Der Nachmieter

Feindbilder An dem Tag, als meine Wohnungsanzeige das erste Mal in der Zeitung stand, kam ich spät abends nach Hause. Der Anrufbeantworter meldete vierzehn neue ...


An dem Tag, als meine Wohnungsanzeige das erste Mal in der Zeitung stand, kam ich spät abends nach Hause. Der Anrufbeantworter meldete vierzehn neue Nachrichten. Außer zwei Freunden hatten offensichtlich mehrere Leute angerufen, ohne auf das Band zu sprechen. Dann ertönte eine Stimme, die ich mittlerweile zu fürchten gelernt habe. Damals klang sie nicht einmal unsympathisch. Sie bekundete lebhaftes Interesse an meiner Wohnung und unterstrich dies mit dem Hinweis, es nun schon ein paar Mal vergeblich probiert zu haben. Zwei Stunden nach der ersten Nachricht bat derselbe Mann erneut um baldigen Rückruf. Mach ich gleich morgen früh, dachte ich, bereits in einen angenehmen Halbschlaf hinübergedämmert, als das Telefon klingelte. Da sei er aber mächtig froh, dass er mich endlich erreiche, ob die Wohnung noch zu haben sei, ob sie Balkon habe, ja prima, am besten komme er doch morgen vorbei, falls mir das passe ...
Zwei Tage später inspizierte der leicht hektische, ansonsten aber unauffällige Mann meine Räumlichkeiten derart gründlich, als gelte es raffiniert versteckte Sprengsätze aufzuspüren und zu entschärfen. Ungeniert verschob er Mobiliar ("Ist nur wegen der Steckdosen, da hat´s ja nie genug!"), öffnete Einbauschränke in Küche und Bad und deckte haushälterische Versäumnisse zielsicher auf: "Die kaputte Glühbirne im Backofen würden Sie aber noch ersetzen, bevor Sie ausziehen, oder?" Alles in allem gefiel ihm die Wohnung so gut, dass er sie vom Fleck weg nehmen wollte. Deshalb war es ihm unverständlich, warum ich den Hausbesitzer nicht gleich zu unserem Termin dazu gebeten hatte, damit dieser sein Einverständnis mit der Nachfolgeregelung signalisieren konnte. Er sei nur bis morgen in der Stadt und brauche Gewissheit. Ich griff zum Hörer. Auf meinen Vermieter war Verlass, binnen einer halben Stunde war er zur Stelle. Vertragsunterzeichnung gleich morgen Vormittag - schwierig, aber irgendwie werde er sich schon freischaufeln.
Ich war damit keineswegs aus dem Spiel. Am nächsten Morgen klingelte gegen halb acht das Telefon. Ob er noch einmal kurz vorbeischauen könne, er habe nämlich den Anschluss für die Waschmaschine gar nicht überprüft. Falls dieser mit seinem Modell nicht kompatibel sei, müsse er seine Entscheidung eventuell überdenken. Der Anschluss war natürlich kein Problem, allerdings beunruhigte ihn das rostig-braune Wasser, das dem Hahn entströmte. Kein Wunder, meinte ich, schließlich sei hier seit drei Jahren nicht gewaschen worden. Er schien mich gar nicht zu hören, bat lediglich um einen Eimer. Elf Eimerladungen später - ein gut Teil davon landete auf dem Fußboden - klärten sich Wasser und seine Miene allmählich auf. Wann ich denn nun ausziehen werde, wollte er zu guter Letzt noch wissen, denn unvorsichtigerweise hatte ich Tags zuvor erwähnt, dass ich eventuell bereits vor dem Monatsersten die Wohnung räumen könne. Ich versprach, ihn anzurufen, sobald ich Genaueres wisse.
Am Tag der Wohnungsübergabe sprachen wir nur das Nötigste miteinander. Er war ohnehin vollauf damit beschäftigt, Zählerstände zu kontrollieren, seine Umzugshelfer zu dirigieren und den Vermieter auf zu behebende Mängel hinzuweisen. Nun sei der abgetaute Kühlschrank bereits seit zehn Minuten wieder in Betrieb und immer noch nicht richtig kalt, wenn da mal kein Defekt vorliege. Die Schweißperlen auf der Vermieterstirn führte ich zu diesem Zeitpunkt noch auf das hochsommerliche Wetter zurück. Aus den Tropfen wurden kleine Rinnsale, als sich mein Nachfolger daran machte, die Rollläden zu testen. Die schlossen im Schlafzimmer nicht mehr hundertprozentig, so dass grelle Mittagssonne durch einige Ritzen drang. Mindestens drei oder vier Mal ließ er die Kunststoff-Lamellen mit voller Wucht aufs Fensterbrett knallen, bevor er die brachialen Verdunklungsversuche aufgab. Ich wandte mich gerade zum Gehen, als er mich fragte, ob mit der Gegensprechanlage alles in Ordnung sei. "Kein Stereo-Sound, aber sonst ist sie o.k.", erwiderte ich - und für meine Ironie musste einer seiner Freunde büßen. "Klaus, geh doch mal kurz runter, dann checken wir das." Auf dem Weg nach unten kam mir der übergewichtige Klaus bereits wieder heftig schnaufend entgegen. "Oben gibt´s Probleme...", keuchte er. Nein! War womöglich Pro 7 nicht im Programmangebot? Verursachte ein zu scharfer Duschstrahl unschöne Hautrötungen? Hatte sich zwischen Heizkörpern und Hantelbank ein magnetisches Feld ausgebreitet? Ich wollte es nicht wirklich wissen ...
Ach übrigens, neulich habe ich meinen ehemaligen Vermieter auf der Straße getroffen. Ich kann mich täuschen, aber er wirkte ein wenig angeschlagen.

00:00 05.04.2002

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