Der Körper ist wie der Karren

Slowakische Dörfer im rumänischen Bihor Hart der Boden, biegsam der Mensch

Im 19. Jahrhundert kamen slowakische Kolonisten in mehreren Wellen mit ihren Holzwagen aus den armen Gegenden der Slowakei und Mährens in die Hügel des heute rumänischen Biho. Sie kamen, um den Wald zu roden, sie waren Holzfäller, die ungarischen Grafen Barányi und Bánffy hatten sie gerufen.

Der Wald ist noch da. Ein biegsames, hochgeschossenes Wesen, jung sind die Eichen, die Buchen, zart die Birken, wie oft sind sie gefällt worden und nachgewachsen, auch pflegeleichte Fichten wurden gepflanzt. In Österreich-Ungarn gehörte der Wald dem Grafen, der ihn teilweise zur Nutzung freigab, in sozialistischen Zeiten eignete ihn sich der Staat an. Jetzt besitzen jene Parzellen, die an ihm wohnen und mehrere Wörter für ihn haben: les, hora, húst´ava. Sie haben sich mit der Axt den Lebensraum frei gehauen, haben darauf ihre Holzhütten errichtet.
Gefällte Stämme ähneln Goldbarren, Holz ist eine feste Währung. Ich helfe dir dein Dach zu reparieren, du bringst mir dafür Holz. Äste liegen nicht herum, jedes Stück wird eingesammelt. Und das Fällen und Wiederaufforsten geht weiter. Diesmal für den Export nach Ungarn, Italien, in die Schweiz. Plötzlich heulen Sägen auf, ein ganzer Hügel wird entblößt, zeigt seine frischen Strümpfe. Ein schmerzvoller Blick wie der auf die beinlosen Bettler vor dem Eingang zum Donnerstagmarkt. Wortkarge Bauern grüßen sich hier zwar mit "Gesegnet sei der Herr Jesus Christus", aber jene Göttin, die sie unablässig verehren, ist die Arbeit. Ihretwegen sind sie hierher gekommen, ihretwegen haben sie ausgeharrt.
Die Regimes fallen, die Geldscheine ändern ihren Wert, aber eine Kuh bleibt eine Kuh, und wer sät, der erntet. Práca, robota, die Arbeit, das häufigste Wort. Wer seid ihr? Wir sind arbeitsam, sagen schon ihre Kinder. Schwere körperliche Arbeit, der Ernst, der Wind meißeln ihre Körper zu Gestalten wie aus Stein. Aber wenn sie sagen, ihr Leben sei hart, sagen sie es scheu und weich. Das Dulden der allzu Müden, der so oft Betrogenen, der leicht Dankbaren. Als die Religionslehrerin fragt, welcher Weg in die Hölle führt, weiß die Klasse die Antwort: der bequeme.
Der katholische Pfarrer predigt: Das Glück ist neben dir, du musst es bloß sehen und ergreifen. Zu dem von neun Kindern gebeugten alten Rücken sagt die Ordensschwester: Tragen Sie es weiter, nehmen Sie es an. Gott ist mit Ihnen. - Dann lindert sie die Schmerzen, behandelt mit ihrer Krankenschwesterhand eine Wunde am Fuß. Wäre der Fuß nicht vom Tritt der Kuh so angeschwollen, dass er die Arbeit behinderte, wäre die Bäuerin nicht in die Krankenstation beim Pfarramt gekommen. Der Körper ist wie der Karren, er trägt den Menschen, Und Schmerzen haben ab 40 alle. Im feuchten Klima meldet sich Rheuma, Vorbeugen kennt man nicht. Der Tod schlägt plötzlich zu.
Noch am Montag hielt der Alte die Zügel auf dem Pferdewagen, abends fiel er hin, am Donnerstag war er tot. Der Pfarrer steigt auf den Hügel und schickt dem Sohn eine SMS in die Stadt: Der Vater ist gestorben. Das Begräbnis am Samstag. Eine Mobilfunkantenne steht neuerdings bei der Einfahrt ins Dorf Nová Huta (rumänisch: Sinteu) höher als die Kirche. Andere Telefonverbindungen gibt es nicht.
Die Straße ins hochgelegene Dorf Gemelcicka (rumänisch: Faget) ist lehmig. 2.000 Menschen wohnen hier auf einer Fläche von 40 Quadratkilometern, groß wie Bukarest, erklärt man stolz. Man verliert sich auf Wegen, die rätselhaft abbrechen, in einer Zeit, die sich in den Schwanz beißt. Das Ziel scheint das Ziellose zu sein, jenseits aller Ziele der geschäftigen Welt.
Gleich 1990 ist die Ordensschwester Oktávia aus der Slowakei dem verzweifelten Ruf des Pfarrers gefolgt, denn der Ort der Not sei der richtige. Sie ist bemüht, in die hiesige Unbestimmtheit katholische Werte als Wegweiser aufzustellen. Doch die bäuerlichen Lebensziele fordern auch Weitsicht - das Schwein wird bis zur zabíjacka, dem vorwinterlichen Schlachtfest, aufgepäppelt. Seine Speckreste kochen die Frauen im Garten und rühren sie mit Soda zur gelben Brühe, bis diese dick wird, dann ist sie Seife. Alle schwärmen zur Pilzsuche aus, wenn die Zeit kommt, auch der Lehrer sammelt dann Steinpilze statt Aufsätze im Unterricht. Paprika wird vorsorglich in Essig eingelegt. Und man steht morgens auf, bevor es hell wird, und trifft sich jeden Sonntag beim Zdravas Mária in der Kirche. Wenn dann der Schnee kommt, füllen die Kinder den Kartoffelsack mit Stroh und rutschen den Hang zur Schule hinunter, überqueren Bäche, stampfen sich kilometerweit den Weg durch den Wald.
"Hanka, was gefällt dir hier?" - "Wenn die Schwalben im Frühling kommen." - "Und was noch?" - "Wenn die Bäume Blüten bekommen." - "Was ist dein Traum?" - "Ich habe keinen. Ich bin erst acht." - "Alle haben Träume." - "Ich will ein Fahrrad haben und die Stadt sehen ..."
Nová Huta ist ein wie aus Zeit und Raum herausgeschnittener slowakischer Ort fern vom Mutterland. Das Slowakische erklingt hier inmitten des Rumänischen, nah am Ungarischen, neben dem aussterbenden Deutsch, und über die Landstraßen zieht die Roma-Sprache. Es ist weich und dehnt sich ins Freie, singend in die Weite nach der Art der ostslowakischen Sprachmelodie. Mal ist sie derb, mal lyrisch, mal ehrfürchtig.
Man siezt auch jene, die nicht anwesend sind - der Herr Pfarrer sind gegangen, heißt es. Neuerdings verbindet der Pfarrer die geistige und die zivile Macht. Nur für die Predigt zieht er sich das weiße gestärkte Gewand über den Pullover. Der Pfarrer in Nová Huta ist auch Bürgermeister geworden, er lacht viel und gutmütig, raucht unentwegt und plant eine Pommes-Frites-Fabrik. Für seine Leute, damit dieses Stück slowakischer Erde erhalten bleibe. Er ließ sich nicht ins Pfarramt in die Slowakei abwerben. Es wandere schon genug intellektuelle Elite seit Jahrzehnten ab. Er harrt auf dem kargen Boden aus, rötlich und steinig ist er, gut genug für die anspruchslosen Kartoffeln. Seine Mutter empfängt die Besucher im Pfarramt, kocht und nennt ihren Sohn "Herr Pfarrer", so will es die Sitte. Als er studierte - nach der slowakischen Grundschule und dem rumänischen Gymnasium im Priesterseminar auf Ungarisch - schickte sie ihm Geld vom heimlich verkauften Selbstgebrannten. Auf dem Rücken und in den Armen trug sie, nachdem sie sieben Kinder gestillt hatte, diese fast mehr noch als Muttermilch geschätzte Flüssigkeit, in Flaschen abgefüllt, ins Tal.
Heute sind die neuen eleganten Banknoten mehr als irreal, ein verbrecherischer Hohn - jeder ist Millionär, eine Windjacke billigster Sorte, Import aus der Türkei, kostet eine Million Lei, für manche ein Monatsgehalt. Die nötigen Arbeitsschuhe kosten noch mehr. Das Dorf lebt, weil es sich seine Währung bewahrt hat - zahlen kann man in Naturalien, ob mit Eiern, Hühnern, Schnaps, Holz, Schweinefleisch oder Arbeitseinsatz, auch die Steuern, wenn es anders nicht geht. Ein Brotlaib wird auf die ganze Woche zerstückelt, für mehr reicht die Rente nicht.
Die Jugend emigriert zurück ins Gelobte Mutterland. Die in der weiten Landschaft, aber in der Defensive der Minderheit Aufgewachsenen suchen eine größere Zusammengehörigkeit. Sie landen im Volkswagenwerk in Bratislava, in Kugellager- oder Holzfabriken, auf den Baustellen, in Agrarbetrieben in der Slowakei oder in Südböhmen. Nach Hause zurück in diesen Landstreifen, den der rumänische Staat zur "defavorisierten Zone" erklären wird, was Steuererlass bedeutet, wollen sie nicht. Die Glasfabrik im Dorf, dessen Schild viersprachig ist: slowakisch Bistrá, rumänisch Padurea Neagrá, deutsch Schwarzwald, ungarisch Feketeerdö, hat vor vier Jahren geschlossen. In der jetzigen Backsteinruine bliesen und schliffen einst 2.000 Frauen und Männer aus der Gegend Glas. Volle Busse verkehrten hier mehrmals täglich. Die Braunkohlegruben sind ebenfalls stillgelegt. Statt der harten Güter Glas und Kohle, bringen italienische Investoren weiches Material in die Talstadt Alesd: Leder und Stoffe, die sie von Arbeiterinnen für umgerechnet 80 Euro monatlich zu Schuhen und Bekleidung zusammen nähen lassen. Den neuen fremden Ausbeutern sei Dank.
Die Arbeitslosigkeit ist die Norm, die entlassenen Frauen und Männer brennen zu Hause pálinka aus Korn, Zwetschgen, Kirschen, hacken Holz, pflügen von Hand die kleinen Äcker hinter dem Gaul her. Und wer kein Pferd hat, der spannt die Kuh ein.
21.100 Menschen zählt die slowakische Minderheit noch, verstreut im Nordwesten Rumäniens, 8.000 in Bihor, 7.500 in Arad, 2.500 in Salaj - in rein slowakischen oder gemischten Siedlungen. Die Angst vor der Auflösung prägt die Gemeinschaft eines kleinen Volkes, die das Außen reflexartig als Angriff auf seine bedrohte Existenz deutet. Eine doppelt enge Welt - der Rückzug auf sich selbst als Gewähr dafür, dass sie erhalten bleibt.
Das Harmoniebedürfnis des slowakischen Volkscharakters wird in diesen Enklaven gepflegt. Man plustert sich nicht zu einem stolzen Raubvogel auf. Wir sind holubicí národ - das Volk der Täubchen - Patriarchat mit traditionell weiblichen Qualitäten: Sanftmut, die eigene Meinung zugunsten der Gemeinschaft opfern, sich aussöhnen. Und das Ländliche: auf dem Überlieferten beharren, das Neue misstrauisch als unnütz und gefährlich abtun, sich im kleinen Kreis des Gewohnten drehen. Und die Erfahrung jener, über die stets die Herren entschieden haben: den Rücken durch alle Wirren gebeugt, auf Schläge vorbereitet und finster schweigend. Es ist, als hätte man hier die Angst in Essig eingelegt und als Grundnahrungsmittel in Einmachgläsern für alle Jahreszeiten konserviert. Noch nicht recht erwacht aus dem Alptraum des Ceausescu-Regimes, das jedes eigenständige Tun unterdrückte, wagt man die neue Ungerechtigkeit nicht laut zu benennen, schon gar nicht anzugreifen. Dazu fehlen die Vorstellungskraft, die Idole, die Beweise dafür, dass es sich lohnt.
Der slowakische Räuber Jánosik, der den Reichen nahm und den Armen gab, wurde vor knapp 300 Jahren zum Exempel von den feudalen Herren an einer Rippe gehängt. Seine Nachfolger zucken bloß die schmerzenden Schultern über den neuen Feudalismus und ziehen sich ins niedrige Haus mit kleinen Fenstern zurück, als hätten sie schon zu viel verraten. Sicherer ist Hühner füttern und die Kinder lehren, sich ja keine Flügel wachsen zu lassen, höchstens die der treuen Täubchen, die in Scharen über dem Kirchturm kreisen. Von den großen frechen Raben glaubt man, sie bringen Unglück. Kommt ihr Gekrächze zu nah, könnte das kostbare Schwein davon verrecken. Der 13jährige Jurko meint nach langem Ringen leise, er wolle etwas Großes erreichen, was der Mühe wert sei. Der verbitterte Lehrer zieht ihn schnell, gnadenlos auf den Boden herunter: Ach, wo willst du schon hin?

00:00 24.05.2002

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