„Der Angriff vom Boden her ist unverzichtbar“

Expertise Bei einer Kongress-Anhörung haben sich hohe US-Militärs zu den Militäroperationen im Irak und in Syrien geäußert. Ein Protokoll

1 Keine Zeit mehr verlieren

Egal welche Strategie man verfolgt – es ist unabdingbar, die sunnitische Bevölkerung zu bewegen, den IS aus den von ihm besetzten Gebieten zu vertreiben. Deshalb müssen in der Regierung von Premier Haider al-Abadi einflussreiche Ressorts an die Sunniten gehen.

Kurzfristig: Es muss schnell gehandelt werden. Je mehr Zeit vergeht, desto besser für den IS. Stattdessen sollten Luftschläge intensiviert werden, um die gesamte IS-Struktur anzugreifen, auch in Syrien. Dies muss von einem Express-Waffentransfer für die irakische Armee wie die kurdischen Kämpfer begleitet werden – im Interesse wirksamer Operationen am Boden.

Mittelfristig: Luftschläge auf IS-Kommandozentralen und das IS-Versorgungsnetzwerk in Syrien. Weiterhin sollten die Kapazitäten der irakischen und kurdischen Kräfte ausgebaut werden, um die territoriale Integrität des Irak zu verteidigen.

Langfristig: Eine regionale Koalition aus Verbündeten aufbauen, die militärische Operationen direkt unterstützen. Es braucht einen internationalen Zusammenschluss, um dafür zu sorgen, dass den IS von außen keine finanzielle und personelle Hilfe mehr erreicht.

Michael D. Barbero, Generalleutnant im Ruhestand, einst u.a. Direktor der Joint Improvised Explosive Device Defeat Organization (JIEDDO)

2 Von innen nach außen drehen

Um den IS einzudämmen, muss man seine Ressourcen kennen: die Zahl der Kämpfer, die Vorräte an Munition und Treibstoff, das finanzielle Hinterland. Nur bei diesen Kenntnissen ist es möglich, den Islamischen Staat (IS) von diesen Lebensadern abzuschneiden und die Organisation von innen nach außen zu drehen, um sie schließlich zu eliminieren. Leider hat der US-Kongress bis zur Stunde an der Seitenlinie gesessen, zugesehen und gejammert, statt nach einer klaren Strategie zu suchen, bevor sich die USA erneut auf einen Krieg einlassen.

Kurzfristig: Der IS hat sich bisher vornehmlich im Landesinneren des Irak aufgehalten. Dadurch war es ihm erlaubt, immer nur eine relativ kleine Zahl von Kämpfern zu bewegen: im Norden, um die Kurden anzugreifen; in Richtung Süden, um Bagdad zu bedrohen; und im Westen, um IS-Verbände in Syrien zu entlasten. Das ist derzeit noch ein Vorteil, wird aber zum Nachteil, sollte der IS zu einem Drei-Fronten-Krieg gezwungen sein. Dies wäre der Fall, wenn die mit neuen Waffen ausgerüsteten Kurden von Norden her Druck ausübte; wenn mit neuer Kampfkraft und Motivation ausgestattete irakische Sicherheitskräfte von Süden her vorstießen, und es im Westen schwere Bombenangriffe gäbe, sollten die Dschihadisten versuchen, die offene Wüste zu erreichen. Allerdings sind Luftschläge nicht genug.

Wer das „Problem IS“ lösen will, braucht westliche Bodentruppen, bei denen man sich an das Muster Afghanistan nach dem ISAF-Abzug Ende 2014 halten könnte. Nötig wäre eine Stärke bis zu 15.000 Mann, darunter westliche Spezialeinheiten für Aufklärung und Cyber-Operationen.

Mittelfristig: Eine schlagkräftige Ergänzung wären ungefähr 10.000 Mann aus dem Westen, die auf Ausbildung, Beratung und schnelles Eingreifen spezialisiert sind und im Irak vor Ort agieren. Dies würde de facto eine Rückkehr zu der US-Ausbildungsmission bedeuten, die der Irak 2011 abgelehnt hat. Des Weiteren muss dem IS die Möglichkeit beschnitten werden, das Internet für Propaganda, Rekrutierung sowie zu Kommandozwecken zu nutzen.

Langfristig: Man muss das antiislamische Verhalten und die Brutalität des IS in der Öffentlichkeit noch besser kommunizieren. Zugleich sollte im Irak die Wirtschaft gefördert werden – flankiert von Bildungsmaßnahmen und Arbeitsangeboten für die 15- bis 35-Jährigen, die den IS und ein Kalifat momentan für sehr attraktiv halten. Unverzichtbar ist die Garantie, dass in Bagdad stets eine multireligiöse wie multiethnische Regierung das Sagen hat.

James Stavridis, Dekan der Fletcher School of Law and Diplomacy an der Tufts University, zuvor Admiral und Allied Commander der NATO für Europa

3 Koalition der Willigen

Der Zeitpunkt, an dem der IS besiegt ist, wird kommen, aber die USA wären naiv, würden sie diplomatische, ökonomische und militärische Mittel nicht parallel einsetzen. Das heißt auch, eine internationale Koalition zu schmieden, die gemeinsame Bodentruppen einsetzt, um das vom IS beherrschte Territorium zu verkleinern. Dabei sollten die Türkei, Saudi-Arabien und Jordanien einbezogen werden.

Kurzfristig: Es sind Luftschläge im Irak und in Syrien nötig – Letzteres mit stillschweigender Zustimmung der Regierung in Damaskus. Zudem muss jegliche elektronische Kommunikation des IS unterbunden werden, besonders der Zugang zu sozialen Medien. Des Weiteren sollte verhindert werden, dass der IS weiter auf elektronischem Weg Geld transferieren kann. Generell müssen der Organisation sämtliche Zugänge zum internationalen Bankensystem verwehrt sein. Man muss erreichen, dass der IS gezwungen ist, nur noch mit Bargeld zu operieren.

Mittelfristig: Der Angriff einer von den USA geführten Koalition auf das IS-Territorium – vom Boden her – ist unverzichtbar. Dies muss durch Luftstreitkräfte, Aufklärung und spezielle Kommandoaktionen unterstützt werden, um die Kommunikationsstruktur des IS zu unterbrechen. Gleichzeitige Angriffe auf das IS-Umfeld könnten das von der Organisation kontrollierte Gebiet verringern und dort die Einsetzung einer moderaten Regierung ermöglichen.

Langfristig: Man muss im Irak und in Syrien gemäßigte sunnitische Führer finden und ihnen eine Teilhabe an der Macht garantieren. Man sollte zugleich die syrische Regierung bitten, die Maßnahmen auf ihrem Territorium nicht zu torpedieren, und die Türkei als Regionalmacht anerkennen, da Führungsverantwortung auf Dauer nicht allein von den USA übernommen werden kann. Zugleich erscheint es angebracht, den Einfluss des Iran zurückzudrängen. Das ist nicht leicht, während man gegen den gemeinsamen Feind IS kämpft, aber nicht unmöglich. Syrien muss gezwungen werden, einen politischen Ausweg aus dem Bürgerkrieg zu akzeptieren, wenn der von einer internationalen Koalition stammt, nicht allein von den USA.

Paul D. Eaton, Berater des National Security Network und Generalmajor, nach 2003 jahrelang Chefausbilder für die nationalen Streitkräfte im Irak

06:00 15.10.2014
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