Den Menschen helfen, nicht den Besatzern

Glatteis Hans von Sponeck, ehemaliger UN-Koordinator für die humanitäre Hilfe im Irak, über die Sackgassen der Amerikaner, den Stolz der Iraker und die Gratwanderung Europas

FREITAG: Wenn man sich die Lage im Irak vor Augen hält, könnte man zu dem Schluss kommen, dass die Amerikaner sich als Eroberer eignen, aber kaum als Kolonisatoren. Teilen Sie diesen Eindruck?
HANS von SPONECK: Wenn man sich das vor Augen hält, was im Irak passiert ist, kann man nur zu einer Feststellung kommen: Die Amerikaner waren gut, um einen asymmetrischen Krieg zu gewinnen, und sie sind schlecht in all dem, was man von einer Besatzungsmacht für den Frieden erwarten würde.

Wie charakterisieren Sie die Reaktionen der Iraker? Widerstand eines alten Regimes oder Volkszorn gegen die Besatzung?
Es ist falsch zu behaupten, dass nur Überreste der Baath-Partei und Anhänger Saddams für das verantwortlich sind, was man jetzt auf den Straßen des Irak sieht. Der Volkszorn ist erheblich breiter, die Erwartungen, die man nach der Befreiung von einer Diktatur hatte, haben sich in keiner Weise erfüllt. Die Arbeitslosigkeit ist weiter enorm hoch, die Grundbedingungen für ein normales Leben sind nicht gegeben, besonders die Sicherheit nicht. Attentate, ob auf das UN-Gebäude in Bagdad, die jordanische Botschaft oder Ölanlagen, sind extreme Manifestationen eines Zornes. Ich bin regelmäßig in Kontakt mit Bagdad und weiß daher, dass auch ganz normale Iraker wütend sind.

Ist nach dem Fall von Bagdad am 10. April überhaupt so etwas wie eine neue Infrastruktur internationaler humanitärer Hilfe im Irak entstanden oder gab es eher punktuelle Aktionen, mehr für die Kameras?
Das würde ich nicht sagen. Ich glaube, es gibt ernsthaft arbeitende nichtstaatliche Organisationen, und das Öl-für-Nahrung-Programm läuft ja auch weiter. Aber all das sind eben nur tastende Versuche, weil viele nicht das tun können, was sie tun möchten, wegen der sehr schlechten und sich immer weiter verschlechternden Sicherheitslage.

Gibt es hinsichtlich der Sicherheitssituation regionale Unterschiede?
In den ländlichen Gebieten und in den kleineren Orten ist die Lage stabiler. Was man sieht und hört, spielt sich vorrangig in den urbanen Zentren ab, aber nicht nur - wie oft in der anglo-amerikanischen Presse dargestellt - im sogenannten sunnitischen Dreieck. Auch in Mossul und Kirkuk bleibt die Situation gespannt. Zunehmend kommt es auch zu ethnischen Auseinandersetzungen zwischen Kurden und Turkmenen, zwischen chaldäischen Christen und Arabern.

Hat Bush nicht mehr als einen Pyrrhus-Sieg errungen?
Er hat einen Krieg gewonnen, aber keinen Frieden. Ich glaube, das ist wirklich kein Klischee. Denn die Reaktion der Iraker ist so, wie man sie vorausgesagt hat. Iraker sind sehr stolz, auch sehr stur. Und sie lassen sich nicht auf die Siegermacht ein, wie die Amerikaner das erwartet haben, sondern sie werden sich stattdessen noch besser organisieren. Die Amerikaner können den Widerstand nicht abschieben auf hereinströmende Saudis oder andere äußere Kräfte.

Wie erklären Sie sich, dass sich ein Staat wie die USA, der doch über erhebliche weltpolitische Erfahrung verfügt, derart verkalkuliert?
Macht führt zu einer Hybris, die eben fatal sein kann. Ich glaube schon, dass an dem Satz was Wahres ist: Wer durch ein Imperium regiert, wird auch an einem Imperium zugrunde gehen. Die Amerikaner sind eben trotz ihrer Machtfülle nicht in der Lage, ein weit entferntes Land zu beherrschen, das sie nur oberflächlich kennen. Sie haben sich schlichtweg auf den Tag nach dem Sieg schlecht oder gar nicht vorbereitet.

Bei den Anhörungen im US-Senat, die sich im Juli/August vergangenen Jahres mit einem möglichen Irak-Krieg befassten, ging es um Kriegskosten, Kriegsfolgen und um Opfer unter den Amerikanern. Opfer unter den Irakern und eine Strategie für den Frieden waren kein Thema. Dafür müssen die Amerikaner jetzt bezahlen. Ich hoffe, dass wir in Europa die Stärke haben zu sagen: Wir müssen den Irakern helfen im nationalen Wiederaufbau, aber wir dürfen den Besatzungsmächten nicht aus ihrer selbstverschuldeten Misere helfen. Das ist ihr Problem, nicht unseres.

In der Praxis dürfte eine solche Gratwanderung nur schwer durchzuhalten sein.
Sicher. Aber die Amerikaner sind unter erheblichem Druck und suchen jetzt verzweifelt nach einer größeren Koalition der Willigen. Man muss ihnen klarmachen, dass sie nach internationalem Recht auch verpflichtet sind, die Sicherheit im Irak herzustellen. Zugleich muss man ihnen zeigen, dass man im Interesse der irakischen Bevölkerung bereit ist, alles zu tun, was der Bevölkerung zu einem ruhigeren, besseren und ehrbaren Leben verhilft - aber nicht durch eine Beteiligung an der Besatzung. Das wäre ein großer politischer Fehler, den die Menschen sicher nicht nur im Irak, sondern im gesamten Mittleren Osten registrieren würden. Was sollen - angesichts der gewaltigen Militärpräsenz der Amerikaner - ein paar zusätzliche Bataillone denn eigentlich leisten?

Sehen Sie Chancen für einen wirklich eigenständigen Beitrag der Vereinten Nationen?
Der Sicherheitsrat muss wieder den Platz einnehmen, der ihm gebührt. Wenn die Amerikaner das nicht zugestehen, dann sollten die Vereinten Nationen auch nicht mitmachen. Die UNO darf nicht zu einer Unterabteilung des Weißen Hauses oder der US-Regierung werden. Eine neue Resolution im Sicherheitsrat muss garantieren, dass der UNO wieder echte Autorität gegeben wird. Wenn das nicht sichergestellt ist, begibt sich die internationale Gemeinschaft auf gefährliches Glatteis.

Das Gespräch führte Hans Thie

00:00 12.09.2003

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