Der Kriegsgräberreformer

Porträt Markus Meckel will weg von der Soldatenverehrung, hin zu einem kritischen Gedenken. Das gefällt nicht allen
Der Kriegsgräberreformer
In der letzten DDR-Regierung war Meckel Außenminister, danach saß er für die SPD im Bundestag

Foto: Jürgen Heinrich/Imago

Trotz drohender Gefängnisstrafe hat er sich als junger Mann dem Militärdienst in der DDR verweigert. Ein Vierteljahrhundert später stimmte er im Bundestag für den ersten Kriegseinsatz der Bundeswehr. Doch nicht deshalb hat Markus Meckel einen sicheren Platz im Geschichtsbuch. In Erinnerung geblieben ist er als der letzte Außenminister der DDR, als der Mann mit dem dichten dunklen Vollbart. Heute ist der Bart weiß und der einstige Pazifist ist Präsident des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Dort steht der 63-Jährige im Zentrum eines Richtungskampfes. Soll die Organisation eine kritische Erinnerungskultur entwickeln oder heroisches Soldatentum propagieren?

Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge ist in der Öffentlichkeit zwar relativ unbekannt, doch er ist riesig mit seinen 100.000 Mitgliedern, mehr als 500 Hauptamtlichen und einem Jahresbudget von 40 Millionen Euro. Auf 832 Friedhöfen in 45 Ländern betreut der Volksbund die Gräber deutscher Kriegstoter. Seit dem Ersten Weltkrieg gilt für Kriegstote ein ewiges Ruherecht, die Gräber werden also nicht nach Ablauf einer bestimmten Frist geräumt. Sie müssen daher über viele Jahrzehnte hinweg gepflegt werden, das übernimmt der Volksbund.

Neue Aufgaben gesucht

Früher haben sich im Verband ehemalige Wehrmachtsangehörige, Kriegerwitwen und -waisen gesammelt, viele von ihnen alte Nazis. Die Generation, die den Zweiten Weltkrieg erlebte, hat über Jahrzehnte mit Spenden und Nachlässen für eine solide finanzielle Ausstattung der Organisation gesorgt. Doch das ist bald vorbei. Als im Jahr 2013 der damalige Volksbund-Präsident Reinhard Führer den ehemaligen DDR-Oppositionellen Meckel fragte, ob der sein Nachfolger werden wolle, geschah das auch mit Blick auf eine erforderliche Modernisierung. Findet die Kriegsgräberfürsorge keine neuen Aufgaben, wird sie weder finanziell noch politisch überleben.

Totalverweigerer Meckel war eine ungewöhnliche Wahl – für eine Organisation, die in Stellenanzeigen schreibt, dass die „Vorverwendung in der Bundeswehr vorteilhaft“ sei. Aber Meckel brachte aus seiner Zeit als SPD-Bundestagsabgeordneter politische Kontakte und Erfahrungen in der Pflege der „Erinnerungskultur“ mit, insbesondere in der Aufarbeitung der DDR-Geschichte. Zeit für die neue Aufgabe hatte er auch. 2009 hatte er sein Direktmandat für den Bundestag verloren – ausgerechnet an eine Kandidatin der Linkspartei. Das war bitter für den DDR-Bürgerrechtler. Als Abgeordneter hatte er sich stets gegen ein Bündnis mit der PDS gewandt.

Die Aufgabe als Präsident der Kriegsgräberfürsorge habe ihn vor allem wegen der anstehenden Reformen gereizt, sagt Meckel. Mit dem jahrzehntelang gepflegten ehrpusseligen Heldengedenken sollte Schluss sein. Meckel ist dagegen, einen Kriegsschauplatz als „Feld der Ehre“ zu begreifen. Gedenken, ohne zu ehren – das ist eine seiner Maximen. Er will, dass nicht nur deutscher Soldaten, sondern auch ihrer Opfer gedacht wird. Und er will Versöhnungsarbeit leisten, etwa durch internationale Jugendbegegnungen. Der Kurs zeigt sich in einem neuen Leitbild, das Meckel durch die verbandsinternen Gremien gebracht hat. „Wir erkennen und benennen den Zweiten Weltkrieg als Angriffs- und rassistisch motivierten Vernichtungskrieg“, heißt es da. Alte Krieger und auch etliche Bundeswehrreservisten, die gerne für die Organisation gesammelt haben, empfinden solche Sätze als Zumutung.

Vom Pazifisten zum Kriegsbefürworter

Zu DDR-Zeiten war Meckel noch grundsätzlich gegen Militär. Kurz vor seinem 18. Geburtstag teilte er den Behörden seine Totalverweigerung mit. „Ich hatte Glück“, sagt er. „Ich wurde einfach nicht eingezogen.“ Das ersparte ihm das Gefängnis. Nach der Wende war es mit dem Pazifismus jedoch schnell vorbei. „Mit dem Ende des Kalten Krieges fiel die Gefahr weg, dass aus jeder militärischen Auseinandersetzung mit konventionellen Mitteln ein atomarer Weltkrieg wird“, begründet er seine Haltung. „Ich bin vom Pazifisten zum Befürworter der Bundeswehr geworden.“ In den 90er Jahren stimmte der Sozialdemokrat mit der Regierung Kohl und gegen seine eigene Fraktion für den Einsatz der Bundeswehr im Ausland, später mit seiner Fraktion für die Kriegseinsätze in Jugoslawien.

Noch zu SED-Zeiten gründete der Pfarrer Meckel die Sozialdemokratische Partei, für die er auch in der Volkskammer saß. 1990 war er für einige Monate Außenminister der in Auflösung begriffenen DDR. Auf dem Briefkopf des Volksbund-Präsidenten, direkt unter seinem Namen, steht „Außenminister a.D.“. Für die Kriegsgräberfürsorge ist Meckel ehrenamtlich tätig. Dass er, wie es aus seinem Umfeld heißt, 60 Stunden pro Woche für den Verband arbeitet, habe viele in der Organisation überrascht. Er sei ein begnadeter Politprofi, er könne Türen öffnen, sagen seine Unterstützer. „Und er weiß mit Strukturen umzugehen.“

Dieser Eindruck verwundert beim Blick auf die momentane Verfassung der Kriegsgräberfürsorge. Im Clinch liegt Meckel nicht nur mit der soldatischen Fraktion. Auch mit Hauptamtlichen gibt es heftige Konflikte, allen voran mit der Generalsekretärin Daniela Schily, einer Nichte des ehemaligen SPD-Innenministers Otto Schily. Meckel mische sich in alles ein, klagt sie. Er sei nicht teamfähig, sagen seine Gegner. Meckel weist das zurück. „Wenn ich etwas mache, dann ganz oder gar nicht.“

Im September wird eine vorgezogene Versammlung über seine Zukunft entscheiden. Das Präsidium hat ein Ultimatum gestellt: Entweder einigt Meckel sich mit seinen Gegnern oder der erste Tagesordnungspunkt lautet „Abwahl des Präsidenten“. Eine Einigung ist unwahrscheinlich. Meckel will kämpfen. „Ich weiß, dass in der Gesellschaft und im Volksbund wichtige Partner große Hoffnung in den begonnenen Reformprozess setzen.“

06:00 02.08.2016
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