Den rohen Klotz Russland modellieren

Künstler in Moskau Nachdem die neunziger Jahre das Zentrum des untergehenden Sowjetreiches in eine freie Wildbahn verwandelt hatten, blieb nach der hastigen Jagd auf die fettesten Beutestücke nur eine Brache zurück, deren Fruchtbarkeit sich jetzt erweisen muss. Eine neue Generation Kreativer bestellt dieses Feld

Über ein vielspuriges Straßennetz rauschen die Autoströme, durch ein weit verzweigtes Tunnelsystem rasen die Metrozüge im 90-Sekunden-Takt. Oben droht täglich ein Verkehrskollaps, in der Tiefe versuchen Millionen ihm zu entkommen. Zu den Hauptverkehrszeiten bilden sich Menschentrauben vor den Rolltreppenschlünden. Sie werden hinab gesogen in den Bauch der Stadt, jeder sucht hektisch seinen Weg und wird an anderer Stelle wieder ins Gewimmel gespuckt. Alle Welt drängt auf die Überholspur. In Moskau ist Stillstand nicht möglich.

Eine epochale Meisterleistung ist die in den 30er Jahren erbaute Metro, "Paläste für das Volk" wurden die größten und schönsten Stationen genannt. Die mit Fresken, Kandelabern oder Mosaiken geschmückten Bahnsteige und Foyers beeindrucken Reisende bis heute mit ihrem Prunk. Wo die Ausläufer des ständig erweiterten Streckennetzes nicht hin reichen, kreuzt eine Armada von Bussen durch unüberschaubare Neubaumeere. Wuchtige Wohnblocks ziehen sich entlang endlos-autobahnähnlicher Prospekte, bis hin zum letzten der vier konzentrischen Straßenringe, die sich die Stadt zugelegt hat, wie eine aus dem Leim gegangene Matrone weiter werdende Gürtel kauft. Wie Ufos sind grelle Einkaufs-Center in diesen eintönigen urbanen Landschaften gelandet, wo jeder Glanz sonst fehlt.

Das Stadtzentrum hingegen strotzt nur so vor teuren Cafés, noblen Hotels, glitzernden Schaufenstern und Luxuskarossen. Aus jeder von Milizionären bewachten Ritze scheint Geld zu quellen. Mehr als eine reiche Stadt ist sie hier - die Stadt der Reichen. Exklusive Klubs und Restaurants sind die Laufstege, auf denen ein neuer Geldadel sein Gucci-beschuhtes und Chanel-vernebeltes Leben zur Schau stellt.

Doch Moskau ist nicht Russland. Die Metropole führt ein egozentrisches Eigenleben, zieht wie ein Magnet Geschäftsleute, Karrieristen und Kreative an, alle Macht und alles Geld. Ein in sich kreisendes Universum, in das viel hinein strömt und das wenig zurück gibt: das übrige Land darbt, die Hauptstadt boomt. Gegensätze prallen aufeinander, die so riesig sind wie Russland selbst.

Es sind gute Zeiten für Kunst und Kultur", resümiert Nikolai Palazhenko, künstlerischer Leiter und Mitbegründer von Vinsavod, der ehemaligen Weinfabrik, einem neu entstandenen Zentrum für zeitgenössische Kunst und kreative Unternehmen. Aufgemöbelte Ziegelsteinbauten umschließen den weitläufigen Hof eines ehemaligen Werkgeländes, aus einigen dringt Baulärm. Ende 2006 kamen die ersten Mieter, zu Beginn dieses Jahres zogen schon "dicke Fische" ein, bekannte Moskauer Galerien wie XL oder Guelman, Fotostudios, Designer-Labels und Kreativagenturen.

Früher hat Palazhenko eine eigene Galerie betrieben. "Bisher liefen solche Projekte immer sehr chaotisch ab", sagt er. Wenn aber alle auf einem solchen Gelände vereint seien, könne man viel bewegen. Er sitzt gegenüber der im Ausbau befindlichen Ausstellungshalle von Vinsavod, die künftig Raum für künstlerische Großprojekte bieten soll und zieht nervös an seinem Cigarillo. Er hat jetzt selten Zeit, seine Zähne sind vom Rauchen braunschwarz.

Der freie Kunstmarkt, zu Sowjetzeiten im Grunde nicht existent, entwickelt sich rasch in Russland. Im Vergleich zu westlichen Großstädten ist die Galerienszene Moskaus zwar noch klein und der Konkurrenzdruck unter Künstlern um so härter. Doch es gibt immer mehr Interessierte, Sammler und Events, wie die 2005 gestartete Moskauer Biennale, die der jährlichen Messe für zeitgenössische Kunst Konkurrenz macht. Es seien junge Leute, die sich für aktuelle Kunst interessierten, meint Palazhenko. Sie litten weniger unter dem Stress des Systemwechsels. Wer damit nicht zu kämpfen hätte, sei aufgeschlossener. Palazhenko ist nicht der einzige Optimist, der der "verlorenen Generation" der Wendeopfer tatkräftig folgt; ein Protagonist der Transformationsgesellschaft. Nachdem die Stürme der neunziger Jahre das Zentrum des untergehenden Sowjetreiches in eine freie Wildbahn verwandelt hatten, blieb nach der hastigen Jagd auf die fettesten Beutestücke nur eine Brache zurück, deren Fruchtbarkeit sich jetzt erweisen muss. Zwar ist nicht klar, ob die Saat aufgehen oder der russische Karren im Ackerdreck stecken bleiben wird - doch eine neue kreative Generation bestellt dieses Feld.


An den Theatern spürt Regisseur Ivan Popovski den Aufschwung. Seit 19 Jahren lebt der gebürtige Mazedonier in Moskau, ist nach dem Studium hier geblieben und hat die Höhen und Tiefen der Umbruchszeit erlebt. "Als der Eiserne Vorhang gefallen war, konnten wir machen, was wir wollten. Es war eine experimentelle Zeit." Er sitzt an einem Tisch im Probensaal des Elena Kamburova-Theaters, vor ihm liegen ein silbernes und ein schwarzes Handy. An zwei Theatern führt er Regie und arbeitet unter anderem mit Pjotr Fomenko zusammen, einem der bekanntesten russischen Regie-Granden. Im Saal nebenan, dem umfunktionierten Buffet eines ehemaligen Kinos, beginnt in Kürze seine Inszenierung einer Konzertfantasie mit Liedern von Franz Schubert und Robert Schumann. "Damals war ich verrückt nach Nachrichten", sagt er. "Jede Nachrichtensendung war spannend wie ein Film. Heute reden wir eigentlich nie mehr über Politik. Vielleicht sind wir zu sehr mit unserer Arbeit beschäftigt." Über fehlende Meinungsfreiheit, gar Zensur will sich Popovski jedenfalls nicht beklagen. Das werde im Westen zurzeit genau so übertrieben, meint er, wie in den Neunzigern das Kriminalitätsproblem.

Die finanzielle Situation der vielen Moskauer Theater wird allmählich besser. Es ist wieder schick, ins Theater zu gehen, und mit dem Publikum kommen die Sponsoren - ohne die es, trotz kommunaler oder staatlicher Zuschüsse, deutlich schwieriger ist, ein Haus zu führen. Langsam kommt Geld in die Kassen und Popovski ist zuversichtlich gestimmt. In Moskau wachse eine neue Mittelschicht heran, in den Restaurants, Pubs und Theatern sehe man das.

Zumindest in der Hauptstadt, mit der sich lediglich Sankt Petersburg messen kann, ist die Eiszeit der wirtschaftlichen und seelischen Krisenjahre vorbei. Im schützenden Schatten eines erstarkenden Mittelstands gedeiht neues Grün in der Kulturlandschaft. Wie ein Gewächshaus bietet Moskau dafür beste Bedingungen; eine Atmosphäre, die weit angenehmer ists, als das raue Klima im Land.

In anderen Städten geht nichts, tote Hose", sagt Oleg Tarassov, der als Inhaber des unabhängigen Musiklabels Solnze Records seiner Leidenschaft für Punk und verwandte Musikstile frönt. Seit 20 Jahren ist er in der Szene aktiv. Als 1990 das Monopol der staatlichen Plattenfirma Melodia fiel, gab es viel nachzuholen: Jahrzehnte nur unter der Hand kursierende Kassetten wurden von Enthusiasten wie Tarassov zu Dutzenden auf CD heraus gebracht.

Sechs bis zehn Alben veröffentlicht er zurzeit pro Jahr, darunter Bands aus dem Westen, die er in Russland bekannt machen will. Für Mini-Plattenbosse wird die Infrastruktur immer besser: Es gibt Presswerke, Vertriebe und Studios, Equipment lässt sich leicht beschaffen, die Live-Szene beginnt zu florieren. "Zu Sowjetzeiten gab es keine richtigen Klubs", erzählt Tarassov und noch vor zehn Jahren keinen nach seinem Geschmack. Mittlerweile sprießen Bands und Klubs aus dem Boden, wie im letzten Jahr das Ikra, in dem westliche Bands auftreten und das bereits den diesjährigen Preis "bester Musikklub Moskaus" verliehen bekam. Im Frühjahr eröffnete der neue Megaklub B1 Maximum, der mehreren Tausend Menschen Platz bietet. Einen Monat später kam die erste Russland-Ausgabe des Fachmagazins Billboard in die Läden, ein weiteres Zeichen dafür, dass sich der Musikmarkt einer wachsenden Konsumentenschar erfreut.

Abseits des Mainstreams ist das Internet das Medium der Wahl schlechthin, nicht nur für jugendliche Musikliebhaber. Das elektronische Netz für Promotion und szeneinternen Austausch ist inzwischen engmaschig genug, um jedes das Fan-Herz beglückende Detail an Land ziehen zu können. "Früher war es schwierig, überhaupt etwas zu erfahren. Heute gibt es durch Internet, Blogs und Podcasts, beste Möglichkeiten", weiß Tarassov. In der Küche der Einraumwohnung, die er sich mit seiner Freundin teilt, laufen ununterbrochen die Rechner, auf zwei Bildschirmen gleichzeitig gehen E-Mails ein, blinken Webseiten und poppen Nachrichten von Freunden auf. Von seiner Wohnung bis zur Metrostation Kurskaja - einen Katzensprung vom Vinsavod entfernt - hat er es nicht weit. Die Gegend mausert sich seit einiger Zeit zum Szenebezirk mit Kneipen und Klubs, der weniger versnobt ist, als die Flaniermeilen im Stadtkern.

Sein nächstes Projekt hat Tarassov bereits ins Auge gefasst. Er will das Album des Rap-Musikers Larik Surapov veröffentlichen, dem ein Fernsehauftritt verwehrt wurde, weil er "kein kommerzieller Kandidat war". Der Nachwuchsmusiker hatte bei der Online-Abstimmung eines staatlichen Fernsehsenders 8.000 Stimmen Vorsprung und damit laut Reglement einen Auftritt in der Show Fabrik der Sterne erkämpft. Doch dem Underdog blieben die Studiotüren versperrt, Begründungen hielt niemand für nötig.

Das russische Fernsehen ist kein Hort kultureller Vielfalt oder gar der freien Rede. Ein merkwürdiger Mechanismus von Putins ‚gelenkter Demokratie´ greift in den Redaktionen: weder Insider noch Betroffene haben den Eindruck, auf direkten Druck von oben würde Zensur verübt. Stattdessen scheinen die Verantwortlichen "von allein" zu wissen, was erwünscht ist und was nicht, befleißigen sich die Journalisten voraus eilenden Gehorsams - aus Angst vor dem großen Stühlerücken.

Künstler und Kulturschaffende nehmen dieses Klima, das ebenso in Radiosendern und Zeitungen spürbar sind, weniger als Zensur denn als Ignoranz der Medien wahr, passive Verweigerung medialer Öffentlichkeit, an Stelle aktiver Überwachung. Die Entwicklung gibt manchen Intellektuellen Anlass zu Pessimismus. Dem Philosophen Michael Ryklin etwa, der eine zukünftige Verstärkung totalitärer Tendenzen erwartet und sogar von einem neuen kulturellen Eisernen Vorhang spricht, der sich allmählich über das Land senke.


Die junge, ewig in schwarz gekleidete Lyrikerin Alina Vituchnovskaja teilt diese Sicht. Die Richtung, in die Russland sich bewegt, gefällt ihr nicht - auch wenn sie als gebürtige Moskauerin und "echte Patriotin" hier ausharren will, "selbst wenn nichts mehr bleibt". Es fällt ihr allerdings schwer, politische Analyse, katastrophische Lebensbilder und ein in Zerstörungswut gipfelndes Gefühl des Unverstandenseins auseinander zu halten. In ihren Gedichten und Texten schreibt sie gegen die Zumutungen des Lebens an, als deren größte sie das bloße Geborensein empfindet, es wimmelt von extremistischen Anspielungen und Apokalypse-Fantasien. Menschlich so widersprüchlich wie literarisch begabt, sucht sie geradezu den Abgrund.

Schon des Öfteren stand sie davor, wurde wegen angeblichen Drogenhandels angeklagt oder aufgrund von Kontakten zu faschistischen Organisationen als Extremistin gebrandmarkt, saß in Psychiatrie und Gefängnis. Vor allem internationale Unterstützung für das russische PEN-Mitglied sorgte für ihre Freilassung. Als Quertreiberin wird ihr Leben in Russland allerdings nicht einfacher. "Vor 1999 habe ich viele Interviews für das Fernsehen gegeben, die alle gesendet wurden, in letzter Zeit wurden viele nicht mehr ausgestrahlt", beschreibt Vituchnovskaja eine Folge ihres Outsiderdaseins.

Auf den Lesebühnen der expandierenden hauptstädtischen Literaturszene feiert sie dennoch große Erfolge und schart eine regelrechte Fangemeinde um sich. Jugendliche lauschen ihr wie in Trance, berauschen sich an der lebensverneinenden Stimmung ihrer Texte wie an einer Droge zur Erkenntnis ihrer selbst.


Nach den neunziger Jahren gibt es einen literarischen Boom", erklärt Juri Cvetkov, "dessen Ende noch nicht abzusehen ist ." Er ist einer der Organisatoren von Literaturprogrammen in den Ogi-Klubs, den Ursprungsorten und Zentren der jungen Literaturszene. Was in einer umfunktionierten Dreizimmerwohnung kurz nach der Wende als "Literaturklub" begann, hat sich zu einem Konglomerat gut laufender Klubs gemausert. "Wir wollten raus aus den muffigen institutionalisierten Orten der Literatur, die damals ein trauriges Bild abgaben. Wir wollten dahin, wo das Leben spielte, hinein in die Moskauer Klubs, die die neue wirtschaftliche Situation als erste verkraftet hatten und junges Publikum anzogen."

Der Ogi-Klub auf dem Lubjanka-Boulevard ist in einer umgebauten alten Kosmetikfabrik untergebracht. Während er Tee bestellt, erklärt Cvetkov lächelnd, warum er für das Interview hierher eingeladen hat: Der Seitenraum des Buchladens nebenan sei "der einzige leise Ort in Moskau", ganz unrecht hat er damit nicht. Einen Buchladen gibt es in jedem Ogi-Klub, ebenso wie ein Café. In den Klubräumen finden Konzerte statt, fast täglich stehen Lesungen auf dem Programm, und fast immer lesen die Autoren selbst. 50 bis 200 Zuhörer kommen pro Abend, das Leserepertoire schließt alles ein, was weltweit auf Russisch erscheint.

Die politische Wetterlage bereitet Cvetkov kein Kopfzerbrechen: "Russland ist und bleibt ein Imperium und braucht ein imperiales System. Unter Putin ist alles strenger als vorher. Als Person kann ich ihn nicht leiden, doch was er als Staatsmann unternimmt, ist richtig. Die Menschen bekommen eine bessere Ausbildung, der Mittelstand wächst. Im Rahmen des russischen Imperiums gibt es genug Demokratie bei uns." Genügend Verlage, die keine Angst hätten, unangepasste Autoren zu veröffentlichen gebe es ebenso. Cvetkov und seine als "Kulturinitiative" auftretenden Kollegen könnten machen, was sie wollen. Nur ein einziges Mal wurde ihm - mit der Bemerkung, der Klub würde sich finanziell sonst nicht halten können - "ans Herz gelegt", eine Veranstaltung abzusagen. Geplant war die Vorstellung eines Anti-Putin-Buches am 12. Juni, dem russischen Nationalfeiertag.

An diesem Tag sollte wohl doch kein Wermutstropfen die patriotische Suppe trüben, die immer häufiger auf den Tisch kommt - ein gefährliches neues National-Gericht. Neben Alkohol in rauen Mengen findet die Droge Nationalismus verstärkt ihre Abnehmer und macht die Leerstelle einer wirklich tragfähigen nationalen Idee vergessen. Keiner weiß bisher, wie die aussehen könnte, niemand vermag zu sagen, was angesichts geographischer Unüberschaubarkeit und der globalen Entwicklungen ins Nationalstaatspaket hinein passen könnte. Russland ist zu groß, um es mit einem durchgehenden Gedankenband zu umschnüren, es bleibt offen, welche Zerreißproben auf das Riesenreich zwischen Asien und Europa, Nordmeer und Tschetschenien noch zu kommen werden. Die tiefe Zäsur des Zusammenbruchs der Sowjetunion hat mancher Entwicklung den Boden bereitet, die nicht nur Eroberern kulturellen Neulandes bessere Aussichten bescherte.

Am grundlegendsten hat der Feldzug des schnöden Mammons die gesellschaftliche Landschaft verändert. Wo früher eine schier unüberwindbare ideologische Phalanx die Diktatur der sozialistischen Weltanschauung abschirmte, bedroht heute der fest installierte Totalitarismus des Geldes jede unprofitable Entwicklung mit dem vorzeitigen Aus. Ein weiteres Problem für die Kulturschaffenden: Sie werden in die weltanschaulichen Richtungskämpfe der wieder erstarkten orthodoxen Kirche verwickelt. Deren unheilige Allianz mit den politischen Machthabern macht es umso schwerer, sich zu verteidigen. Als die Ausstellung Achtung Religion! im hauptstädtischen Sacharow-Zentrum 2003 von Fanatikern verwüstet wurde, die ihre religiösen Gefühle verletzt sahen, wurden nicht die Rowdys, sondern Ausstellungsmacher und Künstler unter gerichtlichen Druck gesetzt.

Neben dem politischen Hauptquartier im Kreml ist die neu errichtete pompöse Erlöserkathedrale im Herzen Moskaus - früher lud hier das Freiluftschwimmbad "Moskwa" zum baden ein - der in Stein gesetzte Inbegriff des zweiten großen Machtzentrums in Russland. Seine Ableger in der Stadt sind zahlreich, überall quetschen sich die Kirchen in die Stadt. Nicht mit ihren Türmen in die Höhe strebend, sondern in den Boden gekrallt, ein Sinnbild russischer Erdverbundenheit, die dem Gefühl entwachsen ist, einer launischen, mächtigen und unbeherrschbaren Natur ausgeliefert zu sein.

In Flutstrahler und ikonenhafte Lichtkegel getaucht, erobern sich die Kirchen nachts die Stellung im Bild der Stadt, die dem Einfluss ihrer Hausherren entspricht. Am Tage noch springen dem Menschen an jeder Ecke Leninbilder und übrig gebliebene Sowjetsymbole ins Auge, bei Nacht künden die erleuchteten Gotteshäuser vom ideologischen Zeitenwandel.

Welcher Art von Aufsteigern dieser den Weg geebnet hat, können viele nur mit Zynismus ertragen. Nicht von ungefähr verweisen die russischen Neureichen gern auf ihr soziales Engagement, auf Mäzenatentum, Stiftungen oder von ihnen gegründete Parteien. So gut wie nie reden sie darüber, wie sie zu den Reichen geworden sind, aus deren Taschen jetzt großzügige Almosen tropfen.


Das Gefühl, beim heillos korrupten Spiel der Mächtigen außen vor zu bleiben, ist in Russland traditionell weit verbreitet - und es wäre naiv, anderes zu erwarten. Auch viele Künstler wollen von Politik nichts wissen und begründen dies damit, Kunst spiele sich in einer Sphäre ab, die über den spröden Dingen des Alltags und der Politik schwebe. Gegen diese Gleichgültigkeit der kreativen Klasse formiert sich neuerdings jedoch Widerstand: Als spartenübergreifender Trend sagt die "neue Aufrichtigkeit" der politischen Apathie den Kampf an und findet zunehmend Anhänger.

Eine Ernst zu nehmende Entwicklung oder doch nur ein Sturm im Wasserglas? Von außen, erst recht von Westen aus betrachtet, fällt die Kritik an Russlands gesellschaftlichen Defiziten leichter als im Lande selbst. Unter Künstlern, die ihr Glück in Westeuropa suchen, ist das nicht anders. Die Kunstszene sei oberflächlich, glamourös und schmore im eigenen Saft, ausgestellt und gekauft werde nur, was "in" ist: So scharfe Töne, wie sie die Fotografin Anastasia Koroshilova anschlägt, hört man in Moskau selten. Koroshilova lebt in Deutschland, fotografiert jedoch fast ausschließlich in Russland, rund vier Monate im Jahr. Identitätsfragen interessieren sie, oft porträtiert sie ‚einfache Leute´, sachlich und unprätentiös.

Geboren und aufgewachsen ist sie am Arbat, unweit des Cafés, in dem sie gerade ihren grünen Tee trinkt. "Arba" war die Bezeichnung der Kutschen, die hier früher fuhren, jetzt ist die berühmte Straße im historischen Herzen Moskaus eine mit Souvenirständen übersäte Fußgängerzone. Dutzende Häuser aus dem 19. Jahrhundert mit hübschen Höfen sind erhalten, noch heute wohnen hier Kinder sowjetischer Intellektueller, die gern in das Viertel zogen. An der mit Graffiti besprühten Zoj-Wand wird dem früh verstorbenen Protestsrocker Viktor Zoj gedacht.

Moskau sei viel zu sehr ein Kosmos für sich, kritisiert Koroshilova die mangelnden internationalen Perspektiven der hiesigen Kulturszene. "Es ist schwer zu verstehen, warum nur wenige interessiert, was anderswo passiert. Kunst darf nicht ortsgebunden sein."


Einige dieser wenigen meißeln dennoch an den Meilensteinen, die Moskaus Weg zu einer international bedeutenderen Kulturmetropole säumen sollen. Im Juni eröffnete das brandneue Museum für zeitgenössische Kunst "art4ru", das jungen Künstlern ein Forum bietet. Auf einer Fläche von rund 200 Quadratmetern hängen Landschaftsgemälde neben ätzenden Putinparodien und einem mit Nutten zusammen gesperrten Christus, eine zu Leierkastenmusik im Schneetreiben versinkende Miniaturstadt ist neben Shockerfotos mit gequetschten Hoden aufgebaut. Die Ausstellungsmacher wollen zum Mitdenken zwingen: Es gibt keine Schilder, die auf Titel und Urheber der gezeigten Arbeiten verweisen, dafür kann jeder Besucher mit einem weißen und einem schwarzen Sticker das jeweils beste und schlechteste Werk küren. Mit einem Ergebnis, das sich verkürzt etwa so zusammen fassen lässt: neblige Landschaftsbilder gut, Käfig-Christus und gequetschte Hoden schlecht.

Das "art4ru" befindet sich in einer Seitengasse der Bolschaja Nikitskaja, die auf den Kreml zuläuft. Ein paar Meter weiter sitzt auf seinem Sockel der Komponist Peter Tschaikowski vor dem altehrwürdigen Konservatorium, wie überhaupt ein Platz ohne Denkmal in Moskau unvorstellbar ist. Mit seinen ausladenden Gängen und Foyers, den breiten Marmortreppen, die zum großen Rubinsteinsaal hinauf führen, mit Stuck, Säulen und verschnörkelten Balkons versprüht das Konservatorium barocken Charme. Hinter einer weißen Flügeltür in einem der Gänge eines Seitenflügels sind vergangene Epochen und verstorbene Maestros allerdings kein Thema: Hier ist das Institut für zeitgenössische Musik untergebracht.

Gerade mit seinem Kompositionsstudium fertig geworden ist Nikolai Khrust, dem die "manchmal fast autistische Selbstbezogenheit" des Moskauer Kulturuniversums im allgemeinen und der zeitgenössischen Musikszene im besonderen nicht unbekannt sind. "Doch die Situation ist jetzt offener als zu Sowjetzeiten, das Institut stellt uns Aufnahmen und Partituren ins Intranet, und ich versuche der internationalen Entwicklung so gut es geht zu folgen", erzählt er. Russland und die russischen Musiktraditionen sind ihm wichtig, trotzdem empfinde er wie Dostojewski und fühle sich zwei Vaterländern zugehörig: Russland und Europa.

Wie eine Dschungelpflanze nur in feuchtheißer Tropenluft zur Blüte gelangt, vermag Khrust nur in seiner Heimatstadt künstlerisch Atem zu schöpfen. "Die Wendezeit hinterließ eine Tabula Rasa, in vielen Beziehungen eine schlechte Zeit, vielleicht aber eine gute Periode für Künstler." Als Komponist bringe er nur Spannendes zustande, wenn er bliebe. Die meisten seiner Kompositionen entstehen in der wenige Minuten entfernten Parterrewohnung, wo er zusammen mit seiner Mutter lebt. Die schlichte Einrichtung seines Zimmers besteht neben einer Couch, einem Schrank und Regalen, aus diversen Keyboards und einem Klavier. Darüber hängt die Reproduktion einer mittelalterlichen Darstellung Würzburgs, vor dem Fenster erstreckt sich ein ausladend schöner Hof mit Spielplatz und Sitzecken, im Zentrum von Moskau eher eine Seltenheit.


Ebenso wie Khrust ist Natalia Sitnikova tief in ihrer Geburtsstadt verwurzelt. Die neunundzwanzigjährige Malerin ist viel gereist, hat eine Galerie in New York und etliche ausländische Sammler unter ihren Abnehmern. Doch auch sie fühlt sich am wohlsten zu Hause, "in Moskau kann ich am besten arbeiten", sagt sie. Ihr Diplom an dem renommierten Surikov-Institut durfte sie als bisher erste und einzige Studentin mit abstrakten Arbeiten verteidigen, was bei dem strengen und traditionellen Reglement nicht einfach war. Ob Berlin, Kassel oder Venedig - die internationalen Kunstausstellungen besucht die zierliche Frau selbstverständlich, um auf dem Laufenden zu bleiben.

"Wir kennen alle das Argument, Moskau wäre zu abgeschottet, doch das ist nur teilweise richtig", sagt sie. "Zurzeit passiert viel in der Stadt, auf der letzten Biennale waren mehr ausländische als russische Galerien vertreten." Umgekehrt kaufen immer mehr russische Sammler ihre Bilder. Sitnikova lebt inzwischen recht gut von der Kunst, einfach war der Weg bis dahin jedoch nicht. "Als Künstler ist es sehr schwer, erst einmal nach oben zu kommen und es geht sowieso fast nur in Moskau. Die wenigsten werden in anderen Städten bekannt, um dann erst hierher zu kommen, es ist fast immer anders herum."

Wer für ein künstlerisches Studium aus ‚den Regionen´ in die Hauptstadt kommt, bleibt deshalb anschließend fast immer. Moskau ist ein unvergleichliches Sammelbecken der Kreativen Russlands, zieht vorbildhaft die Blicke all der Staatsbürger auf sich, die vom zutiefst russischen Gefühl der Liebe und Verehrung für Moskau erfüllt sind, das der Schriftsteller Anatolij Rybakow in seinem Generationenroman Die Kinder vom Arbat beim Namen nennt.


Optimisten oder Pessimisten, gefragte Ideengeber oder Rufer in der Wüste, offensive Gestalter oder Opfer der Verhältnisse - auf den Schultern der jüngsten kreativen Generation Russlands liegen Last und Segen fortwährender gesellschaftlicher Zuspitzungen und eines tiefgreifenden Epochenwandels zugleich. Als schöpferischer Teil der russischen Gesellschaft ist diese zugleich auch ihr Werk, und Russland kann ihre Tatkraft gut gebrauchen. Ob sie der Gesellschaft frustriert, gleichgültig oder anerkennend gegenüber stehen, die Protagonisten der jungen Moskauer Kunst- und Kulturszene modellieren mit am rohen Klotz des modernen Russlands. Vielleicht nur an Details und selten mit dezidiert politischem Anspruch - eine Wirkung muss ihr Engagement aber haben. Der erfolgreiche junge Videokünstler Viktor Alimpiev formuliert es denkbar nüchtern: "Das passiert einfach."

Moskau war immer das imperiale Zentrum, das die Welt wenn nicht beherrschte, so doch ihr stand hielt. Im Bauch des russischen Riesen rumort es nun wieder, die rauen Winde der Globalisierung wehen ihm genauso ins Gesicht, wie ihm dank seiner unermesslichen Bodenschätze Honig um den Bart geschmiert wird. Die Macht des Geldes hat sich die Menschen in rasantem Tempo Untertan gemacht - bis auf weiteres. Wer auf dem Boden dieser Stadt, zwischen aufgetakelten Blondinen und uniformierten Wachmännern, neben Oligarchenpalästen und bettelnden Mütterchen, in städtisch geförderten Künstlerateliers und in selbstbewusstem Machtglanz erstrahlenden Kirchen steht, der spürt, wie der Zug der Zeit - ähnlich den Metrowagen unter ihm - vorüber donnert. Die Vibrationen, die er verursacht, pflanzen sich weit über die Landesgrenzen hinaus fort.

Die atemberaubende Geschwindigkeit des gesellschaftlichen Wandels hat viele auf der Strecke gelassen. Wer vom Kurs abweicht, verliert schnell den Anschluss, wer nicht Schritt hält, wird erbarmungslos überrannt. Dennoch: Im Dickicht der russischen Hauptstadt sucht die junge kreative Generation aller Schwierigkeiten zum Trotz ihren Weg durch ein Labyrinth aus neuen Wohlstandsmauern und alten Bestechungspfaden, politischen Sackgassen und künstlerischen Fallgruben. Sie abschätzig durch die westliche Brille zu betrachten, verbietet sich angesichts der rauen Bedingungen in der Megametropole von selbst. Es empfiehlt sich, einen unbefangenen Blick in die Weiten der kulturellen Landschaft zu werfen. Ganz im Osten sieht man dann ein Licht blinken - das ist Moskau.

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