Der Drive des Diamanten

Nicht in Berlin Die Nächte in Belgrad gehören nicht dem Balkan-Trash, sondern James Blood Ulmers Enkeln
Franz Dobler | Ausgabe 34/2016

Das Berliner ist in Belgrad. Das Restaurant heißt Berliner, weil der Chef in Berlin studierte. Es ist groß, adrett und etwas dunkel, weil es im Souterrain liegt. Eine lange Bar, an der Theke ein Bild: Trabbi durchbricht Berliner Mauer. Auf den Tischen große Blätter, auf denen „Ich bin ein Berliner“ steht. Viele sagen jetzt tatsächlich, dass Belgrad das neue Berlin sei. Keine Ahnung, ich bin kein Berliner. Um elf Uhr vormittags jedenfalls war diese Fanmeile leer.

Ich bin nicht der Typ, der in fremden Ländern in Lokale mit deutschem Namen geht, um zu testen, ob sie die Frikadellen so gut wie meine Frau machen. Das Berliner steht auch nicht im Belgradführer. Wir wollten einfach nur bei Affenhitze durch das so verarmte wie berüchtigte Viertel Savamala spazieren, das zwischen dem Hauptbahnhof am Fluss und dem Zentrum oben am Berg heruntergekommen ist. Dann blieb ich stehen und starrte das Haus gegenüber an.

Ganz unten, wo das Bergdorf zum Hafenviertel wird, in der letzten Straße vor der Save, kam The Sidewinder von Lee Morgan durch eine offene Tür, und ich dachte, das glaub ich jetzt nicht. Die ziemlich vergessene Urform des Souljazz von 1963 ertönt in Savamala?! Ich hatte in dem Moment sogar eine Art paranoiden Kick, weil der schwarze Trompeter Lee Morgan in meinem letzten Roman vorkommt, mit dem ich auf dem Balkan gerade auf Lesetour unterwegs war. Jesus, war das jetzt ein Zeichen oder nur Gentrifizierungsgroove?

Trump und deutsche Bomber

Ich war noch nie durch ein (seit dem Besuch deutscher Bomber) so malerisch kaputtes Viertel gelaufen, in dem es dermaßen nach Abriss roch. Ein Wunder, dass in dieser Top-Lage bisher nicht aufgeräumt wurde. Das neue Kulturzentrum „Mikser House“ und die vielen Hip-Locations an den ehemaligen Hafenanlagen sind aber schwache Signale gegen das Projekt „Belgrade Waterfront“. Wenn mit den Plänen des Investors Mohamed Alabbar, eines der „Business Leader der Vereinigten Arabischen Emirate“, alles klappt, wird hier wenig stehen bleiben. Dafür kommt die größte Shoppingmall des Balkan. 150 Millionen Euro will Golfspieler Alabbar investieren: statt angekündigter drei Milliarden! Die Meldung war flankiert von der Nachricht, dass in Savamala „unbekannte maskierte Männer nachts mehrere kleine Gebäude abgerissen und Passanten bedroht“ hatten.

Nur hundert Meter hinter dem Berliner, unter der dröhnenden „Brankos Brücke“, der Verkehrsader zwischen dem alten und Neo-Belgrad, entdeckte ich an einer Hausecke ein Gemälde, eine Profilansicht von John Coltrane. Als wäre er ein neuer Star und nicht seit 50 Jahren tot.

Wie jeder Tourist hatte ich einen massiven Soundtrack aus Balkanbrass und Turbofolk erwartet, diese pornomäßig präsentierte „Mischung aus Schlager, Balkan-Volksmusik und Techno“, deren Entstehung Danko Rabrenović in dem Buch Der Balkanizer als passend zu „Miloševićs Strategie, das Volk abzulenken“ beschreibt – aber nichts da.

Nur einige Beispiele: Mit meinem Begleiter Selman Trtovac, Künstler und Leiter der Bibliothek des Belgrader Goethe-Instituts, saß ich mittags in einem Straßencafé und beobachtete, wie zwei Cops erfolglos einen jungen Mann durchsuchten, der Minuten später zurückkam und das Päckchen vom Asphalt aufhob, das sich zuvor unter seinen Schuhen befunden hatte – während im Café Jazz lief, Archie Shepp.

Unsere Freunde von der Künstlergruppe diSTRUKTURA zeigten uns die von der Nato bombardierten und nicht wieder gerichteten Gebäude, von denen eines mal ins Visier von Donald Trump geraten war, der jedoch keine Kauferlaubnis bekam, weswegen er, vermuteten wir, als Präsident sofort Serbien angreifen würde, um sich zu rächen. Im Hinterhof des Restaurants, wo wir saßen, lief derweil nur Afrobeat à la Tony Allen.

Auch aus dem Club gegenüber unseres Appartements dröhnte kein Bum-Bum-Techno, sondern funky Elegantes. Von außen sah die Stadtvilla so ramponiert aus, dass man sie in Germanistan nur als Abschiebeknast für Roma verwenden würde. Als ich eines Nachts hörte, dass da live Musik gemacht wurde, ging ich rüber: Sechs junge Männer zerlegten Jazzstandards und bauten sie mit der irren Energie des frühen James Blood Ulmer neu auf. 50 Twens hörten dem Tornado andächtig zu.

80er-Yugo-Elektronik

Schließlich fragte ich meinen Begleiter, warum ich überall in Belgrad Jazz hörte. „Echt?“, sagte er, ach, das ist nur für die Touristen. Ehe er sein lautes Lachen abfeuerte. Nach einer Autotour durchs abenteuerliche Montenegro, als wir nachts erledigt zurückkamen, hörte ich wieder einen guten Sound. Ein DJ im Schaufenster! Wir gingen rein, Laila – Records & Books. Und Bar. Plakat an der Wand: „We don’t tell you what to drink, so don’t tell us what to play!“ Tausende Platten, die man kaufen oder ansehen kann. Sound & Style international, freundliche Bardamen, Amy Winehouse-Lookalikes. Ich fragte den DJ, was lief, und war sofort von einigen Männern umringt, die mir erklärten, dass es sich um Yugo-Elektronik aus den 80ern handelte. Unfassbar, gab’s keinen Eisernen Vorhang?

„Wenn dir das gefällt“, sagte einer, „dann komm mit in meinen Club.“ Sein Laden ist ein Boot und heißt 20/44. Ich fragte ihn, warum Jazz hier so präsent ist. Seit dem Zweiten Weltkrieg, seit Tito habe Belgrad einen internationalen Drive und verstehe sich als eine Ost und West verbindende, tolerante Metropole, sagte er. Und Jazz sei eben bis heute ein Symbol dafür, eine Musik, die sich gut mit allen Ländern und Stilen verbinde. „Belgrade is like a black diamond in the dark“, meinte er lächelnd. Wir stießen an, und ich hatte das Gefühl, dass er recht hatte.

Franz Dobler lebt als Schriftsteller und Diskjockey in Augsburg. Für seinen jüngsten Roman Ein Bulle im Zug erhielt er 2015 den Deutschen Krimipreis

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

06:00 07.09.2016

Kommentare