Der Ostler geht etwas gebückt

Deutschland Günter Gaus mit Edgar Most, nach zwölf Jahren Einheit einziger ostdeutscher Banker in einer Führungsetage, über den Kauf von Zeit und die Chancen eines aufrechten Gangs

Edgar Most ...


... geboren am 21. März 1940 in Tiefenort/Thüringen, ist eine seltene Ausnahme unter den führenden Wirtschaftsleuten Deutschlands, ihm gelang der Schritt aus dem einen in das andere System ohne erkennbare Brüche. Most war 1989 Vizepräsident der DDR-Staatsbank und ist jetzt Mitglied der Geschäftsleitung der Deutschen Bank Berlin. Er galt bis zur jüngsten Regierungsbildung als Kandidat für das Amt das Ostbeauftragten im Kabinett Schröder.

GÜNTER GAUS: Was ist das Wichtigste, das Sie im Leben gelernt haben? EDGAR MOST: Die Menschen zu achten, egal auf welcher Stufe der Hierarchie sie stehen - ob sie nun Arbeiter sind oder Bankdirektoren. Den Menschen als das zu achten, was er ist, das ist meine große Lebenserfahrung. Ich habe leider nach der Wende viele kennen gelernt, die das vergessen hatten.

Wie war der Umgang mit den gelernten Westdeutschen? Als Sie nach der Wende im Bankwesen blieben, trafen Sie auf eine ganz andere Mentalität von Bankleuten - wie sind Sie damit zurecht gekommen?
Ich habe schon 1990 gesagt, wenn ich zwei auf der Straße laufen sehe, kann ich von hinten erkennen, wer Ossi und wer Wessi ist.

Erklären Sie den Unterschied.
Der Ostler geht etwas gebückt, er schlendert mehr, der Westler geht aufrecht und stellt mehr dar, als er ist. Das ist nach zwölf Jahren Einheit weiter ein Thema, ich muss immer noch einklagen, dass die Ostdeutschen ihren Kopf mehr aus dem Sand ziehen, weil sie einfach mehr können, als sie zeigen.

Und die Westdeutschen?
Die verkaufen sich besser, als sie sind.

Was hat Ihnen an der DDR gefallen?
Dass sich der Staat um die Menschen gekümmert hat, vielleicht etwas zuviel, worunter noch viele leiden, doch es gab einen großen Unterschied zu dem, was heute passiert. Die Ostdeutschen dachten, sie kommen in einen Rechtsstaat, aber Sie müssen heute eine Rechtsschutzversicherung abschließen, damit sie überhaupt mit dem Recht umgehen können. In der DDR hat der Staat doch sehr für seine Bürger gesorgt ...

... und sie bevormundet.
Das will ich gar nicht abstreiten, es galt, die Partei hat immer Recht. Und wir haben oft abends zusammen gesessen und am Biertisch gesagt, wir lösen die Regierung ab. Und morgens haben wir die Hacken zusammen geschlagen und wieder gearbeitet.

Was missfällt Ihnen am Kapitalismus, Herr Bankdirektor?
Dass die einen immer reicher und die anderen immer ärmer werden. Wir haben das als Theorie in der DDR studiert, aber wie ich es praktisch erlebe, übertrifft es noch alle Theorie.

Haben Sie angefangen, darüber nachzudenken, wie man es ändern könnte?
Ja, man müsste das gesamte Weltfinanzsystem erneuern, man braucht Kontrollmechanismen und darf nicht einfach den Leuten die Macht überlassen, die die Macht des Geldes haben. Denken Sie an die Asien-Krise 1997, die wurde ausgelöst, weil die Reichen dieser Welt einfach ihr Geld abgezogen haben und die Schwellenländer ins Nichts gestürzt sind.

Ganz natürliche Kompromisse

Ihr Großvater war in Ihrem Thüringer Heimatort Kirchenältester, Sie wurden als sein Enkel folgerichtig Mitglied der Jungen Gemeinde, aber dann auch Junger Pionier, also Mitglied der Staatsjugend der DDR. Ein Widerspruch oder für die Mehrheit der DDR-Deutschen ein ganz natürlicher Kompromiss?
Ein ganz natürlicher Kompromiss. Ich war der Letzte in meiner Klasse, der Junger Pionier wurde, und zwar 1951, als die Weltfestspiele in Berlin stattfanden, da war ich als einer der besten Schüler auserkoren, dorthin zu fahren. Das erste Mal überhaupt weg von zuhause. Und da musste ich natürlich Mitglied bei den Pionieren sein. Mein Vater sagte damals, du musst in diesem System deinen Weg finden, das geht nicht anders - das habe ich mit elf Jahren schon gelernt. Und ich kam nach Berlin und gleich ins Krankenhaus, weil mich das Heimweh zu sehr erdrückt hat.

Haben Sie den Eindruck, dass zwölf Jahre nach der Wende das Interesse der Westdeutschen an solchen Biografien gar nicht mehr vorhanden ist oder sie immer noch nicht richtig begriffen werden?
Es gab eine Phase, da hatte man mehr Interesse füreinander, inzwischen ist das in den Hintergrund getreten. Nun ist es auch so, dass meine Generation im Arbeitsprozess so gut wie nicht mehr vertreten ist. Unsere Kinder und Enkel - das ist ein andere Generation mit einer anderen Betrachtungsweise, doch eine mentale Einheit ist bis heute nicht erreicht.

Es gab immer einmal wieder Misstrauen wegen Ihrer kirchlichen Bindungen, aber 1964 wurden Sie nach drei Jahren Kandidatur in die SED aufgenommen. Hat es Ihr Ehrgeiz nicht zugelassen, sich mit einer Blockpartei zu begnügen? Wollten Sie mehr sein als ein Mitläufer und sind daher nicht in die CDU oder LDPD eingetreten?
Ich habe mich nicht danach gedrängelt, in die Partei zu gehen, aber ich muss auch sagen, ich war von den Idealen, die von der SED verkündet wurden, innerlich überzeugt, die wichen von denen der Kirche nicht ab. Und wer Philosophie studiert hat, der weiß, dass einer der Grundpfeiler der Marxismus die katholische Soziallehre ist. Es gibt da viele Übereinstimmungen, nur wir haben das nicht umgesetzt.

Wie erklären Sie sich das?
Ich glaube, entscheidend ist - und weil ich über 60 bin, kann ich das sagen - die Menschen sind eigentlich kaum dafür geschaffen, so miteinander zu leben, wie man sich das theoretisch vorgestellt hatte.

Noch einmal zu meiner Frage: Warum musste es die SED sein? Ist das eine Frage, bei der Sie unterstellen, dass da so ein bisschen westdeutsche Arroganz drinsteckt? Fühlen Sie sich dadurch angegriffen?
Ich habe ja Selbstbewusstsein eingeklagt, also muss man auch mit seiner Vergangenheit umgehen können und dazu stehen. Das Schlimmste ist - das habe ich auch in der Deutschen Bank gemerkt - es gab viele Ostdeutsche, die praktisch den Wessi nachgeäfft haben, ob das die englische Sprache war oder vieles andere mehr, und die, in Anführungsstrichen, sogenannte Arschkriecher wurden.

Warum machen Sie da Anführungsstriche?
Weil man das eigentlich nicht so sagt. Aber die haben alle keinen Erfolg gehabt. Das ist ja das, was mich in meiner Auffassung bestärkt, du darfst dich nicht einfach an die Seite drängen lassen - dann wirst du akzeptiert.

Sie haben es schon gesagt, was gelehrt wurde als Ideal des Kommunismus war Ihnen eine ideale Vorstellung. Wenn Sie sich im Rückblick prüfen, wie lange haben Sie dieses Ideal bewahrt? Oder haben Sie es bis heute bewahrt?
Das Problem der DDR war ja, dass wir oder dass die Parteispitze etwas vom real existierenden Sozialismus gepredigt hat, den es nicht gab. Da hat man sich eben theoretisch was vorgemacht. Das praktische Leben war anders, wenn man mit Betriebsdirektoren, Generaldirektoren oder wie bei mir mit Bankdirektoren zusammen war. Trotzdem war in den Ansätzen einiges vorhanden, was ich mir heute wünschen könnte. Die soziale Marktwirtschaft hatte ja ähnliche Ansätze. Aber die Frage ist doch, wie wird sie heute umgesetzt in einem Augenblick der Stagnation, wie wir sie gerade jetzt erleben und nur Russland und China noch Wachstum haben. Das ist der Punkt, an dem ich sage, man könnte auch ein bisschen aus unserer Vergangenheit lernen.

Wilder Westen im Osten

Mit 22 Jahren kommen Sie nach Schwedt, mit 24 sind Sie dort schon Chef einer Sonderbankfiliale, bis 1974 steigen Sie auf zum Bankdirektor für den Aufbau des Petrochemischen Werkes. In Schwedt war in den sechziger Jahren die größte Industriebaustelle Osteuropas, zugleich die jüngste Stadt, Durchschnittsalter 26 Jahre. Auf 40.000 Einwohner kamen 6.000 Bauarbeiter. War das der Wilde Westen im Osten? Gab es da ganz real das Arbeitspathos sozialistischer Gründerjahre?
Also ich treffe mich heute noch mit vielen, die zu dieser Zeit Aufbauarbeit geleistet haben. Wir hatten natürlich eine Sonderstellung, mussten nicht zur Armee und wurden ein bisschen besser verpflegt, aber wir konnten uns selber verwirklichen. Und das Pathos, das war da. Was haben wir in Schwedt geleistet! Wir sind mit 20, 22, 23 Jahren hingekommen und haben eine der größten Raffinerien Europas gebaut. So dumm können wir doch nicht gewesen sein. So dumm kann doch auch unsere Schule nicht gewesen sein. Ich habe meine Frau dort kennen gelernt, meine beiden Kinder sind zu der Zeit geboren - ich bin dort Bankdirektor geworden. Für mich war Schwedt meine Universität. Ich habe 60 ausländische Firmen aus Großbritannien, Frankreich, Jugoslawien gehabt, die mussten bei mir Konto führen. Ich habe die Welt kennen gelernt und das mit Mitte 20. Ich habe später die Erdöltrasse "Freundschaft" aus der Sowjetunion finanziert. Das glaubt mir gar keiner, wenn ich das heute erzähle. Eine Nachkriegsgeneration war ja weitgehend nicht vorhanden. So waren wir die Neuen, die Revolutionäre, ich sag immer wieder: Ich weiß nicht, ob das für mich im Westen möglich gewesen wäre.

Es heißt, dass Sie gelegentlich aufmüpfig gewesen sind.
Ja gut. Ich habe natürlich immer versucht, ein bisschen meinen Kopf zu behalten. Ich sollte ja schon Mitte der achtziger Jahre Vizepräsident der Staatsbank werden, wurde es aber nicht. Heute weiß ich, warum. Ich war auf einem ZK-Seminar in Leipzig mit Schalck-Golodkowski (*) aneinander geraten. Er hat dort 32-Bit-Rechner verkauft, die er unter Umgehung der Embargo-Liste in die DDR geholt hatte, was gut war. Er hat sie dann den Generaldirektoren angeboten: Hier, ich verteile sie, wer will einen? Und da bin ich aufgestanden und habe gesagt: Ich finanziere sie nicht. Ich hatte keine Software dafür, was sollte ich da mit der Hardware anfangen?

Dies hat Schalck gewiss gestört.
Sicher, den hat´s gestört, es wurde gemeldet, und ich wurde kein Vizepräsident. Es hieß, der muss noch von der Partei stärker erzogen werden. Der denkt noch zuviel allein.

32 Sätze im Schlaf

Sie waren auch schon als junger Mann in Schwedt aufmüpfig, wenn Leute mit der Mietzahlung im Rückstand waren.
Ich habe gerade dieser Tage über Ethik und Moral in unserer Gesellschaft gesprochen und dabei auch dieses Beispiel gebracht. Ich war damals Vorsitzender der Revisionskommission einer Wohnungsbaugenossenschaft, und wir verdienten alle das gleiche Geld - das war eben so im Sozialismus. Dann bezahlten aber einfach einige ihre Miete nicht. Ich habe zweimal gemahnt und beim dritten Mal die Namen an den Kaufhallen ausgehängt. Innerhalb einer Woche war die Miete beglichen. Ich wünschte mir das heute manchmal. Der Staat vergibt Aufträge an Baubetriebe, Straßen zu reparieren, und bezahlt sie nicht. Die Betriebe gehen pleite. Was ist das für eine Moral? Ich erlebe das als Banker ständig. Aber heute ist alles käuflich. Politik ist käuflich, Recht ist käuflich. Es kommt nur, wie das Marx schon vor 150 Jahren gesagt hat, auf die Höhe des Preises an. Das erschüttert mich. Und wer nicht mitmacht, das ist der Dumme.

Es ist nicht immer nur nach oben gegangen mit Ihnen. 1973 erleiden Sie beim Einarbeiten in die Leitung der internationalen Investmentbank des Ostblocks in Moskau einen schweren Herzanfall. War das der Preis für einen zu atemlosen Ehrgeiz von Edgar Most?
Ich glaube schon. Zuvor hatte ich meine Bank-Filiale nebenbei geleitet und zugleich Russisch-Intensivausbildung gehabt, auch nachts - 32 Sätze im Schlaf, man wachte früh auf, 70 Prozent haben gesessen. Aber wenn der Körper nicht hundert Prozent gesund ist, gehen Sie eben irgendwann vor die Hunde. Es gab da auch Todesfälle. Ich glaube, es war ein bisschen zu viel Ehrgeiz, aber ich sollte eben eine hohe Funktion in Moskau übernehmen. Da habe ich gedacht, da musst du nicht nur Russisch verstehen, sondern Kreditverträge in Russisch machen. Das war zu viel, irgendwann wehrt sich der Körper. Damals habe ich den Sargdeckel klappern hören.

Es heißt, Sie hätten gedacht, Sie seien ganz raus aus dem aktiven Leben und hätten sich mit Selbstmordgedanken getragen.
Ja. Ich war so niedergeschlagen und hab keinen Ausweg mehr gesehen. Da war ein anderer Most in mir drin, der sagte: Dreh den Gashahn auf.

Was hat Sie abgehalten?
Meine Frau.

Erich Honeckers Goulaschkommunismus

1976 werden Sie Mitglied im Leitungskollegium der DDR-Staatsbank, nun sind Sie im Bankwesen der DDR ganz oben. Wann haben Sie an Ihren Konten ablesen können, dass die DDR pleite ist und zusammenbricht?
Wir haben 1979 eine Geldanalyse gemacht, die auch an Günter Mittag (**) geschickt wurde, wo wir nachgewiesen haben, dass die - heute würde man sagen - Geldmenge zu schnell wächst, anders gesagt: die Kreditbilanz der Staatsbank schneller wuchs als das Nationaleinkommen. Das heißt, wir hatten im Prinzip eine Inflationsrate, was natürlich im Sozialismus undenkbar war. Wir haben das aufgeschrieben und Mittag zugestellt. Und als Kaminski dann bei ihm war...

... der Präsident der Staatsbank.
Ja, da verschwand das als geheime Verschlusssache im Panzerschrank. Kaminski durfte weder Honecker noch Stoph darüber informieren. Das fing schon Anfang der Siebziger an. Als Honecker an die Macht kam, wurde die DDR hofiert. Und jeder, der die DDR hofierte, brachte einen Scheck mit. Honecker nahm die Schecks. Und wir haben gedacht, was wird, wenn das alles zurückgezahlt werden muss. Ein Kredit hat nun mal die unangenehme Eigenschaft, dass man irgendwann auch dafür zahlen muss.

Das merken heute auch viele ...
Wir haben jedenfalls gesagt: Dann ist die DDR pleite. Wir müssen gegensteuern, eine andere Sozialpolitik machen. Es gab viele Ideen, etwa die Frage: Was ist ein sozialistischer Gewinn? Wie gehen wir damit um? Wie mit dem Wert des Kapitals? Sind Sie der Meinung, dass Ulbrichts Neues Ökonomisches System, das von Honeckers Gulaschkommunismus abgelöst wurde, der Realität angemessener gewesen wäre? Ich habe vieles dazu geschrieben, weil sich dann auch die Rolle der Bank geändert hätte. Sie wäre nicht mehr parteiabhängig, sondern neutral gewesen. Die Wertkategorien hätten mehr Bedeutung gewonnen. Ulbrichts NÖS, wie es damals so schön hieß, war ein Ansatz, auch wenn der in vielen Punkten noch zu planmethodisch blieb.

Glauben Sie, dass das zur Ablösung Ulbrichts durch Moskau, Honeckers Leute in Moskau, beigetragen hat?
Ulbricht war für mich eine umstrittene Person - einerseits war er Hardliner, andererseits wollte er ein eigenes Deutschland. Das hat in Moskau immer Anstoß erregt. Ich habe noch die Abschrift des Briefes zu Hause, den das Politbüro zur Ablösung von Ulbricht an Breschnew geschrieben hat. Und ich erinnere mich, dass Ulbricht seine letzte Dienstreise nach Schwedt gemacht hat, da kamen 14 Tage vorher seine Leute und haben gesagt, das müsst ihr nicht mehr ernst nehmen, was der redet. Das hat mich sehr deprimiert, weil ich gesagt habe, so kann man mit Staatsleuten nicht umgehen. Ich glaube, wenn die DDR versucht hat, einen eigenen Weg zu gehen, stand Moskau gegen uns. Insofern waren wir immer ein Staat im großen Sowjetstaat.

Sagen Sie etwas über Günter Mittag, Honeckers Mann für die Wirtschaft.
Er kam ja von der Bahn, und ich habe mal gesagt, er macht Wirtschaftspolitik, wie die Bahn fährt. Ständig Verspätungen und Unkorrektheiten. Das klang wie ein Witz, traf aber den Kern. Mittag war als Ökonom gar nicht so schlecht, aber es ist heute noch umstritten, wie er an die Macht gekommen ist, als Erich Apel (***) sich erschoss.

Aber Mittag war zunächst auf Seiten von Apel, der wiederum der Mann von Ulbricht war.
Apel war damals eigentlich der geistig überlegene Kopf, aber er hat sich dann in der Plankommission erschossen. Das geschah vor der Unterzeichnung eines Vertrages mit Moskau, von dem Apel glaubte, dass er aus den und den Gründen nicht unterschrieben werden konnte. Dadurch begann Mittags Aufstieg und wurde zu einem großen Problem für die DDR. Erich Honecker hat keine einzige Auslandsreise ohne Günter Mittag angetreten. Ihm waren schon die Beine amputiert wegen seiner Zuckerkrankheit, da hat Günter Mittag noch ein Seminar in Leipzig abgehalten und fuhr dort mit dem Krankenwagen vor. Er war gegenüber den Generaldirektoren der Kombinate oft brutal und unberechenbar. Er hat es gut gemeint, aber die falschen Punkte gesetzt.

Der Osten, ein Wurmfortsatz

Werfen Sie sich im Rückblick gelegentlich vor, doch nicht genug getan zu haben, um den Zusammenbruch zu verhindern?
Im Prinzip haben Sie recht, man hat immer zu lange mitgemacht. Ich habe mir 1990 geschworen, du hältst nie wieder deinen Mund, weil wir viel mehr wussten, als wir in die Öffentlichkeit gebracht haben. Natürlich waren wir auch für die deutsche Einheit, aber wir hätten gern eine andere Einheit gehabt. Wir hätten uns gern anders darauf vorbereitet und eine andere Wirtschaft eingebracht.

Sie sind vor der jüngsten Bundestagswahl genannt worden als ein möglicher Ost-Experte im Kanzleramt. Schröder hat vor der Wahl ein längeres Gespräch mit Ihnen geführt. Wenn man Ihnen ein solches Amt angeboten hätte, hätten Sie es genommen?
So, wie es strukturiert war, nicht.

Wie war es strukturiert?
Nichtssagend. Ich wollte nicht das Feigenblatt sein. Ich habe mir 1990 geschworen, dass ich meinen Mund nicht mehr halte. Wenn man in der Politik ist, wird man sofort wieder so eingeengt, nur das sagen zu dürfen, was die Politiker zulassen. Ich bin parteilos, und ich gehe in keine Partei mehr. Ich hatte dann ein Gespräch mit Hilmar Kopper ...

Dem Deutsche-Bank-Chef ...
Dem Deutsche-Bank-Chef, ja. Der sagte mir, in der Politik können Sie keine Lorbeeren gewinnen. Andererseits sind Sie einer der besten Kenner des Ostens und einer der größten Kritiker seit der Einheit, wenn Sie der Staat jetzt ruft, können Sie nicht einfach nein sagen. Da habe ich ihm gesagt, aber ich muss die Bedingungen stellen, um zu wissen, was ich machen kann. Ich war 1989/90 schon dafür, eine Sonderwirtschaftszone Ost zu gründen, auch nach den Gesprächen mit dem damaligen Bundesbankpräsidenten Pöhl und mit Herrn Schlesinger (damals Chefvolkswirt der Bundesbank - die Red.). Und diese Frage steht heute immer noch. Wenn wir nicht begreifen, dass wir im Osten eine Region haben, die anders geführt werden muss, nicht nach dem Prinzip der Kleinstaaterei, dann wird das ein ewiges Problem Europas bleiben, nicht nur Deutschlands. Wenn ich in die Regierung gegangen wäre, dann nur unter Bedingungen, die mich in die Lage versetzt hätten, mit den Ministerpräsidenten der neuen Länder völlig neue Wege zu gehen. Und ich glaube nicht, dass mir das irgendjemand genehmigt hätte. Aber ich hatte gerade ein zweistündiges Gespräch mit Herrn Stolpe, der ja nun der neue Minister für den Osten ist, um mit ihm über Wege nachzudenken, die nun beschritten werden sollten.

Sie sagen, die Zeit des Moderierens ist vorbei, es muss entschieden werden. Was?
Ich hätte zum Beispiel gesagt, wir warten mit dem Solidarpakt II nicht bis 2006, sondern fangen damit jetzt schon an, denn 2006 haben wir die EU-Osterweiterung. Wir ziehen 100 Milliarden vor und belasten damit nicht die Maastrichter Kriterien und treiben auch nicht die Haushaltsverschuldung hoch, stattdessen lade ich die Bankchefs ein - also die öffentlich-rechtlichen, genossenschaftlichen und Privatbanken - und sage, hier, das sind die Projekte, finanziert sie über den Kapitalmarkt. Wir kaufen uns dadurch Zeit ein, sparen die Inflationsrate ein, es wird dadurch billiger ...

... rechnen Sie damit, dass es in Ansätzen soweit kommt?
Ich hoffe es.

Hoffen Sie oder sind Sie überzeugt?
Ich bin kein Politiker und habe nicht die Entscheidungsgewalt, aber ich klage es ein. Ich habe schon oft gefragt: Warum muss im Osten dieselbe Steuerpolitik betrieben werden wie im Westen? Der Osten ist mit seinem gesamten Bruttoinlandsprodukt schwächer als Nordrhein-Westfalen, also nur ein Wurmfortsatz in dieser Bundesrepublik Deutschland. Die kann auch ohne den Osten bequem leben, gebraucht wird der nur als Absatzmarkt, nicht als Wertschöpfungsquelle. Mir haben schon 1990 Leute gesagt, der Osten wird einmal zwölf Millionen Einwohner behalten, mehr nicht.

Mit der Währungsunion 1990 kommt die DM in den Osten und die damit verbundene Aufwertung lässt die Ostindustrie zusammen brechen. Lassen sich inzwischen für Sie die psychologischen und wirtschaftlichen Fehler, mit denen die Vereinigung die Züge einer Sturzgeburt annahm, auf einen Nenner bringen?
Wir haben keine Vereinigung vollzogen, sondern einen Beitritt. Deshalb hat man den Osten nicht ernst genommen - der erste Webfehler. Das zweite: wir hatten 1990 ein Wahljahr und in einem Wahljahr wird meistens nicht die Wahrheit gesagt. Der dritte war ein irrationaler Währungsumtausch, der im völligen Widerspruch zur Lage in der DDR und zu allem stand, was wir mit der Bundesbank, mit den Herren Pöhl und Schlesinger, besprochen hatten. 70 Prozent des Nationaleinkommens der DDR wurden über die Außenwirtschaft realisiert, aber der Dollar wurde bei uns so bewertet, wie er jeweils zur DM stand, also zu diesem Zeitpunkt bei 1,80. Im Inneren aber haben wir den Dollar stets mit 4,4 multipliziert. Bezogen auf den transferablen Rubel, die Außenwährung des RGW (Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe/Wirtschaftsverbund in Osteuropa bis 1990 - die Red.), bestand ein Verhältnis von 1 zu 5,67 DDR-Mark. Von diesen beiden Währungssäulen hätte man zuerst einmal ausgehen müssen.

Diese Warnungen des Bankspezialisten Pöhl, über die Kohl hinweg ging - war das der Übermut der Sieger? Hat Kohl wirklich geglaubt, der Markt wird binnen kurzem blühende Landschaften schaffen? Wie erklären Sie diese Fehler?
Einerseits absolute Überheblichkeit, andererseits Siegermentalität. Ich habe mich immer wieder gefragt, war es unvermeidbar oder gewollt?

Was war es?
Es war gewollt. Und das hat mich erschreckt. Das ist auch bis heute einer der Gründe dafür, dass die Einheit nicht vollzogen ist. Wir haben kein Oberstes Gericht, bei dem ein Ostdeutscher an der Spitze steht, keine Universität, an der ein Ostdeutscher Rektor ist. Nicht einmal ein Arbeitsamt, bei dem ein Ostdeutscher Chef ist. Die Intelligenz des Osten, die war ja zu 90 Prozent in der SED, wurde 1990 erst einmal ausgeschaltet. Die Privatwirtschaft hat einige erworben, um sie für sich zu nutzen, aber von der Gesellschaft wurden sie nicht genutzt. Ich habe einmal in einer Veranstaltung gesagt, erst wenn es möglich ist, dass ein Thüringer wie ich Ministerpräsident in Hessen werden kann, dann haben wir die mentale Einheit.

Nur zu.
Ich wollte das nur als Beispiel geben, um zu zeigen, dass wir nach wie vor einen riesigen Nachholebedarf haben. Ich bin der einzige ostdeutsche Banker in einer Führungsetage. Das ist doch unmöglich.

Warum sind die Verlierer so still?

Wie ist Ihnen der Schritt aus dem einen System in das andere so schnell geglückt? Sie haben gerade beschrieben, wie schwer es war, gegen den Übermut der Sieger anzukommen - wieso haben Sie es binnen kurzem geschafft?
Binnen kurzem ging das auch nicht.

Aber Sie gehören heute zur Geschäftsführung der Deutschen Bank ...
Ich hatte noch 1989 vor dem Mauerfall einen Artikel im Neuen Deutschland, in dem stand, wir brauchen ein zweistufiges Bankensystem, wir müssen aus dieser Umklammerung heraus - Staatsbank und Geschäftsbank, alles in einem. Die Chance, das zu verwirkliche, habe ich mit der Wende bekommen

Daraus wurde die Deutsche Kreditbank.
Ja, die erste Privatbank der DDR, eine Aktiengesellschaft nach dem Aktienrecht von 1937, das hatte die DDR nicht aufgehoben. Und wir haben noch zu DDR-Zeiten einen Vorschlag bei der Regierung eingereicht, wie man das Bankensystem neu gestalten sollte. Im Februar 1990 habe ich dann Herrn Kopper kennen gelernt, das sollte ein halbstündiges Gespräch sein - ich weiß noch, wie ich zu meiner Frau gesagt habe, jetzt gehe ich zum größten Kapitalisten, mir haben die Beine geschlackert, im Präsentanzug, DDR-Präsent aus Cottbus - und aus dem Gespräch wurden vier oder fünf Stunden. Kopper hat ein paar Mal das Flugzeug abbestellt. Er hatte einen ähnlichen Weg wie ich, vom Lehrling zum Chef der Deutschen Bank. Wir haben über Weltpolitik geredet, über Wirtschaft, nicht nur über Banken - und da ist ein Funke übergesprungen, der mich gerettet hat. Ich habe bis heute ein hervorragendes Verhältnis zu Kopper, der ein pragmatischer Typ ist. Er hat mich gedeckt und dadurch habe ich auch in der Deutschen Bank Themen bewältigen können, die ich sonst nie bekommen hätte.

Alle Ihre Freund sind arbeitslos. Sie genieren sich, haben Sie einmal gesagt, zu einem Klassentreffen nach Thüringen in Ihrem Dienst-Mercedes zu fahren. Wenn alles gut geht, wie lange wird es noch dauern, bis die wirtschaftliche Ungleichheit zwischen Ost und West im Großen und Ganzen überwunden ist?
Bei den Privatvermögen über 100 Jahre, in der Wirtschaft noch mindestens 25. Ich will gar keinen gleichen Lebensstandard, mir geht es um gleiche Wettbewerbsbedingungen. Der Osten muss die gleichen Chancen in der Marktwirtschaft haben wie der Westen - die hat er nicht. Nehmen Sie die mittelständische Wirtschaft, deren Eigenkapital liegt bei einem Anteil von zwölf Prozent, die können nicht mal auf ihre angestammten Märkte nach Polen oder Russland gehen, weil sie nicht stark genug sind, sich im Ausland darzustellen.

Das liegt oft an den Banken.
Die Banken können allein das Risiko nicht tragen. Ich habe zum Beispiel einen Vorschlag gemacht, der auf den Tischen der Herren Putin und Schröder liegt, dass die neuen Bundesländer einen Kreditrahmen von 300 Millionen Euro auflegen, der wie eine Clearing-Währung behandelt und beispielsweise für den Schiffbau bei sogenannten Barter-Geschäften genutzt werden könnte. Es gibt in der russischen Fischfangflotte 160 Schiffe, die in der DDR gebaut wurden, davon sind nach meiner Kenntnis noch 130 in Betrieb. Wenn wir deren Wartung auf unsere Werften holen und aus dem Fischfang eine zusätzliche Refinanzierung sichern ...

Woran liegt es, wenn das ein Papier bleibt?
An der Bürokratie, dort versandet so etwas. Mich ärgert das maßlos, wir haben noch Leute, die in Moskau studiert haben und perfekt Russisch sprechen, diese Intelligenz liegt brach.

Warum sind die Verlierer so still?
Ja, da wundere ich mich sehr darüber, offensichtlich geht es uns noch zu gut.

Was wünschen Sie, dass Sie anders gemacht hätten in Ihrem Leben?
Ich hätte meine Deutsche Kreditbank behalten sollen, eine eigenständige Ostbank. Leider hatte ich auch zu wenig Kapital. Ich hätte dann meine Bankpolitik durchsetzen können, die auch gewinnträchtig gewesen wäre, aber nicht auf Extraprofit orientiert, die aber geholfen hätte, die Wirtschaft aufzubauen.

Die vollständige Fassung des Interviews wurde am 13.11. in der Sendereihe Zur Person vom ORB ausgestrahlt.

(*) Schalck-Golodkowski war seit 1975 Staatssekretär im Außenhandelsministerium und galt als "Devisenbeschaffer" der DDR.

(**) Mittag war von 1966 - 1989 SED-Politbüro-Mitglied, ab 1976 Sekretär für Wirtschaft, 1994 verstorben.

(***) Apel war seit 1963 Vorsitzender der Staatlichen Plankommission, er erschoss sich am 3. Dezember 1965 wegen harter Kontroversen mit Moskau über ein langfristiges Handelsabkommen.

00:00 22.11.2002
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