Der Juwelier und der Junkie

Griechenland Ein schwuler Athener Künstler wird vor laufenden Kameras getötet. Selbstjustiz oder Hass? Der Fall entzweit das Land
Der Juwelier und der Junkie
Sie fühlten sich schon so sicher: Trauernde vor dem griechischen Parlament

Foto: Louisa Gouliamak/Afp/Getty Images, Zkostopoulos/Facebook (unten)

Die Bilder der Überwachungskamera sind brutal. Zacharias Kostopoulos schwankt in den Verkaufsraum eines leeren Juwelierladens. Die Alarmanlage springt an und er wird im Geschäft eingeschlossen. Desorientiert und verwirrt greift er nach einem Feuerlöscher, versucht erst die Glastür, dann die Fensterscheibe einzuschlagen. Als er durch das zersplitterte Fenster fliehen will, beginnt der zurückgekehrte Ladenbesitzer, nach ihm zu treten. Er trifft ihn am Kopf. Ein zweiter Mann kommt hinzu. Beide treten nach ihm, bis Kostopoulos auf der Straße vor dem Laden liegen bleibt.

Auf den ersten Blick ist das ein Fall von Selbstjustiz. In Griechenland wird derzeit darüber gestritten, ob der Tod von Zacharias „Zak“ Kostopoulos auch ein Verbrechen aus Hass gewesen sein könnte: aus Homophobie, aus Verachtung von Junkies oder wegen Ressentiments gegen sozial Abgestürzte.

Wenn Zak Kostopoulos, 33, von den Rechten gejagt wurde, zog er die High Heels aus und nahm die Beine in die Hand. Dass er bisher unversehrt geblieben sei, sei reines Glück, erklärte er einmal dem Magazin Vice. „Vor allem, weil ich schnell rennen kann.“ Seit einem Monat ist Kostopoulos tot. Er wurde tödlich verletzt unter den Augen von über 100 Passanten und mindestens drei Überwachungskameras. Klarer hat das den Fall allerdings nicht gemacht.

Homophobe Kommentare

Sicher ist: Am 21. September betrat Zacharias Kostopoulos ein kleines Schmuckgeschäft am Omonia-Platz inmitten von Athen. Der Platz ist verrufen, weil sich Drogensüchtige, Sexarbeiterinnen und Obdachlose hier treffen. Um den Kreisverkehr scharen sich schäbige Cafés, Schmuckgeschäfte und eine große Konditorei. Nicht weit aber liegen eine beliebte Einkaufsmeile mit Kleiderketten, Vier-Sterne-Hotels und das Nationaltheater. Es ist wie überall in Athen: Seit der Krise trennt die Abgestürzten und die anderen nicht mehr viel.

Kostopoulos stirbt im Gewahrsam der Polizei. Bei der Ankunft im Krankenhaus wird er für tot erklärt. Die Handschellen trägt er zu diesem Zeitpunkt noch immer. Der Ladenbesitzer spricht von versuchtem Diebstahl, so schreibt es die Polizei später auch in ihren Bericht. Die Athener Staatsanwaltschaft kündigt Ermittlungen wegen Körperverletzung mit Todesfolge an. Der Juwelier wird vorgeladen, aber unter Auflagen wieder freigelassen.

Auch griechische Medien behandeln den Fall zunächst als Selbstjustiz. Sie fragen: War sie vielleicht sogar gerechtfertigt? Die Abendnachrichten Ta Nea tou SKAI des größten Privatsenders des Landes geben in den Tagen nach dem Vorfall eine Umfrage in Auftrag: Welche Art von Menschen wollen Sie als Nachbarn haben? Ergebnis: Jeder bzw. jede Dritte will nicht neben Homosexuellen wohnen, an Migranten stört sich nur jeder bzw. jede Vierte.

Eine Moderatorin des Senders fordert ihre Twitter-Follower auf, das Video der Überwachungskamera anzusehen und abzustimmen: Tat der Juwelier das Richtige? Der Tweet ist mittlerweile gelöscht, ein weiterer Tweet, in dem sich die Moderatorin für die rege Teilnahme an der Umfrage bedankt, jedoch nicht. Der rechtspopulistische Sender ART will von seinen Zuschauern wissen: „Sollten wir einen Helden aus einem schwulen, HIV-positiven Junkie machen?“ Indessen haben allein die Bilder der Überwachungskameras mehr als eine Viertelmillion Views auf Youtube. Darunter: Hunderte homophobe Kommentare.

„Wir waren schockiert über das Ausmaß des Hasses, nicht einmal von der extremen Rechten, sondern im Mainstream“, sagt Fil Ieropoulos. Er war einer der engsten Freunde von Zak Kostopoulos und Teil der kleinen Szene schwuler und queerer Engagierter in Athen. In den Tagen nach der Tat verfolgt Ieropoulos, wie immer mehr Videos im Internet auftauchen. Gefilmt von Passanten und Augenzeuginnen mit Handykameras. „Es gibt so viele Menschen mit Handys, die an der Situation beteiligt waren, und trotzdem hat niemand eingegriffen“, sagt Ieropoulos. CNN Greece befragt eine Verhaltenspsychologin zum „Bystander-Effekt“, die meint: „Je größer die Anzahl der Teilnehmer, desto geringer die Chancen auf Hilfe.“ Fil Ieropoulos hat eine andere Erklärung.

In den letzten Jahren feierte die queere Szene die Liberalisierung der griechischen Gesellschaft. 2015 wurde die Lebenspartnerschaft für Homosexuelle erlaubt. Im vergangenen Jahr vereinfachte das Parlament die Anpassung des Geschlechtseintrags für Transgender. Seit Mai dürfen gleichgeschlechtliche Paare Pflegeeltern werden. „Bis vor ein paar Wochen schien sich alles zum Guten zu wenden. Es gab plötzlich überall Gruppen für queere Familien, Dokumentationen über Homosexualität liefen nicht mehr erst im Nachtprogramm im Fernsehen. Wir dachten, die Homosexualität ist im Mainstream angekommen“, sagt Ieropoulos. Der Tod seines Freundes zeige: „Unsere Renaissance hatte eine Schattenseite.“ Während die Szene die Liberalisierung feierte, habe sich im Stillen ein reaktionärer Backlash etabliert.

Die Polizisten treten zu

Zak Kostopoulos war ein Posterboy des queeren Aktivismus in Athen. Er habe schon vor zehn Jahren stolz seine HIV-Diagnose auf seinem T-Shirt getragen, erzählen Freunde. Als „Zackie Oh“ tanzte Kostopoulos im Neonlicht des queeren Clubs Shamone im Ausgehbezirk Psirri. Auf Youtube finden sich Videos der Auftritte: Zackie Oh, wie ein Freund ihr das Korsett schnürt. Zackie Oh wird unter Jubel in einem Käfig in den Dragclub herabgelassen. Zackie Oh mit blonden, braunen, knallroten Perücken, in Pumps und Leder und Spitze.

Aber eine andere Seite habe es auch gegeben: Kostopoulos sei depressiv gewesen, sagen seine Freunde. Er habe regelmäßig Drogen genommen, war vermutlich auch am Tag seines Todes high. Als er starb, hatten seine Freunde seit mehr als einem Tag nichts von ihm gehört, das sei ungewöhnlich gewesen. Ieropoulos hält neben Homophobie daher auch Ressentiments gegen Drogenabhängige für einen möglichen Grund, warum der Vorfall derart eskalierte.

Auf der Beerdigung sangen Kostopoulos’ Freunde Lieder von Madonna und streuten statt Erde Glitzerpulver in sein Grab. Mittlerweile suchen sie Zeugen, organisieren Kundgebungen und Mahnwachen. Alles in Ungewissheit darüber, was Kostopoulos tatsächlich passiert ist. Wollte er den Juwelier ausrauben? Floh er vor einem Streit auf der Straße? „Keine Hypothese macht Sinn“, meint Ieropoulos.

Eine Woche nach der Tat ändert sich plötzlich der Ton der Debatte. Die Tageszeitung Efimerida ton Syntakton veröffentlicht eine Handyaufnahme der Festnahme. Das Bild ist wackelig und wird verdeckt durch Passanten und einen Tisch. Trotzdem ist deutlich zu sehen, wie etwa sechs Polizisten den regungslos und blutend am Boden liegenden Kostopoulos treten und mit den Stiefeln nach unten drücken. „Komm, leg ihm Handschellen an“, sagt einer. Das Video zeigt auch: Das Messer haben die Polizisten ihm zu diesem Zeitpunkt bereits abgenommen. Es ging keine Gefahr mehr von Kostopoulos aus. Gegen die Polizisten wird ein internes Verfahren eingeleitet.

Die Anwältin der Familie des Toten, Anna Paparoussou, macht der Polizei aber nicht nur deshalb schwere Vorwürfe. Diese habe „bis heute keine ernsthaften Untersuchungen angestellt“, sagt sie. Noch nicht einmal die Todesursache stehe fest. Paparoussou spricht von einer „hohen Wahrscheinlichkeit“, dass Kostopoulos in dem Juwelierladen vor einem homophoben Übergriff Schutz gesucht habe. Das vermuten auch Freunde von Kostopoulos, Beweise gibt es nicht.

Was Paparoussous Fall erschweren dürfte: Nur zehn der vielen Augenzeugen hätten sich bisher bei der Polizei gemeldet. „Und die, die kamen, kamen aus moralischem Bewusstsein, nicht auf Vorladung“, sagt die Anwältin.

So herrscht weiterhin Unsicherheit. Medien spekulieren über Sympathien des Juweliers für rechte Gruppen. Eine Staatsanwältin lässt nun die Vorwürfe von „Hasskriminalität“ untersuchen, die in der Presse kursierten. Amnesty International Greece fordert eine „transparente Untersuchung des Mordes“ und „der Haltung der Polizei“. Mit einem Prozess sei frühestens in einem Jahr zu rechnen, so Paparoussou.

Für Fil Ieropoulos wird selbst ein Urteil keinen Frieden bringen, sagt er. „Wir hatten schon in dem Moment verloren, in dem wir die Feindseligkeit der Massen gegen Menschen wie uns gesehen haben.“

06:00 26.10.2018

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