Freitag-Redaktion
07.12.2010 | 14:00 6

Der größte Beatle

Todestag Vor 30 Jahren, am 8. Dezember 1980, wurde ein Kopf der Quarrymen, der Beatles und der Plastic Ono Band in New York erschossen. Eine Annäherung an John Lennon von A bis Z

Attentat

Der Mörder von John Lennon, Mark David Chapman, war lange drogensüchtig, doch zum Verhängnis wurde ihm seine Existenz als Jesus-Junkie. Er war Mitglied der "Wiedergeborenen Christen" und glaubte in Lennon die Reinkarnation des Johannes erkannt zu haben. In der Bibel, die man nach der Ermordung des Sängers bei Chapman fand, hatte er das Johannesevangelium, das Gospel according to John, durch "Lennon" ergänzt.

Ersten Schaden hatte die Obsession für sein Idol indes schon 15 Jahre vor dem Attentat erlitten, nachdem Lennon in einem Interview den Satz "We are more popular than Jesus now" (➝ Vatikan) hatte fallen lassen, den Chapman als Häresie empfand, obwohl man doch gerade den Beatles nie wirklich etwas hat übel nehmen können. Lennons freundliches Verhalten, als Chapman ihn kurz vor dem Attentat um ein Autogramm bat, um mit seinem späteren Opfer fotografiert werden zu können, ließ ihn denn auch zögern – aber nur kurz. Nach seiner Tat hat sich Chapman schuldig bekannt und sitzt dank der Bemühungen von ➝ Yoko Ono noch heute ein. Im Dakota Building, vor dem er Lennon erschoss, hatte Roman Polanski schon 1966 Rosemary’s Baby gedreht, einen der bittersten Filme über religiösen Fanatismus überhaupt. Magnus Klaue

Bumsismus

John Lennon mag tot sein, sein Weiterleben ist allerdings gesichert. Die runde Nickelbrille wurde zu seinem Markenzeichen und im Volksmund auf den Namen John-Lennon-Brille (➝ Preise) getauft. In Oberhausen ist ein Platz nach John Lennon benannt, in Berlin ein Gymnasium, und sein Konterfei findet sich auf Briefmarken aus allen möglichen Ländern, vom Tschad bis Aserbaidschan. Die wahrscheinlich lässigste Huldigung befindet sich am Liverpooler Flughafen, den Textzeilen aus dem Song "Give Peace a Chance" (➝ Solo) zieren. In riesengroßen Lettern prangen die obskuren Wortschöpfungen "Bagism" und "Shagism" über dem Eingang des Gebäudes. Dass letzteres frei mit "Bumsismus" zu übersetzen ist, dürfte bei anglophonen Flugpassagieren zur Belustigung geführt haben. Jens Kiefer

Download

"The Beatles Box Set" (mit allen Alben, allen B-Seiten und ein bisschen Schnickschnack), deutsch: das gesamte Œuvre der Band, kostet bei iTunes 150 Euro. Doch schon das Album wird, seit man auch einzelne Songs downloaden kann, nicht mehr zwangsläufig als Einheit wahrgenommen. Die Werkbox, egal ob in einem eleganten Pappschuber oder digital, gehorcht erst recht einem analogen Ordnungsprinzip: dem Prinzip der Vollständigkeit. Schon eine vollständige Plattensammlung ist oft genug nur Angeberei. Auf der Festplatte aber wird etwas, das zu umfassend ist, zu einer Belastung des Arbeitsspeichers. Warum also sollte man das Album Yellow Submarine mitkaufen, wenn man es ja doch nie hört? Nur damit man es hat? These: John Lennon hätte diese Beat­les-Box auch nicht gekauft. Klaus Raab

Elvis

Alfred und Julia Lennon gaben sich wenig Mühe, wie Modelleltern wahrgenommen zu werden: So kehrte Alfred "Freddie" Lennon von mehreren Jahren auf See zurück und verlangte vom fünfjährigen John, sich für ihn oder sie zu entscheiden. John blieb bei Julia, deren Maßnahmen zur Festigung des Kindscharakters allerdings derart mangelhaft schienen, dass ihre Schwester Mimi Smith beim Sozialamt das Sorgerecht erwirkte. Mimi, die John später den Kontakt mit dem 15-jährigen Paul McCartney verbieten wollte, da dieser aus der Arbeiterklasse stamme, stellte die perfekte Projektionsfläche für Johns Rebellentum dar.

Seine singende, tanzende, ewig scherzende Mutter wurde zur Muse: Sie spielte ihm die erste Elvis-Platte vor und schenkte ihm heimlich seine erste Gitarre. Als John siebzehn war, wurde sie vor seinen Augen von einem Auto angefahren und tödlich verletzt. Freddie Lennon erschien erst wieder auf dem Höhepunkt der Beatlemania und bat John um Geld. Johannes von Weizsäcker

Größter Beatle

Eine der großen Fragen der Beatles-Mythologie, an der sich noch immer erhitzte Fandiskussionen entfachen: Wer war der größere Songwriter – John Lennon oder Paul McCartney? Für den Großteil der Songs teilen sich beide die Credits, tatsächlich sind viele Songs in Kollaboration entstanden. Sie hatten schon bei den Quarrymen, Johns erster Band, zusammen gespielt. John lud Paul ein, mitzumachen, er hielt große Stücke auf ihn. Erst in der späteren Phase des Schaffens gibt es Songs, in denen ein einzelner Beatle als Texter und Komponist genannt wird. Für mich persönlich liegt John wegen "I am the Walrus" knapp vor Paul – auf die Zeile "I am the Eggman" muss man erst mal kommen.

Auch für "Give Peace A Chance", die erste Single von Johns Plastic Ono Band, teilen die beiden erstaunlicherweise die Urheberschaft (➝ Solo). Die Diskussion um den besseren Songschreiber fand in Musiknerd-Kreisen später übrigens Nachhall in der Frage Grant Hart oder Bob Mould (von der Band Hüsker Dü) beziehungsweise Robert Forster oder Grant McLennan (von den Go-Betweens)? Jens Kiefer

Gespräche

Was für eine Begegnung, auch wenn die genauen Umstände nicht mehr zu ermitteln sind: Vermutlich Anfang Januar 1962 treffen der Komponist und Schönberg-Schüler Hanns Eisler und John Lennon zu zwei Gesprächen zusammen. Eisler ist wegen der Erstaufführung seiner Deutschen Sinfonie nach London gekommen, wo ihm vermutlich sein Sohn Georg, der die Beatles in ihrer Hamburger Zeit gehört haben muss, das Treffen mit Lennon vermittelt. Es findet wohl in einem der Restaurants von Donovan Bloomfield statt, die nahe der BBC-Studios liegen.

Der Musikwissenschaftler Thomas Freitag hat die Bänder im Bloomfield-Nachlass gefunden und sie jetzt in englischer Transkription und deutscher Übersetzung herausgegeben (Das Neue, so merkwürdig Thomas Freitag Neues Leben 2010, 112 S., 15 €). "Bleiben Sie dran!", rät Eisler dem Kollegen, der sich für die Sowjetunion nicht begeistern kann. Sie singen sich gegenseitig ihre Songs vor, bieten sich ihre Zigaretten an. Und wenn die Beatles im Oktober 1962 ihre erste Single veröffentlichen ("Love me do"), wird Eisler schon einen Monat tot sein. Matthias Dell

Pflanze

Sie trägt die Haare lang und einen weißen Seidenschlafanzug, wie einst im Juni 1969, bei dem Hochzeitshappening in einer Suite in Montreal, das sie Bed-In nannten. Da war John noch da. Kiffend und langhaarig hockten sie im Bett, umgeben von Journalisten. Nun, beim Bed-In 2010, das auf YouTube zu sehen ist, ist ➝ Yoko Ono allein im Bett. Eigentlich. 

Als ein Mann aus dem Off eine Frage stellt, sagt sie: "Das ist eine gute Frage für John!" Yoko nimmt das Mikrofon, dreht sich zu der grünen Zimmerpflanze, die neben ihr im Bett steht, und sagt: "John?" Stille. "Du hast dich also entschieden, jetzt eine wachsende Pflanze zu sein?" Sie lauscht. "Oh, wir haben jetzt 2010? Das hatte ich vergessen", ruft sie, nimmt die Perücke vom Kopf und streicht durch die kurzen Haare. Die Pflanze schaut zu. "2010, und wir sagen immer noch: Imagine Peace!", ruft Yoko. Die Performance muss weitergehen. Maxi Leinkauf

Preise

Wenn man John Lennons Bedeutung in Geld messen könnte, wären hier ein paar Ansatzpunkte: Eine Toilette, die er benutzte, als er mit ➝ Yoko Ono auf dem Anwesen Tittenhurst Park lebte, erzielte bei einer Auktion 11.500 Euro. Seine 1970er Honda 160Z Monkey (50 ccm) brachte 45.000 Euro. Der handgeschriebene Text von "All You Need Is Love": 868.000 Euro. Eine seiner Brillen (➝ Bumsismus): 80.000 Euro. Eine "Sgt. Pepper"-Jacke: 145.000 Euro. Ein Schulheft mit einer Walross-Zeichnung: 182.000 Euro. Ein Exemplar des Albums Double Fantasy, das Lennon für seinen Mörder (➝ Attentat) signierte, wird für 626.000 Euro angeboten. Es trägt auch Chapmans Fingerabdrücke. raa

Solo

Die erste Solosingle eines Beatles war "Give Peace A Chance", auch wenn Solo nicht ganz stimmt, da Lennon zum Zeitpunkt der Veröffentlichung die Plastic Ono Band an seiner Seite hatte. Und auch wenn alle Welt denkt, das Ding haben sich ➝Yoko Ono und er bekifft im Bett während ihres Bed-In-Honeymoons (➝ Pflanze) ausgedacht – die Credits gehen an Lennon/McCartney, da der Song noch zu Beatles-Zeiten geschrieben wurde. John hat in späteren Interviews allerdings die Rolle Yokos bei der Entstehung betont.

Bemerkenswert ist der Backgroundchor aus unter anderem Petula Clark, dem Beat-Poet Allen Ginsberg und LSD-Guru Timothy Leary. 2004 spielte Ono den Song für das Album Wake up Everybody neu ein und stellte ihn einer Kampagne zur Verfügung, die US-Bürger motivieren sollte, sich zur Wahl zu registrieren. Damit hat "Give Peace a Chance" zwar nicht seinen Grass-Roots-Nimbus verloren, aber ohne Ginsberg und Co. sicherlich an Coolheit eingebüßt. Jens Kiefer

Vatikan

Bedenkt man, dass Galileo Galilei erst nach 360 Jahren durch den Heiligen Stuhl rehabilitiert wurde, kann man sagen, dass sich der Vatikan recht flott zu einem positiven Urteil über das White Album der Beatles durchrang. 40 Jahre sinnierte man in Rom offensichtlich über die Qualität von Gassenhauern wie "Back In The USSR", "Ob-La-Di, Ob-La-Da" und "While My Guitar Gently Weeps", dann stand 2008 das Votum fest. Eine "magische musikalische Anthologie", gratulierte die Vatikanszeitung L'Osservatore Romano und lobte, vermutlich nicht ganz ironiefrei, die "einzigartige und erstaunliche Alchemie von Wort und Ton".

Ganz konnte man sich den Seitenhieb auf den alten Konflikt mit John Lennon dann aber doch nicht verkneifen ("Wir sind populärer als Jesus" ➝ Zebrastreifen). Und griff zum üblichen Trick angegrauter Patriarchen, wenn der Filius ohne Gesichtsverlust zurück in den Schoß der Familie soll: Eine Jugendsünde sei das gewesen, verlautbarte der Osservatore gönnerhaft. "Der Übermut eines jungen Engländers aus der Arbeiterklasse, der im Zeitalter von ➝ Elvis und Rock’n’Roll aufwuchs und von seinem unerwarteten Erfolg überwältigt war." Faule Nummer? Zog aber. "Vatican 'forgives' Lennon", tönte die BBC, und Spiegel Online schrieb: "Vatikan verzeiht John Lennon". Christine Käppeler

Verachtung

Es gab ein Jahr, da hatten die Beatles keine Chance. "No ➝ Elvis, Beatles or the Rolling Stones in 1977" sangen die Clash in eben jenem goldenen Jahr des Punk. Ich war damals 13 und gerierte mich als dezidierter Anhänger dieser Revolution in der Popkultur. Das Rote Album in der Sammlung meiner Eltern war selbstverständlich tabu; ja klang B.O.F. (Boring Old Farth) als Kennzeichen für den Hippie-Spießer nicht beinahe wie BEA-TL-ES?

Unsere Kreise öffneten sich nur sehr zögerlich. 1982 hieß es zwar, das großartige "Visitors never come alone" der Band Blue China sei eigentlich ein "Beatles-Stück" und Frontmann Rudolph Dietrich ein fast so genialer Songschreiber wie Lennon oder McCartney (➝ Größter Beatle), aber wer in der weiten Postpunkwelt kannte schon diese kleine Zürcher Band? Die Liebe zu den Beatles erreichte die meisten von uns nur über Umwege und sehr spät. 1988 erschien das Album Let it be von Laibach, mit der genialen Coverversion von "Across the Universe". Es bedeutete eine Wende. Manche kapieren's natürlich nie: John Lydon alias Johnny Rotten sieht sich heute noch gezwungen mitzuteilen, dass er wirklich kein Fan der Beatles sei.Michael Angele

Yoko Ono

Der Polizeibericht bezeichnete John Lennons Mörder (➝ Attentat) als mentally unbalanced. Gleiches wird schon zu Lebzeiten von Lennons zweiter Ehefrau Yoko Ono behauptet. Vor zehn Jahren lehnte sie eine vorzeitige Haftentlassung Mark David Chapmans, Lennons Mörder, mit der Begründung ab, sie habe Angst, "dies könnte den Alptraum, das Chaos und die Verwirrung mit einem Schlag zurückbringen". Eine nachvollziehbare Furcht. Zumal sie sich noch heute von YouTube-Trollen als Erbschleicherin und "blutsaugende Fotze" beschimpfen lassen muss.

Als die Konzeptkünstlerin im September 2009 in Berlin die Gruppenausstellung nochnichtmehr – Handeln im unmarkierten Raum eröffnete, ging es im Vorfeld auch um Schutzmaßnahmen, etwa wie man schnelle Fluchtwege und eine Art Panic Room gewährleisten könnte. Die gelassene Freundlichkeit, mit der Ono dann später einer Schülerinnengruppe des John-Lennon-Gymnasiums (➝ Bumsismus) eine Privataudienz gewährte, machte die schlimmsten Befürchtungen nur halb zunichte. Double Fantasy? Double Trauma. Jan Engelmann

Zebrastreifen

Das Abbey Road-Cover (1969) zeigt die Beatles, wie sie einen Zebrastreifen passieren. Es gibt viele Nachahmer: Red Hot Chili Peppers, Kanye West, Blur, Beatallica, Dave Maclean and Montana Country, Four Bitchin' Babes, J-Rocks, Kapanga, Língua de Trapo. Auch Paul McCartney verwendete das Motiv 1993 noch mal. Die Beatles lösten sich bald nach dem Zebrastreifen-Foto auf: Sie waren nun Ikonen. Wie Lennon oder Jesus sagen würde: Es war vollbracht. raa

Kommentare (6)

Jacky 07.12.2010 | 21:12

Ein alles in allem schöner Artikel, an dem ich aber dennoch 3 Kritikpunkte habe:
1. Ob er "der größte Beatle" war, darüber lässt sich streiten. Er hat jedenfalls nicht so aktiv an der Demontage seines eigenen Mythos mitgewirkt, wie Sir Paul, zum einen hat sein allzu früher Tod dazu wenig Zeit gelassen, zum anderen hat seine Ermordung auch erheblich zur Mythosbildung beigetragen.
2. Ich finde es schade, dass der Name von Lennons Mörder auch in diesem Artikel erwähnt wird, da er sich letztendlich durch die Ermordung Lennons selbst bekannt und berühmt machen wollte, ein Wunsch der ihm durch die ständige Wiederholung seines Namens in den Medien anscheinend erfüllt wird.
3. Die Aussage, dass Roman Polanski in "Rosemarys Baby" den Tod seiner Frau (Sharon Tate) verarbeitet hat ist nun aber schlichtweg falsch! Der Film erschien 1968, Tate wurde aber erst 1969 ermordet und ist in dem Film sogar in einer Nebenrolle zu sehen.

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belle-hopes 08.12.2010 | 18:18

für mich ist er der größte beatle, alles andere außer dem subjektiven empfinden ist ja spekulation durch lennons tod. was ich aber auch an diesem beitrag kritisiere ist die plattform, die dem mörder durch erwähnung seines namens gegeben wird, mich interessiert auch nicht weshalb der das getan hat. in einem huldigenden beitrag über lennon will ich nichts über seinen mörder lesen, wieder mein persönliches empfinden. jedenfalls ist lennon einer, der mir immer wieder gänsehaut jagt durch sein charisma und seinen weltverbesserungsdrang.

konyhakert 09.12.2010 | 16:48

mich verwirrt der "artikel". die idee an die sache mit einem alphabet heranzugehen, finde ich toll. jedoch sind nahezu all die hier aufgeführten einzelheiten dinge, die ich für randbedeutungen halte. ich sehe hier keinen wesentlichen zusammenhalt (außer dem, daß es irgendwie um john lennon geht). und frage mich: was soll das? hätte ne runde sache werden können, die idee, aber so umgesetzt bleibe ich irgendwie unbefriedigt zurück.
ich halte mich für einen unbedingten fan von john lennon, jdenfalls seiner musik. allerdings nicht für einen stalkenden fan. ich muß keine devozionalien haben, keine originalunterzeichneten dingsda oder was weiß ich. mir reicht die musik gelegentlich aus. die aber immer wieder.

im grunde gehört der artikel für mich in die rubrik: dinge, die man nicht wissen muß./ partywissen