Dem Unglück abgetrotzt

Textgalerie Kolumne

Walter Gross

Absage

Nein,
für euch schreibe ich nicht,
hört nicht zu,
lasst mir meinen Vers,
hört, das Licht,
das stürzende,
singt,
die Lerche,
ein Bündel Muskeln,
Blut und Federn
hoch in der Luft,
weg von euch,
beinahe nicht mehr sichtbar,
allein wie ich,
was hat sie zu schaffen
mit euch, mehr nicht
als ich und mein Vers.

Auf den ersten Blick ein bestürzend negatives Gedicht, das seinem Titel Absage alle Ehre macht und mit dem sich sein Verfasser, der heute fast ganz vergessene Schweizer Lyriker Walter Gross, wie für immer von seinen Lesern abzuwenden scheint - rund 35 Jahre vor seinem Tod. Doch der Text ist widersprüchlich; denn so isoliert und schneidend, ja alle Kontakte abschneidend das eröffnende "Nein" auch dasteht und so unmissverständlich die Aufforderung "hört nicht zu" ergeht, so unüberhörbar ist gleichzeitig die Klage des Sprechenden über seine Einsamkeit, in der er offensichtlich doch bemerkt werden will. Darauf deutet ebenfalls die "Lerche" hin, die auch in anderen Texten von Walter Gross auftaucht als eine Art Lieblingsvogel, der die Freiheit symbolisieren soll und hier nun, gleichsam in Großaufnahme, als Identifikationsfigur dient: Sie ist "allein wie ich". Ist nicht ein Schluchzen vernehmbar hinter jedem dieser drei Wörter? Ist das karge, rhythmisch genaue Gedicht nicht ein schriller Hilferuf?

Walter Gross hat nicht oft derart resigniert und abwinkend geschrieben; er hat seine dem Unglück abgetrotzten Gedichte vielmehr als "Botschaften" verstanden, die stets an ein Gegenüber gerichtet waren und auf "Antworten" warteten. Geboren 1924 in Winterthur als Sohn eines Kesselschmieds, erlernte er den Beruf des Buchbinders und hätte doch viel lieber eine höhere Schule besucht und Ornithologie studiert. Erst mit über 20 Jahren begann er zu schreiben und musste sich das meiste selbst beibringen, hielt aber gerade deshalb umso mehr auf literarische Bildung und geistige Tradition. Sein erster Gedichtband Botschaften noch im Staub erschien 1956 im angesehenen Heinrich Ellermann Verlag. Hinter den frühen Gedichten erkennt man oft noch die von Gross studierten Vorbilder: besonders Lorca, auch Eich, Huchel, Bobrowski (mit dem er bald eng befreundet war). Es herrscht ein hoher Ton vor, verbunden mit dem sinnlichen Erlebnis des Südens: Florenz, Sizilien, die Entdeckung einer (für ihn) noch lebendigen Antike und ihrer Mythen: "An allem habe ich meinen Teil: / an mir haften die Gerüche / der Früchte, der Feigen, / der Trauben, es glänzt / mein Leib von der Feuchte / roter, zerbrochener Melonen."

Von solchem Überschwang hat Gross sich in seinem zweiten Gedichtband Antworten, der auf Vermittlung von Ingeborg Bachmann 1964 beim Piper Verlag in München erschien, abgekehrt. Der Ton ist lapidar geworden, die Motive der Gedichte profan; alle Emphase ist nach innen zurückgenommen. Es sind meist schlichte Verse, der Alltagsästhetik verpflichtet und von persönlicher Erfahrung geprägt. Anrührend etwa das Bild der Mutter, wie sie in der täglichen Arbeit den "Kummer" von sich weghält, sitzend am Küchentisch "vor den ungelenk geschriebenen / Zetteln auf den Einmachgläsern/voller Fehler." Walter Gross, der bedürfnislose Wanderer und Vogelkenner, unterhielt freundschaftliche Beziehungen zu vielen Dichtern seiner Generation, die sich in einem umfangreichen Briefverkehr niederschlugen. Er hat Anerkennung gefunden und hatte gute Aussichten, seine Laufbahn als (Natur-)Lyriker mit Erfolg fortzusetzen. Doch er hat nach dem zweiten Gedichtband nichts mehr veröffentlicht und ist für die letzten 30 Jahre seines Lebens auf rätselhafte Weise verstummt, wie es sich in dem hier vorgestellten Gedicht - eine Absage an jede Verfügbarkeit - bereits andeutete. Wollte er nicht mehr schreiben oder konnte er es nicht mehr?

Zweifellos war er als Prosaautor gescheitert. Seine soziale Lage war katastrophal; er galt in Winterthur als Almosenempfänger (und war es auch). Um 1960 erkrankte er schwer an Tuberkulose und verlor schließlich - für ihn wohl der härteste Schlag - die Frau, die er liebte, an einen damals bekannten Literaturkritiker. Er wurde rabiat ungesellig, zog sich in sein Schweigen zurück, verwahrloste im Alter, ein früh gebrochener Greis (wie Fotos zeigen), dessen Gedichte freilich erstaunlich frisch geblieben sind und die nun in einer vorzüglichen Ausgabe der Gesammelten Werke, für die Peter Hamm zu danken ist, wieder unverwechselbar zu uns sprechen.

Walter Gross wurde 1924 in Winterthur geboren und starb dort 1999. - Das vorgestellte Gedicht stammt aus Werke und Briefe. Herausgegeben von Peter Hamm. Limmat Verlag, Zürich 2005, 2 Bände, 800 S., 50 EUR


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00:00 10.03.2006

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