Der Müller und die Müllerin

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Es ist eine gute Zeit. Oliver Kahn weilt im Urlaub, Oliver Bierhoff hat geheiratet, und Rudi Völler macht sich Gedanken über die restliche WM-Vorbereitung. Es ist, fußballerisch betrachtet, nichts los in Deutschland. Auch international passiert außer ein bisschen amerikanischer WM-Qualifikation gegenwärtig nicht viel. Fußballerisch, das heißt immer und vor allem: Männerfußballerisch. Es ist also gar keine gute Zeit für den Fußball, sondern nur für den Frauenfußball, der gerade in Deutschland seine Europameisterschaft austrägt. Oder sagt man da Meisterinnenschaft? Womit diese Kolumne bei ihrem Thema wäre.

Boris Becker sagte einmal, es gebe Tennis und Damentennis; dafür wurde er sehr gescholten. Hierzulande spricht man aber wie selbstverständlich von Hockey, womit man Feldhockey meint. In den USA und Kanada, wo Eishockey verbreiteter ist und früher da war, ist mit Hockey selbstverständlich der Sport auf dem Eis gemeint. Im englischen Sprachraum - außer den USA - spricht man ja auch von Football einerseits und von American Football andererseits, wobei man in den USA immer das meint, was sonst überall auf der Welt American Football heißt, und unseren Football dort Soccer nennt.

Es liegt also nicht unbedingt etwas Diskriminierendes in der Sprache, wenn von Fußball und von Frauenfußball die Rede ist. Es ist vielmehr zum einen der Verweis darauf, dass Männerfußball verbreiteter ist und als erstes den Begriff "Fußball" besetzte. Und es ist zum anderen ein kleiner sprachlicher Hinweis darauf, dass es sich beim Frauenfußball um eine eigenständige Sportart handelt, die es nicht ständig mit den Leistungen der Männer zu vergleichen gilt.

Die Sportsprache bringt ohnehin schon genügend eindeutig männlich besetzte Begriffe mit sich, die sich zumindest nicht unproblematisch übersetzen lassen: Wird aus dem Torwart noch schnell die Torfrau und lässt sich die Mannschaft noch dank der auch sprachlichen Globalisierung in Team übersetzen, um den unangenehmen Begriff der Frauschaft zu vermeiden (dies den Reinhaltern der deutschen Sprache!), so wehrt sich die Nationalspielerin Doris Fitschen beispielsweise energisch dagegen, als Libera bezeichnet zu werden. Sie spielt auf der Position des Libero, und so soll es auch heißen, findet sie.

Richtig unangenehm würde es, begönne man damit, den Begriff Manndecker in Fraudecker oder Fraudeckerin zu übertragen. Nicht zu Unrecht würde dies gewiss als sexistisch beschimpft. Ob es sinnvoll ist, Begriffe wie Torjäger und Vollstrecker anzuwenden, ist ja ein eigenes Thema, schließlich erhält ja der (Männer)-Torschützenkönig auch am Ende der Saison die Goldene Kanone überreicht. Und wer wollte diese sprachhistorischen Besonderheiten schon alle ändern oder gar verbieten?

Frauenfußball also anstelle von Fußball. Er findet statt, weil Oliver Kahn in Urlaub ist und Oliver Bierhoff geheiratet hat. Er findet statt, weil in Deutschland gerade die 8. Europameisterschaft im Frauenfußball ausgetragen wird, und die dort kicken, repräsentieren schon lange nicht mehr den weiblichen Versuch, es den Männern nachzutun. Beim Eröffnungsspiel in Erfurt vor 11.000 Zuschauern gewann Deutschland mit 3:1 über Schweden, und zwei Tore erzielte dabei die deutsche Stürmerin Claudia Müller. Kein ungewöhnlicher Name eigentlich, aber der Vergleich mit dem männlichen Weltklassestürmer Gerd Müller aus den sechziger und siebziger Jahren drängt sich scheinbar auf.

"Claudia in Gerds Fußstapfen" lautet eine Schlagzeile, andere gehen so: "Es müllert wieder", "Großes, schlankes Müller ermöglicht Traumstart", "Claudia Müller: Gerd Müller lässt grüßen" oder "Nicht klein, nicht dick - Claudia schießt wie kleines dickes Müller". Richtig spielverderberisch kommt da ja die Schlagzeile der Frankfurter Neuen Presse daher, die lakonisch mitteilt: "Den Vergleich mit Namensvetter Gerd lehnt Claudia Müller ab." Noch humorloser erscheint die Bundestrainerin Tina Theune-Meyer, die sagt: "Das waren typische Claudia-Müller-Tore." "Der größte Unterschied zwischen mir und Gerd Müller ist die Figur - zum Glück", gibt die Stürmerin zu Protokoll, womit sie wieder ein bisschen Humor in die Vergleichswut bringt.

Was bedeutet aber der Umstand, dass die erfolgreichste deutsche Stürmerin auf den Namen Müller hört, für die Sprache, die im Frauenfußball, herrscht? Soll man von Claudia Müller künftig als die Müllerin reden? Oder bietet sich "die Frauen-Müller" an? Es ist eine gute Zeit, und wenn Oliver Kahn aus dem Urlaub ist, werden wir ihn fragen.

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00:00 29.06.2001

Ausgabe 41/2021

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