Der ewige Außenseiter

Zeitschriftenschau Wer war Max Aub? fragt Albrecht Buschmann im letzten Band der Zeitschrift die horen einleitend. Auch im Jahr seines 100. Geburtstags scheint Aub ...

Wer war Max Aub? fragt Albrecht Buschmann im letzten Band der Zeitschrift die horen einleitend. Auch im Jahr seines 100. Geburtstags scheint Aub weithin unbekannt zu sein. Fast unvermeidlich sind Leben und Werk von den politischen Exzessen des 20. Jahrhunderts geprägt worden, von Kriegen, Lager und Exil, von Glanz und Elend künstlerischer Avantgarden in Zeiten ideologischer Polarisierung. Umso verdienstvoller das Unternehmen der horen, das Kenner und Liebhaber seiner Arbeiten zusammenführt und auch den beinahe Vergessenen selbst mit Texten zu Wort kommen lässt.

Aub wurde 1903 als Sohn eines deutschen Kaufmanns und einer Französin mit deutschen Vorfahren in Paris geboren. Beide Eltern waren jüdischer Herkunft, doch wurde Aub nicht religiös erzogen. Beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs floh die Familie nach Spanien. Valencia wurde zu Aubs neuer Heimatstadt und Spanisch zu seiner Literatursprache. Nach dem Beginn des Bürgerkriegs 1936 stellte er sich in den Dienst der Republik, wurde Direktor einer Theatergruppe und bald schon Kulturattaché in Paris, wo er André Malraux kennen lernte und zusammen mit ihm dessen Bürgerkriegsroman Die Hoffnung verfilmte.

Die Niederlage der spanischen Republik zwang Aub 1939 erneut zur Flucht. Es folgte eine Odyssee durch französische Lager und Gefängnisse, schließlich 1942 die Ausreise nach Mexiko, wo er zum dritten Mal neu anfangen musste. Hier realisierte er auch sein Hauptwerk, Das Magische Labyrinth, einen sechsbändigen Romanzyklus über die Tragödie des Bürgerkriegs, der die Konvention realistischen Erzählens verletzt und Dokumentarisches neben Erfundenes stellt. 1969 durfte Aub erstmals wieder nach Spanien einreisen - ein Wiedersehen, das ihn enttäuschte. 1972 ist der ewige Außenseiter, der nicht genau wusste, ob er nun Deutscher, Franzose, Spanier oder Mexikaner war, in Mexiko Stadt gestorben. Dass seit 1999 im Eichborn Verlag eine aufwendig kommentierte Gesamtausgabe des Magischen Labyrinths erscheint (vgl. Freitag 23/2003), die - so Paul Ingendaay - "mühelos alle existierenden Editionen in der Originalsprache übertrifft", lässt sich als Musterbeispiel deutscher Literaturarchäologie bezeichnen.

Reiner Kunze wurde in diesem Jahr siebzig - Grund genug für Christian Eger, den Dichter in den horen zu porträtieren und obendrein in einem langen Gespräch vorzustellen, das freilich kaum zusätzliche Informationen liefert. Der "Fall" des 1933 im Erzgebirge geborenen Arbeitersohns ist ja bis heute bekannt, was weniger mit Kunzes knappen, kostbaren, oft trostspendenden Gedichten als mit politischem Dissens zu tun hat. Zunächst braves SED-Mitglied und Hochschul-Assistent, entfernte sich der Lyriker seit etwa 1956, dem Jahr des Ungarn-Aufstands, immer weiter von der offiziellen Ideologie, bis er schließlich 1976, nach dem Erscheinen des Prosabandes Die wunderbaren Jahre im S. Fischer Verlag, als "Staatsfeind" aus dem DDR-Schriftstellerverband ausgeschlossen wurde.

In die Bundesrepublik, nach Bayern übergesiedelt, blieb Kunze auch hier Außenseiter, nun von Mitgliedern des westdeutschen Schriftstellerverbands als "Reaktionär", "Verräter am Sozialismus" und "Nicht-Schriftsteller" diffamiert und von der Stasi weiterhin bespitzelt. Umgekehrt erfuhr er, als eine Art Volksdichter, eine Fülle von Ehrungen und erhielt bedeutende Literaturpreise. Es gibt, resümiert Christian Eger, eigentlich keinen "Fall" Kunze, aber "es gibt den Fall des bundesdeutschen Literaturbetriebs von links, dessen Lautsprecher in den siebziger und frühen achtziger Jahren auf dem Ost-Auge blind oder sentimentalisch beschlagen waren". Daran hat sich - man denke nur das Verdrängen des Archipels Gulag oder aktuell an den Fall Wallraff - bis heute nicht viel geändert.

Intelligent komponiert und teilweise von hoher literarischer Qualität sind die Losen Blätter, knapp 30 Seiten starke Hefte, die - herausgegeben von Renatus Deckert und Birger Dölling - viermal pro Jahr in Berlin erscheinen. Es geht darin um neue deutsche Literatur, um nichts als Gedichte, Prosa und manchmal eine Rezension. Man kennt den Jahrmarkt der Stile und Eitelkeiten, die Erfolgreichen wie die Randfiguren, präsentiert Texte von berühmten Leuten wie Durs Grünbein und Volker Braun und von ganz Unbekannten. Dazwischen stille Schwarz-weiß-Fotografien.

Gerade sind die Losen Blätter, sechs Jahre nach ihrem ersten Erscheinen, bei ihrer 25. Ausgabe angelangt, und man will einmal zeigen, wie ein Text aussieht, bevor er in Büchern oder Zeitschriften gedruckt auftaucht. Günter Kunert zum Beispiel hat das handschriftlich korrigierte Typoskript eines Gedichts geschickt, Friederike Mayröcker ein Kuvert, auf dessen Rückseite sie erste Sätze für ein Gedicht notiert hat, dessen letzte Fassung ebenfalls abgedruckt ist. Noch hat der Computer nicht alle Entstehungsspuren getilgt.

die horen, Band 210, Sommer 2003 (Postfach 101110, 27511 Bremerhaven),
208 Seiten, 9,50 EUR

Lose Blätter, Heft 25, Sommer 2003 (Ebelingstraße 1, 10249 Berlin), 30 Seiten,
1,30 EUR

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00:00 03.10.2003

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