Queere Ukrainer*innen: Keine Flucht mit „m“ im Pass

Ukraine Seit 1991 ist Homosexualität in der Ukraine legal, Pride-Events liefen zuletzt ohne Zwischenfälle – dann kam die Armee von Putin. In den von Russland besetzten Gebieten gelten schon die homophoben Gesetze aus Moskau
Trans und nichtbinäre Menschen dürfen oft die Ukraine nicht verlassen
Trans und nichtbinäre Menschen dürfen oft die Ukraine nicht verlassen

Foto: Daniel Leal/AFP/Getty Images

Maxim ist schwul und träumt von der „Ehe für alle“. Nachts patrouilliert er freiwillig mit der Polizei in Lwiw. Seine größte Angst ist, dass die westukrainische Stadt zerstört wird. „Seit Anfang des Krieges ist es für alle in der Ukraine schwer“, erzählt er in einer Sprachnachricht, „unabhängig von Gender, sexueller Orientierung oder anderen Faktoren“. Plötzlich seien alle Menschen gleich, sagt er, plötzlich ginge es nur noch ums Überleben. „Mit der Schwere des Krieges halten Heterosexuelle und LGBTQ zusammen gegen den gemeinsamen Feind.“ Damit meint Maxim die Armee des russischen Präsidenten Wladimir Putin.

Im Jahr 2019 stand die Ukraine auf Platz 34/35 von 49 europäischen Ländern, was den Schutz von homosexuellen Menschen anging. Ein Jahr später gab es immer noch Hetzjagden auf offener Straße und Hasskriminalität gegenüber LGBTQ-Menschen. Diese Attacken gingen von ultranationalistischen und ultrareligiösen Gruppen aus. Laut dem Jahresbericht 2021 der ukrainischen Aktivist*innengruppe „Nash Svit Center“ machen diese Gruppierungen zwar nur einen kleinen Teil der Gesellschaft aus, gleichzeitig seien sie das gefährlichste Problem für die LGBTQ-Gemeinschaft. Seit Krieg herrscht, ist diese Gefahr jedoch in den Hintergrund gerückt.

Maxim ist bereit zu töten, Pavel will lieber fort

Denn momentan gibt es keine öffentlichen Gewalttaten gegen LGBTQ. Warum? „Weil die meisten Menschen zu Hause bleiben.“ Das erzählt Pavel im Videotelefonat über die Situation in Kiew. Pavel ist 25 Jahre alt, identifiziert sich als nichtbinär und benutzt im Englischen die Pronomen „they“/„them“. Auf Ukrainisch „вони“/„Їх“, das entspricht der dritten Person Plural in der deutschen Sprache. Pavel sitzt in einer Kiewer Wohnung, die Haare sind blau-grünlich gefärbt. „Seit dem Anfang des Krieges beteilige ich mich an einem Cyber-Krieg gegen russische Propaganda. Wir versuchen die Falschinformationen von Plattformen zu verbannen und Nutzer*innen auf vertrauenswürdige Seiten weiterzuleiten“, sagt Pavel über den eigenen Einsatz im Krieg.

Tagsüber arbeitet Pavel bei einer amerikanischen Marketingagentur. Solange das Internet stabil bleibt, geht das. Was Pavel und Maxim verbindet: In beiden Pässen steht ein „ч“ auf Ukrainisch, ein englisches „m“ für male – männlich. Maxim stört das nicht. Er will sowieso in Lwiw bleiben. In einer Nachricht, die er nachts schreibt, heißt es: „Ich glaube so sehr an die Ukraine und an eine Zukunft der LGBTQ in dem Land, dass ich bereit bin, dafür zu sterben. Und zu töten.“

Pavel dagegen möchte aus Kiew fliehen, rechnet sich aber keine hohen Chancen aus, die Ukraine zu verlassen. Eigentlich dürfte Pavel das: Aufgrund einer chronischen Krankheit kann Pavel nicht kämpfen. Es heißt jedoch, alle als „männlich“ geltenden Personen zwischen 18 und 60 Jahren müssen bleiben: „Generalmobilmachung“ nennt sich das. Ob die Grenzpolizei Pavel rauslassen würde, ist unklar: Das „m“ im Ausweis ist die Ausreisehürde für viele. Auch trans Menschen können deswegen die Ukraine nicht verlassen.

Kiew galt als „Safe Space“ für die LGBTQ-Community

Die Generalmobilmachung gilt, doch Zivile werden bis jetzt nicht eingezogen, gerade kämpft vor allem die Armee. Trotzdem: „Schutzbedürftige, die ausreisen wollen, sollten nicht im Land bleiben müssen“, erklärt Conrad Breyer von „Munich Kyiv Queer“, einer Vernetzungsstelle zwischen Münchner und Kiewer Organisationen der Community. Queere und trans Menschen haben in den vergangenen Jahren in der Ukraine physische Gewalt erlebt. Vor allem nach Pride-Veranstaltungen haben ultranationalistische Gruppen Hetzjagden und Angriffe auf Menschen der LGBTQ-Community veranstaltet. Und jetzt sollen sie hierbleiben? In einem Land, das sich im Krieg befindet?

Ein ukrainisches Gesetz sollte bis Anfang 2021 Verbrechen, die von Intoleranz, besonders gegenüber sexueller Orientierung und Gender-Identität, motiviert sind, kriminalisieren. Der Plan wurde verschoben auf eine Zeit zwischen 2021 und 2023. Der Krieg holt nun all diese Traumata aufgrund von erlebter physischer Gewalt wieder hoch. LGBTQ-Menschen, die ihr ganzes Leben lang gegen Diskriminierung gekämpft haben, die Gewalt erlebt haben, sind vulnerabel und brauchen besonderen Schutz. Trans Menschen haben ein weiteres Problem: Die Versorgungslage mit Medikamenten wird knapp. Das betrifft alle Menschen in der Ukraine, klar, aber für trans Menschen heißt das auch: Die Transition ihrer Körper muss im schlimmsten Fall unterbrochen werden.

Die Situation für LGBTQ unterscheidet sich in der Ukraine stark nach Region. Maxim aus Lwiw erklärt, in der Westukraine würden die meisten queeren Menschen offen queer leben und auch in der Armee seien viele schwule Männer. Kiew galt ebenso als „Safe Space“ für die LGBTQ-Community. Anders soll es in der Ost- und in der Südukraine gewesen sein. Dort herrsche laut Maxim noch mehr Diskriminierung. Eine Sorge, die auch Conrad Breyer teilt: Insbesondere in den von Russland besetzten Gebieten in der Ostukraine und auf der Krim werden die homophoben Gesetze Russlands durchgesetzt. So gilt nun auch dort das 2013 in Russland eingeführte Gesetz, das „Propaganda nicht traditioneller sexueller Beziehungen“ verbietet. Das fördert Homophobie.

Erste Pride-Demonstration in Kiew 2013

Im Juli 2020 wurde in Russland in einer Verfassungsreform das konservative Familienbild festgelegt: die „Ehe als Vereinigung von Mann und Frau“. Breyers Sorge ist, dass, falls Russland es schaffen sollte, weitere Verwaltungszonen in der Ukraine aufzubauen, diese „Anti-gay“-Gesetze auch dort gelten würden. Dabei wurde die ukrainische Gesellschaft über die Jahre immer offener: Seit 1991 ist Homosexualität in der Ukraine legal, 2013 gab es die erste Pride-Demonstration in Kiew und 2021 keine größeren Zwischenfälle mehr bei offenen LGBTQ-Veranstaltungen. Die Polizei versucht, Schutz zu bieten, so weit es geht. Organisationen wie „Kyiv Pride“ speisen immer wieder neue Gesetzesvorschläge für die Community in Regierungsdiskussionen ein.

Eine „Ehe für alle“ bleibt jedoch ein futuristischer Wunsch. Auch weil orthodoxe und katholische Kirchen immer noch großen Einfluss auf die Administration haben. Pavel sagt: „Im Vergleich zu früheren Jahren ist die Ukraine schon sicherer geworden, aber es muss schneller gehen. Menschen müssen sich in diesem Land sicher fühlen. Wir sind noch weit von einer Gleichberechtigung von queeren und transsexuellen Menschen entfernt, aber es wird besser.“ Doch sie können erst sicher sein, wenn alle sicher sind. Deswegen ist Maxims und Pavels größte Hoffnung ein baldiges Ende des Krieges. Denn nur in einer freien Ukraine könne der Kampf für die Gleichberechtigung der LGBTQ-Community weitergehen.

Einige Wochen nach dem Videotelefonat schreibt Pavel, dass eine Flucht doch gelungen ist. Vorerst wohnt Pavel in Berlin und ist froh, das Kriegsgebiet verlassen zu haben. Doch das schlechte Gewissen, in Sicherheit zu sein, während in der Ukraine Menschen sterben, sei belastend – und die Wut wegen Deutschlands Untätigkeit. Deshalb will Pavel am Wochenende in der deutschen Hauptstadt demonstrieren gehen. „Die Ignoranz der Deutschen bringt mich um“, steht in Pavels letzter Nachricht.

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