Andreas Förster
Ausgabe 0717 | 16.02.2017 | 06:00 5

Der Informant

Porträt Michael Doleisch von Dolsperg war führender Neonazi in Thüringen und arbeitete jahrelang als V-Mann. Nun wird er im Parlament befragt

Der Informant

Michael Doleisch von Dolsperg war für die Leute vom Verfassungsschutz lange eine sehr wichtige Quelle

Foto: Frederik Naumann/Panos Pictures/Visum

Eine Premiere wird es an diesem Donnerstag im Bundestag geben, wenn auch keine auf öffentlicher Bühne: Erstmals wird mit Michael Doleisch von Dolsperg ein ausgewiesener Neonazi und V-Mann des Verfassungsschutzes in einem Untersuchungsausschuss des Parlaments als Zeuge befragt werden. Der aus Thüringen stammende Dolsperg, der unter dem Decknamen „Tarif“ zwischen 1995 und 2001 für das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) die militant-rechte Szene unterwanderte und mitsteuerte, lebt mittlerweile in Schweden. Nach seinen Worten will er schon vor Jahren sowohl mit seiner einstigen rechten Gesinnung als auch mit dem Geheimdienst gebrochen haben. Das kann man glauben, muss man aber nicht. Die – durchaus berechtigten – Restzweifel genügen der Ausschussmehrheit als offizielle Begründung dafür, Dolspergs Anhörung in eine nicht öffentliche Sitzung zu verlegen. Schließlich möchte man einem Neonazi, auch wenn er nun ein Ex-Nazi sein will, keine Bühne für mögliche rassistische Ausfälle bieten, heißt es.

Dolsperg, der damals noch Michael See hieß, war in den 1990er Jahren einer der führenden Neonazis in Thüringen. Anfangs leitete er die Neonazi-Kameradschaft Leinefelde und deren Wehrsportgruppe. Außerdem unterhielt er vielfältige Kontakte zu rechtsterroristischen Gruppierungen wie „Combat 18“. Nach seiner Heirat änderte er den Namen und lebte als Michael Doleisch von Dolsperg in Niedersachsen. 2001 kandidierte er für die NPD bei den niedersächsischen Kommunalwahlen. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits mehrfach vorbestraft. So wurde er nach einer Prügelattacke im November 1991 wegen Körperverletzung zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. Das Opfer leidet noch heute unter den Folgen der Gewalt, der Mann ist körperbehindert und berufsunfähig. Dolsperg selbst wollte nach eigenen Angaben 1994/95 aus der rechten Szene aussteigen und bat das BfV um Hilfe. Der Verfassungsschutz habe ihn jedoch gedrängt, als V-Mann über die Neonaziszene aufzuklären, so Dolsperg.

Tatsächlich wurde er in den anschließenden Jahren einer der wichtigsten V-Leute des BfV. Laut einer internen BfV-Liste kassierte Dolsperg als V-Mann „Tarif“ zwischen 1995 und 2001 insgesamt mindestens 66.000 D-Mark. In dieser Zeit publizierte er auch die rassistische Nazi-Postille „Sonnenbanner“. Ein Exemplar wurde in der 1998 in Jena ausgehobenen Bombenwerkstatt des Trios Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe gefunden. In Artikeln des „Sonnenbanner“ wird unter anderem das Konzept autonomer Kämpferzellen propagiert, die im Untergrund das demokratische System bekämpfen. Damit habe er eine theoretische Blaupause des NSU-Modells geliefert, wie selbst das BfV 2012 in einer Analyse für das Bundeskriminalamt feststellte.

In den letzten Jahren hat Dolsperg wiederholt öffentlich behauptet, sein Verbindungsführer vom BfV habe regelmäßig die „Sonnenbanner“-Artikel vor Drucklegung redigiert. Außerdem habe er das Heft mit Geld finanziert, das unter anderem vom BfV stammte. Das Kölner Bundesamt hat dies stets dementiert. Dolsperg behauptete in einer Vernehmung durch das BKA 2014 zudem, im Jahre 1998, kurz nach dem Abtauchen des Trios, einen wichtigen Hinweis an das BfV weitergegeben zu haben, ohne dass dieser weiterverfolgt wurde. Ein befreundeter Jenaer Neonazi habe ihn um Hilfe bei der Suche nach einem Unterschlupf für die untergetauchten Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe gebeten. Dolsperg will damals sofort seinen Verbindungsführer „Alex“ vom BfV angerufen und über die Anfrage informiert haben. Der habe ihn aber nach Rücksprache mit seinen Vorgesetzten zurückgepfiffen und gesagt, um diesen Vorgang würden sich „schon andere kümmern“.

Auch diese Aussage Dolspergs bestreitet das Bundesamt und verweist auf die Aktenlage. Die ist allerdings im Fall von „Tarif“ undurchsichtig. So gehört die Akte des V-Manns zu den Spitzelunterlagen aus der Thüringer Naziszene, die wenige Tage nach dem Auffliegen des NSU im November 2011 im BfV vernichtet wurden. Angeblich aus Datenschutzgründen, und weil sie keine inhaltliche Verbindung zum NSU aufwiesen. Drei Jahre später jedoch tauchten die V-Mann-Berichte von „Tarif“ plötzlich wieder auf im BfV-Archiv. In diesen Akten jedoch sollen sich weder Hinweise auf die verlegerische Assistenz des Verfassungsschutzes beim „Sonnenbanner“ noch auf den angeblichen Hinweis Dolspergs auf das Trio von 1998 befinden. So behauptet es jedenfalls das BfV. Und auch der NSU-Untersuchungsausschuss, dem inzwischen die auf so wundersame Weise wiedergefundenen Akten vorliegen, konnte dies nicht widerlegen. Wobei nicht auszuschließen ist, dass die „Tarif“-Akte vom BfV manipuliert wurde – so sind die darin befindlichen Dokumente nicht paginiert, das heißt, ob Berichte entfernt wurden oder nicht, lässt sich im Nachhinein nicht mehr feststellen.

Am Donnerstag wird also Aussage gegen Aussage stehen. Denn nach der Befragung Dolspergs im Untersuchungsausschuss werden sich BfV-Präsident Hans-Georg Maaßen und sein über die NSU-Affäre gestürzter Amtsvorgänger Heinz Fromm vor dem Gremium rechtfertigen müssen. Sie sollen erneut erklären, warum ihr Dienst die vielen Hinweise auf die Existenz des NSU erst angeblich übersehen und dann, als die Mörderbande aufgeflogen war, die eigene Mitwisserschaft vertuscht und verheimlicht hat. Der Fall Dolsperg alias „Tarif“ wird bei der Befragung der beiden Geheimdienstchefs eine zentrale Rolle spielen. Schon jetzt ist klar, dass am Ende die Frage unbeantwortet im Raum stehen wird: Wem kann man in der Affäre mehr glauben – dem ehemaligen Nazi und Ex-V-Mann oder den Chefs des Verfassungsschutzes?

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 07/17.

Kommentare (5)

apatit 16.02.2017 | 09:33

Die Anstalt - NSU Terror und Verfassungsschutz - YouTube▶ 8:19https://www.youtube.com/watch?v=6WiJeHBCZzM

Die Wahrheit in Deutschland, erfährt man doch nur noch leider über Satire – Sendungen wie hier! Oder von ganz, ganz, wenigen Journalisten, die die Berufsbezeichnung noch verdienen.

Aber wissen Sie war raus kommt, der Russe ist Schuld! ... auch an NSU! ( Max Uthoff u. Claus von Wagner sinngemäß), kein Parkplatz bekommen, der Russe ist Schuld, eine Socke im Trockner, der Russe ist Schuld, die Frau vernachlässigt, der Russe ist Schuld … und “wir“ bekommen noch hin, dass der Kreml an der NSU auch noch Schuld hat! Dank unserer “Qualitätsmedien“!

Gold Star For Robot Boy 16.02.2017 | 11:40

"Die – durchaus berechtigten – Restzweifel genügen der Ausschussmehrheit als offizielle Begründung dafür, Dolspergs Anhörung in eine nicht öffentliche Sitzung zu verlegen."

Inoffiziell befürchtet man, dass Dolsperg womöglich kompromittierende Aussagen über den Verfassungsschutz machen könnte.

von Dolsperg in der Doku V-Mann Land:

„Ich habe im Auftrag des Staates Leute dazu gebracht, Straftaten zu begehen. Die halbe Führungsriege der Naziszene bestand aus V-Leuten des Staates.“

Aus der Vorankündigung der ARD-Dokumentation („Die Story im Ersten: V-Mann-Land“) von Clemens Riha:

„ Ein anderer ehemaliger Informant fragt sich, ob er die Mordserie hätte verhindern können. Dem Verfassungsschutz habe er wichtige Hinweise zur Ergreifung der NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe geliefert, doch es passierte nichts. Seit Jahren lebt er im Ausland, versucht, die eigene Vergangenheit zu vergessen. Doch dann fliegt er auf. Nun will er wissen, warum er die rechtsextreme Szene nicht nur im Staatsauftrag beobachten, sondern maßgeblich mit aufbauen sollte. V-Leute waren von Beginn an im deutschen Rechtsextremismus in Führungspositionen. Skandale gab es immer wieder. Aber so wie nach dem Auffliegen der drei NSU-Terroristen standen V-Leute noch nie in der Kritik. Waren sie wichtige Informanten oder vor allem Neonazis aus Überzeugung, die den Staat an der Nase herumführten? Warum wurden NSU-Akten, die V-Leute betreffen, im großen Stil vernichtet? Was sollte hier vertuscht werden? "

Der V-Mann Piatto erklärte im Januar 2015 vor dem OLG München, sein Neonazi-Heft United Skins quasi zusammen mit dem VS herausgebracht zu haben. Seine Artikel wurden von seinem VM-Führer vorher gelesen. Somit existierten drei Nazipostillen, an deren Entstehung der Verfassungsschutz mittels seiner V-Leute beteiligt war: „United Skins“ (Piatto), „Sonnenbanner“ (Michael See/von Dolsperg alias Tarif) und natürlich „der Weiße Wolf“ (Thomas Richter alias Corelli).

Richter hatte Bezüge zum NSU, war KKK-Mitglied , der als „Corelli“ dem Bundesamt für Verfassungsschutz Informationen lieferte. Der 39-Jährige lebte zuletzt mit neuer Identität im Zeugenschutzprogramm im Landkreis Paderborn. Er wurde am 7. April von Verfassungsschutzbeamten tot in seiner Wohnung aufgefunden. Bei der Obduktion sei als Todesursache eine unerkannte Diabetes festgestellt worden, erklärte die Staatsanwaltschaft. Die SPD Politikerin Högl hat an dieser Version Zweifel, wollte das Thema mit Kollegen in den Innenausschusses einbringen. Dem Innenausschuss des Bundestags wurde allerdings im Januar 2015 die Einsicht in das medizinische Gutachten zum Tod Corellis vom NRW-Justizminister Kutschaty (SPD) verweigert. Er habe das vom Generalstaatsanwalt prüfen lassen, schreibt Kutschaty in einem Brief an den Ausschussvorsitzenden Bosbach. Ergebnis: Es gebe keine Rechtsgrundlage für die Herausgabe der Akten. Bosbachs sieht offene Fragen:

„Die Todesumstände sind einigermaßen ungewöhnlich. Es steht auch noch nicht einmal der genaue Zeitpunkt des Todes fest. Handelt es sich um einen natürlichen Tod oder ist Fremdeinwirkung nicht doch wahrscheinlich? Wie ist er zu Tode gekommen? Welche Möglichkeiten gibt es?“

Die Vizepräsidentin des Bundestages, Petra Pau, beschreibt im Interview mit Andreas Förster vom 28.12.2014 die ungeklärten Fragen des NSU-Komplexes:

„Wir ärgern uns im Innenausschuss fraktionsübergreifend über nichtssagende oder geheim eingestufte Antworten auf unsere Fragen zum Thema NSU-Aufklärung. Mit dieser Verschleierungstaktik treiben Ministerien und Behörden die Bundeskanzlerin in den Meineid. Frau Merkel hatte bei der Trauerfeier für die NSU-Opfer im Februar 2012 eine vollständige Aufklärung der Hintergründe und Verantwortlichen zugesagt. Die gibt es bis heute nicht.[Es geht] um sehr viele noch immer ungelöste Fragen. So etwa um die Ereignisse am 4. November 2011, als sich der NSU selbst enttarnte: Der Thüringer Untersuchungsbericht hat da viele neue Details zutage gefördert, die die Geschichte dieses Tages, wie sie bisher erzählt wurde, immer widersprüchlicher erscheinen lassen. Hinzu kommt auch die ungeklärte Rolle solcher V-Leute wie „Corelli“ und „Tarif“, deren Beziehungen zum NSU-Trio ja offenbar enger waren, als man es uns je sagen wollte. Jerzy Montag soll „Corellis“ V-Mann-Akten im Bundesamt auswerten. Die Umstände seines plötzlichen Todes im vergangenen März untersucht er nicht, aber dafür interessiert sich der Innenausschuss. Doch wir warten nun schon seit vier Monaten auf das toxikologische Gutachten sowie auf Berichte über die Umstände seines Ablebens und die Asservate, die in „Corellis“ Wohnung sichergestellt wurden.(…) Inzwischen ist doch eines deutlich geworden: Der Verfassungsschutz hatte ein viel engeres Netz an Informanten rings um das Kern-Trio des NSU gespannt und damit wohl auch viel mehr Informationen über das Trio, vielleicht auch über seine Taten gehabt, als man es uns gesagt hat. Unser alter Untersuchungsausschuss sollte dumm gehalten werden. Und diese Strategie setzt sich leider gegenüber dem Innenausschuss fort. Ich habe jedenfalls den Eindruck, dass zumindest im Bundesamt nur ein sehr gebremstes Aufklärungsinteresse vorhanden ist. Man hat uns Abgeordnete dort zwischenzeitlich auch belogen. Und ich habe leider keine Anhaltspunkte dafür, dass sich das ändert.“

Quellen

Gold Star For Robot Boy 16.02.2017 | 11:46

V-Mann Piatto erklärte im Januar 2015 vor dem OLG München, sein Neonazi-Heft United Skins quasi zusammen mit dem VS herausgebracht zu haben. Seine Artikel wurden von seinem VM-Führer vorher gelesen. Somit existierten drei Nazipostillen, an deren Entstehung der Verfassungsschutz mittels seiner V-Leute beteiligt war: „United Skins“ (Piatto), „Sonnenbanner“ (Michael See/von Dolsperg alias Tarif) und natürlich „der Weiße Wolf“ (Thomas Richter alias Corelli).

Quelle