Der Klon

Sportplatz Der Anfang klingt nach Benefizparty und Solikonzert. Weil im Sommer 1877 eine Rasenwalze kaputt ging, beschlossen die Männer des All England Clubs ...

Der Anfang klingt nach Benefizparty und Solikonzert. Weil im Sommer 1877 eine Rasenwalze kaputt ging, beschlossen die Männer des All England Clubs ein Turnier in der bei ihnen damals noch gar nicht so verbreiteten Sportart des Lawn Tennis zu veranstalten. Das Turnier brachte etwa 20 Pfund Reinerlös, was zumindest eine Wiederholung im nächsten Jahr nahelegte.

Mittlerweile sind die All England Championships zum bedeutendsten Tennisturnier der Welt aufgestiegen. Hier klingt selbst die Umschreibung "inoffizielle Weltmeisterschaft" wie eine Verniedlichung.

Wimbledon ist einzigartig, darüber ist man sich über die Welt des Sports hinaus einig. Weil Wimbledon einzigartig ist, werden von hier die Geschichten über Tragödien und Triumphe erzählt. Hier werden Helden geboren und Scharlatane entlarvt. Der Rasen des Centre Courts gilt als heilig, und über die Halmhöhe von "fünf Sechzehntel Inch, nicht mehr und nicht weniger", so der frühere Chefgärtner, darf nicht diskutiert werden.

Mag also sein, dass Wimbledon einzigartig ist, aber die Welt um diesen Ort herum, ist eine warenproduzierende, Wimbledon ist als Weltsportereignis den Gesetzen des Weltmarkts ausgeliefert, ja, Wimbledon ist zur Ware geworden, und folglich wurde aus der historischen Einzigartigkeit ein bedeutendes Tennisturnier, das vervielfältigt werden kann.

Der schlimmste Klon des Turniers liegt in Westfalen und zwar in einem Ort, dessen Name Halle lautet und allein schon deswegen unter Klonverdacht steht. In Halle hat vor zehn Jahren ein dort ansässiger Textilindustrieller namens Gerry Weber alles exakt so nachgebaut, wie es in Wimbledon aufgebaut ist. Zehn Grasplätze und einen Centre Court gibt es. Letzterer ist von 9.200 Sitzplätzen aus zu betrachten; zum Teil finden die sich in den 86 Logen, die bereitstehen. Für den Rasen sorgt der frühere Greenkeeper aus Wimbledon. Auch die Umkleiden und die Klos sind Imitationen der Originalanlage in Wimbledon. Etliche Weltklassespieler finden sich alljährlich ein, denn Halle/Westfalen ist erstens ein hochdotiertes Turnier und zweitens dient es den Profis wegen der penetranten Imitate als geeignetes Vorbereitungsturnier für Wimbledon.

1993 war die Produkteinführung, da kam der damals amtierende Wimbledonsieger Andre Agassi in die westfälische Provinz. Er verlor ein mit 500.000 Dollar gut bezahltes Showmatch, und das war für Gerry Weber eine lohnende Investition. Mittlerweile sind seine Gerry Weber Open im Gerry-Weber-Stadion zum zweitwichtigsten Rasenturnier der Welt aufgestiegen. Das mit größerer Tradition ausgestattete Queens-Turnier in der Nähe von London, bei dem sich bislang die Weltelite auf Wimbledon vorbereitete, ist geschlagen.

Dass Gerry Weber, der sonst alles aus Wimbledon kopiert, keinen "All Westphalia Lawn Tennis and Croquet Club" gründete, sondern seinen Namen im Titel des Turniers und des Stadions verewigte, hängt natürlich mit dem Wunsch nach Einzigartigkeit zusammen, dem Fetisch, der auch der Ware Tennisturnier anhängt.

Für Gerry Weber ist das Tennisturnier einer der wichtigsten Werbeposten für seine Modekollektion, und die will er, der sich aus kapitalistischer Motivation an der Einzigartigkeit des Wimbledonturniers vergangen hat, für seine Mode erhalten wissen.

Doch auch daraus wird nichts. Nicht nur Tennis, sondern auch die Textilprodukte entstehen im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit.

00:00 20.06.2003

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