst werden in der deutschsprachigen Schweiz vier tägliche Gratiszeitungen und eine tägliche Gratis-Wirtschaftszeitung konkurrieren. Werden wir dies Ihrer Meinung nach auch in Deutschland erleben?
Nein.

Warum nicht?
Das ist der Fluch der ersten Tat. Gibt dieser Markt einmal nach und gelingt es jemandem, eine Gratiszeitung zu platzieren, entwickelt sich eine Eigendynamik. Das war in England so, das war in Frankreich so, das ist in Spanien so, das ist in der Schweiz so. Dann prügeln sich immer mehr um einen sehr überschaubaren Werbemarkt. Für den Einzelnen bleiben immer weniger Anzeigen, weil immer mehr sich diesen Kuchen teilen müssen. Also muss man noch billiger produzieren, noch weniger journalistischen Inhalt erzeugen. In Dänemark kann man das derzeit sehr gut beobachten: Das Produkt wird immer schlechter.

Als in Deutschland die Gratiszeitungen ante portas standen, vor sieben Jahren in Köln, haben die Verlagshäuser Axel Springer und Neven DuMont eine Abwehrstrategie gefahren. Sie haben sofort eigene Gratiszeitungen im Ballungsraum Köln platziert, haben die Bild billiger gemacht und damit den Werbemarkt besetzt. Diejenigen, die damals neu in den Markt wollten, haben Monat für Monat viele hunderttausend Mark in das Projekt investiert, aber auch nach einem halben Jahr praktisch keine Anzeigen generiert.

Der ökonomische Spielraum für Gratisblätter fehlt also?
Der Werbeträger Gratiszeitung funktioniert nur rentabel, wenn man den lokalen und den nationalen Werbemarkt zugleich besetzen kann. Man muss, wie 20 Minuten in der Schweiz, den Werbeträger in allen Ballungsräumen anbieten und zugleich Lokalteile produzieren. Auf einen Schlag müssten München, Frankfurt, Stuttgart, Köln, Hamburg, Hannover, Berlin, Leipzig und einige weitere Ballungsräume bedient werden - jeweils mit Lokal- und Mantelteil. Das kostet sehr viel Geld bei ungewissem Ausgang, da der Platzhirsch eine Abwehrschlacht lostreten wird. In absehbarer Zeit wagt das kein ausländischer Investor.

Von diesen Erwägungen abgesehen: In der Schweiz haben Gratiszeitungen neue Leserschichten erschlossen. Bereichern sie damit die Medienlandschaft und stärken den Printbereich?
Das ist die gute Nachricht. In der Schweiz ist es den so genannten Pendlerzeitungen gelungen, die Zwanzig- bis Dreißigjährigen - darunter Leute, die bisher nie eine Zeitung in die Hand genommen haben - zum Zeitungslesen zu bringen, sie anzufüttern. Wenn diese Menschen sich etablieren, eine Familie gründen oder auf längere Zeit einen Beruf ausüben, besteht die Chance, dass sie regelmäßig Zeitung lesen. Sie benötigen dann die Informationen, die eine Lokalzeitung ihnen bieten kann.

Andererseits passiert in der Schweiz dasselbe wie in Frankreich oder Großbritannien: Der Markt wird atomisiert, weil zu viele Anbieter auf ihn drängen. Das heißt, 20 Minuten, die älteste der Gratiszeitungen, wird ihr Niveau nicht halten können. Durch die Konkurrenz verliert sie Anzeigen und damit fehlt der Redaktion Geld ...

... damit leidet die Qualität und die Zeitung wird unattraktiv.
Die Gefahr besteht. Die schweizer Gesellschaft ist bürgerlicher als die angrenzenden Industriegesellschaften. Der pendelnde Schweizer Arbeitnehmer akzeptiert ein Blatt nicht mehr, wenn es schlecht wird.

Rupert Murdoch hat das Wall Street Journal erworben. Die Süddeutsche Zeitung steht vor dem Verkauf. Hat das Modell der qualitätsbewussten Familieneigentümer ausgedient?
Schon lange. Darum unterstütze ich die Initiative der SPD, wonach ausländische Investoren nur bis zu einem sehr begrenzten Anteil deutsche Medien kaufen dürfen.

Befürchten Sie Qualitätsverluste durch die anstehende Übernahme der Süddeutschen?
Das würde ich, wenn eine Investmentgesellschaft, die allein auf die Rendite schaut, den Zuschlag erhielte. In deren Kalkulation bildet die Redaktion nur einen Kostenfaktor, den man möglichst runterdrückt. Ich denke aber nicht, dass es im Falle der Süddeutschen so weit kommt.

Mit dem Ende der Verlegerdynastien hängt ein anderes Problem zusammen: Die Verlagshäuser werden zusehends von Managern geführt, die drei Jahre vorher bei Unilever waren und übermorgen bei Dunlop. Die machen ungestraft eine Zeitung kaputt, zucken bedauernd die Schultern und wechseln die Branche. Das Verständnis für Publizistik schwindet langsam. In diesem Sinne beobachten wir durchaus so etwas wie eine Amerikanisierung. Man schaut auch in Redaktionen vermehrt nach Rentabilität und Wirtschaftlichkeit. Das hat in einer kapitalistischen Marktwirtschaft - wie immer man zu ihr steht - seine Berechtigung, aber man darf die Grundfunktionen, die der Journalismus in dieser Gesellschaft hat, deswegen nicht aufgeben oder korrumpieren. Die Gefahr des Korrumpierens ist derzeit sehr ausgeprägt.

Das Gespräch führte Steffen Vogel

Michael Haller studierte Philosophie, Sozial- und Politikwissenschaften in Frankfurt a.M. und Basel und promovierte in politischer Theorie. Er arbeitete als Redakteur bei Basler Zeitung und Spiegel, zuletzt als Ressortleiter bei der Zeit. Seit 1993 lehrt er Allgemeine und Spezielle Journalistik an der Universität Leipzig und forscht zu Printmedien und Medienethik. Jüngste Veröffentlichung: Grundlagen der Medienethik (utb, 2007).


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00:00 31.08.2007

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